Die Römer in Mittelhessen ¹

Oh weh. Rittershausen wurde im dritten Jahrhundert v.Chr. schon verlassen, bzw. niedergebrannt. Das Marschlager bei Reimershausen ist noch nicht sicher datiert, wahrscheinlich drususzeitlich. Wie kommt da der Journalist auf Julius Cäsar?
Kein Journalist, sondern ein (vermutlich pensionierter) in der Heimatforschung engagierter Arzt. Oder eben die Referentin.
 
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Also halten wir fest:
  • Es gibt in Mittelhessen aus der Zeit Caesars an sicheren archäologischen Funden lediglich die römischen Lager in Limburg-Eschhofen und die von @Biturigos erwähnten Spuren (z.B. Sandalennägel) am Dünsberg.
  • Es gibt bislang kein römisches Marschlager in Gladenbach, sondern allenfalls nahe Gladenbach (= Reimershausen, 10 km entfernt), und dies drususzeitlich bis spätaugusteisch.
  • Die von @Biturigos erwähnte Wangenklappe eines römischen Helms, gefunden in Mittenaar-Bischoffen (zu Fuß 19 km westlich von Reimershausen), ist ein sehr schöner Fund, belegt aber noch keine größeren militärischen Aktivitäten, ist noch im Kontrollbereich des Dünsberggebietes.
  • Die Wallburg bei Rittershausen wird in den Vorträgen als gutes Beispiel für die Möglichkeiten von LIDAR und Luftbildarchäologie vorgestellt worden sein, hat aber mit den Römern und der Latènezeit D2 nichts zu tun.
  • Es gibt in der latènezeitlichen Wirtschaftsregion sehr wohl Wallburgen oder -anlagen, die spätlatènezeitlich sind (z.B. ""Alte Burg" bei Netphen = Latène D, Rimberg bei Caldern, Ringwallanlage "Eisenköpfe" bei Hommertshausen etc.), bei denen eine Nutzung bis zur Zeit Caesars möglich aber nicht belegt ist.
  • Die drususzeitlichen bis spätaugusteischen Aktivitäten in der Dünsbergregion werden
  • als wirtschaftliche Ziele regional (Bergbau, Agrarprodukte) und
  • als militärische Ziele logistisch oder als Aufmarschgebiet in Richtung Nordosten (drususzeitliche Expansion) oder gegen Chatten und Marser (Strafexpeditionen des Germanicus) verfolgt worden sein, und dies im Rahmen von Feldzügen und zeitlich sehr begrenzt.
 
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Zu Oberbrechen: Die einzige Zuordnung die ich gefunden habe, war "augusteisch". Leider war die Fundstelle von Sondengängern komplett ausgeraubt, bei der archäologischen Prospektion 1999 fand sich kein aussagefähiges Material.

Ein einziges Tor auf der Nordseite, nur 2 ha Größe: Das ist weniger als halb so groß wie das jetzt entdeckte Lager im Brücker Wald östlich von Amöneburg.

Funktion: Kontrolle der vorrömischen Handelswege im Goldenen Grund.

Der User @Hermundure hat sich zu den dortigen Münzfunden geäußert:
Die Gräben und Wälle des augusteischen Kleinlagers in Oberbrechen (Schlussmünze Gaius-Lucius-Denar) haben ebenfalls 2000 Jahre überlebt. Man hatte ja zuerst angenommen, dass es sich um eine frühneuzeitliche Schanze des 30-jährigen Krieges handeln würde - bis die Funde eines besseren belehrten.

Römerlager Oberbrechen – Wikipedia

Gaius-Lucius-Denar als Schlussmünze:
Das Prägedatum war 2 v. Chr. bis 4 n. Chr.
 
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Die Römer in Mittelhessen: Geschichtlich gesehen, nur ein ganz kurzes Kapitel. Aber wie immer bei einem engen Zeitfenster, man hat den immensen Vorteil, dass die Befunde einer Region in einem engen Zusammenhang sind.

Soviel wird deutlich: Die Römer hatten hier wirtschaftliche Interessen, und es war schon:
  • eine erschlossene Region,
  • günstiges Klima,
  • mit fruchtbaren Böden, extrem ertragreicher Landwirtschaft mit den Lössböden von Wetterau und Amöneburger Becken,
  • Verkehrswegen zu Lande (Ost-West: mit der Hohen Straße / Siegener Straße / Brüderweg / Brabanter Straße / Köln-Leipziger Straße eine wirklich bedeutende Achse, und diagonal mit den Langen Hessen, Süd-Nord über Paderborn bis zur Ostsee,
  • über die Flüsse Lahn mit Anschluss an den Rhein, und auch über die Wetterau und das Flusssystem der Nidda mit dem Anschluss an den Main,
  • Bergbauregion in keltischer Zeit (und der Machtbereich des Fürsten vom Glauberg ging in der Hallstattzeit über die Lahn hinaus!) mit Export von Eisen und Buntmetallen,
  • Mit Dünsberg und Amöneburg keltische Oppida,
  • Münzprägung
Und das alles also schon weit vor den Römern. Und die Bevölkerung z.T. handwerklich gut ausgebildet, und vor allem den Römern gegenüber nicht feindlich gesonnen. Also ein Sahnetörtchen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt im Internet zum kostenlosen Download einen Tagungsbericht aus Nijmegen, von 2022:

Supplying the Roman Empire


Und da stehen einige Artikel direkt über die Interessen der Römer an der Lahn, und noch mehr über die Querverbindungen ¹ und Parallelen in anderen Grenzregionen. Thema ist natürlich die Logistik, und der Handel.
Lesenswert! Und unterhaltsam.

Ein schöner (wörtlich nicht ganz so formulierter) Merksatz von Frau Rasbach:
Nicht alles was römisch und rechteckig ist und einen Wall mit Spitzgraben hat, ist ein Marschlager!
¹ Querverbindungen: Da steht auch etwas über Oberbrechen, @Stilicho hatte mich darauf gebracht.​
 
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Die Kombination "Nationales Automuseum" + "emeritierte Ernährungwissenschaftlerin" klingt jetzt erstmal nicht nach 1. Liga.

