B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum

...absurde Kuriosität der Kulturgeschichte: der Komponist Maurice Ravel (=> Bolero kennt jeder, Gaspard de la Nuit sollte jeder kennen) war bei der Festung Verdun stationiert (als Freiwilliger, Telefondienst etc bei der berühmten Versorgungsstraße), der Pianist Walter Gieseking war in der Festung Borkum stationiert - wenige Jahre später zählte Gieseking zu den bedeutendsten Ravel- und Debussyinterpreten bis heute.

Der Vater des Komponisten Mjaskowski war Festungsbauingenieur in Nowogeorgiewsk (Modlin), der kleine Mjaskowski verbrachte seine Kindheit teilweise in und bei der riesigen Festung.
 
------- Zwischenbilanz ------

...wie passt das alles zusammen? Die große literarische Rückschau, die sieben Jahre von 1907-14 in Davos, in der Kurklinik Berghof - der Zauberberg - enthält Kritik wie Verständnis, Sympathie wie Ablehnung, und lässt nichts aus, was die Epoche des späten Jugendstil betrifft, bis der Zauber mit einem großen Knall, mit Schrapnells und Schützengräben endet, aus und perdu. Hightech (Titanic, fließend warmes & kaltes Wasser auf den Zimmern, Heizkörper*), Röntgenapparate etc), Bäderantisemitismus, pervers komplizierte Duellgründe, Militarismus, Jugendstilästhetik (das Kapitel Fülle des Wohllauts) - die ganze disparate. widersprüchliche Atmosphäre blüht aus der Rückschau in Thomas Manns großem Zeitroman auf. Fülle des Wohllauts? Maurice Ravel begann 1906 Material zu einem infernalischen Walzer zu sammeln, aber erst 1919 komponierte er diesen Abgesang auf eine untergegangene Epoche: La Valse für Orchester. Der Wiener Walzer, Symbol für high-society Festlichkeit, längst zum Standard der Kurorchesterunterhaltung geworden**), der mondäne Kur/Badegast konnte sich vom Gartenpilz/Orchesterpavillon aus mit Operettenwalzern und schmissiger Marschmusik - und auf Borkum zusätzlich mit dem Borkumlied... - berieseln lassen, aber Ravels dämonisch-infernalischer Orchesterwalzer bringt den Tanz auf dem Vulkan zum klingen, erschüttert die Walzeridylle mit symbolistischer (Jugendstil!) und expressionistischer Klangsprache, verzerrt in Dissonanzen, zerreisst aus der Rückschau: dieser Walzer über den Walzer hat den Krieg, den radikalen Umbruch erlebt, Ravels Meisterwerk fasst den Untergang einer Epoche in (erschütternden, faszinierenden) Klang.
...und all das - Hightech, Bäderantisemitismus, Militarismus, Jugendstilästhetik - findet sich mit häßlichen wie auch ästhetischen Superlativen auf der flachen Nordseeinsel, die mir wie ein Mikrokosmos der Epoche kurz vor und während dem Ersten Weltkrieg erscheint.

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*) eine herrliche Jugendstil-Dampfheizung kann man im Schwarzwald winters erleben, im Hotel Schneckenhof (ehemaliges Sanatorium!) bei Neustadt
**) niemand geringeres als Arnold Schönberg fertigte Strauß-Bearbeitungen für kleine Ensembles an!
 
...der Mensch lebt nicht vom Brot allein
am Meer darf´s gern auch Matjes sein...

Man sollte meinen, am Meer, ja im Meer, kurzum auf der Insel Borkum, habe man die Jahre 1914-18/19 recht gut überstehen können: falls es an irgendetwas mangeln sollte, müsste ja mehr als genug Fisch die Speisekarte auffüllen können. Ärgerlich freilich für jeden Fischkutter, dass die Fahrwasser entlang der Insel voller Minensperren waren... Ich weiß nicht, ob und welche Genehmigungen der Festungskommandant den örtlichen Fischern auf der hermetisch abgeriegelten Festung erteilt hatte, nehme aber an, dass es da Möglichkeiten zum fischen gab. Offiziell war mit Kriegsbeginn jegliche Hochseefischerei eingestellt; küstennahes fischen war streng reglementiert, freier Verkauf verboten, der Fang wurde vom jeweiligen Kommandanten bzw. auf Borkum vom Festungskommandanten verwaltet und zugeteilt. Dennoch muss sich eine relative Trostlosigkeit auf den Speisezetteln der Inselbevölkerung und des aufgestockten Festungsmilitärs im Lauf des Kriegs breit gemacht haben: die Kriegszeitung Nr.171 1918 versuchte, diesem Umstand mit etwas Humor gerecht zu werden:
Borkum Küchenzettel 1.png

Borkum Küchenzettel 2.png


1914 zählte man 3300 Einwohner auf Borkum, hinzu kam die Kriegsbesatzung der Festung mit 1500 Mann. Allerdings:
So hatten rund 575 Personen teils auf militärische Anordnung, teils aus eigenem Antrieb die vor der Emsmündung gelegene Insel Borkum verlassen und überwiegend im Landkreis Emden Aufnahme gefunden
zitiert aus: https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/mgzs-2019-0068/html
so verblieben also 2725 "Zivilisten" nach Kriegsbeginn auf der Insel.

Da mit Kriegsbeginn der Tourismus radikal gestoppt war, standen die Hotels, Logierhäuser und Pensionen plötzlich leer; ihre Vorräte wurden vom Militär verwaltet und waren nach einer Weile aufgebraucht. Da die Kasernen und Mannschaft"Bunker" der Friedenszeit für weniger Soldaten ausgerichtet waren, wurden einige Truppen in den leer stehenden Hotels einquartiert (zumindest das Ambiente in einem mondänen Bäderarchitekturhotel war sicher angenehmer als in Kaserne oder Bunker)

Ein paar Zahlen wegen der Relationen:
Jahr---Einwohner---Touristen/Gäste
1900--2144----------16474
1905--2258----------20439
1911--3000----------29870
1914--3300----------17161
1914--2725---------- 0
1918--2725---------- 0
1919--3300-----------13129
1927--3400-----------21192

(schon im ersten Nachkriegsjahr erholte sich der Tourismus auf der Insel, und ohne Kriegsbeginn im Sommer wäre das Jahr 1914 das bis dahin gästestärkste geworden - diese Entwicklung zeigt, dass die Betriebsamkeit und Investitionsfreude der Borkumer Hoteliers/Touristik in den Jahren der späten Belle Epoque nicht ganz ungerechtfertigt war)
 
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