Das verdrängte Pogrom von Erfurt 1975

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von El Quijote, 11. August 2020.

  1. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Es gibt und entsteht halt auch überall und global jede Menge Fremdenfeindlichkeit ohne Faschismus, NS und -Traditionen. In Erfurt waren es hauptsächlich Jugendliche.

    Waibel schreibt entsprechend u.a. ausdrücklich von einer ausgesprochen homogenen DDR-Gesellschaft, die keinerlei Erfahrung/Übung mit 'Ausländern' hatte. Dieses Phänomen der Homogenisierung besonders in sozialistischen Diktaturen ohne die sonst vielfach übliche Begegnung mit Einwanderern/Nichteinheimischen dank der Abschottung auf allen Ebenen (auch Presse etc.), scheint mir durchaus bedeutsam zu sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. August 2020
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dazu hätte ich eine Theoretische Frage:

    Wenn nun gemäß der lenin'schen Imperialismusthese Imperialismus die logische und materialistisch notwendige Konsequenz kapitalistischer Wirtschaftsformen ist und weiterhin im Zugen von deren Fortsetzung davon ausgegangen wird, dass der Faschissmus nichts anderes sei, als eine auf die Spitze getriebene Abart des Imperialismus, wie könnte Hitler dann besiegt sein sein, wenn der nicht hinreichend klassenbewusste und ideologisch geschulte Genosse solchen Verlockungen erliegen konnte?

    Wollen sie, Genosse User, da etwa dem Genossen Lenin widersprechen oder die Wahrheit und Notwendigkeit dialektisch-materialistischer Geschichtsentwicklung in Abrede stellen?;)

    Ferner, wenn der Bestand der kapitalistischen Systeme jenseits des Ostblocks in der offiziellen Auslegung nicht wenigstens die Möglichkeit einer faschistischen Entwicklung, wenn nicht gar die Unterstellung ihrer Vollendung beeinhaltete, wie erklärt sich dann die Terminologie "antifaschistischer Schutzwall"?

    Ich komme zu dem Schluss, wenn die SED-Führung ihre eigenen und die aus dem ML tradierten Gedankenkonstrukte ernst nahm, konnte der Faschismus niemals besiegt sein, so lange der Kapitalismus noch existierte oder irgendwelche ungenügend geschulten Genossen ohne das rechte proletarische Klassenbewustsein auf ihn "hereinfallen" konnten.
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Das war den Genossen doch klar, deswegen haben sie ja einen antifaschistischen Schutzwall errichtet...
     
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  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    "Segnungen der 68er" setzten sich in der Gesellschaft der Bundesrepublik erst Jahrzehnte später durch.

    Sieht man sich die Bundesrepublik der 1970er an, so fällt auf, dass offen rassistische Ausländerfeindlichkeit damals zum "normalen" Diskurs gehörte, egal ob in den Medien, den Parteien oder sogar in den Gewerkschaften. Ein schauliches Beispiel sind die Arbeitskämpfe des Jahres 1973 bei Ford in Köln, die zeitgenössisch als Kampf zwischen "wilden Türken" und aufrechten Deutschen gedeutet wurden. Anders als in DDR wurde ganz offen Rassismus propagiert, während die bundesdeutsche Einwanderungspolitik mit dem Anwerbestopp und dem Versuch einer Rückkehrpolitik eine Kehrtwende vollzog.

    Ein jede Menge krude Zitate aus den 70ern zu türkischen Gastarbeitern gibt es in diesem Artikel:
    https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43223/skandal-und-konflikt
    Es war offenbar in der Bundesrepublik der 70er noch kein Skandal "Gastarbeiter" als "Nigger", "Kulis" oder "Subproletariat" abzuwerten.

    Der Unterschied ist wohl eher, dass Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik der 70er noch ganz offen geäußert und nicht wie in der DDR geheim gehalten wurde.
     
  5. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Das sehe ich auch so wie Freund Magior.

    Zitat von Freund Magior:

    „Der Unterschied ist wohl eher, dass Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik der 70er noch ganz offen geäußert und nicht wie in der DDR geheim gehalten wurde.“

    Mich stört auch die Überschrift.

    „... Pogrom von Erfurt 1975“

    Unter Pogrom stelle ich mir was anderes vor. Ich finde da leider keinen Zusammenhang zu den Vorkommnissen 1975 in Erfurt.
     
  6. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    In der DDR gab es mehr als eine Partei. De jure existierte noch die CDU und die LDP, die 1946 auch relativ erfolgreich waren. Deshalb beschloss die SED, diesen beiden Parteien Konkurrenten entgegen zu setzen: die DBD, die sich an Bauern richtete und die NDPD, die sich explizit an ehemalige NSDAP-Mitglieder richtete. Bis zum Mauerfall existierten diese Blockparteien. Die NDPD hatte in den 80ern etwa 110.000 Mitglieder.
     
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  7. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Stimmt was Freundin Ugh Valencia schreibt!

