Das Römische Reich in der Byzantike – Ein notwendiger Epochenbegriff

Ich möchte einen Begriff in die Debatte einführen, den ich in meinem kommenden Buch „Das Römische Reich in der Byzantike“ etabliere: Die Byzantike.
Die Geschichtsschreibung leidet seit Jahrhunderten unter dem künstlichen Konstrukt „Byzanz“. Staatsrechtlich gab es nach 476 keinen Bruch: Der Kaisertitel fiel an Konstantinopel zurück; das Imperium blieb de jure eine Einheit unter einem Alleinherrscher. Der spätere Wechsel zur griechischen Amtssprache war reiner Pragmatismus, keine Abkehr von der römischen Identität.
Daher ist es irreführend, von einem „Nachfolger“ oder „Erbe“ Roms zu sprechen. Es war Rom selbst. Um den Charakter dieser Zeit zwischen Antike und Moderne zu fassen, ohne die Identität des Staates terminologisch zu opfern, schlage ich die Byzantike als Epochenbegriff vor. Sie beschreibt das Römische Reich in seiner mittelalterlichen Phase. Byzanz ist kein Staat, sondern der Geist einer Epoche – der Byzantike.

Rafaela Roman Arroyo

Da ich dieses Konzept zeitgleich international zur Diskussion stelle, findet sich hier der Verweis auf die laufende Debatte im Total War Center: The Roman Empire in Byzantiquity – A necessary terminological shift
 
Mit den Begriffen „Byzanz“ oder „Byzantinisches Reich“ habe ich auch keine Freude, hauptsächlich aus den von Dir genannten Gründen. (Fallweise wurde allerdings auch von „byzantinischen“ Autoren die Hauptstadt „Byzantion“ genannt statt den offiziellen Namen „Konstantinopolis“ zu verwenden, und auch die Bezeichnung „Byzantiner“ – nicht nur für Stadtbewohner, sondern auch für das Reich - findet sich vereinzelt bereits in der mittelalterlichen Literatur.)
(Ebenso finde ich es ärgerlich, dass in deutschen Übersetzungen mittelalterlicher "byzantinischer" Texte die "Rhomaioi" meist mit "Rhomäer" wiedergegeben werden statt korrekt einfach mit "Römer". Erst in jüngerer Zeit wird vereinzelt von diesem Unfug abgegangen.)

Ich wüsste allerdings nicht, was der von Dir vorgeschlagene Begriff bringen bzw. ändern würde. Da kann man genausogut gleich von „byzantinischer Ära“ o.ä. sprechen.

Auch die Wortbildung erscheint mir etwas seltsam: Beim erstmaligen Lesen dachte ich, „Byzantike“ sie ein Kofferwort aus Byzanz und Antike.
Die Adjektivformen zu Byzantion lauteten übrigens „byzantios“ oder „byzantiakos“.

Die Kontinuität ließe sich am besten betonen, wenn man (wie ich es gerne mache) das „byzantinische“ Reich als „oströmisches“ Reich bezeichnet (nicht nur, wie üblich, für die Spätantike).
 
Dass 'Byzantike' an ein Kofferwort aus 'Byzanz' und 'Antike' erinnert, ist beabsichtigt. Es markiert die römische Antike, die sich im Osten unter dem atmosphärischen Mantel des 'Byzantinismus' transformiert hat, ohne ihre rechtliche Identität zu verlieren. 'Oströmisches Reich' hingegen ist ein moderner Behelfsbegriff, der den universalen Anspruch der Rhomaioi staatsrechtlich untergräbt – ein Anspruch, den sie selbst nie aufgegeben haben. Wann hätten sich die Kaiser in Konstantinopel selbst als 'Oströmer' bezeichnet, ohne damit ihren legitimen Anspruch auf den Westen preiszugeben?"
 
Auch die Wortbildung erscheint mir etwas seltsam: Beim erstmaligen Lesen dachte ich, „Byzantike“ sie ein Kofferwort aus Byzanz und Antike.
Ob es sich nun um ein Kofferwort handelt oder nicht, es ist verständlich. Byzantike, warum nicht? Es gibt ja auch den Studiengang Byzantistik. Ich sehe allerdings nicht, dass "die Geschichtsschreibung ... seit Jahrhunderten unter dem künstlichen Konstrukt 'Byzanz' [leidet]".

