Erinnerungskultur - Was ist wichtig für die Deutschen?

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von GruppeausPolen, 17. Dezember 2015.

  1. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Okay, war nicht ganz einfach zu lesen. Wenn die Figur O-n-D eh kaum existierte, ist sie mir auch wurscht.

    Ich dachte, du wolltest, wie Goldhagen, alle meine Otto-normal-Opas und -Omas, Uropas, Grossonkel und Tanten etc zu Anti-Semiten machen. Das wär mir dann doch sauer aufgestossen.
     
  2. Ich lese interessiert hier mit, aber die These ist wohl nicht haltbar oder zu beweisen. Zumindest nicht mit objektiven Quellen aus entsprechender Fachliteratur.
    Vielleicht zielt die Aussage mehr auf den Umstand, dass es aus der regionalen Sicht der Bevölkerung eine gewisse Distanz gegenüber allem Fremden und Neuen besteht, so eben auch Fremdenfeindlichkeit die z.B. zu Antisemitismus verklärt wird.

    Aber die Bevölkerung hier, egal aus welcher Epoche zu verallgemeinern wäre ein falscher Ansatz. Dazu sollte die Gesellschaft oder die regionale Bevölkerung auch immer aus dem Blickwinkel der Zeit betrachtet werden und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger der Erfahrung aus der Gegenwart.
     
  3. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Goldhagen weist auch darauf hin, dass es selbst in der Endphase des 2. Weltkrieges keinen nennenswerten Widerstand der Deutschen gegen den Holocaust gegeben hat. Selbst als kurz vor Kriegsende, als bereits nur noch Chaos herrschte und die Niederlage eigentlich jedem klar war, nach der Räumung der KZ´s die Häftlinge auf langen Todesmärschen tagelang durchs Land geprügelt wurden, wagte es niemand, sich für sie einzusetzen. Es sind zumindest keine nennenswerte Aktionen bekannt.
    Im Gegenteil, häufig beteiligte sich noch die jeweilige Dorfbevölkerung, die ausgemergelten Gestalten totzuschlagen. Gardelegen dürfte ein bekanntes Beispiel dafür sein, das auch Goldhagen nennt.

    Allerdings halte ich Schuld und Sühne für quasi-religiöse Begriffe. Das erinnert mich eher an rituelle Handlungen mit denen man die Schuld "abwaschen" möchte. Aber wo bleibt die Verantwortung?

    Schuld (im Sinne von Ursächlich) ergibt sogar für den konkreten Verursacher einer Handlung nur dann Sinn, wenn ich nicht nur von Handlungsfreiheit, sondern sogar von der Existenz eines freien Willens ausgehe. Also, dass ich nicht nur tun könne, was ich will, sondern sogar wollen könne, was ich will. Eine logische Unmöglichkeit, da das Wollen dann ja ein Vor-Wollen voraussetzte ad infinitum.

    Ich bevorzuge Verantwortung und Wiedergutmachung. Verantwortung kann ich sogar haben oder übernehmen, wenn ich nicht der konkrete Verursacher bin.
    Ich denke, die heutigen Deutschen tragen schon eine besondere Verantwortung. Nicht in dem Sinne, belehrend aufzutreten, wie es leider sehr oft passiert ("wir haben gelernt - ihr müsst auch noch lernen") oder mit gesengtem Kopf durch die Welt zu gehen, sondern den furchtbaren Schaden, den der 2. Weltkrieg Europa angetan hat soweit wie möglich wieder gut zu machen.
    So sehe ich es zumindest.
    Das soll nicht heißen, dass Nichtdeutsche keine Verantwortung trügen.
     