Dieses Automuseum ist meines Wissens der Ausstellungsort eines privaten Oldtimer-Sammlers. Da das Museum sich nicht gerade in einem urbanen Zentrum befindet, muss man mediale Aufmerksamkeit mühsam erkämpfen. Als Vortragsort für ein Referat mit einem eisenzeitlichen Thema ist es auch nicht gerade die erste Wahl.
 
Also, dass es im Nationalen Automuseum stattfand, ist ein Bewertungskriterium? ;)

Das wirft allerdings ein gewisses Licht auf die Vorstellungen unserer Denkmalbehörde und des Archäologischen Museums, die ihre Veranstaltungen gern in der Evangelischen Akademie abhalten. Also in einem feministische Frühstücksgottesdienste für FLINTA*, Vulvamalen und politisches Nachtgebet zu Klima und Gerechtigkeit Umfeld.
 
Also halten wir fest:
  • Es gibt in Mittelhessen aus der Zeit Caesars an sicheren archäologischen Funden lediglich die römischen Lager in Limburg-Eschhofen und die von @Biturigos erwähnten Spuren (z.B. Sandalennägel) am Dünsberg.
  • Es gibt bislang kein römisches Marschlager in Gladenbach, sondern allenfalls nahe Gladenbach (= Reimershausen, 10 km entfernt), und dies drususzeitlich bis spätaugusteisch.
  • Die von @Biturigos erwähnte Wangenklappe eines römischen Helms, gefunden in Mittenaar-Bischoffen (zu Fuß 19 km westlich von Reimershausen), ist ein sehr schöner Fund, belegt aber noch keine größeren militärischen Aktivitäten, ist noch im Kontrollbereich des Dünsberggebietes.
  • Die Wallburg bei Rittershausen wird in den Vorträgen als gutes Beispiel für die Möglichkeiten von LIDAR und Luftbildarchäologie vorgestellt worden sein, hat aber mit den Römern und der Latènezeit D2 nichts zu tun.
  • Es gibt in der latènezeitlichen Wirtschaftsregion sehr wohl Wallburgen oder -anlagen, die spätlatènezeitlich sind (z.B. ""Alte Burg" bei Netphen = Latène D, Rimberg bei Caldern, Ringwallanlage "Eisenköpfe" bei Hommertshausen etc.), bei denen eine Nutzung bis zur Zeit Caesars möglich aber nicht belegt ist.
  • Die drususzeitlichen bis spätaugusteischen Aktivitäten in der Dünsbergregion werden
  • als wirtschaftliche Ziele regional (Bergbau, Agrarprodukte) und
  • als militärische Ziele logistisch oder als Aufmarschgebiet in Richtung Nordosten (drususzeitliche Expansion) oder gegen Chatten und Marser (Strafexpeditionen des Germanicus) verfolgt worden sein, und dies im Rahmen von Feldzügen und zeitlich sehr begrenzt.
Lieber @Pardela_cenicienta , ich war überrascht, dass in deiner Aufzählung Waldgirmes und Dorlar fehlen. Ebenfalls fehlen die Informationen, die aus den schriftlichen Quellen bekannt sind. Außerdem fasst du in deiner Sammlung Einzelfacetten aus einem weitem Zeitraum zusammen, in dem sich die politischen und militärischen Verhältnisse drastisch verändern.

Ich würde daher vorschlagen, diesem Zeitraum von Latène D1 bis zur frühen Kaiserzeit in mehrere Phasen einzuteilen.
Vor dem Gallischen Krieg - Während des Gallischen Krieges - Sicherung ud Konsolidierung der Eroberung und Provizialisierung in den drei Gallien - Militärische Intervention in Germanien und Versuch der Provinzialisierung - Rückzugsphase - Chattenkriege Domitians und Limesbefestigung

Zu den Schriftquellen: bekannt sind die beiden Rheinübergänge Cäsars, mit dem die Ubier schon vor diesen diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten (Caes. Gall IV,8). Immerhin war die Amicitia mit den Ubiern so wichtig, dass Cäsar zweimal rechtsrheinisch interventierte, auch wenn es mehr oder weniger Machtdemonstrationen waren (55 v. Chr: Caes Gall IV,18-19 und 53 v.Chr. VI, 9-10). Gleichzeitig dienten diese Feldzüge dazu das rechtsrheinische Terrain zu erkunden.

Ob es vor dem Gallischen Krieg diplomatische Kontakte zu den Ubiern gegeben hat, ist nicht bekannt - da Cäsar jedoch davon spricht, dass die Ubier ihm Geiseln gestellt und sich unterworfen hatten (,IV,16,5 und VI, 9,6), wird eine aktive diplomatische Beziehung erst im Laufe des Gallischen Krieges auf Initiative der Ubier statgefunden haben.

Bis zur nächsten rechtsrheinischen Intervention, diesmal von Agrippa als Statthalter der drei Gallien 39/38 v.Chr. (Dio 48,49,2-3 aber auch Tacitus Ann. 12,27,1) sind keine Informationen aus schriftlichen Quellen bekannt. Bei Tacitus und Strabon finden sich dann Informationen zur Übersiedlung der Ubier auf linksrheinisches Terrain, auf das ehemalige Land der Eburonen (Strab. 4,3,4). Wahrscheinlich wurde dieser Prozess mit der 2.Statthalterschaft Agrippas 20./19. v.Chr. abgeschlossen. Ob Agrippa auch in dieser Zeit den Rhein überquerte, ist nicht bekannt, auszuschließen ist es nicht. In diesen Jahren finden sich einzelne Notizen, wie der Triumphzug des Gaius Carrinas im Jahr 28 v.Chr. der die Sueben über den Rhein zurückgeschlagen hatte (Dio51,22,6), die vermuten lassen, dass die Rheingrenze alles andere als sicher war.

Insgesamt lässt sich eine beständige diplomatische Verbindung zwischen Rom und den Ubiern ab 55 v.Chr. festhalten. Tacitus verwendet die Formulierung fidem accipere für die formale Dedition der Ubier gegenüber Agrippa, die sich unter den Schutz Roms stellten. Ein aus den römischen Quellen herausgestellten Grund erwähnt schon Cäsar: der einst mächtige Stamm der Ubier war den Sueben tributpfichtig geworden, hatte sich jedoch auch durch viele Kriege nicht aus seinen Wohnsitzen vertreibe lassen (Caes Gall IV, 3). Dieser suebische Druck wird eine der Haupttriebfedern der ubischen diplomatischen Initiative für ein Bündnis mit Rom gewesen sein, und könnte nach dessen Sieg gegen Ariovist erfolgt sein.

