...der Mensch lebt nicht vom Brot allein
am Meer darf´s gern auch Matjes sein...
Man sollte meinen, am Meer, ja im Meer, kurzum auf der Insel Borkum, habe man die Jahre 1914-18/19 recht gut überstehen können: falls es an irgendetwas mangeln sollte, müsste ja mehr als genug Fisch die Speisekarte auffüllen können. Ärgerlich freilich für jeden Fischkutter, dass die Fahrwasser entlang der Insel voller Minensperren waren... Ich weiß nicht, ob und welche Genehmigungen der Festungskommandant den örtlichen Fischern auf der hermetisch abgeriegelten Festung erteilt hatte, nehme aber an, dass es da Möglichkeiten zum fischen gab. Offiziell war mit Kriegsbeginn jegliche Hochseefischerei eingestellt; küstennahes fischen war streng reglementiert, freier Verkauf verboten, der Fang wurde vom jeweiligen Kommandanten bzw. auf Borkum vom Festungskommandanten verwaltet und zugeteilt. Dennoch muss sich eine relative Trostlosigkeit auf den Speisezetteln der Inselbevölkerung und des aufgestockten Festungsmilitärs im Lauf des Kriegs breit gemacht haben: die Kriegszeitung Nr.171 1918 versuchte, diesem Umstand mit etwas Humor gerecht zu werden:
1914 zählte man 3300 Einwohner auf Borkum, hinzu kam die Kriegsbesatzung der Festung mit 1500 Mann. Allerdings:
So hatten rund 575 Personen teils auf militärische Anordnung, teils aus eigenem Antrieb die vor der Emsmündung gelegene Insel Borkum verlassen und überwiegend im Landkreis Emden Aufnahme gefunden
zitiert aus:
https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/mgzs-2019-0068/html
so verblieben also 2725 "Zivilisten" nach Kriegsbeginn auf der Insel.
Da mit Kriegsbeginn der Tourismus radikal gestoppt war, standen die Hotels, Logierhäuser und Pensionen plötzlich leer; ihre Vorräte wurden vom Militär verwaltet und waren nach einer Weile aufgebraucht. Da die Kasernen und Mannschaft"Bunker" der Friedenszeit für weniger Soldaten ausgerichtet waren, wurden einige Truppen in den leer stehenden Hotels einquartiert (zumindest das Ambiente in einem mondänen Bäderarchitekturhotel war sicher angenehmer als in Kaserne oder Bunker)
Ein paar Zahlen wegen der Relationen:
Jahr---Einwohner---Touristen/Gäste
1900--2144----------16474
1905--2258----------20439
1911--3000----------29870
1914--3300----------17161
1914--2725---------- 0
1918--2725---------- 0
1919--3300-----------13129
1927--3400-----------21192
(schon im ersten Nachkriegsjahr erholte sich der Tourismus auf der Insel, und ohne Kriegsbeginn im Sommer wäre das Jahr 1914 das bis dahin gästestärkste geworden - diese Entwicklung zeigt, dass die Betriebsamkeit und Investitionsfreude der Borkumer Hoteliers/Touristik in den Jahren der späten Belle Epoque nicht ganz ungerechtfertigt war)