Die brasilianische Armee im Zweiten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Lateinamerika | Altamerikanische Kulturen" wurde erstellt von Thiago, 23. Dezember 2010.

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  1. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    So, und jetzt ein wenig Verschwörungstheorie:

    Vor vielen Jahren hat mir ein Brasilianer – der damals immerhin aktiver Offizier des brasilianischen Heeres war – folgende Geschichte zum Kriegseintritt seines Landes erzählt:

    Die Alliierten waren besorgt, weil Präsident Vargas mit den Achsenmächten sympathisierte (soweit richtig).
    Es bestand die latente Gefahr, dass Brasilien auf Seiten der Achse in den Krieg eintreten könnte (wie hoch die Gefahr war, weiß ich nicht, aber Befürchtungen dieser Art gab es durchaus). Dadurch hätte sich mglw. sogar ein Domino-Effekt in Lateinamerika entwickeln können.
    Deutschland hatte an Brasilien kein Interesse, das Land lag weitab vom Schuss (auch richtig).
    Für die USA war Brasilien wichtig, denn man benötigte dort Marine- und Lufwaffenbasen, um den mittleren und südlichen Atlantik sichern zu können (auch richtig).
    Die USA baten Brasilien um besagte Basen und boten im Gegenzug großzügige wirtschaftliche Unterstützung an (auch richtig).

    Gerade in dieser Zeit häuften sich Angriffe angeblicher deutscher U-Boote auf brasilianische Schiffe, die Versenkungszahlen stiegen. Zudem wurden Raffinerieanlagen an der brasilianischen Küste beschossen, ebenfalls von deutschen U-Booten. In der Hauptstadt Rio de Janeiro (Brasilia gab’s noch nicht) kam es zu Demonstrationen und anti-deutschen Ausschreitungen (auch richtig). Der innenpolitische Druck veranlasste Vargas schließlich dazu, auf Seiten der Alliierten in den Krieg gegen Deutschland einzutreten.

    „Mein“ Offizier fragte sich (und mich), warum die Deutschen, die ja zu der Zeit ganz andere Sorgen hatten, ausgerechnet das schwankende Brasilien angreifen sollten, das ihnen ja nichts getan hatte und das ja sogar Sympathien hegte. Sollten es am Ende gar keine deutschen U-Boote gewesen sein? Und sollten die Amerikaner hinter den gut organisierten Demos gesteckt haben, die ja für die Bevölkerung Rios recht untypisch sind?

    Soweit die Verschwörungsthese, die angeblich in den brasilianischen Streitkräften „weit verbreitet“ sein sollte. Interessanterweise habe ich letztes Jahr von einem hier lebenden Deutsch-Brasilianer genau die selbe Story gehört! Der hat sie von seinem Vater, der den Krieg mitgemacht hat.

    Für mich sind das Äußerungen von Südamerikanern, die den „Gringos“ so ziemlich jede Gemeinheit zutrauen, urban legends, die immer wieder von jemandem bestätigt werden, der einen kennt, der einen kennt, der dabei war…

    Hallo Thiago, hast Du schon von dieser These gehört?
     
  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Die Diplomaten Grossbritanniens haben vom Anfang des Krieges an sehr viel Druck auf die Lateinamerikanischen Länder ausgeübt um mit den Achsenmächten zu brechen. Ab 1941 wurde dieses durch die USA verstärkt. Einfluss auf die "unabhängige" Presse und "spontane" Demos gehörten damals zum Repertoire so wie heute noch.

    Die U-Boot Angriffe waren m.E. aber wohl real.

    Hier gibt es noch eine Theorie dazu:
    1942 fand in Rio de Janeiro die Konferenz der Amerikanischen Aussenminister statt. Dort wurde durch die Teilnehmer der Beschluss getroffen, die diplomatischen Beziehungen mit den Achsenmächten abzubrechen. Laut dieser spanischsprachigen Seite (Foro Segunda Guerra Mundial • Ver Tema - Submarinos en el Caribe ), hat Hitler daraufhin befohlen eine U-Bootoffensive (10 Boote) gegen die Brasilianische Küste durchzuführen, bei der 5 Brasilianische Schiffe versenkt wurden.