Ich möchte noch auf etwas anderes in dieser Frühphase aufmerksam machen: Cäsar spricht immer von germanischen Reitern, die er, nachdem die Haeduische Adelsreiterei während des Vercingetorix-Aufstands die Seiten gewechselt hatte, zur Hilfe gerufen hat. Diese germanischen Reiter verhelfen Cäsar in der Reiterschlacht Schlacht am Armançon – Wikipedia und bei der Schlacht um Alesia zum Sieg. Im Heidetränkoppidum wurde ein Silbermünzenschatz von 349 Münzen gefunden, der um 50 v.Chr. vergraben worden war. Der größte Teil dieser Nauheimer Quinare sind Überprägungen gallischer Silberquinare, über die Hälfte davon Caleten - und Haeduerquinare. Könnte das der Sold für die Dienste im Gallischen Krieg gewesen sein? Schulze-Forster beschreibt die Funde vom Tor 4 vom Dünsberg als Kultplatz, bei dem auch die römischen Waffen deponiert worden sein können. Er betont die Vielzahl von deponierten zerstörten Trensen und Pferdegeschirren: "Der Reichtum an Zaumzeug und Zubehör ist einmalig in der spätkeltischen Welt. Es wirft ein Licht auf die gesellschaftliche Elite am Dünsberg, namentlich auf die hervorragende gesellschaftliche Rolle des Reiteradels. K.Tausend hat in einem anregenden Artikel ( Cäsars germanische Reiter,1988, Bem. Bitu) die unterschiedliche Rolle der Reiterei bei den Stämmen am Mittelrhein untersucht und mit der Frage der Herkunft von Caesars germanischen Reitern verknüpft. Das Thema ist deshalb auch für die Frage römisch-einheimischer Kontakte im Lahngebiet sowie der Übernahme einheimischer Elemente in der römischen Kavallerie von Interesse. Bei der Besprechung des Fundmaterials ist mehrfach betont worden, dass Schmuckscheiben, Beschläge oder Riemenhaken vom Dünsberg zahlreiche Analogien im kaiserzeitlichen Zaumzeug finden." Jens Schulze-Forster, Die latènezeitlichen Funde vom Dünsberg, 2014/15).

Es mag sein, dass die cäsarische Elite eine gewisse Dankbarkeit und Treue aufgrund der außerordentlichen Kriegstaten der germanischen Reiter im Gallischen Krieg und darüber hinaus gegenüber den Ubiern empfand. Schon Julius Cäsar hatte eine germanische Leibwache, in der, nachgewiesen aufgrund der Grabfunde, später auch Ubier dienten.

Soweit erst einmal zur Frühzeit der Beziehungen Roms in den rechtsrheinischen hessischen und rheinland-pfälzischen Mittelgebirgsraum.
 
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Also, dass es im Nationalen Automuseum stattfand, ist ein Bewertungskriterium? ;)
Wenn ein PhD der Sorabistik eine von ihm entwickelte neue Theorie zur Evolution der Raubsaurier im Frankfurter Senckenbergmuseum vortragen dürfte, wäre ich eher zu einer wohlwollenden Beschäftigung mit dem Vortrag bereit als wenn dieser im privaten Bügeleisenmuseum von Urxbach-Lattenhausen stattfinden würde. Da bin ich sicher kleingeistig. ;)

Das wirft allerdings ein gewisses Licht auf die Vorstellungen unserer Denkmalbehörde und des Archäologischen Museums, die ihre Veranstaltungen gern in der Evangelischen Akademie abhalten. Also in einem feministische Frühstücksgottesdienste für FLINTA*, Vulvamalen und politisches Nachtgebet zu Klima und Gerechtigkeit Umfeld.
Klingt interessant. Ich beschäftige mich eindeutig zu viel mit Kalkriese und zu wenig mit dem Innenleben der Evangelischen Akademie. :D
 
....als wenn dieser im privaten Bügeleisenmuseum von Urxbach-Lattenhausen stattfinden würde. Da bin ich sicher kleingeistig. ;)

Veranstalter des Vortrags war die Geschichtswerkstatt Dietzhölztal, ein lokaler Verein, der sich mit lokaler Geschichte befasst. Hauptsächlich mit den Hüttenwerken der Gegend, aber auch mit der Vorgeschichte des ganzen. Lobenswert, dass sie auch über den Teller Dorfrand hinausschauen. Daher erfahren wir auch, dass Frau Dr. Daniel keltische Stuhlproben aus der Hallstattzeit erforscht hat, was nicht jede(r) von sich sagen kann.
Leider ist es mit Vortragssälen eher mau im dortigen Urxbach-Lattenhausen, da kommt so ein professionell ausgestattetes Automuseum, das auch noch freundlicherweise seine Türen öffnet, gerade recht. Sonst hätte man es tatsächlich in der evangelischen Dorfkirche ausrichten müssen, oder einem miefigen Bürgerhaus.
Senkenberg wäre etwas weit gewesen, noch dazu interessieren die sich kaum für die Ringwallbewohner von Rittershausen.
Aber die Zuschauerzahl wäre sicher höher gewesen.
 
