Die Marokko-Krisen

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von SimGeh, 17. April 2009.

  1. Crank_15

    Crank_15 Neues Mitglied

    Ja, den Thread kannte ich schon, hab ihn mir aber eben nochmal durchgelesen und bin zu folgendem Statement bestärkt:

    Die deutsche Einmischung in Marokko (1905) war insofern eine absichtliche Provokation, als das sie die Entente auf die Probe bzw Frankreich von England trennen sollte. Letztendlich rückten England und Frankreich näher zusammen und Deutschland kreiste sich selbs aus.
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ja, das Deutsche Reich kreiste sich durch seine plumpe Aupenpolitik aus. Beachtenswert ist aber auch die Tatsache, das die antideutschen Kreise im Foreign Office die Marokkokrise Teil 1 willkommen war, da so die Entente gefestigt und zu einem Bündnis ausgebaut werden konnte. Als Grey kurze Zeit später für die britische Außenpolitik vernatwortlich zeichnete, tat er alles um den Ausbau der Beziehungen zu Frankreich zu forcieren, mit Russland ein Interessenausgleich zu Stande zu bringen, wofür sehr großzügigen Entgegenkommen in Aussicht gestellt worden war. Grey hat mit seiner Politik die Blockbildung massiv befördert und das Deutsche Reich ziemlich in den Enge getrieben. Das man dann in Berlin denn von einer, wie wir wissen unzutreffenden, Einkreisung sprach, kann Grey nicht wirklich überrascht haben; es wäre ihm auch egal gewesen. Priorität für ihm war die absolute Sicherung Großbritanniens; eine Sicherheit die es nicht gab.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht lohnt es sich hier, nochmal auf die spezielle Außenpolitische Situation des Jahres 1905 einzugehen, und auch die Präventivkriegsüberlegungen in Heer und politischer Führung nachzuzeichnen.

    Die britischen Überlegungen waren ebenfalls vielschichtig.
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Noch 1904 hatte Delcassé versucht das Deutsche Reich über den Umweg Petersburg gegen Großbritannien in Stellung zu bringen. Trotz der überaus negativen öffentlichen Stimmung in Deutschland hat die Reichsleitung dieses Ansinnen zurückgewiesen. Großbritannien sah sich aber nicht veranlaßt, sich gegenüber dem Reich dafür erkenntlich zu zeigen. Der Botschafter Großbritanniens in Paris, Bertie, meinte dazu, das man Berlins gute Dienste zum Nulltarif haben könne. In der britischen Öffentlichkeit sah es auch nicht gerade für Deutschland erfreulich aus. Die lange gültige feindliche Einstellung gegenüber Frankreich und Russland wich immer mehr einer mutmaßlichen deutschen Gefahr.

    Da 1905 zwei schwere Krisen zusammenfielen, Asien und Afrika, war die Sitaution für ein Präventivkrieg des Deutschen Reiches, die Schwäche des Zarenreichs aufgrund des verlorenen Krieges gegen Japan, gegen Frankreich war ja gar nicht soo schlecht.

    Aber ich meine mich zu erinnern, das sowohl Bülow, ganz gewiss kein Kind von Traurigkeit, und auch Wilhelm entschieden gegen einen solchen willkürlich vom Zaune gebrochenen Krieg waren. Die Flotte war dazu ohnhin nicht bereit, so wie sie es 1914 ja auch noch nicht war. In der Heeresrüstung ist 1905 auch nichts nenneswertes passiert. Auch Schlieffen ist in dieser Frage nicht initiativ geworden; er überließ das den Politikern. Ein Zusammenhag zwischen der Marokkokrise und seinen operrativen Überlegungen ist nicht bekannt.(1)

    Im Foreign Office kursierte die Überlegung, ob es Deutschland auf einen der marrokanischen Häfen als Kompensation abgesehen haben könnte. Fisher hatte damit prinzipell kein Problem, aber Malles trug dafür Sorge, das seine offizielle Stellungnahme an Landsdowne ausgesprochen negativ ausfiel. Mallet schreib dazu an Bertie, "He (Fisher) is a splendid chap and simply longs to have a go at Germany. I abound in his sense and old him I would do all I could with Lord L. (2)
    Als Lansdowne diese Einschätzung Fishers erhielt, informierte dieser Balfour und riet zur Unterstützung der französischen Regierung, da eine Kompensationslösung nicht zur Verfügung stand.