  4. Anthropos

    Anthropos Neues Mitglied

    Ich kenne dich und deine Familie nicht, deshalb könnten diese theoretisch alles zwischen Widerstandskämpfer, KZ-Gefangene, Mitläufer und Täter sein. Mir geht es darum, dass sich fast die Gesamtheit der "Deutschen" sich dem Leitbild des "Otto-normal-Deutschen" unterworfen haben und den Antisemitismus entweder aktiv oder passiv am Leben gehalten haben. Man könnte wahrscheinlich zwischen "aktiven" Antisemiten und "passiven" Antisemiten unterscheiden, die, die aktiv gegen Juden gehandelt und die, die den Antisemitismus zugelassen haben.
    Also waren deine Grosseltern, etc. entweder "Aktive Antisemiten" oder "Passive Antisemiten" (und hätten als Teil einer der beiden Gruppen auch zu einem gewissen Maße dem Typus "Otto-Normal-Deutsche" entsprochen) oder halt keine Antisemiten (und damit hätten sie gegen die "deutsche Identität" gehandelt)
     
  5. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Okay, schon wieder nicht richtig gelesen. Ich denk mal, in einer dieser drei Schubladen kann ich Omma unterbringen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Dezember 2015
  6. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    "Wer wird Millionär" ist eine der seriösesten Sendungen im deutschen Privatfernsehen. Aber davon mal abgesehen, triffst du hier einen wichtigen Punkt: im Land der Dichter und Denker klafft doch eine eklatante Lücke zwischen Hoch- und Populärkultur, was ich auch stärker als in anderen Ländern empfinde. Man hat manchmal regelrecht das Gefühl, der Deutsche schämt sich für seine Massenkultur, und zwar nicht mal zu Unrecht! Dass z.B. der berüchtigte "Schulmädchenreport" auch heute noch der siebterfolgreichste deutsche Film der letzten 40 Jahre ist, ist in diesem kollektiven schwarzen Loch verschwunden. Umgekehrt wird die Hochkultur sehr gehätschelt, so dass man z.B. Mozart, Haydn, Bach und Beethoven sicher fast rund um die Uhr auf einem der Kultursender hören kann. Dagegen ist auch nichts zu sagen, allerdings hübscht die hohe Präsenz das wahre kulturelle Interesse des Volkes im Ganzen etwas auf.
     
  7. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Versuchen wir doch mal ein Zwischenfazit, obwohl ich wahrscheinlich am wenigsten dazu geeignet bin. Die Frage war ja, was einem Deutschen so als Erstes einfällt, wenn er an die Geschichte seines Landes denkt. Nun ist es in einem Geschichtsforum nicht verwunderlich, daß dabei viele Dinge zusammenkommen - selbst der pfälzische Erbfolgekrieg :scheinheilig:. Wartet man aber ein Weilchen ab, fokussiert sich alles mehr und mehr auf den zweiten Weltkrieg, und untermalt ist alles von einem gewissen Kulturpessimismus.

    Auch ich kann mich davon nicht ausnehmen, obwohl ich eine gewissen Zwiespalt nicht verhehlen kann. Wodurch bestimmt der 2. WK mein Geschichtsbewußtsein (oder beeinflußt es zumindest ganz stark?) Durch Medien! Fernsehen, Filme, Zeitungen. Bücher für mich persönlich weniger, von der riesigen Masse habe ich kaum etwas gelesen, was zum Teil der Zeit, die ich so zur Verfügung habe, zum größten Teil aber meinen Interessen geschuldet ist - ich habe mal die Hitlerbiographie von Kershaw gelesen, ansonsten lese ich eher Bücher über den peloponnesischen Krieg.
    Aber - in meinem persönlichen Leben berührt mich das Thema interessanterweise kaum. Mein einer Großvater, der überlebt hat (der andere gefallen) hat nie etwas erzählt, wie die meisten Großväter wohl, meine Omas, die in Deutschland waren, haben nie etwas erzählt, meine Eltern, die Kinder waren, haben nie etwas erzählt. In der Schule waren die Jahre 33-45 mehr ein Block, der eine antifaschistische Tradition rechtfertigen sollte, ansonsten wurde uns vielmehr die Geschichte der Arbeiterbewegung eingeimpft. Ich hätte als Zehntklässler eher etwas über Ferdinand Lassalle erzählen können als über Hermann Göring. Und letztlich: im Gespräch mit Familie, Freunden, Kollegen, Bekannten - man redet nie über die Nazizeit. Über heutigen Neonazismus schon, aber ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ich mit jemanden zusammensaß und über Auschwitz debattiert habe. Insgesamt ein interessanter Spannungsbogen.