Ich möchte noch auf etwas anderes in dieser Frühphase aufmerksam machen: Cäsar spricht immer von germanischen Reitern, die er, nachdem die Haeduische Adelsreiterei während des Vercingetorix-Aufstands die Seiten gewechselt hatte, zur Hilfe gerufen hat. Diese germanischen Reiter verhelfen Cäsar in der Reiterschlacht Schlacht am Armançon – Wikipedia und bei der Schlacht um Alesia zum Sieg. Im Heidetränkoppidum wurde ein Silbermünzenschatz von 349 Münzen gefunden, der um 50 v.Chr. vergraben worden war. Der größte Teil dieser Nauheimer Quinare sind Überprägungen gallischer Silberquinare, über die Hälfte davon Caleten - und Haeduerquinare. Könnte das der Sold für die Dienste im Gallischen Krieg gewesen sein? Schulze-Forster beschreibt die Funde vom Tor 4 vom Dünsberg als Kultplatz, bei dem auch die römischen Waffen deponiert worden sein können. Er betont die Vielzahl von deponierten zerstörten Trensen und Pferdegeschirren: "Der Reichtum an Zaumzeug und Zubehör ist einmalig in der spätkeltischen Welt. Es wirft ein Licht auf die gesellschaftliche Elite am Dünsberg, namentlich auf die hervorragende gesellschaftliche Rolle des Reiteradels. K.Tausend hat in einem anregenden Artikel ( Cäsars germanische Reiter,1988, Bem. Bitu) die unterschiedliche Rolle der Reiterei bei den Stämmen am Mittelrhein untersucht und mit der Frage der Herkunft von Caesars germanischen Reitern verknüpft. Das Thema ist deshalb auch für die Frage römisch-einheimischer Kontakte im Lahngebiet sowie der Übernahme einheimischer Elemente in der römischen Kavallerie von Interesse. Bei der Besprechung des Fundmaterials ist mehrfach betont worden, dass Schmuckscheiben, Beschläge oder Riemenhaken vom Dünsberg zahlreiche Analogien im kaiserzeitlichen Zaumzeug finden." Jens Schulze-Forster, Die latènezeitlichen Funde vom Dünsberg, 2014/15).
Kurzer Nachtrag zum Thema "germanische Reiter": ich habe gestern zwei Informationen leider nicht gefunden. Die erste Information betrifft eine im Lahntal (bei Waldgirmes?) gefundene Münze, die im Text so interpretiert wurde (meine Erinnerung!), dass die Münze ein Hinweis auf die Beteiligung ihres Besitzers am Römischen Bürgerkrieg zum Beispiel in der germanischen Leibwache Cäsars war, und zweitens eine Neuinterpretation des Kultplatzes am Dünsberg. Es sind dort zahlreiche Pferdezähne und Knochen gefunden worden. Möglich wäre, dass zum Beispiel ein Pferd an einem Totempfosten aufgestellt worden sein könnte. Hier ein Grabungsbericht von 2005 von Christa Nickel: »Gold und Silber wünsch ich mir ...«

Interessant ist auch, dass die altkeltische Pferdegöttin Epona in die römische Götterwelt integriert wurde. Epona wurde von den römischen Truppen als Schutzheilige der Kavallerie und Wagenlenker adaptiert. Der Name der Göttin leitet sich von indogermanisch *ekwo/*epo ab, verwandt mit dem lateinischen equus.

Unten am Dünsberg gefundene eiserne emailverzierte Trense
csm_duensberg-abb2-2_6e47642b88.jpg
 
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Lieber @Biturigos, vielen Dank für Deinen weit gefassten Bericht.
Vor allem, dass Du den Akzent auf die Kelten bzw. die Ubier gelegt hast.

Ich hatte ja eher Facetten glitzern lassen. Natürlich sind Dünsberg, Waldgirmes und Dorlar Schlüsselstellen, und faszinierend auch die Erkenntnisse über Wetzlar-Dalheim.

Das Thema hier könnte ebenso sein "Kelten und Ubier in Hessen", denn es ist deren komplexer Siedlungsraum, deren originäre Schöpfung. Und vor allem eine geschlossene und große Wirtschaftszone, mit weit nach Gallien ausstrahlendem Handel und der politischen und diplomatischen Verankerung.

Erstaunlich war für mich auch dass Manuel Zeiler auf den defensiven Charakter der latènezeitlichen Wallanlagen nach Osten verwiesen hat. Mich hat das überrascht, ich hatte gedacht dass das eher im Bereich der Fabel sei, wie die zusammenrollbare Wandkarte (aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg!) in meiner Grundschule, die den Kampf der eisenverarbeitenden Kelten mit den von Osten eindringenden zotteligen Germanen zeigte.

Die von Dir vorgestellten Trensen sind von höchster handwerklicher Qualität. Wurden sie hier in Mittelhessen oder doch nahe am Rhein hergestellt?
 
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Mal eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse von Fasold zum römischen Höchst auf Seite 381 – 382 des obengenannten Buches.


Das Lager befand sich auf einem zum Main hin steil abfallenden Plateau (ca. 10 m Höhe) an der Nidda Mündung, das westlich und östlich vom Liederbach und Sulzbach begrenzt wurde und wird seit 1896/1904 dort vermutet.

Anhand dokumentierter Gräben ließe sich eine langestreckte, polygonale Umwehrung mit einer Fläche von ca. 9 Hektar rekonstruieren.

Periode 1: Eine ältere, unklare Baustruktur (möglicherweise eine unbefestigte römische Siedlungsstelle), die teilweise von der späteren Umwehrung überlagert wird.

Periode 2: Das eigentliche Militärlager.

Als bislang einziger bekannter Teil der Innenbebauung wurde ein als fabrica interpretierter Gebäudekomplex mit Öfen, Halbfabrikaten, Metallschrott und Schlacken freigelegt.

Außerhalb der Wehranlagen befanden sich im Norden strukturell an Straßenachsen ausgerichtete Bauten, die als canabae gedeutet werden.

Beginn: Die Kleinfunde (Münzen, Terra Sigillata) datieren den Beginn (Periode 1) an oder in den Oberaden/Rödgen-Horizont.

Ende: Periode 2 reicht bis in das 1. Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts n. Chr. Ob das Lager bis zum Jahr 9 n. Chr. oder bis 16/17 n. Chr. genutzt wurde, lässt sich anhand der Grabungsflächen (ca. 2 % der Gesamtanlage) nicht zweifelsfrei klären; Münzen und Altfunde deuten jedoch auf eine längere Nutzung hin.

Aufgabe: Es gibt keine Spuren von Zerstörung. Das Lager wurde vermutlich aufgegeben, als sich Rom nach der Aufgabe der Provinz Germanien wieder hinter den Rhein zurückzog.

Militär: Vermutlich war hier eine vexillatio stationiert (möglicherweise als Kommando der an den Rhein verlegten legio II Augusta).

Einheimische Bevölkerung: Handgemachte Keramiken deuten auf eine ansässige Bevölkerungsgruppe aus dem Rhein-Weser-Raum hin.

Strategische Bedeutung: Das Lager diente den mittelaugusteischen Eroberungszügen ins rechtsrheinische Germanien. Es lag verkehrsstrategisch günstig nahe dem Legionslager Mainz (ca. 40 km entfernt) an der mit Kähnen schiffbaren Nidda. Eine Anlegestation wird vermutet.