Staatsrechtlich gab es nach 476 keinen Bruch: Der Kaisertitel fiel an Konstantinopel zurück; das Imperium blieb de jure eine Einheit unter einem Alleinherrscher. Der spätere Wechsel zur griechischen Amtssprache war reiner Pragmatismus, keine Abkehr von der römischen Identität.
Daher ist es irreführend, von einem „Nachfolger“ oder „Erbe“ Roms zu sprechen. Es war Rom selbst. Um den Charakter dieser Zeit zwischen Antike und Moderne zu fassen, ohne die Identität des Staates terminologisch zu opfern, schlage ich die Byzantike als Epochenbegriff vor. Sie beschreibt das Römische Reich in seiner mittelalterlichen Phase. Byzanz ist kein Staat, sondern der Geist einer Epoche – der Byzantike.
Ich bin nun absolut kein Experte für römische Geschichte und noch weniger für byzantinische. Dennoch habe ich Probleme mit der Aussage, Byzanz sei Rom selbst gewesen. Auch wenn du rhetorisch geschickt (und es ist ja auch alles richtig) darauf hinweist, dass der Wechsel vom Lateinischen zum Griechischen aus rein pragmatischen Gründen erfolgt sei, liegt doch hier auch die Krux. Rom ist irgendwann mal aus Latium heraus entstanden, hat die Nachbardörfer erobert, wurde immer größer, beherrschte irgendwann den Großteil Italiens, kam dann in Konflikt mit "ultramarinen" Mächten, wie Karthago oder Makedonien, wurde Hegemonialmacht des Mittelmeerraums und beherrschte mittelbar und schließlich unmittelbar den gesamten Mittelmeerraum, vom Euphrat im Osten bis hin zu den Kanaren(?) im Westen, von der Nordsee (einschließlich großen Gebieten Britanniens oder Gebieten jenseits der Donau bis hin zur Sahara.
In diesem Zeitraum hat Rom diverse Wandel durchgemacht von der Res Publica zum zunächst dynastischen Prinzipat und schließlich zum Soldatenkaisertum, das oft eher Problem als Lösung war, weil die Legionen ihre imperatores ausriefen, die dann letztlich gegeneinander fochten.
Dann kamen die Zeiten der administrativen Reichsteilungen seit Diokletian mit jeweils zwei Augusti und zwei Caesares, die aber auch nicht immer zusammen, sondern - oft aus der Not heraus - gegeneinander arbeiteten, bis dann der weströmische Reichsteil zusammenbrach. Auch wenn die justinianische Reconquista zeitweise wieder die Kontrolle über Teile des weströmischen Reiches (Italien, Nordafrika, Südspanien) zurückgewinnen konnte (ja, ich schreibe von Reconquista und zurückgewinnen) waren das doch letztlich nur - in Relation zur Dauer der römischen und byzantinischen Geschichte - kurze Intermezzi. Die Menschen, die vorher Teil des römischen Reiches waren, also die eine romano-italische, eine romano-gallische, eine romano-hispanische oder eine romano-hispanische Kultur trugen, waren aber ja nicht weg, sie verblieben dort, setzten ihr Leben fort, romanisierten die völkerwanderungszeitlichen Eroberer (Vandalen, Goten, Langobarden, Burgunder, Franken etc.). Kann man sagen, dass Byzanz Rom ist? Politisch war es der Überrest des römisches Reiches, ja, aber kulturell?

(Ebenso finde ich es ärgerlich, dass in deutschen Übersetzungen mittelalterlicher "byzantinischer" Texte die "Rhomaioi" meist mit "Rhomäer" wiedergegeben werden statt korrekt einfach mit "Römer". Erst in jüngerer Zeit wird vereinzelt von diesem Unfug abgegangen.)
Ich halte das nicht für ärgerlichen Unfug, sondern halte das für durchaus angemessen. Es betont, dass wir es hier nicht mit den klassischen Römern zu tun haben - und auch nicht mit den klassischen Griechen - sondern mit Byzantinern, bleibt dabei aber bei der Terminologie der Quellen treu, die natürlich Römer meinen, die aber für uns eben nur noch bedingt Römer sind.

In manchen mittelalterlichen arabischen Quellen findet man den Ausdruck Andalusiyun für die romanischsprachige Bevölkerung der iberischen Halbinsel, bzw. für die Bewohner der iberischen Halbinsel und deren Nachfahren. Heute verwenden wir al-Andalus für den arabisch-muslimische beherrschten Teil der iberischen Halbinsel. Im Spanischen hat man vor einigen Jahrzehnten ein neues Adjektiv geprägt: andalusí [s ]. Um eben zu differenzieren zwischen dem historischen al-Andalus und der modernen Autonomen Region Andalucía (Adjektiv andaluz/a) [θ]. Dazu hat man das Wort re-etymologisiert (z [θ] > s [s ]) und die arabische Nisba -ī angehängt, da das Spanische aber keine Vokallängen kennt, akzentuiert -í
Aus dem Spanischen würde ich ich andaluz und andalusí beides, je nachdem, ob es sich um ein Substantiv oder ein Adjektiv handelt, als 'Andalusier' bzw. 'andalusisch' übersetzen, ich käme ohne erklärende/differenzierende Zusätze nicht aus. Für den Spanier hingegen ist klar, dass sich andaluz/-a auf die Autonome Region Andalusien bezieht, wohingegen sich andalusí entweder auf den Zeitraum 711 - 1492 bezieht, oder im Einzelfall auf zwischen 1492 und 1608/9 aus Spanien nach Nordafrika vertriebene Muslime. Und an dieser Stelle schlage ich wieder den Bogen zr Übersetzung von Rhomaioi zu Rhomäer: wenn man aus byzantinischen Quellen Rhomaioi mit Rhomäer übersetzt, ist sofort klar, in welche Epoche man sich befindet. Übersetzt man hingegen Römer, bedarf es wieder einer andrweitigen Differenzierung/Erklärung.
 
