B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum

noch ein paar Nachträge zum Aspekt
Jugendstilhightech
auf Borkum:
zunächst 1900 errichtet: Küstenfunkstelle Borkum – Wikipedia

Militärisch dann die Einrichtung des ersten deutschen "Peilnetz" mit Stationen auf Sylt, Borkum und Cuxhaven um 1915. Borkum war die "Peildienst-Leitstelle", steuerte den Peildienst der Schiffe und Luftschiffe. In den Woldedünen die "Richtanlage (R.A.)" mit 60 kleinen Masten und einem hohen Gittermast. Dieses von der Marine betriebene Peilnetz soll die Bezeichnung "Peilnetz Nordsee" gehabt haben.

Das Azoren-Telefonkabel reichte bis Emden und Borkum, d.h. es gab einen Anschluss an das Transatlantikkabel.

Vor Borkum auch eines der "Feuerschiffe", quasi schwimmende (ankernde) Leuchttürme Liste der deutschen Feuerschiffspositionen – Wikipedia

Hightech zwei Jahrzehnte vor dem Baubeginn der Festung:
Der Kleine Leuchtturm Borkum wurde als Prototyp einer Reihe von insgesamt neun in Deutschland gebauten Leuchttürmen in Fertigbauweise errichtet. Der Leuchtturm ist aus einzelnen, 27 Millimeter starken Segmenten aus Gusseisen, so genannten Tübbingen zusammengesetzt. Der Turm erreicht eine Gesamthöhe von 32 Metern.

Die Bezeichnung „Elektrischer Leuchtturm“ erhielt er, weil er der erste für den elektrischen Betrieb gebaute Leuchtturm in Deutschland war. Dazu erhielt er ein eigenes kleines Kohlekraftwerk, das den Strom erzeugte. Das Baugleis, ein Anschlussgleis der Borkumer Kleinbahn, das zunächst seine Baustelle versorgte, blieb erhalten und wurde nun genutzt, die erforderliche Kohle anzuliefern.
 
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und noch zum abgestürzten "Bunker" MG Stand:
auf "Apple Karten", der Konkurrenz von Google Maps, ist der Mannschaftsraum (abri-remise de mitrailleuse) deutlich zu sehen, auf Maps bislang noch nicht:
Bildschirmfoto 2026-01-27 um 12.13.15.png
 
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...Jugendstil, Stahlbeton, Hightech Stand 1909-18 - was fehlt da noch? Richtig: Kuriositäten.

1902 (möglicherweise) erstmals Borkum zur Festung erklärt
1908 dann ernsthaft zur Seefestung erklärt, mit allem Zipp und Zapp (Gesetze, Bereitstellung von Mitteln, Vergabe von Bauaufträgen usw usf)
1908 dann Bau der Ostlandbahn, um an allen projektierten Festungsbaustellen tätig werden zu können.
1909-11 entstanden die vier großen Batterien (Strandbatterie, Wiesenbatterie, Wattbatterie, Dünenbatterie) und die drei Infanteriewerke (Süddünen, Kinderheim, Jägerheim) sowie ein paar der Haupt- und Nebenstände
zwischendurch, also noch in der Bauphase, nämlich 1910 erwischte man ausgerechnet weit weg vom Ort (Seebad) im Osten, in der Dünenbatterie einen fotografierenden Herrn britischer Herkunft - und das ging um die Welt, die Gazetten überschlugen sich wegen der Spionage auf Borkum. Die Festungsbaustelle Borkum war plötzlich unfreiwillig Medienstar.
z.B. die New York Times berichtete:
...wie gesagt, da war noch vieles nicht gebaut, die Festung war (in diesem Faden ist genug darüber berichtet) noch längst nicht komplett, und doch liest man über die Spionageaffäre 1910:
Although one of the most important units of the North Sea fortifications, it was a military base and under control of the War Office. It was garrisoned and commanded by soldiers. Borkum was strongly fortified. It was said to have two batteries of 10- and 11- inch guns, and a 15- or 16-inch howitzer battery.