Zivile Nutzung: Im Gegensatz zum kurzfristigen Versorgungslager Rödgen wurde Höchst – ähnlich wie Waldgirmes – auch zivil genutzt und diente der Provinzialisierung Germaniens.

Handel: Über Rhein und Main wurden schnell Güter herangeschafft, darunter große Mengen Wein aus dem Mittelmeerraum (belegt durch Amphoren und Dolien) sowie Lampen und Feinkeramik aus italischen und gallischen Werkstätten.


Anmerkung: Hauptsächlich geht es in den 2 Bänder um die Bearbeitung der 2001/2002 (fabrica) und 2014 (Gräben und Backöfen) Funde. Das Inhaltsverzeichnis steht beim Verlag zum download bereit.

In den vergangen Jahren wurde bei der Renovierung des Bolongaropalast im barocken Garten umfangreiche Funde gemacht. Wegen dem Berichtszeitraum gibt es vom Frankfurter Denkmalamt noch keine publizierte Fundberichte.

Deshalb zu den Neufunden ein kleiner Pressespiegel: hessenschau.de, archaeologie-online.de und Frankfurter Neue Presse.
 
Lieber @Biturigos, vielen Dank für Deinen weit gefassten Bericht.
Vor allem, dass Du den Akzent auf die Kelten bzw. die Ubier gelegt hast.

Die von Dir vorgestellten Trensen sind von höchster handwerklicher Qualität. Wurden sie hier in Mittelhessen oder doch nahe am Rhein hergestellt?
Guten Morgen, ich hatte @Pardela_cenicienta schon kurz persönlich geantwortet, ohne Quellenangaben, da ich im Juli Urlaub hatte, und leider habe ich auch danach keine Zeit gefunden ausführlich zu antworten. Kurz zu deiner letzten Frage, der Herkunft der Trensen vom Dünsberg:
am Dünsberg sind 13 komplette (Stand 2014/15, Schulze-Forster) und neun Fragmente von Ringtrensen mit gebrochener vierkantiger Gebissstange gefunden worden, der Schwerpunkt ist im Fundkomplex am Tor 4. Schulze-Forster geht von einer mittelhessischen Werkstatt aus, möglicherweise dem Dünsberg selbst. Ein Fund am Übergang zur Ostspitze des Oppidums wurde von G.Jakobi (1977) als mögliche Reste eines Zweigespanns gedeutet. Forster-Schulze beschreibt außerdem ausführlich die Hofheim-Trense, am Dünsberg mit fünf bronzenen und einem eisernen Exemplar vertreten, und verbindet die Objekte mit Funden im namensgebenden Hofheim (Rhein-Maingebiet), Altenburg/Niedenstein (Nordhessen) und La Tène (Schweiz). Die überregionale Trensenform wurde wahrscheinlich vom 3.Jahrhundert BC (Lt C) bis zur Zeitenwende verwendet. Die Trensen sind individuell gestaltet, möglicherweise angepasst an das Pferd hergestellt worden, und wurden wahrscheinlich in mehreren Werkstätten produziert, der starke Schwerpunkt der Funde in Hessen macht einen regionalen Produktionsschwerpunkt wahrscheinlich, möglicherweise bis Lt D2 am Dünsberg. Stand 2021 sind nur 25 Exemplare der Prunktrense Typ Hofheim an zehn Standorten von der Provence bis Tchechien gefunden worden (Verbreitung, Stand 2021, siehe unten). Die Hofheim-Trense wird dem keltischen Reiteradel zugeordnet - sie ist mit Dreiwirbelanhängern und emailverzierter Zierscheibe reich dekoriert und handwerklich hochwertig gearbeitet. Die Zierscheiben sind Durchbrucharbeiten in Bronzeblech, das Dekor wurde mit Zirkeln auf der Rückseite entworfen und dann ausgeschnitten. Der Dreiwirbelanhänger werden nach derzeitigem Befund Werkstattkreisen in der rechtsrheinischen Mittelgebirgszone zugewiesen (2x Hofheim, 5x Heidetränk, 2x Dünsberg, 1x Altenburg/Niedenstein, zwei Exemplare in Böhmen, ein qalitativ schlechteres von Basel-Münsterhügel). Unten eine Rekonstruktion der Hofheim-Trense von Werner, 1953.

Literatur: Benjamin Girard, Le mobilier métallique de l’âge du Fer en Provence (VIe-Ier s. av. J.-C.), contribution à l’étude des Celtes de France méditerranéenne (Diss. Universités de Bourgogne et de Provence 2010). – Jens Schulze-Forster, Die latènezeitlichen Funde vom Dünsberg. Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen 13 (Rahden/Westf. 2015). – Ulrike Söder, Die eisenzeitliche Besiedlung der Altenburg bei Niedenstein, Schwalm-Eder-Kreis. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 21 (Rahden/Westf. 2004). – Joachim Werner, Keltisches Pferdegeschirr der Spätlatènezeit. Saalburg-Jahrbuch XII, 1953, 42–52. – Manuel Zeiler, Wallburgen der Eisenzeit in Südwestfalen. Alt-Thüringen 47, 2020/2021 (2021), 155–194.

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Screenshot 2026-09-06 at 09-16-36 Archäologie in Westfalen-Lippe 2021 - 101140-Artikeltext-260...png
 
Lieber @Biturigos, vielen Dank für Deinen weit gefassten Bericht.
Vor allem, dass Du den Akzent auf die Kelten bzw. die Ubier gelegt hast.

Ich hatte ja eher Facetten glitzern lassen. Natürlich sind Dünsberg, Waldgirmes und Dorlar Schlüsselstellen, und faszinierend auch die Erkenntnisse über Wetzlar-Dalheim.