'Oströmisches Reich' hingegen ist ein moderner Behelfsbegriff
zweifelsohne - aber man weiß doch, was er bezeichnet, nämlich die östliche "Hälfte" des spätantiken römischen Reichs (die westliche war trotz Justinians Reconquista perdu)
der den universalen Anspruch der Rhomaioi staatsrechtlich untergräbt – ein Anspruch, den sie selbst nie aufgegeben haben.
ein Anspruch, der spätestens in karolingischer Zeit nur noch als "Papiertiger" in der Außenwahrnehmung vorkam, mochte man auch in Konstantinopel sich für den Oberchef halten...
Wann hätten sich die Kaiser in Konstantinopel selbst als 'Oströmer' bezeichnet, ohne damit ihren legitimen Anspruch auf den Westen preiszugeben?
wie ernst müssen wir diesen Anspruch z.B. im 9.-11. Jh. überhaupt nehmen? Einen postulierten Anspruch auf Weltherrschaft hatten die römischen Kaiser, aber ihre Realpolitik führte sie zwangsläufig (man kam kaum über den Rhein hinaus, und das persische Großreich wollte auch nicht römisch werden) dazu, diesen besser nicht dauernd lautstark zu proklamieren: sie hätten sich damit lächerlich gemacht.
 
zweifelsohne - aber man weiß doch, was er bezeichnet, nämlich die östliche "Hälfte" des spätantiken römischen Reichs (die westliche war trotz Justinians Reconquista perdu)

ein Anspruch, der spätestens in karolingischer Zeit nur noch als "Papiertiger" in der Außenwahrnehmung vorkam, mochte man auch in Konstantinopel sich für den Oberchef halten...

wie ernst müssen wir diesen Anspruch z.B. im 9.-11. Jh. überhaupt nehmen? Einen postulierten Anspruch auf Weltherrschaft hatten die römischen Kaiser, aber ihre Realpolitik führte sie zwangsläufig (man kam kaum über den Rhein hinaus, und das persische Großreich wollte auch nicht römisch werden) dazu, diesen besser nicht dauernd lautstark zu proklamieren: sie hätten sich damit lächerlich gemacht.
Das sind interessante Punkte. Wenn man sich den Miḥrāb der Moschee von Córdoba und die umgebenden Türen ansieht (die ursprünglich mal zur BIbliothek der Moschee führten bzw. den Zugang des Kalifen zur Moschee ermöglichten, ohne, dass dieser über die Straße musste, sondern stattdessen über ein Brücke, direkt von seinem Palast), dann sind diese mit wundervollen Mosaiken geschmückt. Natürlich kaum bildhaft, entsprechend dem muslimischen Bilderverbot*. Aber: Sie wurden von byzantinischen Handwerkern erstellt, die der byzantinische Kaiser seinem Verbündeten, dem Kalifen von Córdoba geschickt hatte.

Nun könnte man natürlich behaupten, dass der byzantinische Kaiser das so gesehen habe, dass er seinem "Vasallen" die Kunsthandwerker geschenkt habe...




*das muslimische Bilderverbot gilt eigentlich nur für die Qibla-Wand der Moscheen, damit sich beim Gebet niemand vor einer anthropomorphen oder zoomorphen Gestalt verbeugt und so ggf. Gotteslästerung betreibt.
 
Vielen Dank für diese detaillierten und anregenden Gedanken! Sie illustrieren perfekt das terminologische Dilemma, das ich mit der 'Byzantike' auflösen möchte.
Lassen Sie mich auf die Kernpunkte eingehen:
1. Identität vs. Wandel (Der 'alte Mann' Rom):
Das Argument, es handele sich kulturell nicht mehr um 'klassische Römer', ist eine phänomenologische Beobachtung, aber keine staatsrechtliche Kategorie. Ein Staat verliert seine Identität nicht durch kulturellen Wandel oder den Verlust von Territorium. Wenn ein 80-jähriger Mann nicht mehr wie das 5-jährige Kind aussieht, das er einmal war, sprechen wir ihm dennoch nicht seine Identität ab. Er ist nicht 'bedingt er selbst' – er ist die logische, zeitliche Fortführung seiner selbst. Das Römische Reich in der Byzantike ist genau das: Rom im fortgeschrittenen Alter.
2. Der 'Papiertiger' und die Realpolitik:
Dass der universale Anspruch im 9. Jahrhundert oft nur noch ein 'Papiertiger' war, ist für die staatsrechtliche Einordnung unerheblich. Die Souveränität eines Staates bemisst sich nicht an seiner militärischen Stärke. Ein Staat, der den Anspruch auf seine Identität aufgibt, hört auf zu existieren. Konstantinopel tat dies nie. Wenn wir den Anspruch der Rhomaioi als 'lächerlich' abtun, betreiben wir keine Geschichtsschreibung, sondern bewerten die Vergangenheit aus einer Position westlicher Überlegenheit (dem 'Translatio Imperii'-Narrativ).
3. 'Rhomäer' als Krücke:
Der Begriff 'Rhomäer' ist ein linguistisches Ausweichmanöver. Er wurde erfunden, um nicht 'Römer' sagen zu müssen und so den (falschen) Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine neue ethnische Gruppe. Wenn wir 'Rhomäer' übersetzen, um eine Epoche zu markieren, geben wir zu, dass uns ein Epochenbegriff fehlt. Genau hier setzt die Byzantike an: Wir können 'Römer' sagen (weil sie es waren) und 'Byzantike' hinzufügen (um die Epoche zu markieren). Das ist präziser als eine künstliche Ethnisierung.
Fazit:
Warum sollten wir uns in 'Ostrom', 'Rhomäern' und komplizierten Erklärungen verstricken, wenn die Lösung so einfach ist? Die Byzantike erlaubt es uns, die kulturelle Transformation (die Sie völlig richtig beschreiben) anzuerkennen, ohne das juristische und identitäre Rückgrat Roms zu brechen. Byzanz ist kein Ort und kein Volk – es ist die Atmosphäre einer Epoche des Römischen Reiches."
 