    Nun ist hier auch viel von der Frage kollektiver Schuld oder Verantwortung diskutiert worden. Auch ich gehöre zu jenen Leuten, die bei der Aufforderung an alle, die stolz auf ihr Land sind, sich an einem Punkt aufzustellen, konsequent die gegenüberliegende Ecke aufsuchen, weshalb ich mal ein bißchen sticheln will. Gibt es denn hier jemanden, der sagt, das ist mein Land und/oder mein Volk, von/in dem der Buchdruck, das Porzellan, der Protestantismus, die Archäologie, das Auto, der Computer, der Fernseher, die Rakete, die Kernspaltung, die Thermoskanne und das MP3-Format erfunden wurde? Na?
     
  8. Iceman

    Iceman Mitglied

    Und die anderen genannten Sendungen sind ja mitnichten die Ausgeburt deutscher Köpfe. Sie kommen aus Amerika, sind aber wie euch bekannt ist im ganzen Westen verbreitet.

    BTT
    Was fällt mir zu Deutschland ein?
    Ich liebe dieses Land mit allen seinen Fehlern,
    weil wir vieles erreicht haben. Man kann hier frei sprechen,
    der Staat hilft einem wenn man Probleme hat, wir haben ein gutes Schulsystem
    und können auch ohne aus reichen Familien zu kommen aufsteigen.

    Jetzt kann man sicherlich sagen, es gibt Länder in denen klappt das alles besser,
    aber diese Länder haben weitaus weniger Einwohner als Deutschland.

    Übrigens auch sehr interessant was Leute von anderen Kontinenten über uns denken,
    die sehen uns positiver als wir uns selbst :D
     
  9. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Vielleicht aber nur, weil wir uns selber besser kennen? Für unser Schulsystem würde ich nach meinen aus verschiedenen Positionen gewonnenen Ansichten keine Lanze brechen.
     
  10. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    ich würde es anders nennen. Nachdem ich einem muslimischen Kanadie erzählt habe, dass man hier morgens nicht die Nationalhymsne singt in der Schule, wurde ich von ihm nur schräg angeguckt.


    Viele, die ich kenne, sehen uns wirklich positiver als wir und selbst, aber was meiner Meinung nach "normal" ist. Die meisten "Ausländer" betrachten einen besser als die Inländer selbst.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dazu musst du aber erklären, dass du in Ostdtld. (in der DDR) aufgewachsen bist. In Westdeutschland hatte man im Geschichtsunterricht andere Inhalte.

    Na dich. "Soeben". ;)
     
  12. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    :D Geht doch aus dem Subtext hervor, oder?


    Na, von der Kernspaltung distanziere ich mich sofort wieder. Käme ja nie auf die Idee, das Unteilbare teilen zu wollen.
     
  13. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied


    Und diese Aufzählung könnte man noch mit vielen weiteren ergänzen.

    Ich hatte mich mit meinem Beitrag (#17) da bemüht.

    Wie allerdings der Verlauf des Thread zeigt, Überlastigkeit der Jahre 1933 – 1945.

    Nach der Wende war ich recht viel in osteuropäischen Ländern unterwegs (Litauen, Polen, Ukraine, Estland, Slowakei, Weißrussland und Russland, einschließlich Königsberg).
    Ich kann mich nicht erinnern, dass die Gespräche sich überproportional mit dieser Zeit beschäftigten.
    In Šiauliai, Kraków und in Moskau spielte dies mal am Rande eine Rolle.

    Ich erinnere mich. In Moskau sagte man mir, wenn ihr es noch einmal probiert bekommt ihr richtig den A____ voll, auch wir Russen lernen aus der Geschichte.

    Ähnliches hatte ich mal – noch zu DDR Zeiten – von einem Bekannten gehört der mit einer Touristengruppe Wolgograd besuchte.
    Hier mal ein Bild aus Kaliningrad:

    Königsberg 2012.jpg
    Und wenn ich noch hinzufügen darf...
    Mir war es lieber in Gwardeiskoje / Mühlhausen dabei zu sein ein Bäumchen zu pflanzen zu ehren der jüngsten Tochter von Martin Luther die dort gelebt hat, als am großen Kreuz des Soldatenfriedhofes einen Kranz zu legen.
    Ich weiß nicht wie es den anderen geht, mir geht es jedenfalls so, man wünscht sich es hätte diese Zeit 1933 – 1945 nie gegeben und die unzähligen Opfer (Deutsche, Russen usw.) hätten ihr Leben leben können.