The fortification of Borkum, which was a topic of much discussion in the English press, began in 1909. Situated at the mouth of the Ems, and less than twelve miles from the coast, this island commands the approach to the river, and has been fortified on a scale commensurate with its strategical importance. For the defense of Borkum, the military are responsible. The defense works, which are well concealed among the dunes, are known to be extremely powerful. Besides the heaviest guns of position there are mobile batteries of quick-firers, operating along a railway which completely encircles the island.
aus Borkum
Jener Spion, den man in der Dünenbatterie erwischte, war Bernard Frederick Trench - Wikipedia Zusammen mit Vivian Ronald Brandon, beide britische Offiziere, hatten sie auch Helgoland, Wangerooge, Brunsbüttel und Emden "touristisch besucht", Trench wurde auf Borkum, Brandon in Emden geschnappt.
Man machte beiden in Leipzig den Prozess (Landesverrat etc) - später begnadigte der Kaiser die beiden Spione.
Und jetzt die Kuriosität: die beiden britischen Offiziere sollen von einem 1903 publizierten Roman zu ihrer Spionagetour inspiriert worden sein: Das Rätsel der Sandbank – Wikipedia
:D :D :D
 
B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum in diesem Beitrag der Plan der Dünenbatterie (wo man den fotografierenden Spion aufgriff).
Links und rechts neben dem Batterieblock (Buchstabe s) sind je ein Beobachtungs/Richtstand. Offensichtlich war dieser mit einer Panzerung versehen, wie die Detailzeichnung zeigt:
Bildschirmfoto 2026-01-28 um 09.33.34.png

Somit hätten wir noch ein Stück Hightech der späten Jugendstilzeit.
 
Im Vergleich zum Festungsplan haben wir jetzt einen Eindruck von den Dimensionen der zivilen und militärischen Stahlbetonbauten. Der Batterieblock der Strandbatterie dürfte etwa halb so lang (oder breit) sein wie die Wandelhalle.
etwas präziser:
Dünenbatterie und Strandbatterie:
Batterieblock plus zwei direkt benachbarte Beobachtungstürme ziemlich genau 110m breit/langgestreckt
Wiesenbatterie und Wattbatterie:
die vier linear aufgereihten Geschützbrunnen/bettungen mit Traversen, munitionsbunker und Beobachtungs/Kommandostand ca 150m breit/langgestreckt (allerdings ist diese Anordnung geschlossener Baukörper)
 
(allerdings ist diese Anordnung kein geschlossener Baukörper)
gestern zu schnell getippt und das "kein" vergessen.
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merkwürdig, da ohne Jahresangaben ist eine Auflistung der Küstenbatterien, Flakbatterien und Kommandostände in Rolf Rudis "die Entwicklung des deutschen Festungssystems", denn da nimmt Borkum einen extrem prominenten Platz ein:
Borkum: 20 Küstenbatterien, 8 Flakbatterien, 22 Kommandostände
zum Vergleich dazu die dortigen angaben zu:
Wilhelmshaven (riesige Festungszone inklusive Wangerooge) : 22 Küstenbatterien, 37 Flakbatterien, 6 Kommandostände
Pillau: 10 Küstenbatterien, 3 flakbatterien, kein Kommandostand
Geestemünde: 15 - 18 - 6
Friedrichort: 11 - 5 - 13
Danzig: 13 - 0 - 13
Cuxhaven: 11 - 8 - 6
(Friedrichort ist lediglich ein altes Kieler Fort, die riesige Festung Kiel taucht im Buch nicht auf. Auch fehlen da Norderney, Sylt, Kleve-Elten, Sicherung Nord)

"Recensement Place de Borkum" kommt nicht auf 22 (!) Kommandostände - möglicherweise bezieht sich die Liste auf den Zweiten Weltkrieg, denn nach 1918 gab es die Festung Kiel nicht mehr (sehr gründlich geschleift!), aber beim ehemaligen Fort fFiedrichsort waren im zuge der Wiederbewaffnung einige Bunker und Flakstellungen gebaut worden.
 
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Nach der Zahl der Flakbatterien zu urteilen kann es sich nur um WKII handeln. Wobei Danzig ein Ausreißer wäre. Mir kommen die Zahlen unvollständig vor, vielleicht müßen die auch besser aufgeschlüsselt werden, allein die Kommandostände wirken hier "komisch".
 
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In Borkum lag die Marineflak Abteilung 216.
1918 und 1939 müßen keine unterschiedlichen Zahlen haben! Aber die Zahlen von Rolf Rudi scheinen etwas unverständlich zu sein.
 