Dass 'Byzantike' an ein Kofferwort aus 'Byzanz' und 'Antike' erinnert, ist beabsichtigt. Es markiert die römische Antike, die sich im Osten unter dem atmosphärischen Mantel des 'Byzantinismus' transformiert hat, ohne ihre rechtliche Identität zu verlieren.
„Antike“ ist aber ein gebräuchlicher Epochenbegriff.

Epochenbegriffe können zwar durchaus problematisch sein. (Z.B. fand die Bronzezeit – als Zeit der primären Verwendung von Bronze als Metall - regional zu unterschiedlichen Zeiten statt.) Dennoch sind damit bestimmte zeitliche Vorstellungen verbunden. Hinzu kommt noch, dass „Antike“ primär für die griechisch-römische „Antike“ im „Altertum“ verwendet wird.

Wie Du selbst einräumst, hat sich auch das „Römische“ Reich im Mittelalter verändert. Staatsrechtlich lebte es fort – aber nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell, militärisch und politisch hatte das Reich im 14. Jhdt. nur noch wenig mit dem Reich des 2. Jhdts. zu tun.
Wieso also sollte man durch den Begriff „Byzantike“ suggerieren, dass die Antike im Osten ohne wesentliche Änderungen fortdauerte?
 
das terminologische Dilemma
ist ein gutes Stichwort!
z.B. hier:
Dass der universale Anspruch im 9. Jahrhundert oft nur noch ein 'Papiertiger' war, ist für die staatsrechtliche Einordnung unerheblich. Die Souveränität eines Staates bemisst sich nicht an seiner militärischen Stärke.
- ich habe Zweifel daran, dass heutige staatsrechtliche Terminologie auf die Zeit 9.-11. Jh. direkt anwendbar/zutreffend ist (hätten mächtige Karolinger in Aachen oder ein römischer Kaiser im von Awaren, Bulgaren und Sassaniden gebeutelten Konstantinopel sich mit dieser Terminologie identifiziert?)
- ohne militärische Stärke kann ein Souveränitätsanspruch eines frühmittelalterlichen "Staates" prima ins "Land der Träume" (Heine) abdriften, ganz egal für wie souverän sich z.B. thüringische Könige oder awarische Khans hielten. Schrumpfte der Herrschaftsbereich gänzlich, war der Souveränitätsanspruch nur noch Schall und Rauch.
Wenn wir den Anspruch der Rhomaioi als 'lächerlich' abtun,
das haben "wir" bzw. ich noch gar nicht getan: ich erwähnte die Außenwahrnehmung, und das nicht grundlos. Karl der Große oder später Otto der Große hielten sich nicht für Satrapen Konstantinopels, mochte man insgeheim das am Bosporus auch anders sehen.
bewerten die Vergangenheit aus einer Position westlicher Überlegenheit (dem 'Translatio Imperii'-Narrativ).
ist es heutiger Konsens im Fach Geschichte, dass translatio imperii ein Narrativ westlicher Überlegenheit sei??
Warum sollten wir uns in 'Ostrom', 'Rhomäern' und komplizierten Erklärungen verstricken, wenn die Lösung so einfach ist?
wenn es nur darum geht, dem Kind einen Namen zu geben, dann verstehe ich noch nicht, was an den bisherigen Lösungen (oströmisches Reich oder byzantinisches Reich) so irreführend oder falsch sein soll, denn nicht nur dank Byzantinistik ist doch sowohl die geschichtliche Entwicklung von Justinian bis zum Fall Konstantinopels (inklusive der sukzessiven Schrumpfung des byzantinischen Herrschaftsgebiets) sattsam bekannt. Mir leuchtet nicht ein, was sich infolge eines neuen Namens ändern sollte.
 
Kann man sagen, dass Byzanz Rom ist? Politisch war es der Überrest des römisches Reiches, ja, aber kulturell?
Staatsrechtlich war es das fortbestehende römische Reich, und auch im Selbstverständnis seiner Bewohner (zumindest jener, die Zeit und Bildung hatten, darüber nachzudenken und sich dazu schriftlich zu äußern).