    So wurde also eine Stellungnahme Fishers gefingert. Lansdowne ging es jetzt darum, das Frankreich diese Krise nicht allein mit dem Deutschen Reiche regelte, sondern GB fortlaufend und zeitnah informierte. Man war sich in London der prekären Lage Frankreichs bewußt.

    Lansdowne wählte den Weg der Abschreckung Deutschlands, an Stelle einer direkten Bündniszusage an Frankreich. (3)

    Im Verlaufe der Marokkokrise ist dann im Sommer 1905 auch der Vertrag von Björkö zwischen dem Zarenreich und dem Deutschen Reich abgeschlossen worden, der aber kurze Zeit später wieder von Nikolaus annulliert wurde.



    (1) Ritter, Schlieffenplan, S.102-138
    (2) Monger, Isolation, S.189
    (3) Rose, Zwischen Empire und Kontinent, S.312-341
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    @silesia

    Dieses Buch (Moritz, Albrecht: Das Problem des Präventivkrieges in der deutschen Politik) während der ersten Marokkokrise fehlt noch in meinem Bestand und genau dieses dürfte wohl erschöpfend Auskunft über deine Anregung geben. :)

     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß :scheinheilig:

    Deine Hinweise oben Schlieffen etc. treffen genau die Aussagen von Albrecht Moritz, weswegen man die Eskalation auch nicht zum Äußersten trieb, sondern nur die Ausnutzung einer günstigen Gesamtlage anstrebte.

    Die oft betonten wirtschaftlichen Hintergründe entpuppen sich als Marginalien, und die Marine war tatsächlich (auch ggf. Im Tauschwege) "endlich" an einem Stützpunkt zwischen Gibraltar und Daressalam interessiert.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Diese wurden aber auf "Bestellung" vom Kiderlen beim AA vorstellig. Auch ist anzumerken das der französische Botschafter Cambon schon recht frühzeitig auf die Möglichkeit einer französischen Militäraktion hingewiesen hat.


    Das stimmt nicht. Cambon hat gegeüber Kiderlen den Kongo, sicher nicht den kompeltten französischen Kongo, als mögliche Kompensation ins Gespräch gebracht. Die französische Regierung bot an, das bestehende Einsenbahnabkommen auf Nordafrika auszudehnen und des Weiteren wurde auch die Notierung deutscher werte an der Pariser Börse angeboten. Als Kiderlen als Kompensation den ganzen französischen Kongo forderte, war man in Frankreich geschockt. Auch Wilhelm II. war mit der Konfrontationspolitik von Kiderlen höchst unzufrieden und ließ ihm das auch wissen. Kiderlen hat in bester bismarckscher Manier in der Krise mehrfach seinen Rücktritt eingereichtund damit unter dem Strich aber seine vollständige Handlungsfreiheit in den Verhandlungen mit den Franzosen gesichert.

    Kiderlen hatte ausdrücklich die Entsendung von zwei deutschen Kriegsschiffen verlangt. Die Spanier hatten übrigens schon vorher Schiffe entsendet gehabt.
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Kiderlen hat bei der Inszenierung dieser schweren Krise gleich mehrere Fehler gemacht. Er hat es beispielsweise versäumt, ausgesuchte deutsche Journalisten über seine wahren Absichten zu informieren. So gingen nicht nur die Alldeutschen davon aus, das man im AA die Absicht verfolge Teile des südlichen Marokko von den Franzosen als Kompensation zu erhalten. Dabei war das nie Kiderlens Absicht gewesen. Ihm ging es um Kolonialerwerb in Afrika, namentlich um den französischen Kongo. Des Weiteren hat Kiderlen es unfassbarerweise unterlassen, die Briten darüber ins Bild zu setzten, das man keinen territorialen Erwerb in Marokko anstrebte. Das führte letzlich zu der berühmten Rede von Llyod George.