Das Thema hier könnte ebenso sein "Kelten und Ubier in Hessen", denn es ist deren komplexer Siedlungsraum, deren originäre Schöpfung. Und vor allem eine geschlossene und große Wirtschaftszone, mit weit nach Gallien ausstrahlendem Handel und der politischen und diplomatischen Verankerung.
ich hatte in meinem Beitrag vom 14.Juli mit den schriftlichen Quellen bis 20/19 v.Chr. bzw. der zweiten Statthalterschaft Agrippas in den drei Gallien geendet. Die Abwanderung der Ubier ins Rheinland stellt meiner Ansicht nach einen Bruch dar mit der Vorstellung eines schon ausgereiften Plans der römischen Expansionspolitik für Germanien um 20/19 v.Chr.. Kehne betont die Freiwilligkeit der Übersiedlung: "Beachtenswert ist, dass es nicht transductus, sondern transgressus (Bei Tac, ann.12,27,1) heißt und somit die Eigeninitiative der Ubier betont."(Peter Kehne, Feinde und Partner Roms, S.45, 2010). Die Absicherung der Rheingrenze erscheint mir zum Zeitpunkt der Umsiedlung die wahrscheinlichste Zielvorstellung römischer Germanienpolitik. Ob die Glades lolliana diese defensive Zielrichtung verändert hat?

Die römische Provinzialierung stützte sich in Gallien vornehmlich auf einheimische Eliten und vorhandene Strukturen z.B. Zentralorte. Das ist mit der Übersiedlung der Ubier in Mittelhessen nicht mehr gegeben. So spricht Schulze-Forster davon, dass das keramische Fundensemble des Dünsberg (der Nordostgruppe nach Behagel) keinerlei Überschneidung mit dem "germanischen" Keramikinventar von Waldgirmes hätte (Schulze-Forster, 2015, S.146). Gabriele Rasbach ist weniger radikal: es gibt traditionelle eisenzeitliche Formen, wie sie auch aus Gräbern vom Dünsberg stammen, aber auch elbgermanische Gefäße (Rasbach, 2010)- allerdings sind nur 15% der gefundenen Keramik in Waldgirmes nicht römisch, und Schulze-Forster betrachtet das gesamte Ensemble aus Grob-und Feinkeramik, Handgemachte (90 %) und Drehscheibenkeramik (10%) vom Dünsberg, die er in die mittellatènezeitliche Tradition der Nordostgruppe stellt ( ab Lt B/C1), und vergleicht das gesamte Inventar und nicht einzelne Formen mit Waldgirmes.

Die Gründung von Waldgirmes, nur acht Kilometer Luftlinie vom Dünsberg entfernt, entspricht nicht dem römischen Modell der Provinizialisierung, in dem der Zentralort von der Höhe (z.B. Mont Beuvray/Bibracte nach Autun/Augustodunum) ins verkehrsgünstigere Tal verlegt wurde. Die Ubier als politische Gemeinschaft/Stamm waren einfach nicht mehr da, ihr Zentralort verlassen.

In den Quellen tauchen kurz nach dem Wegzug der Ubier die "Chatten" auf (Dio, 54,36,3). Sie erhalten von Rom Siedlungsgebiet am Rhein, wahrscheinlich im von den Ubiern geräumten Gebiet. Dafür wäre dann das Gebiet nördlich der Lahn (Westerwald) eine plausible Möglichkeit, südlich von der Lahn entlang des Rheins und im Hintertaunus siedeln wahrscheinlich schon die Mattiaker, zu denen Kehne zustimmend sagt: "Rüger betont völlig zu Recht, sie werden "described by Tacitus as German, but all the traces of their language which we can recognize are Celtic" (Kehne 2010, Feinde und Partner Roms). Die politischen und ethnischen Verhältnisse erscheinen um das Gründungsdatum von Waldgirmes verworren. Für kurze Zeit scheinen die Chatten eher als Partner Roms, 11 v.Chr. werden sie von den Sugambrern bekriegt, weil sie sich nicht am Kampf gegen die Römer beteiligen (Dio 54, 33,2). Um die Chatten besser zu verteidigen legt Drusus eine Festung am Rhein an (Winter 11/10 v.Chr.) siehe Dio 54,33,4. Doch schon 10 v.Chr. waren die Chatten von den Römern abgefallen und waren zu den Sugambrern ausgewandert, was Drusus zum Anlass nahm 10 und 9 v.Chr. auch gegen sie Krieg zu führen (Dio 54,36,3; 55,1,2, Florus 2,30).

Waldgirmes wurde spätestens 4/3 v.Chr. gegründet (nach Münzfunden und Dentrodaten vom ersten Brunnen), nach der allgemeinen Dedition der Stämme zwischen Rhein und Elbe vor Tiberius 8 v. Chr. (Vell.Pat. 2,97,4, -Cassiodor Chronica 746). Auf wen stützten sich die Römer bei der Provinzialisierungsabsichten in Mittelhessen? Auf die Chatten oder eine romfreundliche Teilfraktion von ihnen?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Provinzialsierung erst in Mittelhessen begann, nachdem die befreundeten Ubier ausgewandert und die feindlichen Chatten im Krieg unterworfen und besiegt wurden. Das unterscheidet Mittelhessen vom Rhein-Maingebiet und Rheingau, in dem mit den Mattiakern ein verbündeter Stamm Roms auch während der Germanienfeldzüge lebt. Mittelhessen kann daher nicht mehr bruchlos in eine latènezeitliche Tradition und Wirtschaftszone gestellt werden. Schon das Wetterauer Bad Nauheim mit seiner Saline, im Süden von Waldgirmes, und das nahe römische Versorgungslager Rödgen, sprechen von einer anderen politischen Situation südlich der Lahn: die latènezeitliche Saline wurde weiterbetrieben, und das Versorgungslager war nach Auffassung von G. Rasbach und A. Becker als Sammellager für Abgaben konzipiert, was für eine regionale administrative Struktur und Hierarchie spricht, die ihre politische Gemeinschaft dazu verpflichten kann. Archäobotanische Untersuchungen für die Wetterau zeigen, dass in der Wetterau die Besiedlung nicht abgebrochen ist, und die latènezeitliche Getreideanbau fortgesetzt (Weizen, Dinkel, Einkorn Gerste, Hirse - Winter - und Sommergetreide) und die Wetterau intensiv bewirtschaftet wurde.