     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Dezember 2015
  14. Iceman

    Iceman Mitglied

    Ich würde sagen, weil wir eh über alles meckern :yes:
    Aber auch da gibt es Leute die das positiv sehen.

    Naja das Schulsystem,
    die kleineren west und nordeuropäischen Länder sind uns
    sicherlich etwas überlegen, aber wenn ich von Freunden höre wie einfach die High School in den USA ist oder man in Japan bis 23 Uhr nur an den Hausaufgaben hängt bevorzuge ich unser Schulsystem.
    Man muss das ganze halt sehr differenziert sehen ;)
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Man kennt doch den alten Kalauer dass der Pessimist sagt: "Schlimmer kann es nicht mehr werden" Darauf der Optimist: Doch, es kann!" Schlimmer geht immer.

    Ich arbeite (mein 3. Job) momentan als Nachhilfecoach, und ich muss sagen, dass es mich wahnsinnig belastet, wenn ich sehe, wie schon Kinder an unserem Schulsystem zerbrechen, gebrochen werden oder auf der Strecke bleiben, weil ihre Eltern ihnen nicht helfen können oder sich gegenüber Schulämtern, Lehrern etc nicht durchsetzen können. Ich beneide auch die Lehrkräfte nicht. Ich hab in meiner Schulzeit in den 70ern 80ern in der Grundschule drei Schulwechsel, kann mich aber nicht an einen einzigen Fall erinnern, dass Kinder in der Grundschule schon Nachhilfeunterricht gebraucht hätten. Da gab es mit Sicherheit noch eine Menge Missstände (Backpfeifen, Haareraufen, tieffliegende Schlüsselbunde) aber viele Lehrkräfte waren inspiriert von der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre, und es waren doch unter meinen Mitschülern eine recht große Zahl, die nicht aus Akademikerfamilien stammten und trotzdem Abitur machten. Auch Absolventen von Real- und Hauptschulen hatten reelle Chancen ihren Weg zu machen und wurden nicht als Unterlinge eingeschätzt. Kürzlich erzählte mir mein Cousin, der in München lebt, dass Schüler/innen mit einem Notendurchschnitt von 2,7 auf Hauptschulen landen, sofern ihre Eltern nicht das Geld haben, sie auf eine Privatschule zu schicken. Mein Neffe ist Legastheniker und jetzt seit 2 Jahren auf dem Gymnasium. Er kommt gut mit, ist ein hochintelligenter Junge. Er hat aber die Grundschule verlassen, ohne richtig schreiben und lesen gelernt zu haben, und wenn meine Schwester nicht Druck gemacht hätte, wäre er auf einer Sonderschule gelandet. 10 und 11-Jährigen wird eingetrichtert-überehrgeizige Eltern von sehr überschaubarer Intelligenz sind meist noch schlimmer, als überforderte, lustlose Lehrkräfte- wer nach dem "Grundschulabitur" es nicht auf´s Gymnasium schafft, ist sowieso
    ein(e) Versager(in). Das Schlimmste ist, die Kinder glauben es. Eine meiner Lehrerinnen sagte mal zu meiner Mutter "Die Kinder müssen nicht nur in den Unterricht, sondern auch in die Pause. Was ich da so alles mitbekommen habe, lässt einem die Haare zu Bergen stehen. Anscheinend wird auf vielen Schulhöfen kein anderes Recht, als das des Stärkeren respektiert. Mobbing, Abziehen, Abrippen ist völlig üblich. Schüler, aber auch Lehrer haben eine geradezu panische Angst, in die Schule zu gehen. Gesiebt und selektiert wird schon nach Vornamen. All die Kevins, Dennis, Chantales und Janins (sic) können einem leid tun. Nachhilfeunterricht können sich aber nur Leute leisten, die ihren Kindern Namen geben, die unsere Groß-und Urgroßeltern hatten. Alles redet von Bildung, und Kultusminister(in) wird man in der Regel nicht freiwillig. Eigentlich darf ich mich nicht mal drüber beschweren, denn vom finanziellen Gesichtspunkt kann einem als Akademiker/Freiberufler ohne Beamtenstatus nichts Besseres passieren und ein Stundenlohn von 20 Euro ohne etwas schwereres als einen Bleistift zu heben, schaffen in der freien Wirtschaft heutzutage nur wenige. Eines aber ist mal sicher, wer im deutschen Bildungssystem sei es als Schüler, sei es als Lehrkraft überleben will, muss sich ein ganz dickes Fell wachsen lassen.
     