    Nach Beendigung der Krise wurden bedauerlicherweise auch keine Versuche gestartet, die Qualität der deutsch-französischen Beziehungen zu heben. Die Franzosen waren auch nicht zuletzt deshalb gegenüber dem Deutschen Reich so entgegenkommend, weil ihr Heer noch nicht fertig war.

    Aber in der deutschen so wie der französischen Öffentlichkeit wurde das Abkommen nicht gerade positiv gewürdig, eher das Gegenteil. Jeder meinte zu schlecht wegegekommen zu sein.
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich lese gerade eine Biographie über Kiderlen und dort ist gar nichts darüber zu lesen, weder das er ein starker Trinker war, noch das er Bethmann für einen außenpolitischen Amateur hielt. Kiderlen bemängelte immer wieder die schwache Durchsetzungsfähigkeit des Kanzlers, hat aber mit Bethmann insgesamt gut zusammengearbeitet. Auch wenn er ihn in seiner Privatkorrespondens abfällig als "Regenwurm" bezeichnete.
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zur 1.Marokkokrise
    Als Eckardstein Guido Henckel von Donnersmark traf, er kam gerade von einem Treffen mit Bülow, berichtete er, der Kanzler könne sich nur zwei Lösungsmöglichkeiten für die Krise vorstellen. Entweder es komme ein deutsch-französische Allianz zustande, als Lohn winke für Frankreich Marokko oder es gäbe Krieg.(1) Das wirft ein interessantes Licht auf die deutsche Strategie während der Krise.

    Ziel wäre demnach die Allianz mit Frankreich gewesen, um Großbritannien entscheidend zu schwächen und die Schnellstraße Richtung Triple Entente zu unterbrechen. Das war ja auch ohnehin das erklärte Ziel von Delcassè und deshalb musste dieser gestürzt werden.

    Nur wissen wir leider nicht, mir ist kein Quellenbeleg bekannt, ob Bülow sich tatsächlich so gegenüber Donnersmarck geäußert hat. Vorstellbar wäre es jedenfalls , nur ergibt die Strategie keinen Sinn. Aus welchem Grunde sollte sich Frankreich in die Abhängigkeit des Deutschen Reiches begeben und seine gerade gewonnene größere Bewegungsfreiheit aufgeben.

    Kurze Zeit, nach dem Rouvier seine Zustimmung zu der ungeliebten Konferenz hinsichtlich Marokkos gegeben hatte, gelang es Wilhelm im finnischen Schärenmeer Nikolaus seine Unterschrift für eine Defensivallianz zu erlangen. Frankreich sollte später hinzutreten, so dass diese Mächte dann einen Kontinentalblock bilden würden. Der entscheidene Schönheitsfehler dieses Abkommens war, das der Gültigkeitsbereich auf Europa beschränkt war. Das würde in der Praxis bedeuten, wenn das Deutsche Reich in kriegerische Verwicklungen geriet, dann war mit wirksamer russischer militärischer Unterstützung nicht zu rechnen, denn Großbritannien war eigentlich nur in Indien zu treffen. Wilhelm hatte ganz offenkundig das strategische Konzept des AA nicht so ganz durchdrungen gehabt.

    Auch hinsichtlich der USA gab man sich Illusionen hin, denn man meinte die USA mit der Open Door Handelspolitik für sich zu gewinnen. Roosevelt neigte aber ganz klar Großbritannien zu. Hier könnte Venezuela noch nachgewirkt haben.