    Was mich daran allerdings immer störte, diese Parteien waren in der „Nationalen Front“ zusammengefasst. Durch das Heranziehen der FDJ, des DFD, des KB und der DSF (hoffentlich habe ich keinen Vergessen) mit Sitzen in der Volkskammer, war allerdings immer die Mehrheit der SED gesichert.

    Mir ist nur ein einziges Mal zu Ohren gekommen das es in der Volkskammer Gegenstimmen gab. Das war mal als die Abtreibung bei Frauen auf der Tagesordnung stand. Diese Gegenstimmen kamen von der Fraktion der CDU.
     
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  8. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Das ist natürlich wahr; und in meinen Augen steht in der Liste der verpassten Chancen der jüngeren Geschichte der fatale Irrtum, dass mit dem Fall der Nazis auch alle gemeinhin mit ihnen assoziierten Übel getilgt worden seien, sehr weit oben.
    Freilich spielt das Phänomen eine große Rolle. Xenophobie ist eine zwangsläufige Begleiterscheinung der Anbahnungsphase interkultureller Kontakte. In der DDR (aber z.B. auch in der RSFSR) gesellte sich das Problem hinzu, dass man sozialistischen Bruderstaaten Freundschaft schuldete.
    Wohlgemerkt, ich schrieb: "Hitler war besiegt!" Er, der angetreten war, die Welt vom "Übel des Bolschewismus" zu befreien, darf durchaus als eine Art Antichrist des Kommunismus gelten. (Notabene: Ich benutze den Begriff 'Kommunismus' im Folgenden im umgangssprachlichen Sinne; seine Spielarten jeweils trennscharf auseinanderzudividieren, stiehlt uns nur die Zeit.)

    Nach meinem Verständnis der ideologischen Grundlagen der Regimepolitik war der Kapitalismus als Vorstufe des Faschismus anzusehen; hingegen fallen mir spontan keine Beispiele dafür ein, dass die Führung der DDR das westliche Ausland als akut faschistische Regimes betrachtete.

    Der BRD wurde natürlich (insbesondere unter Ulbricht) faschistische Kontinuität unterstellt, aber von solchen Urteilen über, sagen wir, Frankreich habe ich noch nie gehört. Wahrscheinlich wäre dies auch nicht möglich gewesen, da keine noch so große Propagandaanstrengung hätte glaubhaft machen können, dass dort, wo Sartre, Foucault oder Derrida ungehindert den Kommunismus priesen, Faschisten regierten.

    Jedenfalls scheint mir, dass die SED durchaus zwischen Kapitalismus und Faschismus unterschied. Berücksichtigt man den Duktus kommunistischer Ideologen, bieten sich sogar Parallelen zu christlichen oder islamischen Fanatikern an; denn ähnlich wie jene die Apostasie für ungleich schlimmer erachten als Akte der Häresie oder Blasphemie, so scheinen diese in faschistischem Gedankengut eine explizite und unumkehrbare Absage an kommunistische Ideale zu erblicken.

    Denn natürlich sind zwar beide Ideologien, Faschismus wie Kommunismus, hochgradig kollektivistischer Natur – weswegen Schnittmengen zwischen Rechts- und Linksaußen durchaus existieren –, doch dienen ihnen entgegengesetzte Konzepte als Anknüpfpunkt ihrer jeweiligen Grundsätze.
    Der Begriff des "Pogroms" ist zum Sinnbild für Übergriffe durch aufgepeitschte Zusammenrottungen geworden und scheint in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit mittlerweile jegliche Art von Ausschreitung zu umschließen – von veritablen Massakern bis hinunter zu Sachbeschädigungen.

    Der inflationäre Gebrauch und die politische Vereinnahmung von Begriffen, deren Schärfe bewahrt werden müsste, damit sie den Menschen weiter als Warnsignale dienen, ist freilich bedauerlich, aber leider nicht mehr zu ändern.
    Ja, und? Nach dem Buchstaben des Gesetzes war zum Beispiel auch das "Dritte Reich" ein freiheitlicher Rechtsstaat. Nicht zuletzt für die Entrechteten zählt freilich allein, wer die reale Macht in Händen hält, und dies war in der DDR unbestreitbar die SED.

    Die auch keine Anstalten machte, vor den in Wahrheit bedeutungslosen Blockparteien oder der Bevölkerung ihre Auffassung zu verbergen, mit dem Staat und seinen Organen deckungsgleich zu sein.
     
  9. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Tatsächlich? Wie subsumierst du denn bspw. die Reichstagsbrandverordnung oder das Ermächtigungsgesetz in das Konzept eines freiheitlichen Rechtsstaats?
     
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  10. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Wo schreibt das Waibel so in den beiden Titeln? Es müsste in Folge von '1968' eine nachweisbaren, substanziellen Rückgang an Taten und Einstellungen beim Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auch in der BRD selber gegeben haben, sollte dies zutreffen, meine ich.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Weimarer Verfassung wurde von den Nazis nie offiziell außer Kraft gesetzt. Sie galt bis 1945.
     
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