Ich musste auch an Wolfgang Borchert denken. Ich bin zwar nicht sicher, ob er tatsächlich in Gefangenschaft geschrieben hat, aber er taucht unter dem Stichwort "Gefangenenliteratur" auf. Borcherts eindringliche Beschreibung hat mich mit 15 Jahren übrigens dazu veranlasst, mein erstes Gedicht (freiwillig) auswendig zu lernen. Ich wollte auf die Situation vorbereitet sein, ganz auch mich selbst zurückgeworfen zu sein. Ich dachte, ein wenig Literatur im Gehirngepäck würde dann helfen.
Da fällt mir Günter Eich ein, der wahrscheinlich 1945 bereits im Rheinwiesenlager "Goldene Meile" Gedichte schrieb. Wikipedia schreibt, das sei nicht sicher, aber in
Inventur bezeichnet er seinen Bleistift als seinen wichtigsten Schatz, was darauf deutet, dass er das Gedicht in Gefangenschaft geschrieben hat:
Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.
Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.
Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.
Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,
so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.
Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.
Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
Wikipedia wartet noch mit dieser für das Threadthema interessanten Info auf:
Es lohnt auch ein Blick auf die Umstände der Gefangenschaft. Die Haftbedingungen in der BRD etwa lassen sich sicher nicht mit denen eines Galeerensklaven vergleichen. Deshalb hatte ich auch gezögert Cervantes zu nennen.
Cervantes war asaf kein Galeerensklave. Er war zwar Gefangener in Algier, aber wurde dort nicht auf die Galeeren gepresst. Es gibt Schriften, die Cervantes vielleicht in Algier begonnen hat, bzw. Schriften anderer Autoren, die Cervantes zugeschrieben werden, weil sie ihm im Stil ähneln.
So gibt es z.B. das 1612 erschienene Buch
Topografía e historia general de Argel, als dessen Autor der Benediktinerabt Diego de Haedo firmiert. Man hat aber lange gesagt, dass nicht dieser, sondern Cervantes' Freund und Mitgefangener Antonio de Sosa, ebenfalls Benediktiner, der Autor dieses Buchs sei, schon weil Diego de Haedo nie in Algier war und daher die detaillierten Beschreibungen der Stadt gar nicht hätte leisten können.
Der renommierte amerikanische Hispanist Daniel Eisenberg stellte dann 2005 die These auf, dass der tatsächliche Verfasser dieses Buchs Cervantes war. Sosa kennen wir sonst nicht als Autor und der Stil ist sehr cervantinisch.
Den
Quijote begann Cervantes aber im andalusischen Gefängnis.