Wenn sich ein Bewohner Konstantinopels des 14. Jhdts. als „Rhomaios“ bezeichnete, meinte er damit „Römer“ und nicht etwas anderes, wie es „Rhomäer“ suggeriert.

Im Übrigen sollte man nicht übersehen, dass die Stadt Rom selbst (nach dem Intermezzo mit Odoaker und den Goten) noch bis ins 8. Jhdt. Teil des Reiches war, Teile Unteritaliens bis ins 11. Jhdt. Es umfasste also bis weit ins Mittelalter hinein sehr wohl noch Teile seines ehemaligen Kernlandes, auch wenn sich der Schwerpunkt nach Osten verlagert hatte.
wenn man aus byzantinischen Quellen Rhomaioi mit Rhomäer übersetzt, ist sofort klar, in welche Epoche man sich befindet. Übersetzt man hingegen Römer, bedarf es wieder einer andrweitigen Differenzierung/Erklärung.
Es ist ja nicht so, als wären deutsche Übersetzungen byzantinischer Literatur Massenware.
Während vor allem im 19. Jhdt. wirklich fast jedes Überbleibsel der antiken lateinischen und griechischen Literatur übersetzt wurde (meist sogar mehrfach), wurde die byzantinische Literatur weitgehend ignoriert. Das änderte sich erst in der 2. Hälfte des 20. Jhdts. einigermaßen. Sogar von einem der bekanntesten Werke der byzantinischen Literatur – Anna Komnenas „Alexias“ - erschien die erste echte Übersetzung erst in den 90er Jahren. (Davor gab es zwar bereits eine von Schiller herausgegebene Übertragung, aber sie war stark paraphrasierend und vor allem kürzend und kann daher nicht wirklich als „Übersetzung“ angesehen werden.) Auch heute sind sogar viele bedeutende Werke noch unübersetzt, und breite Leserschaften erreichen die Übersetzungen wohl nicht.

Was ich damit sagen will: Wer tatsächlich zu einer Übersetzung eines byzantinischen Autors greift, wird wohl in aller Regel über die nötige Vorbildung verfügen, um den Inhalt – auch zeitlich – einordnen zu können.
 
„Antike“ ist aber ein gebräuchlicher Epochenbegriff.

Epochenbegriffe können zwar durchaus problematisch sein. (Z.B. fand die Bronzezeit – als Zeit der primären Verwendung von Bronze als Metall - regional zu unterschiedlichen Zeiten statt.) Dennoch sind damit bestimmte zeitliche Vorstellungen verbunden. Hinzu kommt noch, dass „Antike“ primär für die griechisch-römische „Antike“ im „Altertum“ verwendet wird.

Wie Du selbst einräumst, hat sich auch das „Römische“ Reich im Mittelalter verändert. Staatsrechtlich lebte es fort – aber nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell, militärisch und politisch hatte das Reich im 14. Jhdt. nur noch wenig mit dem Reich des 2. Jhdts. zu tun.
Wieso also sollte man durch den Begriff „Byzantike“ suggerieren, dass die Antike im Osten ohne wesentliche Änderungen fortdauerte?
Das ist ein entscheidender Punkt, den Sie hier ansprechen! Doch genau hier liegt das Missverständnis: Die Byzantike suggeriert eben nicht, dass die Antike ungefiltert fortdauerte.
Im Gegenteil: Der Begriff Byzantike ist das terminologische Eingeständnis der Metamorphose.
  1. Transformation statt Statik: So wie die 'Spätantike' den Übergang markiert, beschreibt die Byzantike den Zustand des Römischen Reiches, nachdem es die antike Hülle abgestreift und seine mittelalterliche Form angenommen hat. Das Wortteil '-antike' steht für die genetische und rechtliche Herkunft (das Fundament), während 'Byzant-' den phänotypischen Wandel (die Atmosphäre) beschreibt.
  2. Abgrenzung zum 'Mittelalter': Das Problem am Begriff 'Mittelalter' ist, dass er für den Westen einen Bruch, einen Verlust von Staatlichkeit und eine 'Zwischenzeit' definiert. Für Rom im Osten gab es dieses 'Dazwischen' nicht. Es gab nur die kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Byzantike füllt das begriffliche Vakuum für einen Staat, der sich zwar radikal wandelte (14. Jh. vs. 2. Jh.), aber nie aufhörte, das völkerrechtliche Subjekt 'Rom' zu sein.
  3. Die Brücke: Wenn wir von der 'Byzantike' sprechen, geben wir zu: Ja, es hat sich fast alles geändert (Sprache, Militär, Kultur), außer der Identität des Staates. Der Begriff ist die Brücke zwischen der antiken Wurzel und der mittelalterlichen Realität.
Kurz gesagt: Die Byzantike ist die Antwort auf die Frage, wie man die totale Transformation eines Staates beschreibt, ohne ihn für tot zu erklären.
 
ist ein gutes Stichwort!
z.B. hier:

