Die industriell-politisch-militärische "Allianz der Moderne"
...ich bin ja aus skurrilen Hobbygründen eine Art "Fan" des Stahlbetons und mische mich mit meinem Spleen
Festungsbau gerne gleichermaßen wie unqualifiziert ungefragt in allerlei Themen ein und habe folglich nicht grundlos den Spitznamen "
Festungsfreak"



und das ist auch hier mal wieder der Fall... bevor ich deswegen Schelte kriege:hin und wieder gelingt mir doch der eine oder andere Blick über den stupiden fortifikatorischen Horizont: mit der Industrialisierung hat dieses kunsthistorische Nischenthema zu tun
Belle Epoque: Jugendstil in Stahlbeton und hier findet sich ein ganz exquisites monumentales Exempel en detail
B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum
Im Zusammenhang mit Industrialisierung-Stahlbeton-Militärgeschichte bin ich über einen exzellenten Aufsatz gestolpert, den ich wärmstens empfehle, denn er verdeutlicht einiges an historischen Dimensionen:
und darin
Volker Mende Im Wesentlichen nach Clausewitz ? Das preußisch-deutsche Festungswesen zwischen Waterloo und Versailles . ....... 115
Und stop! Nicht aufschreien oder kopfschütteln, sondern lesen, und zwar ganz besonders:
ab S. 124 Julius Diener (1841.1921)
Man darf nunmehr davon ausgehen, dass das bisher bekannte Duo Krupp – Kaiser eigentlich ein Trio war: Krupp – Diener – Wilhelm II. Diener verstarb 1921 in Kassel.
Krupp-Industrialisierung-Artillerie-Kaiser-Stahlbeton (!) und das zog weitere Industrialisierungskreise:
ganz besonders ab S.135
Dr. Ing. h. c. Julius von Bailer (1853-1918)
Eisenbewehrter Zementbeton etablierte sich als Baustoff im Festungsbau. Er war in der Lage, die ungeheuren Gewichte der mit Stahlpanzern gedeckten Geschütztürme zu tragen. Zudem standen nunmehr neue Methoden der Betonherstellung, -verarbeitung und -nachbehandlung zur Verfügung. Die zivil-militärische Zusammenarbeit mündete schließlich in der vom Ingenieurkommitee um 1913 erstellten ‚Betonierungs-Anleitung‘. Diese Anleitung ist insofern beachtenswert, als dass sie deutlich macht, dass alle Panzertürme Deutschlands vom Krupp’schen Grusonwerk Magdeburg geliefert werden. Es wird zudem angewiesen, dass im Falle eine Festungsverwaltung die Betonprüfung nicht durchführen könne, die staatlichen Materialprüfungs-Ämter, unter anderem an der Technischen Hochschule Stuttgart, hinzuzuziehen seien.
Spätestens mit der zweiten Bauphase ab 1896 formierte sich im Festungsbauwesen des Deutschen Reiches ein gut vernetzter monarchisch-militärisch-industrieller-Block. Initialisiert durch direkten Eingriff Wilhelms II., an dessen Seite Julius Diener stand, hatte sich diese Melange zu einer parlamentarisch unkontrollierten Machtgruppierung im Staate vereint. Eingeweihten fiel dies durchaus auf, so etwa berichtet der sächsische Militärgesandten aus Berlin, das Militärkabinett ordne Festungsbausachen in „Allerhöchstem“ Auftrage an.87 Dass diese Struktur allerdings den Aufmarschplanungen des großen Generalstabes diametral entgegenstand, hat der Kaiser nicht wahrgenommen.
1907 als Oberst zur Disposition gestellt, ging von Bailer in die zivile Betonwirtschaft, als Generalbevollmächtigter der Eisenbetonbau-Firma W&F in Neustadt-Hardt. Kommerzienrat Freytag hatte 1884 Monierpatente erworben und holte den Berliner Zivilingenieur Wayß zur Umsetzung hinzu.69 Die Firma war einer der Giganten im europäischen Eisenbetonbau und agierte weltweit. Von Bailer war von 1909 an für W&F in St. Petersburg zur Einrichtung der Kanalisation und Trinkwasserversorgung tätig. Es ist nicht nachvollziehbar aus welchem Anlass ihm 1913 der Charakter eines Generalmajors verliehen worden war, möglicherweise wegen des deutschlandweit begangenen ‚Jubiläumsjahres‘ anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums Wilhelms II.70 Nicht auszuschließen ist, dass die, nach von Bailers Angaben auf seine Initiative hin,71 in Kummersdorf 1908 bis 1910 errichteten Eisenbeton-Versuchsbauten allerhöchstes Wohlgefallen auslösten. W&F entwarfen zudem für die deutschen Festungen erstmals präfabrizierte Betonelemente.
...klingt recht aktuell, oder? Nach dem ausscheiden in "die Wirtschaft"... und nebenbei wurde Bailer, der ohnehin Militärkarriere gemacht hatte, zum Dr.ing. für seine "Denkschrift über die Ergebnisse der Beschießung der Festung Lüttich, Namur, Antwerpen und Maubeuge, sowie des Forts Manoviller im Jahre 1914, Brüssel 1915."
Außergewöhnlich bedeutsam wird die Geschichte jedoch erst, wenn man betrachtet, wer in Brüssel von Bailers Assistent war und ihn bei der Besichtigung der zerschossenen belgischen Festungen und bei Abfassung der Denkschrift maßgeblich zur Seite stand, es war ein gewisser Leutnant Graf.77 Otto Graf ist im Zivilleben Ingenieur und Assistent des berühmten Materialforschers Carl von Bach an der Materialprüfanstalt der Technischen Hochschule Stuttgart. Seit 1911 bringen von Bach und Graf mehrere, im Auftrag des Deutschen Ausschusses für Eisenbeton erarbeitete Berichte zur Prüfung von eisenbewehrten Bauteilen heraus.78 Es war jenes Institut, welches Graf von 1927 bis 1950 leiten würde und das seit 1953 den ehrenden Beinamen ‚Otto-Graf-Institut‘ führt.
Seine Karriere zeigt, dass die komplizierter werdenden Bauaufgaben der in Beton ausgeführten Befestigungen ab 1902 letztlich zu einer nicht mehr voneinander zu trennenden und für die großen Baufirmen des Reiches einträchtigen ‚Allianz der Moderne‘ führten.