    Gleichzeitig bemühte sich Witte sowohl beim Deutschen Reich, Frankreich und Großbritannien Geld zu beschaffen. Er war sich dabei nicht zu schade, den Deutschen zu signalisieren, dass er grundsätzlich keine Einwände gegen einen Kontinentalblock hätte. Witte spielte skrupellos alle drei Regierungen gegeneinander aus, aber besonders gegen das Deutsche Reich. Die Franzosen stellten für die Kreditgewährung u.a. die Bedingung, das Russland an der Grenze zum Deutschen Reich noch Truppen als bisher stationiert.

    Ende des Jahres kam von Zaren der Vorschlag, Frankreich von der Vereinbarung, also wenn Frankreich das Deutsche Reich angreifen würde, die Beistandsverpflichtung nicht greifen würde. Wilhelm meinte klarsichtig, also Annullierung des Vertrages. Frankreich war einfach wichtiger für Russland. Das Deutsche Reich wurde im Bedarfsfall gezielt ausgenutzt. Björkö hat kurzfristig die Tür einen Spalt weit für eine Veränderung der Mächtekonstellation geboten.

    Auf der Konferenz von Alecìras ging das Deutsche Reich dann mit seinen Vorstellungen endgültig Baden. Der französische Vertreter schlug u.a. ein spanisch-französisches polizeiliches Doppelmandat vor, welchem der britische Vertreter Nicholson sich beeilte zuzustimmen. Gleiches galt für den Vertreter Russlands. Nebenbei wurde dann noch Nicholson behautet, das Deutsche Reich, welches das Recht klar auf seiner Seite hatte, trete als Störenfried und strebe in Wirklichkeit ein Hafen in Marokko an.

    Holstein erkannte hier konkret den Versuch, eine Einigung zwischen Frankreich und Deutschland zu hintertreiben. (2) In Berlin rieb man sich erstaunt die Augen, denn man wäre dort gar nicht auf die Idee gekommen, das London dies konzedieren könnte. Der Chronicle titelte, nach dem das Deutsche Reich schließlich nachgegeben hatte, das isolierte Deutsche Reich hat die Hauptforderung Frankreichs akzeptieren müssen. Kein Wort davon, dass das Deutsche Reich sich als einziges für die Rechte des Sultans eingesetzt hatte und Frankreich nur darauf abzielte, Marokko später zu kolonialisieren.(3)

    Ganz nebenbei bemühte sich auch der britische König Edward VII. darum, Österreich-Ungarn vom Deutschen Reich abzuziehen. (4) Großbritannien bemühte sich durchaus das Deutsche Reich zu isolieren und hatte dabei seine traditionelle Balance of power Politik verlassen. Für Frankreich ging es ohnehin gegen Deutschland.

    (1) Eckhardstein, Isolierung Deutschlands, S.103
    (2) Holstein Papiere, Bd.4, S.360 und Monger, Ursachen, S.344
    (3) PA Berlin, R 15815, Metternich an Bülow v. 12.03.1906
    (4) Pantenburg, Im Schatten des Zweibundes, S.363
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nun, die Drohung mit der Landmacht auf dem Kontinent würde Frankreich verdeutlichen, dass die Interessenregelung/der Spannungsabbau mit Großbritannien wenig verändert hat und immer noch Bismarcks Maxime galt:

    "Kolonien werden vor Metz verteidigt" (oder eingenommen :D )

    Das ist doch strategisch nachvollziehbar. Außerdem: würde Großbritannien kneifen (wie die deutsche Seite immer gern bei sich anbahnenden Gesprächen mit GB über einen Pakt gegen Rußland für den Ernstfall annahmen), wäre die Nutzlosigkeit der Entente im Ernstfall erwiesen.
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Nur: Großbritannien hatte nicht vor zu kneifen. Das ist ja auch im Verlauf der Krise deutlich geworden. Großbritannien sah nämlich auch, ganz den Intentionen Delcasses entsprechend, die Möglichkeit, über den Umweg Paris, mit Petersburg den dringend gewünschten und benötigten Ausgleich zu bewerkstelligen. Und Petersburg hat ja im Verlauf der Krise auch eindeutig Stellung bezogen; trotz seiner Schwäche.

