Auch die Wortbildung erscheint mir etwas seltsam: Beim erstmaligen Lesen dachte ich, „Byzantike“ sie ein Kofferwort aus Byzanz und Antike.
Ob es sich nun um ein Kofferwort handelt oder nicht, es ist verständlich. Byzantike, warum nicht? Es gibt ja auch den Studiengang Byzantistik. Ich sehe allerdings nicht, dass "die Geschichtsschreibung ... seit Jahrhunderten unter dem künstlichen Konstrukt 'Byzanz' [leidet]".
Staatsrechtlich gab es nach 476 keinen Bruch: Der Kaisertitel fiel an Konstantinopel zurück; das Imperium blieb de jure eine Einheit unter einem Alleinherrscher. Der spätere Wechsel zur griechischen Amtssprache war reiner Pragmatismus, keine Abkehr von der römischen Identität.
Daher ist es irreführend, von einem „Nachfolger“ oder „Erbe“ Roms zu sprechen. Es war Rom selbst. Um den Charakter dieser Zeit zwischen Antike und Moderne zu fassen, ohne die Identität des Staates terminologisch zu opfern, schlage ich die Byzantike als Epochenbegriff vor. Sie beschreibt das Römische Reich in seiner mittelalterlichen Phase. Byzanz ist kein Staat, sondern der Geist einer Epoche – der Byzantike.
Ich bin nun absolut kein Experte für römische Geschichte und noch weniger für byzantinische. Dennoch habe ich Probleme mit der Aussage, Byzanz sei Rom selbst gewesen. Auch wenn du rhetorisch geschickt (und es ist ja auch alles richtig) darauf hinweist, dass der Wechsel vom Lateinischen zum Griechischen aus rein pragmatischen Gründen erfolgt sei, liegt doch hier auch die Krux. Rom ist irgendwann mal aus Latium heraus entstanden, hat die Nachbardörfer erobert, wurde immer größer, beherrschte irgendwann den Großteil Italiens, kam dann in Konflikt mit "ultramarinen" Mächten, wie Karthago oder Makedonien, wurde Hegemonialmacht des Mittelmeerraums und beherrschte mittelbar und schließlich unmittelbar den gesamten Mittelmeerraum, vom Euphrat im Osten bis hin zu den Kanaren(?) im Westen, von der Nordsee (einschließlich großen Gebieten Britanniens oder Gebieten jenseits der Donau bis hin zur Sahara.
In diesem Zeitraum hat Rom diverse Wandel durchgemacht von der Res Publica zum zunächst dynastischen Prinzipat und schließlich zum Soldatenkaisertum, das oft eher Problem als Lösung war, weil die Legionen ihre
imperatores ausriefen, die dann letztlich gegeneinander fochten.
Dann kamen die Zeiten der administrativen Reichsteilungen seit Diokletian mit jeweils zwei Augusti und zwei Caesares, die aber auch nicht immer zusammen, sondern - oft aus der Not heraus - gegeneinander arbeiteten, bis dann der weströmische Reichsteil zusammenbrach. Auch wenn die justinianische Reconquista zeitweise wieder die Kontrolle über Teile des weströmischen Reiches (Italien, Nordafrika, Südspanien) zurückgewinnen konnte (ja, ich schreibe von
Reconquista und
zurückgewinnen) waren das doch letztlich nur - in Relation zur Dauer der römischen und byzantinischen Geschichte - kurze Intermezzi. Die Menschen, die vorher Teil des römischen Reiches waren, also die eine romano-italische, eine romano-gallische, eine romano-hispanische oder eine romano-hispanische Kultur trugen, waren aber ja nicht weg, sie verblieben dort, setzten ihr Leben fort, romanisierten die völkerwanderungszeitlichen Eroberer (Vandalen, Goten, Langobarden, Burgunder, Franken etc.). Kann man sagen, dass Byzanz Rom ist? Politisch war es der Überrest des römisches Reiches, ja, aber kulturell?
(Ebenso finde ich es ärgerlich, dass in deutschen Übersetzungen mittelalterlicher "byzantinischer" Texte die "Rhomaioi" meist mit "Rhomäer" wiedergegeben werden statt korrekt einfach mit "Römer". Erst in jüngerer Zeit wird vereinzelt von diesem Unfug abgegangen.)
Ich halte das nicht für ärgerlichen Unfug, sondern halte das für durchaus angemessen. Es betont, dass wir es hier nicht mit den klassischen Römern zu tun haben - und auch nicht mit den klassischen Griechen - sondern mit Byzantinern, bleibt dabei aber bei der Terminologie der Quellen treu, die natürlich Römer meinen, die aber für uns eben nur noch bedingt Römer sind.
In manchen mittelalterlichen arabischen Quellen findet man den Ausdruck
Andalusiyun für die romanischsprachige Bevölkerung der iberischen Halbinsel, bzw. für die Bewohner der iberischen Halbinsel und deren Nachfahren. Heute verwenden wir al-Andalus für den arabisch-muslimische beherrschten Teil der iberischen Halbinsel. Im Spanischen hat man vor einigen Jahrzehnten ein neues Adjektiv geprägt:
andalusí [s ]. Um eben zu differenzieren zwischen dem historischen al-Andalus und der modernen Autonomen Region Andalucía (Adjektiv
andaluz/a) [θ]. Dazu hat man das Wort re-etymologisiert (z [θ] > s [s ]) und die arabische Nisba -ī angehängt, da das Spanische aber keine Vokallängen kennt, akzentuiert -í
Aus dem Spanischen würde ich ich
andaluz und
andalusí beides, je nachdem, ob es sich um ein Substantiv oder ein Adjektiv handelt, als 'Andalusier' bzw. 'andalusisch' übersetzen, ich käme ohne erklärende/differenzierende Zusätze nicht aus. Für den Spanier hingegen ist klar, dass sich
andaluz/-a auf die Autonome Region Andalusien bezieht, wohingegen sich
andalusí entweder auf den Zeitraum 711 - 1492 bezieht, oder im Einzelfall auf zwischen 1492 und 1608/9 aus Spanien nach Nordafrika vertriebene Muslime. Und an dieser Stelle schlage ich wieder den Bogen zr Übersetzung von Rhomaioi zu Rhomäer: wenn man aus byzantinischen Quellen Rhomaioi mit Rhomäer übersetzt, ist sofort klar, in welche Epoche man sich befindet. Übersetzt man hingegen Römer, bedarf es wieder einer andrweitigen Differenzierung/Erklärung.