"Während in Westfalen für das Jahr 9 n. Chr. nur Haltern als fest ausgebauter Stützpunkt belegt ist, ist dies in Hessen für Waldgirmes gesichert. Da jedoch in Höchst, Bad Nauheim, Brechen-Oberbrechen und Wiesbaden die Funde kein vorzeitiges Ende innerhalb des Halternhorizontes nahelegen, ist eine römische Belegung auch dieser Plätze im Jahr 9 n. Chr. nicht auszuschließen, bei Wiesbaden, Höchst und Bad Nauheim erscheint mir dies sogar als wahrscheinlich. Zudem lässt sich bezweifeln, ob die Wetterau und das Rhein-Main Gebiet von den Ereignissen nach der Varusschlacht überhaupt betroffen waren. Derzeit jedenfalls deuten gerade die Befunde von Waldgirmes darauf hin, dass dieser Raum das Aufmarschgebiet des Germanicus und nicht seine erste Eroberung darstellte." Armin Becker, Die römische Okkupation des Rhein-Main Gebietes und der Wetterau unter Augustus, in „Über die Alpen und über den Rhein …“, 2015)
 
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Wenn wir vom ganz engen Begriff Trense weg gehen habe ich noch das Teil im Angebot. Es wird 1902 zwar als Amulett angesprochen, sollte aber eher ein Zügel- oder Riemenanhänger sein.
phallisches Amulett.jpg


Flacher Halbmondschild, Enden 5-stabig rund mit kleinen Rundösen für weitere Anhänger. In der Schildmitte, an Oberseite quer angegossene ringförmige Aufhängung, an Unterseite angenieteter Ring, darin eingehängt der aus einem Stück gegossene Mittelteil aus großem Ring, darunter eingeritztes Dreieck,seitlich davon,links gestreckter Phallus, rechts Hand mit Fica, unten kleiner Phallus mit scrotum, daran ein halbmondförmiger Pelta-Schild mit runder phallusähnlicher Mittelspitze. Die Hängeösen sind ganz erheblich ausgeschliffen und beweisen dadurch eine längere Nutzungszeit. Bronze. Br.(6,2); H (7,0); L (9,0) Verschollen.



Fundort: Frankfurt-Höchst (HOE 70), 1893.



Lit: Suchier, E.: Ein phallisches Amulett. In. Nassauer Mitteilungen 1901/1902 Nr. 2, Sp. 53 ff; Schauer, P.; Betzler, P.: Katalog Höchst: die Funde von der Steinzeit bis zum frühen Mittelalter. In der Reihe: Höchster Geschichtshefte. Band 11/12, Frankfurt, 1967, Seite 51; Kubon, R.: Forschungen zum römischen Höchst, Stadt Frankfurt am Main. In der Reihe: Schriften des Archäologischen Museums Frankfurt Band 23/1. Frankfurt, 2011. Seite 172 Nr. 510
 
Ergänzung zur Bevölkerung im Rhein-Maingebiet und der Wetterau um die Zeitenwende
Es herrscht Verwirrung, denn archäologische Forschung und schriftliche Quellen lassen sich nicht zur Deckung bringen. Jedenfalls dann, wenn Tacitus Aussage in der Germania Abschnitt 29 ethnisch gedeutet wird, denn archäologisch lassen sich germanische Siedler nur an wenigen Stellen nachweisen. So schreiben M.Scholz und L. Klaffki zum nachweisbaren Personennamen irritiert, dass "Namen germanischen Ursprungs fehlen oder lassen sich etymologisch nicht von ostgallischen trennen. Dies ändert sich erst im 3.Jahrhundert" S.126, Aspekte der Romanisierung im Bereich der civitates mattiacorum, Taunensium et Auderiensium, in Die Römer im Rhein-Maingebiet, 2011). Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu den Mattiakern bezieht sich auf den Foschungsstand bis 1987, das englische Wikipedia schreibt immerhin mit Verweis auf Wiesbaden in der Römerzeit (Walter Czysz,1994), dass "Archäologische Funde aus Wiesbaden können ihre vermutete Herkunft (der Mattiaker, Bitu) nicht belegen. Zwar ist die Verehrung verschiedener gallischer Gottheiten wie Sirona oder Epona belegt, doch gibt es bisher keine Hinweise auf germanische Götter oder spezifische Produkte germanischer Herkunft." Im Gegensatz zu den fehlenden germanischen Namen schreiben Scholz / Klaffki, dass Namen keltisch-gallischen Ursprungs gut belegt sind, der Anteil nicht-römischer in der Regel gallischer Namen auf Graffiti auf Terra Silligata beträgt vom 1. bis 3. Jahrhundert 15-20% der Personennamen. Eine mögliche Erklärung ist die Einwanderung ostgallischer Siedler nach der Provinzialierung, so finden sich Namen treverischer Einwanderer bevorzugt in den civitates Mattiacorum (Rheingau, westliches Rhein-Maingebiet) und Taunensium (östliches Rhein-Maingebiet, Wetterau). Die andere Erklärung ist, dass es sich um eine spätlatènezeitliche Bevölkerung handelt - die Mattiaker ein Pagus der Ubier?
Mir ist bewusst, dass meine fogenden Gedanken spekulativ sind: das Heidetränkoppidum wurde im dritten Viertel des 1.Jahrhunderts v.Chr. endgültig verlassen. Ist das wirklich ein Niedergang, oder wäre es möglich, dass es ein Umzug war, entweder ebenfalls wie die Bewohner des Dünsberg ins Rheinland bei Bonn, die früheste Besiedlung linksrheinisch? Oder an den Main, in einen noch unentdeckten neuen Zentralort? Waren die Taunensier ein Teilstamm der Ubier, ein Pagus, der mit dem Wegzug des Hauptstamms wieder eigenständig wurde?

