Die Etymologie von Idistaviso

Dieses Thema im Forum "Völkerwanderung und Germanen" wurde erstellt von LEG XVII, 9. März 2016.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn du den Tau in deine Rechnung mit einbeziehst, vergisst du die hochdeutsche Lautverschiebung. Das germanische Wort lautete mit d an (vgl. engl. dew, ndl. dauw)
    Daneben machst du bei deinen Überlegungen noch einen methodischen Fehler: wenn du die morphologischen Grenzen der einzelnen Wortbestandteile nicht bestimmen kannst, dann kannst du auch nicht ihren semantischen Inhalt bestimmen.
    Hinzu kommen womögliche Rudimente*, Gleitlaute** als mögliche Hinzufügungen bzw. Syn- oder Apokopen als Gründe für Lautausfälle.

    *ein Besp. für ein Rudiment: das nichtetymologische anlautende t bei ndl. tachtig (achtzig), acht ist acht, hat also kein t-. Ganz begriffen habe ich seine Existenz noch nicht.
    **ein Bsp. für einen Gleitlaut ist das nichtetymologische -b- in Alhambra (<al-hamra’a)
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    ... und war wohl auch zweisilbig.
     
  3. vindus

    vindus Mitglied

    Das gilt anscheinend nur für Mittelniederdeutsch und Altsäschsisch aber nicht für Althochdeutsch „tou“. Tatsächlich problematisch da für die Beurteilung der Cheruskischen Sprache wohl dann eher das Altsächsische dem Althochdeutschen vorzuziehen ist. Damit fällt der Tau als Mittelteilinterpretation weg und es bleibt nur die Deutung Idist-au-wiese, also „die Wiese an der Idistau“ übrig. Allerdings lese ich gerade dass die Au im Hochdeutschen Sprachraum eher Ouwe/auwia und im Norden eher Ach/achwo hieß. Demnach müsste es dann au8ch wieder anders lauten. An die Grimm'sche Interpretation glaube ich allerdings auch nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2022
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Althochdeutsch gehört in die Zeit nach der hochdeutschen Lautverschiebung. Viele Jahrhunderte nach den Römern.

    Althochdeutsche Sprache – Wikipedia
     
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  5. vindus

    vindus Mitglied

    Es gibt keine anderen Anhaltspunkte. Was davor war weiß niemand. Daher greift man soweiso prinzipiell auf das zurück was schriftlich überliefert ist in der Hoffnung Hinweise zu finden.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Lautverschiebung ist gut belegt - sowohl innergermanisch als auch anhand lateinischen und griechischen Lehnwortschatzes im Deutschen - da ist nicht dran zu deuteln.

    germanisches d gibt t
    germanisches Þ gibt d
    germanisches t gibt z/s
    ...
     
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  7. vindus

    vindus Mitglied

    Also jetzt mal ganz plump zusammengefasst würde Idistaviso zu Itiszaviso? und Thusnelda zu Duschnellta? Und woher ist man sich so sicher wie die Sprache vor dem Althochdeutschen/Aötsächsischen geklungen hat?
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nein, die Verschiebung fand nicht in jeder Position statt.

    Das t wird in Anfangsposition zu z verschoben:
    Lateinisch tegula wird zu deutsch Ziegel.

    Zwischen Vokalen wird es zu s/ss verschoben:
    Lateinisch strata wird zu deutsch Straße.

    Nach s (keine Anfangsposition, nicht zwischen Vokalen) bleibt es unverschoben (strata wird Straße)

    Wir müssten also mit Itista- rechnen.
     
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  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Frage ist doch, wann und unter welchen Umständen sie es gehört haben.

    Wie mag das gelaufen sein? Die Römer fragen einen Germanen, wie die Gegend heißt. Er nennt den Namen. Ein römischer Schreiber setzt sich hin, fragt noch einmal. Der Germane antwortet, der Schreiber zögert. "Bitte deutlich sprechen!" Der Germane spricht deutlich. "Ah, danke, also Idistaviso." - Wohl eher nicht.

    Wir wissen also nicht, wie zuverlässig der irgendwann mündlich vernommene Name verschriftlicht wurde. Wir wissen aber auch nicht, welche Anpassungen die Römer vorgenommen haben, um ihn in lateinischen Buchstaben wiedergeben zu können. (Man denke nur daran, was die Griechen aus manchen römischen Namen gemacht haben, und umgekehrt.) Wir wissen ebenso nicht, wie original eigentlich die Endung ist. "Idistaviso" endet auf -o, eine (auch) im Lateinischen gebräuchliche Wortendung, und ist also im Lateinischen deklinierbar. Zufall? Oder wurde die Endung angepasst?
    Und da der Name nur bei Tacitus überliefert ist, wir also keine Parallelnennung zum Abgleich haben, müssen wir außerdem noch in Betracht ziehen, dass er auf dem Weg von seiner ersten Verschriftlichung bis zu Tacitus irgendwann falsch abgeschrieben wurde. (Tacitus wird schließlich kaum die originale Niederschrift eingesehen haben.) Und auf dem Weg von Tacitus zu uns kann er, da wir nicht Tacitus' Originalmanuskript haben, auch noch falsch abgeschrieben worden sein. Gerade ungewöhnliche und dem Abschreiber unvertraute Namen sind für so etwas besonders anfällig. (Dazu muss man auch noch bedenken, dass Bücher in der Antike für die kommerzielle Verwertung meist von Schreibsklaven nach Diktat vervielfältigt wurden, sie also nicht einmal das geschriebene Wort vor sich sahen.)

    Ich würde also nicht fix davon ausgehen, dass wir tatsächlich den originalgermanischen Wortlaut vorliegen haben. Damit stehen und fallen aber alle (pseudo-)etymologischen Deutungsversuche.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2022
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  10. vindus

    vindus Mitglied

    Ja, so habe ich es attsächlich auch in Erinnerung. Man sieht es auch in fast allen deutschen Wörtern. Aber die Frage ist ja auch wie sich das Glied überhaupt zusammensetzt denn ich habe jetzt noch urgermanisch „awiz“ für die „Aue“ gefunden. Das passt zu einem Endglied „Idist-aviso“ für die Idist-aue. Heute wäre es dann wohl die „Itistaue. Damit war dann wohl eine Auenlandschaft gemeint, benannt nach, was auch immer das gewesen sein soll, Itist/Itis.
     
  11. vindus

    vindus Mitglied


    So umständlich deute ich das garnicht. Es ist einfach ein Wort welches in der einen Weise gesagt und auf eine andere Weise gehört/verstanden wurde. Das habe ich so schon selber häufig erlebt! Dass es eine romanisierte Endung ist halte ich für möglich aber schwer zu interpetieren da: „Aliso“, „Arbalo“, „Idistaviso“. Bei allen wurde entweder eine keltische, germanische oder lateinische Form postuliert, ohne jeden Beweis. Ist aber auch nicht vollkommen uninteressant da „awiz“ und „wiso“ ja zwei verschiedene Dinge sind.

    Interessant ist für mich aber allein der Kontext. Die mit diesem Namen verbundene Auseinandersetzung, zwischen den italischen Klapperbüchsen und germanischen Urwaldmännekens:D, fand auf einer „Ebene zwischen Weser und Hügeln statt, welche sich in ungleichen Krümmungen hinzieht“. Also eine eher längliche Ebene in welcher Fluss und Hügel parallel liegen, aber eben naturgemäß unregelmäßig zwischen Mäandern und Hügel. So eine Ebene finde ich nur im Weserbergland. Dort wäre eine Beschreibung einer Ebene als „Aue“ durchaus naheliegend..
     
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