    Ich glaube, wenn eine dauerhafte Annäherung an Frankreich erreicht werden sollte, war die Brechtstange nicht das probate Mittel, sondern mindestens der Verzicht auf Lothringen angesagt. In der Summe hatte das Deutsche Reich eigentlich keine großbe Manövriermasse, wie beispielsweise eben Großbritannien oder auch Rußland.
     
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Eine Schwäche der deutschen Diplomatie zu jener Zeit war, das man nicht in der Lage, realisitischen Enschätzungen hinsichtliches des Verhaltens der Mächte der sich abzeichnenden Triple-Entente zu liefern.

    Wie oft wurde beispielsweise gebetsmühlenartig von praktisch allen deutschen Diplomaten geäußert, ein Augleich zwischen Großbritannien und Frankreich oder eine Ausgleich zwischen Großbritannien und Russland sei einfach nicht vorstellbar. Und dann als es soweit war, hat man eigentlich die Festigkeit der Beziehungen nicht richtig verorten können.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ja, klar. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie sich die deutsche Erwartung begründet hat.

    Dass der Schuss nach hinten losging, eher die Entente festigte, Roosevelt ein fulminanten Debüt in der Auseinandersetzung europäischer Großmächte brachte (ähnlich bei der Vermittlung JAP/RUS), französisches Misstrauen bzgl. deutscher Aggressionen betonierte, und Großbritanniens Sorgen bzgl. maritimer Rüstungswettläufe verstärkte, steht dann below the line in der Summenzeile.
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Ja, Roosevelt hat Sternburg wirklich "alles auftischen" können und dieser hat es geschluckt. Da war man im AA, zu Recht, doch um einiges misstrauischer.:)
     
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zu Marokkokrise Teil 2
    Für das Deutsche Reich gestaltete sich diese Krise am Ende äußerst problematisch, denn Ende September 1911 ging Italien dazu über seine imperialistischen Träume zu realisieren und begann in Libyen den Krieg gegen die Türkei. Italienische Zeitungen verlangten sogar den Krieg in die Ägäis auszudehnen. (1)

    Das brachte das Reich in eine ernsthafte Zwickmühle. Es bestand die reale Gefahr entweder einen Bundesgenossen oder einen Freund zu verlieren. Dieser Krieg zeigt sehr deutlich, wie gering mittlerweile der deutsche außenpolitische Spielraum geworden war.

    Italien wurde sowohl von Großbritannien und Frankreich unterstützt und Deutschland tat dies, wenn auch sehr vorsichtig, auch. In der deutschen Presse allerdinge hatte man wenig Sympathien für das italienische Vorgehen, was wiederum in Italien Aufregung verursachte.

    Die deutschen Diplomaten sahen durchaus die Gefahr, dass durch diese „italienische Extratour“ das ganze sensible Machtgefüge auf dem Balkan ins Rutschen kommen könnte. Für das Deutsche Reich ging es um die sehr reale Möglichkeit Einfluss in Konstantinopel zu verlieren, was für die Bagdadbahn problematisch werden könnte.

    Des Weiteren wurde von den Russen gleich die Situation genutzt, um die Frage der Meerengen aufzuwerfen. Es wurde angefragt, ob es nicht russischen Kriegsschiffen, und zwar nur russischen, die Durchfahrt gestattet werden könnte, um Konstantinopel ggf. vor einen italienischen Angriff zu schützen. Eine überaus heikle Situation für die deutsche Diplomatie. Man wolle die Idee wohlwollen prüfen, um Rußland mehr aus der Deckung zu locken. (2) Das war eine schwache Reaktion und das haben die Türken natürlich sorgfältig registriert. Der deutsche Botschafter vor Ort reichte auch prompt seinen Rücktritt ein. Es war Großbritannien, welches das russische Ansinnen zurückwies.