    Das es zeitweilig starke U-Bootaktivität im Südatlantik gab, war mir bekannt. Hier wird es etwas konkreter Beschrieben: (Operación Paukenschlag (16-12-1941)*- Segunda Guerra Mundial - Exordio) der Autor bezieht sich auf ein englischsprachiges Buch (Amazon.com: The Battle Of The Atlantic: The Allies' Submarine Fight Against Hitler's Gray Wolves Of The Sea (9780465091560): Andrew Williams: Books)
    Hier wird es beschrieben wie ich es auch aus anderen Werken in Erinnerung hatte: diese Verlagerung hatte eher taktische Gründe um der stärkeren Abwehr im Nordatlantik aus dem Wege zu gehen und die US-Transporte Richtung Afrika zu stören. Die Brasilianer waren demnach "Kollaterlaschäden". Eine Offensive ausdrücklich gegen Brasilien hätte wohl auch wesentlich mehr Schaden angerichtet.

    Argentinische Schiffe sind übrigens auch versenkt worden und es gab auch Proteste deswegen. Eine Kriegserklärung gab es jedoch erst nach massiven diplomatischen Druck Anfang 1945.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Dezember 2010
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  3. Thiago

    Thiago Neues Mitglied

    Verschwörungstheorie

    Hallo Jacobum,

    Ja, es ist wirklich eine solche Theorie in Brasilien. Die Schiffe wurden von den Amerikanern versenkt worden.
    Aber ich habe nie gehört, die Regierung oder Armee zu diesem Thema sprechen.
    Meiner Meinung nach ist wirklich nur eine weitere Verschwörungstheorie.
    Übrigens brachte mein Großvater ein Fernglas, das von einem deutschen Offizier diente. Die Reichweite und Klarheit sind erstaunlich.
     
  4. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Interessant zu lesen, dass das heute noch verbreitet ist.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die starke U-Boot-Tätigkeit im Juli 1942 im Südatlantik resultierte aus der Operation der "Gruppe Eisbär"; diese fand allerdings vor Südafrika statt (die Gruppe wurde durch den "Laconia-Zwischenfall" im Anschluss an eine Zusammenziehung an einem Versorgungspunkt bekannt).

    Im Juli/August 1942 operierte lediglich U 507 vor der brasilianischen Küste; Angriffe innerhalb von Hoheitsgewässern waren verboten. Hauptangriffsziel war eigentlich der Handelsschiffsverkehr auf der Route LaPlata-Freetown. Ansonsten gab es Sperrstreifen, in denen der uneingeschränkte U-Boot-Krieg bereits deklariert war; Angriff außerhalb der Zonen waren verboten. Innerhalb der Zonen kam es zu den Versenkungen mehrerer brasilianischer Schiffe. Mit der Kriegserklärung findet sich folgender Eintrag im Kriegstagebuch des Befehlshabers der Uboote, 22.8.1942 -> siehe Dateianhang.

    Anfang Juni 1942 gab es bereits eine Diskussion über eine Großoperation gegen die brasilianische Küste, gefordert von Hitler gegenüber Dönitz. Diese Operation wurde wegen mangelnder Effektivität abgelehnt (Anlage aus dem KTB BdU vom 6.6.1942). Somit verblieb es im Juli/August 1942 bei dem Einsatz von U 507. Es gab vor der Kriegserklärung keinen "Gruppen-"Ansatz von deutschen U-Booten gegen Brasilien.

    Umgekehrt sind die Versenkungen brasilianischer schiffe durch U507 laufend gemeldet worden und in dem "amtlichen" deutschen Kriegstagebuch BdU eingetragen. Es besteht somit in Auswertung der Quellen kein Raum für eine Verschwörungstherie.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2011
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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