  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das sagt aber eher etwas über (mangelnde) Qualität des Privatfernsehens aus. Bei wer wird Millionär ist vor einiger Zeit ein Kandidat daran gescheitert, dass er den Ballermanhit "10 nackte Friseusen" nicht kannte. Noch unseriöser war im März 2013 die berühmte "Tribünenfrage". Eigentlich war nach Meinung vieler Experten keine der von Endemol vorgegebenen Lösungen korrekt. Nach den Regeln dürfen die Lösungen nicht die normale Allgemeinbildung übersteigen. Soweit ich weiß, wurde aber dem Kandidaten keine 2. Chance gegeben.
     
  17. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die müssen ja auch nicht in Deutschland leben. Es aus der Ferne zu lieben, ist leichter, als drin zu leben zumal als soziale Minderheit.
     
  18. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ja, ja die Deutschen...
    Wie sagte doch mein Deutschlehrer!?

    Friedrich von Schiller kannte die Deutschen sehr gut.

    * „Wilhelm Tell“ schrieb er für die Schweizer.
    * „Die Jungfrau von Orleans“ für die Franzosen.
    * „Maria Stuart“ für die Engländer.

    Und was schrieb er für die Deutschen?
    · „Die Räuber“. :still:
     
  19. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Ich besuchte letztes Jahr zusammen mit amerikanischen Freunden den American Cemetery in Luxemburg. Es war für mich ein beeindruckendes Erlebnis, wie die Amerikaner da ihren gefallenen Soldaten gedenken. Wie man durch die endlosen Gräberreihen schreitet, Gräber von Soldaten sieht, die den Westen Europas von Tyrannei befreit hatten und dafür umgekommen waren. Und die Art und Weise, wie man Ihnen posthum Ehre erweist. Ich muss sagen, das hat mich im Innersten berührt.

    Darauf angesprochen, welche großen Friedhöfe von deutschen Soldaten es gäbe, kam ich als jemand, der es eigentlich nicht so dicke mit Soldatenfriedhöfen hat, ins Stottern. Ich konnte spontan nicht so richtig Auskunft geben. Meine amerikanischen Freunde kommentierten dies nicht - bis heute nicht - aber es war offensichtlich, dass sie für meine Unkenntnis darüber nicht das geringste Verständnis aufbrachten, ja sogar leicht irritiert waren.

    Viele deutsche Soldaten waren total verblendet, eigentlich genauso Opfer. Ihr Idealismus wurde schamlos ausgenutzt und sie verraten und verkauft. Sie haben, wie in einem bekannten Lied von Reinhard Mey, "ihren wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluss". Die meisten waren wohl Opfer ihrer Zeit, in die sie dummerweise hineingeboren wurden.
    Früher hätte ich nicht das geringste Interesse daran gehabt, an einem deutschen Soldatenfriedhof einen Kranz nieder zu legen. Inzwischen sehe ich es anders.

    Deinem letzten Satz kann ich nur zustimmen. Selbstverständlich.
     
  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bewundere die physischen und psychischen Leistungen der Kriegsveteranen von 1914-18 und 1939-45. Was sie geleistet haben, ging weit über das hinaus, was fairerweise von Menschen erwartet werden kann, und viele Kriegsveteranen, die zurückkehrten, waren wie mein Opa stark traumatisiert, manche gebrochen an Leib und Seele. Dass sie es schafften (manche leider nicht) wieder im zivilen Leben Fuß zu fassen, war fast eine ebenso große Leistung, und im Gegensatz zu den Veteranen von 1914-18 fanden sie wenig Achtung und Respekt. Kein Mensch ehrte sie, wie das bei Veranstaltungen in GB und den USA üblich ist. Die meisten versteckten Kriegsauszeichnungen in Zigarrenkisten, feilten die Swastika ab, und sie mussten sich von der Generation meiner Eltern kritische Fragen gefallen lassen, was sie in Polen und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion getan hatten während des Krieges.