    In Österreich-Ungarn knirschte es auch im Gebälk. Conrad sah nämlich die Chance gekommen, um mit Italien anzurechnen.(3) Er setzte Moltke in Kenntnis, wenn es in der Marokkokrise zum Krieg käme, Österreich-Ungarn könne dann dem Deutschen Reich nicht beistehen.(4) Nur gelang es Conrad nicht seinen Kaiser zu überzeugen. Ja, Franz-Joseph hatte es leid, dass Conrad immer gegen Aehrenthals Außenpolitik stand. Das würde die Politik der Monarchie lähmen und er war der Auffassung, das Conrad entlassen werden müsste. (5)

    Es vermag angesichts dieser Hintergründe nicht mehr überraschen, das Kiderlen es denn auf einmal sehr eilig hatte, um mit Frankreich in der Marokkokrise einige zu werden. Und trotzdem sollte es noch über vier lange Woche dauern, bis es denn so weit war.

    (1) PA Berlin, R14176, Jagow an Bethmann Hollweg, 23.10.1911
    (2) GP, Bd.30, S.212
    (3) PA Berlin, R 14176, Bericht Kageneck v. 26.09.11
    (4) PA Berlin, BW, NR.154 Bericht Kageneck
    (5) Brettner-Messler, Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs, Diss. Wien 1966, S.7f
     
  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nachtrag

    Delcassé war für die Deutschen ja ein rotes Tuch und man hat im Zuge der ersten Marokkokrise beträchtlichen und erfolgreichen Druck auf Frankreich ausgeübt, um diesen als Außenminister zu stürzen.

    Nur, was man anscheinend übersieht, ist, das Delcassé in letzten Jahren des 19.Jahrhunderts diskrete Fühler, dies durfte natürlich nicht in der französischen Öffentlichkeit bekannt werden, zu einer Verbesserung der Beziehungen nach Berlin ausgestreckt hatte.

    Delcassé war sich darüber klar, dass Frankreich im kolonialen Rennen in Afrika die Unterstützung des Deutschen Reiches gegenüber Großbritannien sehr gut gebrauchen konnte. Delcassé war zu jener Zeit erst Staatssekretär im Kolonialministerium und wenig später dann Kolonialminister. Aber just zu dieser Zeit hatte Chamberlain sein Angebot an das Deutsche Reich vorgestellt und die Verhandlungen streckten sich über mehrere Jahre hin. Man kann also nicht einfach behaupten, das Delcassé per se antideutsche Politik betrieben hätte.

    Das war erst nach der 1.Marokkokrise der Fall.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    An der Peripherie zeigte man sich erstaunlich flexibel. Und mit der 1. Marokko-Krise war zeitgleich auch der Interessenausgleich mit GB gegeben, erwies sich zudem als robust, wodurch die Notwendigkeit eines deutschen Gegengewichts in kolonialen Konflikten mit GB entfiel.
     
  19. EL_Mercenario

    EL_Mercenario Neues Mitglied

    Ich der Literatur wird ja meist behauptet, dass das DR in den Marokkokrisen versucht hat, die Entente auseinander zu sprengen. Gibt es da eigentlich einen konkreten Beleg für? Oder ist das Interpretation?
     
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  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die 1. Marokkokrise war insofern eine Gratwanderung, als man (in mehreren Zitaten erkennbar) Weltpolitik treiben und "sich nicht auf die Füße treten lassen wolle", Frankreich nicht stärker in die Arme Großbritanniens treiben wollte, andererseits durch die "freie Hand Frankreichs in Marokko" den Anschluss Frankreichs an eine deutsch-russische Verständigung im Sinne der Vereinbarung von Björkö fördern wollte, also: Zuckerbrot und Peitsche.

    So Bülow an AA, 31.7.1905, zitiert nach Schöllgen, Imperialismus, S. 191.

    Es ging eindeutig um die Bündnispositionierung Frankreichs. Eine "erzwingbare" Annäherung Frankreichs im Fall deutsch-russischer Verständigung lag zu diesem Zeitpunkt in klarer Konkurrenz zur Entente.
     

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