Die Ausgrabungen der Salinen zur Salzgewinnung in Bad Nauheim lieferte viele Dentrodaten, für die insbesondere diejenigen mit Waldkante relevant sind, die exakte Schlagdaten liefern. So gibt es Dentrodaten von 48 v.Chr. , 30 v.Chr. und 6 v.Chr., die Soleaustritte waren daher bis zur Zeitenwende von Quellbecken eingefasst. Auch die Keramikfunde datieren bis Lt D2. (Hansen, Die Latènezeitliche Saline von Bad Nauheim, 2016, S.87-91). Zwischen der Nutzungsphase um die Zeitenwende und der nach der römischen Okkupation (Dentrodaten ab 87 n.Chr.) gibt es eine Lücke, ein römischer Kanal, der mit dem letzten (jüngsten) Quellbecken verbunden ist, verläuft über den latènezeitlichen Schichten der Salinenplana (14 Plana ab Lt B2/C1, frühestes Dentrodatum nach 305 v.Chr. erstes exakteres Datum ein Spaltbrett um 205 v.Chr (+/-10). Es gab also wesentlich länger eine organisierte protoindustrielle Salzproduktion, die enge politische und ökonomische Bindung an das Heidetränkoppidum ist vielfach belegt.
Artaunon heißt ein bei Claudius Ptolemäus genannter Ortsname in Germanien. Er wird mit dem Heidetränkoppidum verbunden, dass jedoch bei der beginnenden Provinzialisierung um die Zeitenwende schon lange nicht mehr bewohnt war. Nach der Eroberung 85 v.Chr. wird die Civitas Taunensium entweder nach Mons Tauno (Tac. ann. I 56) oder einem Stamm genannt. Der Zentralort wird Nida, ein Artaunon oder Artaunum ist in allen späteren Kartenwerken, auf Meilensteinen und in schriftlichen Quellen unbekannt. Ptolemäus hat ältere Quellen verarbeitet - möglicherweise exisitierte ein Ort Artaunon/Artaunum um die Zeitenwende, der die zentralörtliche Stellung des Heidetränkoppidums geerbt hat.

Armin Becker nimmt an, dass sich Rom in Südhessen erst mit der Kehrtwende römischer Germanienpolitik unter Tiberius 16 n.Chr. und dem Abbruch der Germanicus-Feldzüge aus dem Ostteil des Rhein-Maingebiets und der Wetterau (aber auch aus Waldgirmes) friedlich zurückgezogen hat. Er geht davon aus, dass Waldgirmes im Gebiet eines romfreundlichen Teils der Chatten lag, und Zentralort der Chatten werden sollte (Germanicus und die Chatten, 2015, in "Chattenland, Kolloquium 2009, Beiträge Archäologische Landesforschung 10). Bei der domitianischen Okkupation ab 83 und 85 n. Chr. wird Waldgirmes und das Gießener Becken nicht mehr erobert, sondern nur das östliche Rhein-Main-Gebiet und die Wetterau. Im westlichen Rhein-Maingebiet, im Gebiet der Mattiacer, werden spätestens 43 v.Chr. drei reguläre cohortes Mattiacorum als Hilfstruppen ausgehoben und dauerhaft an der unteren Donau (Moesia inferior) stationiert. Das lässt auf ein entsprechendes Bevölkerungspotential der Mattiaker und verlässliche Eingebundenheit des westlichen Rhein-Maingebiets vor der domitianischen Okkupation schließen.
 
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Ich möchte noch auf etwas anderes in dieser Frühphase aufmerksam machen: Cäsar spricht immer von germanischen Reitern, die er, nachdem die Haeduische Adelsreiterei während des Vercingetorix-Aufstands die Seiten gewechselt hatte, zur Hilfe gerufen hat. Diese germanischen Reiter verhelfen Cäsar in der Reiterschlacht Schlacht am Armançon – Wikipedia und bei der Schlacht um Alesia zum Sieg. Im Heidetränkoppidum wurde ein Silbermünzenschatz von 349 Münzen gefunden, der um 50 v.Chr. vergraben worden war. Der größte Teil dieser Nauheimer Quinare sind Überprägungen gallischer Silberquinare, über die Hälfte davon Caleten - und Haeduerquinare. Könnte das der Sold für die Dienste im Gallischen Krieg gewesen sein?
Korrektur:Eigentlich ist es mir schon beim Schreiben aufgefallen, die Caleten waren ein kleiner eher unbedeutender Stamm in der Normandie, warum sollten deren Quinare so bedeutend gewesen sein? Da hatte ich aus einer Rezension schnell etwas herausgegoogelt, und da das Ergebnis bei mir Stirnrunzeln hervorrief, überlegte ich, wie die Formulierung entstanden sein könnte. Es gibt Kaletedou-Quinare, die (veraltet) auch Kaletenquinare genannt werden, eine weit verbreitete, am römischen Denar orientierte Silberemmision aus dem östlichen Mittelgallien, bei denen meist auf dem Revers der Personenname KAΛETEΔOY (KALETEDOU) bzw. KAΛ (KAL) in griechischen Buchstaben geschrieben ist. Sie werden auch "deniers gaulois” (gallische Denare) genannt, sie orientieren sich am römischen Nominalsystem, Vorbild ist vermutlich ein Denar des römischen Münzmeisters Publius Cornelius Sulla, der auf dem Avers die Göttin Roma mit Flügelhelm und das Zahlzeichen “X” zeigt. Auf der Rückseite sind die Siegesgöttin Victoria auf einem von zwei Pferden gezogenen Biga sowie die Legenden P. SULA und ROMA. Diese Prägung wird auf das Jahr 151 v. Chr. datiert, der einen terminus post quem für die Datierung der Kaletedou-Quinare liefert. Von dieser gallischen Leitwährung gibt es wahrscheinlich mehrere Münzstätten. Die gallischen silbernen überprägten Quinare vom Heidetränkoppidum stammen von den Aedui (Häduer), Lingonen, Bellovaci, Arvernern, Bituriges Cubi und Sequanern. Einen Datierungsanhalt liefert eine sequanische Münze mit lateinischer Inschrift, die aufgrund der Namensform unmittelbar nach der Eroberung Galliens bei den Sequanern geprägt wurde, demnach ist diese Münze frühestens 50 v.Chr. als Überprägung in den Boden des Oppidums gelangt (W.David, in Keltenland Hessen, 2022, S.101).

Nachtrag: die gesuchte Münze, möglicherweise verloren von einem ubischen Krieger aus Cäsars Leibwache, ist ein keltiberischer Silberdenar aus der nordspanischen Stadt Tarazona. Die Münze wurde bei Wetzlar-Büblingshausen 1950 bei Gartenarbeiten gefunden. Michael Speidel hat die Anwesenheit der germanischen Leibwache im römischen Bürgekrieg verfolgt, sie hat sich auch in Nordspanien am Ebro aufgehalten(Riding For Caesar - The Roman Emperor's Horseguard (1994), M.Speidel. Hinweis aus https://www.academia.edu/11377496/K...ng_spätlatènezeitlicher_Fundgruppen_in_Hessen

Unten links gallischer Kaletedou-Quinar,, und der keltiberische Silberdenar mit der Legende turiasu, unten rechts


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