- ich habe Zweifel daran, dass heutige staatsrechtliche Terminologie auf die Zeit 9.-11. Jh. direkt anwendbar/zutreffend ist (hätten mächtige Karolinger in Aachen oder ein römischer Kaiser im von Awaren, Bulgaren und Sassaniden gebeutelten Konstantinopel sich mit dieser Terminologie identifiziert?)
- ohne militärische Stärke kann ein Souveränitätsanspruch eines frühmittelalterlichen "Staates" prima ins "Land der Träume" (Heine) abdriften, ganz egal für wie souverän sich z.B. thüringische Könige oder awarische Khans hielten. Schrumpfte der Herrschaftsbereich gänzlich, war der Souveränitätsanspruch nur noch Schall und Rauch.

das haben "wir" bzw. ich noch gar nicht getan: ich erwähnte die Außenwahrnehmung, und das nicht grundlos. Karl der Große oder später Otto der Große hielten sich nicht für Satrapen Konstantinopels, mochte man insgeheim das am Bosporus auch anders sehen.

ist es heutiger Konsens im Fach Geschichte, dass translatio imperii ein Narrativ westlicher Überlegenheit sei??

wenn es nur darum geht, dem Kind einen Namen zu geben, dann verstehe ich noch nicht, was an den bisherigen Lösungen (oströmisches Reich oder byzantinisches Reich) so irreführend oder falsch sein soll, denn nicht nur dank Byzantinistik ist doch sowohl die geschichtliche Entwicklung von Justinian bis zum Fall Konstantinopels (inklusive der sukzessiven Schrumpfung des byzantinischen Herrschaftsgebiets) sattsam bekannt. Mir leuchtet nicht ein, was sich infolge eines neuen Namens ändern sollte.
Heine in Ehren, aber das römische Staatsrecht ist kein Gedicht.

Vielen Dank für die kritische Nachfrage! Sie fragen nach dem Nutzen: Warum ein neuer Name, wenn wir doch wissen, was passiert ist?
Der Nutzen der Byzantike liegt in der Beseitigung kognitiver Dissonanz.
1. Korrektur der Perspektive:
Wenn wir 'Oströmisches Reich' sagen, implizieren wir eine Teilung, die staatsrechtlich nach 476 nicht mehr existierte. Wenn wir 'Byzantinisches Reich' sagen, erschaffen wir ein neues Volk, das es nie gab. Der Nutzen der Byzantike ist, dass der Name endlich mit dem Selbstverständnis des Subjekts (Rom) und der juristischen Realität (Kontinuität) übereinstimmt. Ein korrekter Name verhindert, dass wir die Geschichte – wie Sie es ansprachen – ständig aus der 'Außenwahrnehmung' (Aachen/Rom) bewerten müssen.
2. Ende der 'Erklärungsnot':
Bisher muss jedes Werk über Byzanz mit dem Satz beginnen: 'Byzanz war eigentlich Rom, aber...'. Die Byzantike beendet dieses 'Aber'. Sie ist ein präzises Gefäß: Rom ist die Konstante (das Auto), die Byzantike ist die Strecke (die Zeit/Umgebung). Das spart tausend Seiten apologetischer Hilfskonstruktionen.
3. Translatio Imperii als Narrativ:
Ja, in der modernen kritischen Historiografie (siehe u.a. Kaldellis) wird die Translatio Imperii zunehmend als ein westliches politisches Konstrukt entlarvt, das dazu diente, den legitimen römischen Status des Ostens zu delegitimieren. Wer das als 'heutigen Konsens' anzweifelt, übersieht die tiefgreifende Dekonstruktion dieser Begriffe in den letzten 20 Jahren.
4. Souveränität ist kein 'Land der Träume':
Ein thüringischer König oder ein awarischer Khan sind schlechte Beispiele, da sie keine jahrtausendealte, kodifizierte Rechtstradition (Corpus Iuris Civilis) im Rücken hatten. Roms Souveränität war kein Gefühl, sondern ein Rechtssystem. Dass die Karolinger sich nicht als Satrapen fühlten, ändert nichts daran, dass sie völkerrechtlich (nach damaligem römischen Verständnis) Usurpatoren des Titels waren.
Zusammenfassend:
Was ändert ein neuer Name? Alles. Er ändert, wie wir die Akteure wahrnehmen. Er macht aus einem 'exotischen Hybridwesen' (Byzanz) wieder ein handelndes Subjekt der Weltgeschichte (Rom), das sich in einer spezifischen Epoche (der Byzantike) befindet. Es ist der Schritt von einer fremdbestimmten zu einer faktenbasierten Terminologie.
 