Als ich kürzlich zu den 1900 und 1904 gelegten transatlantischen Telegrafiekabeln von Deutschland nach Amerika recherchierte, suchte ich auf alten Karten nach einem Kabelhaus auf Borkum. Ich fand dann ein solches auf einer Karte von 1910 nördlich des sog. Quabben. Gleich daneben war aber auch ein «Raketenschuppen» und etwas östlich davon ein «Übungsplatz für den Raketen-Apparat» eingezeichnet.

Etwas verblüfft ob der frühen Raketentechnik, glaubte ich zuerst, es handle sich dabei um Feuerwerk für die Badegäste, doch inzwischen gehe ich davon aus, dass es Rettungsraketen waren, mit denen man Leinen zu gestrandeten Schiffen schoss.

Raketenschussapparate

Oder doch eine Geheimwaffe?;)
 
Hightech vornehmlich militärischer Natur, Jugendstil, Kuriositäten der ab 1909 errichteten Festung Borkum sind jetzt einigermaßen dargestellt, auch dass sie Spionageobjekt war - kommen wir jetzt zur Außenwirkung:
The fortification of Borkum, which was a topic of much discussion in the English press, began in 1909. Situated at the mouth of the Ems, and less than twelve miles from the coast, this island commands the approach to the river, and has been fortified on a scale commensurate with its strategical importance. For the defense of Borkum, the military are responsible. The defense works, which are well concealed among the dunes, are known to be extremely powerful. Besides the heaviest guns of position there are mobile batteries of quick-firers, operating along a railway which completely encircles the island.
aus Borkum zitiert.

Eine (Schmalspur)Bahn im Rundkurs um die Insel (which encircles) ist eine Falschmeldung. Zu keinem Zeitpunkt hatte eine Bahnlinie die Insel umrundet. Es gab:
- die Militärbahn: von der Reede / dem Hafen in den Ort zum Bahnhof, von dort gewunden via Batterien Wiesen & Watt bis ans Ostlandende (Batterie Hänisch & Nebenstand I rechts) Diese Bahnlinie hatte zahlreiche Abzweigungen in die verschiedenen Batterien hinein sowie zu einem Bauhof hinter der Batterie Ostland
- die "Zivilbahn": verlief parallel zur Militärbahn vom Hafen 8 von der Reede zum Bahnhof in den Ort
- die Nordstrandbahn, zivil (Badebetrieb) und militärisch genutzt, zweigte kurz vorm Bahnhof ab und verlief dann auf der heutigen Strandpromenade (Bürgermeister Kievits Promenade) bis zum MG Stand unweit der Nordbatterie (beim heutigen Strandcafe Seeblick)
(im Zuge der Wiederaufrüstung Ende der 30er Jahre baute man eine "Abkürzung" auf Höhe der Batterie Strasser, welche in den 40er Jahren unweit vom kaiserzeitllichen Nebenstand II gebaut war, welche Richtung Batterie Coronel (vormals Wattbatterie) führte - aber das ergab ebenfalls keinen "Rundkurs".

Gegenstand von vielen Diskussionen in der britischen Presse: bis jetzt habe ich da noch nichts gefunden, allerdings auch noch nicht akribisch danach gesucht. Angriffspläne mit dem Ziel, Borkum auszuschalten und via Küste bei Emden landen, wurden nicht ausprobiert.
 
...die Flut an Zeitungsartikeln zum Spionagefall ist 1910-12 immens, ansonsten finden sich vereinzelt Artikel im Zeitraum 1908-14, welche die Befestigungen der Nordseeküste von Borkum bis Sylt und von Helgoland als sehr stark bis uneinnehmbar bezeichnen.
Kurios, dass 1908 Borkum als "Festungsinsel" in brit. Gazetten auftaucht, da doch die Bauarbeiten erst ein Jahr später einsetzten.
So weit, was ich bei BNA nachsehen konnte.
 
ein paar Impressionen aus der brit. Presse:
1914 Leeds Mercury:
Then, at the mouth of the River Ems, great attention has been paid to the Island of Borkum, where the fortifications have been strengthened recently, and forty large quick-firing guns have been installed
1.9.1907 London and China Express:
Coast protection projects include the fortification of Emden harbour, deepening of the Ems-Jade Canal, a fortified harbour on the Island of Borkum, and a war harbour to command the Ems approach.
(am Hafen von Emden kam es nicht zum Bau irgendwelcher Befestigungsanlagen, auf Borkum zu keinem "(militärisch) befestigten Hafen" (das sah auf Helgoland ganz anders aus, wo sich zwei Batterien direkt am Hafen befanden), zur Vertiefung und Verbreiterung des Jade-Ems-Kanals kam es allerdings)
31.8.1893 (sic!) Globe:
a large collection sketches and plans was found carefully hidden board the yacht. The sketches were of the fortifications Wilhelmshaven, Borkum, Heligoland, Cuxhaven, and Kiel, and betray the hand of an expert.
(kurios... hier geht es um französische Spionage, aber "fortifications of Borkum" gab es noch sehr lange keine, Wilhelmshaven hatte noch lange nicht den äußeren "Fort"-Gürtel (Infanteriewerke), Helgoland war noch Baustelle (erstes Probeschießen der schweren Geschütze 1894))