    Inzwischen bin ich im Laufe der Jahre zur Ansicht gelangt, dass man denen keine Vorwürfe machen kann, wenn sie gewisse Ereignisse verdrängten. Es ist psychologisch logisch, Unrecht, dass man nicht verhindern kann, zu verdrängen.


    Trotzdem waren die Fragen nach dem, was an der Ostfront und im Hinterland geschah legitim, eine wirkliche Aufarbeitung war späteren Generation vorbehalten, die die "Gnade der späten Geburt" nicht in Anspruch nehmen wollten, nicht nehmen konnten. Ich weiß, dass Mitglieder meiner eigenen Familie dem Faschismus zugeneigt waren und zumindest Zeugen wurden, wie schlimme Dinge geschahen. Dass ich sie zu Lebzeiten sehr geschätzt, respektiert und geliebt habe, macht die Sache nicht leichter, aber deutsche Soldaten waren nicht nur verblendete Opfer eines menschenverachtenden Systems, sondern auch Zeugen, Mitläufer und Täter.

    Die Verwilderung der Kriegsgesetze färbte leider auch auf die Befreier ab, und damit meine ich nicht nur die Plünderungen und massenhaften Vergewaltigungen der Roten Armee (nicht nur in Ostpreußen, Pommern und Schlesien, sondern auch in Polen, Rumänien und Ungarn) die die größten Opfer und Verluste und den größten Blutzoll an der Befreiung vom NS trug.

    Die Briten und Amerikaner achteten im Großen und Ganzen die Genfer Konvention, und zeichneten sich als faire Sieger und Befreier aus, die relativ schnell wieder geordnete Verhältnisse herstellten. Frauen, Kinder und Fahrräder waren in der Regel vor ihnen sicher. So psychologisch verständlich Terrorangriffe auf Wohngebiete, Urlauberzüge und in den letzten Kriegstagen selbst einzelne Zivilisten waren, sie blieben doch Unrecht.

    Was die Erinnerungskultur in der anglo-amerikanischen Welt betrifft, habe ich manchmal den Eindruck, als müsste auch der Gegner heroisiert und überlebensgroß gezeichnet werden. Die Aussage, dass die Mehrzahl der Kriegstoten aller Nationen des 1. Weltkrieges sinnlos verheizt wurden für einen imperialistischen Krieg, im Interesse des Kapitals würde vermutlich bei den meisten Briten, Amerikanern und Franzosen auf Widerspruch stoßen, selbst wenn es in vielen Einzelfällen der Wahrheit entspricht. Dem regen Interesse der Briten am "Great War 1914-18" zumal was Westflandern betrifft, verdanke ich viele detaillierte Informationen und Besuchern aus Kanada, Australien und dem UK, die wie ich selbst die wiederaufgebaute Stadt Ieper/Ypres ins Herz geschlossen haben, eine Menge an Anregungen, die zu einer differenzierteren Geschichtsperspektive beitragen. Für meinen Geschmack ist aber der Totenkult am Meenentor ein wenig zu martialisch. Andererseits profitiert Ypern vom Tourismus, und es ist durchaus zweifelhaft, ob das renommierte Museum "In Flanders Field", das in der historischen alten Tuchhalle aus dem Mittelalter untergebracht ist, ohne die Arbeiten britischer Historiker und Kriegspoeten wie Wilfried Owen (gefallen in den letzten Kriegstagen 1918), Siegfried Sassoon und John McCraw nach dessen Gedicht In Flanders Fields the poppies grow... das Museum seinen Namen hat.

    Sofern Erinnerungskultur dazu beitragen kann, aus Geschichte zu lernen- und obwohl pessimistisch behaupte ich, dass es möglich ist, aus Geschichte zu lernen- so sollte sie die Perspektive des Anderen integrieren. Das mag in Waterloo oder Gettysburg vielleicht eher gelingen, als bei D-Day Feierlichkeiten, von Veranstaltungen zum Gedenken des "Großen Vaterländischen Krieges ganz zu schweigen. Aber eine Gedenkkultur, die verschiedene Perspektiven einbindet, hat eine weitaus größere Chance, nicht zum pathetischen Ritual und zum Totenkult zu erstarren.
     

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