.......ist das so gemeint: Spätantike => Byzantike
(ich hatte in "Byzantike" mehr die Buchstabenfolge Byzan (für Byzanz) vor Augen und "antike" gar nicht beachtet)
 
  1. Abgrenzung zum 'Mittelalter': Das Problem am Begriff 'Mittelalter' ist, dass er für den Westen einen Bruch, einen Verlust von Staatlichkeit und eine 'Zwischenzeit' definiert.
Dem liegt aber eine veraltete Sichtweise zugrunde. Heute werden längst vor allem auch die Kontinuitäten etwa zwischen dem spätantiken römischen Reich und den auf seinem Gebiet entstehenden germanischen Staaten gesehen. Also statt einer Zäsur eher ein Transformationsprozess.
Dennoch wird weiterhin der Begriff „Mittelalter“ als Epochenbegriff verwendet.
Wenn wir 'Oströmisches Reich' sagen, implizieren wir eine Teilung, die staatsrechtlich nach 476 nicht mehr existierte.
Die Teilung existierte staatsrechtlich auch vor 476 nicht. Die sog. „Reichsteilung“ von 395 war immer nur eine administrative Teilung zwischen zwei Kaisern, wie sie seit Jahrhunderten immer wieder vorgekommen war, ohne dass damit die Reichseinheit aufgegeben wurde.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ein thüringischer König oder ein awarischer Khan sind schlechte Beispiele, da sie keine jahrtausendealte, kodifizierte Rechtstradition (Corpus Iuris Civilis) im Rücken hatten.
oh, man benötigt eine jahrtausendealte Geschichte/Tradition? ;)
Ja, in der modernen kritischen Historiografie (siehe u.a. Kaldellis) wird die Translatio Imperii zunehmend als ein westliches politisches Konstrukt entlarvt, das dazu diente, den legitimen römischen Status des Ostens zu delegitimieren. Wer das als 'heutigen Konsens' anzweifelt, übersieht die tiefgreifende Dekonstruktion dieser Begriffe in den letzten 20 Jahren.
das erschüttert mich, denn nun muss ich etliche Standardwerke (z.B. Wolfram, Pohl, Geary usw) ins Altpapier verfrachten - was empfiehlst du mir Laien stattdessen?
Bisher muss jedes Werk über Byzanz mit dem Satz beginnen: 'Byzanz war eigentlich Rom, aber...'. Die Byzantike beendet dieses 'Aber'.
...aber auch erst dann, wenn allen Rezipienten der neue Name klargemacht/erläutert wird - so ganz und gar selbsterklärend ist "Byzantike" nicht und in diesem Sinn nicht besser oder schlechter als ein anderer Name ((wir könnten das oströmische Reich auch Xyplitzi nennen, sofern wir erklären, was wir damit meinen (und sofern das akzeptiert würde)))
edit: Funfact - beim korrigieren gerade hatte ich gesehen, dass die Autokorrektur am Mac "Byzantike" nicht durchgehen lassen will
Heine in Ehren, aber das römische Staatsrecht ist kein Gedicht.
...und das römische Staatsrecht hat keine so gekonnt elegante Sprache wie Heines "Gedicht" ;)
 
Es freut mich sehr, dass die 'Antike' in der Byzantike nun sichtbar wird! Genau das ist der Punkt: Es ist die begriffliche Klammer, die das römische Fundament mit der transformierten Oberfläche (Byzanz) vereint.
Zu dem Einwand bezüglich des Mittelalters:
  1. Transformation vs. Bruch: Sie haben völlig recht, dass die moderne Forschung im Westen stärker auf Kontinuitäten setzt. Doch hier liegt das Paradoxon: Während wir im Westen mühsam nach den Überresten römischer Strukturen in den germanischen Nachfolgestaaten suchen, hatten wir im Osten einen Staat, der diese Strukturen nie verloren hat. Das 'Mittelalter' bleibt im Kern ein westliches Konzept, das einen Zustand nach dem Fall der Zentralmacht beschreibt. Für das Römische Reich im Osten ist dieser Begriff daher eine unpassende 'Leihgabe'.
  2. Die Byzantike als Idealmodell: Die Byzantike ist in der Tat das perfekte Beispiel für Bruch und Kontinuität zugleich. Sie ist ein 'ehrlicherer' Begriff als das Mittelalter:
    • Kontinuität: Sie bewahrt das staatsrechtliche Subjekt (Rom).
    • Bruch: Sie erkennt die radikale kulturelle Wandlung (Byzanz) an.
  3. Synthese: Anstatt das Römische Reich in eine Epoche (Mittelalter) zu pressen, die für den Verlust Roms definiert wurde, gibt die Byzantike dem Reich seinen eigenen Raum. Sie sagt: Hier ist Rom, aber in seinem byzantinischen Aggregatzustand.
Letztlich ist die Byzantike die terminologische Heilung eines historischen Phantomschmerzes: Wir müssen nicht mehr so tun, als sei Rom im Osten 'mittelalterlich' geworden, nur weil es im Westen keine Kaiser mehr gab.
 
oh, man benötigt eine jahrtausendealte Geschichte/Tradition? ;)

das erschüttert mich, denn nun muss ich etliche Standardwerke (z.B. Wolfram, Pohl, Geary usw) ins Altpapier verfrachten - was empfiehlst du mir Laien stattdessen?