Irgendeine Hysterie mit Schreckensszenarien wegen Borkum habe ich bis jetzt nicht gefunden, das meiste befasst sich mit dem Spionagefall von 1910, ansonsten eher sporadisch Mitteilungen über die als sehr stark bezeichnete befestigte Nordseeküste. Aber vielleicht findet sich mehr dazu (?)
 
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Vermutlich stelle ich mich ungeschickt an, denn ich finde dazu nichts - hat jemand eine Idee, wo sich was finden ließe? @Shinigami @bibliophile @silesia ?
Borkum wurde auf Grund seiner Geographie anscheinend als 'jumping off point' fuer die britische Kriegsmarine betrachtet.
Hier : ROY JENKINS; Churchill, A BIOGRAPHY.

“There were two possible routes out of this impasse, Churchill argued, The first was the bolder and the more hazardous: ‘The invasion of Schleswig-Holstein from the seas would at once threaten the Kiel Canal and enable Denmark to join us. The accession of Denmark would throw open the Baltic. British naval command of the Baltic would enable the Russian armies to land within 90 miles of Berlin’ (3) One thing of which Churchill could never be accused (sic) was a failure to think big.

However, big thoughts sometimes have to be concentrated on small initial objectives, and this became the the seizure of the fife-miles-by-two island of Borkum, just of the mouth of the Ems river, and only a few miles north of the Dutch frontier. Borkum was a favoured prize for both Arthur Balfour, who at this stage, much encouraged by Churchill, hovered over the Admiralty as a sort of shadow First Lord, and more significantly for Fisher. It was also the favoured opinion put forward by Churchill in his New Year letter to Asquith.”

(30) CV, III, pt I , p. 344 Companion Volumes to the official biography, Winston S. Churchill by Randolf Churchill and Martin Gilbert.
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„Es gab zwei mögliche Wege aus dieser Sackgasse, argumentierte Churchill. Der erste war der mutigere und riskantere: ‚Die Invasion Schleswig-Holsteins vom Meer aus würde sofort den Nord-Ostsee Kanal bedrohen und Dänemark ermöglichen, sich uns anzuschließen. Der Beitritt Dänemarks würde die Ostsee öffnen. Die britische Seemacht in der Ostsee würde es den russischen Armeen ermöglichen, innerhalb von 90 Meilen vor Berlin zu landen. (30) Eine Sache, die man Churchill niemals vorwerfen konnte (sic), war, dass er nicht groß dachte.

Große Gedanken müssen sich jedoch manchmal auf kleine Anfangsziele konzentrieren, und dies wurde die Eroberung der fünf Meilen langen und zwei Meilen breiten Insel Borkum, direkt an der Mündung der Ems und nur wenige Kilometer nördlich der niederländischen Grenze. Borkum war ein begehrtes Ziel sowohl für Arthur Balfour, der zu diesem Zeitpunkt, stark von Churchill ermutigt, als eine Art Schatten-Erster Lord über der Admiralität schwebte, als auch, was noch wichtiger war, für Fisher. Es war auch die bevorzugte Meinung, die Churchill in seinem Neujahrsbrief an Asquith vertrat.

(3)CV, III, Teil I, S. 344 Begleitbände zur offiziellen Biografie Winston S. Churchill von Randolf Churchill und Martin Gilbert.
 

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Ja, es kam zu keinem Angriff auf Borkum und zu keiner Invasion via Nordseeküste. Amüsant/makaber die weniger riskante Alternative: Gallipoli (wo man scheiterte) - aus fortifikatorischer Perspektive eine klare Sache: die modernen Küstenbefestigungen (Inseln, Wilhelmshaven usw) waren eine andere Liga als die Dardanellen in Sachen Festungsbau ;)
 
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