...aber auch erst dann, wenn allen Rezipienten der neue Name klargemacht/erläutert wird - so ganz und gar selbsterklärend ist "Byzantike" nicht und in diesem Sinn nicht besser oder schlechter als ein anderer Name ((wir könnten das oströmische Reich auch Xyplitzi nennen, sofern wir erklären, was wir damit meinen (und sofern das akzeptiert würde)))
edit: Funfact - beim korrigieren gerade hatte ich gesehen, dass die Autokorrektur am Mac "Byzantike" nicht durchgehen lassen will

...und das römische Staatsrecht hat keine so gekonnt elegante Sprache wie Heines "Gedicht" ;)
Keine Sorge um Ihr Altpapier – Wolfram und Pohl bleiben brillant für die Analyse der post-römischen Transformation des Westens. Aber für die Staatsrechtlichkeit des Ostens ist ihr Fokus eben ein anderer.
Lassen Sie mich die Punkte kurz sortieren:
1. Tradition vs. kodifiziertes Recht:
Es geht nicht um 'Altertümlichkeit' als Selbstzweck, sondern um die institutionelle Kontinuität. Ein thüringischer König konnte seine Herrschaft nicht auf ein durchgehendes, schriftlich fixiertes Rechtssystem wie den Corpus Iuris Civilis stützen, das die Basis der staatlichen Existenz bildete. Das ist kein sentimentaler, sondern ein bürokratischer Unterschied.
2. Der Reiz der 'Byzantike':
Natürlich muss jeder neue Begriff erst einmal eingeführt werden. Aber im Gegensatz zu 'Xyplitzi' trägt die Byzantike ihre Herleitung (Byzanz + Antike) bereits im Namen. Sie ist eine 'Sprechende Bezeichnung'. Sie beendet das 'Aber', weil sie den Wandel zur Epoche erklärt, statt den Staat zur Fiktion zu machen.
3. Empfehlung für den 'Laien':
Wenn Sie die Dekonstruktion des westlichen Narrativs jenseits des klassischen 'Altpapiers' suchen, empfehle ich in der Tat Anthony Kaldellis (The New Roman Empire). Er zeigt schlüssig, dass 'Byzanz' eine Erfindung war, um den Osten 'auszubürgern'. Das entwertet nicht die Forschung zu den Franken oder Goten, aber es rückt das Bild der Rhomaioi gerade.
4. Heine vs. Staatsrecht:
Heine hat die elegantere Sprache, zweifellos. Aber das römische Staatsrecht hat die Byzantike überlebt – und genau diesen Überlebenskampf versuche ich terminologisch zu würdigen.
Letztlich ist mein Vorschlag ein Angebot zur Präzision. Warum sich mit 'oströmisches Reich' (einer modernen Himmelsrichtungs-Krücke) begnügen, wenn man eine Epoche definieren kann?


 
Ein korrekter Name verhindert, dass wir die Geschichte – wie Sie es ansprachen – ständig aus der 'Außenwahrnehmung' (Aachen/Rom) bewerten müssen.
langsam - niemand hier, nicht einmal ich, bewertet die Geschichte ständig aus der Außenwahrnehmung. Ich hatte, übrigens sachlich korrekt, erwähnt, dass der Anspruch Konstantinopels im 9.-11. Jh. in z.B. Aachen oder sonst einer Kaiserpfalz*)) nicht mehr die Wirkung hatte, die er gerne gehabt hätte. Das impliziert nun wahrlich nicht, dass ich partout Geschichte ständig aus der Außenwahrnehmung sehe oder nachplappere.
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*) da gab es ja auch einige weit außerhalb des ehemaligen weströmischen Reichs
 
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  1. Abgrenzung zum 'Mittelalter': Das Problem am Begriff 'Mittelalter' ist, dass er für den Westen einen Bruch, einen Verlust von Staatlichkeit und eine 'Zwischenzeit' definiert. Für Rom im Osten gab es dieses 'Dazwischen' nicht. Es gab nur die kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Byzantike füllt das begriffliche Vakuum für einen Staat, der sich zwar radikal wandelte (14. Jh. vs. 2. Jh.), aber nie aufhörte, das völkerrechtliche Subjekt 'Rom' zu sein.
Nein, das Frühmittelalter vielleicht, aber danach haben wir eine kontinuierliche staatliche Entwicklung im ehemaligen westlichen Reichsteil.
Die Definition einer Zwischenzeit würde ich so auch nicht teilen.
 
Vielen Dank für die Klarstellungen! Ich wollte niemandem eine einseitige Sichtweise unterstellen – es geht mir rein um die terminologische Struktur unserer Disziplin, die oft unbewusst westliche Narrative reproduziert.
Um nicht in eine Debatte über die Staatsgenese des Westens abzudriften: Mein Fokus liegt allein auf der Sonderstellung Roms im Osten. Während der Westen sich im Mittelalter (oder in der Transformation dazu) neu erfand, blieb der Osten sich selbst treu, während er sich wandelte.
Genau für dieses Unikum – ein antiker Staat in einer post-antiken Welt – biete ich die Byzantike an. Sie ist kein Angriff auf etablierte Forschung zum Westen, sondern ein Werkzeug zur Schärfung des Blicks auf den Osten.
Ich lasse diesen Begriff hier nun erst einmal so im Raum stehen und danke Ihnen für den inspirierenden Schlagabtausch, der mir für mein Buchprojekt ("Das Römische Reich in der Byzantike") sehr wertvolle Impulse geliefert hat! Freilich werde ich den sich weiterhin entspannenden Diskurs aufmerksam verfolgen und auch kommentieren:)
 
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