Hängt ihn auf ... öhm... ab!

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Dion, 4. Oktober 2022.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Sepiola danke für den Link - - und wenn man dann dort nachschaut, erfährt man auch, in welchen Kontexten und warum das Machwerk ausgestellt wird:
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Generell wäre anzumerken, dass die Nazis in keiner Weise einen eigenständigen gestalterischen Stil (weder in Architekur, Fotografie und Malerei) entwickelt haben. Sie haben sich innerhalb der üblichen Trends bewegt und sich daraus Richtungen herausgepickt, deren Grund sich manchmal nur im persönlichen Geschmack der Anführer finden lässt, die sich als Kunstkenner sahen (allen voran Hitler und Göring).

    Zieglers Vier Jahreszeiten ist stark klassizistisch geprägt und demnach eigentlich reaktionär, was die damaligen (internationalen) gestalterischen Tendenzen angeht. Nichtsdestotrotz kann der fotorealistische Stil nicht als antiquiert gelten, zumal er bis heute immer wieder als künstlerisches Gegenprogramm zur abstrakten Kunst auftritt. Jedenfalls aber wirkt Zieglers Gemälde äußerst konstruiert und sogar berechnend, was einer Authentizität der Künstleraussage widerstrebt. Eindeutig hochtrabend ist die Ausführung als »Triptychon«, was sich nur als Anspruch auf ›große Kunst‹ lesen lässt, zumal keine anderen Gründe ersichtlich sind. Ebenfalls dem Anspruch zuzuordnen sind die Busen der Dargestellten, die als einziges Element der Körper eindeutig Fantasieprodukte sind. Ihre unnatürliche Kugelform mit den kleinen Brustwarzen will einerseits die asexuelle Motivation des Malers dokumentieren (wie so oft auf klassizistischen Gemälden), und sich andererseits auf die Werke großer Meister beziehen, wie bspw. Cranach. Mit Sicherheit lässt sich Zieglers Bild also als wichtigtuerisch interpretieren. Hinzukommt die trügerische Abnahme der Figuren vom Podest; was sich vordergründig wie eine Absage an die Verherrlichung ausnimmt, ist im Grunde die Suggestion von Idealkörpern, die zuvor als Statuen existiert haben sollen.

    Und genau das liefert die eigentliche Problematik des Gemäldes, nämlich das Propagieren von Idealen. Aus meiner Sicht überinterpretiert ist aber die Darstellung von »unterschiedlich blonden Frauen«,* da zwei der Figuren Brunetten sind. Hingegen sind mir, ohne den Beschrieb der Pinakothek gelesen zu haben, die ungewöhnlich langen Gesichter der beiden äußeren Figuren aufgefallen, die das Museum mit »sogenannten ›Langschädeln‹« beschreibt und eine Annäherung an »einschlägige Publikationen zur ›deutschen Rasse‹« nicht ausschließt. Wäre möglich, aber nicht zwingend. Zumindest aber mit dem Hinweis auf Idealgestalten stellt das Gemälde eindeutig eine rassistische Agitation dar.

    Dennoch ist das Werk ein geschichtlicher Zeuge und liefert wichtige Informationen. Diese dem Publikum vorenthalten zu wollen, wäre eine Zensur, wie damals. Die agitative Aussage muss natürlich in wenigen, einfachen Worten zusammengefasst das Gemälde begleiten, damit die Beschreibung auch gelesen wird. Nur wenn man das Publikum (im Gegensatz zu sich selber) für unmündig hielte, wollte man das Ding wegsperren. Es gibt schlicht keine anderen Argumente für derartige Ambitionen, außer natürlich dem (nicht kommunizierten) eigenen Geltungsanspruch. Und bei allem Eifer sollte nicht vergessen werden, dass anderswo (allen voran in den USA) das verherrlichende Aktbild weit weniger kritisch beurteilt wird (siehe bspw.: Calvin Klein Werbekampagnen um 1989/1991; oder noch extremer: Pirelli Kalender 1990).

    *: https://www.pinakothek.de/blog/2020-03/31-03-2020-die-vier-elemente-von-adolf-ziegler
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2022
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  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Würde man die Nazi-Kunst gesondert zeigen, würde man nach dem gleichen Prinzip handeln, wie die Nazis gehandelt haben, als sie im Haus der Kunst zuerst die „entartete“ Kunst zeigten, und anschließend die „richtige, deutsche“.

    Nein, es gibt nur eine Kunst, die je nach Zeit, in der sie entstand, unterschiedlich ist oder sein kann. Und will man die 1930er Jahre zeigen, dann gehört die Nazikunst dazu – ob man das will oder nicht. Sie zu unterdrücken hieße, die Nazimethode anzuwenden, sprich Unliebsames unter Verschluss halten, um das Publikum nicht zu „verderben“.

    Und genau das ist auch das Argument, das gegen die Hängung von den Vier Elementen zusammen mit anderen Bildern angebracht wird: Man befürchtet, dass das Publikum Picasso verschmähen und Ziegler bewundern könnte.

    Diese Angst ist wohl real, aber wir müssen sie aushalten: Wenn das „Volk“ auch 77 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft lieber Ziegler als Picasso sehen will, dann ist das eben so. Punkt.
     
    Armer Konrad und Mashenka gefällt das.
  4. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich bin kunsthistorisch nicht sonderlich bewandert, aber bei Ziegler stellt sich mir die Frage: Ist das Kunst oder (ideologischer) Krempel?
     
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  5. PostmodernAtheist

    PostmodernAtheist Aktives Mitglied

    Es ist ja nicht so, dass Kunst nicht Menschen beeinflusst. Bei der Documenta oder wie sie heißt gab es ja auch nen Skandal wegen antisemitischen Bildelementen. Kein Mensch würde heute noch antisemitische Karikaturen drucken oder Hakenkreuze, außer vielleicht als Warnung oder Parodie. Die Angst vor der "Zensur" geht zu weit bei euch. Die begründete Kritik an der Nazikunst ist nicht die Verteuflung der modernen Kunst der Nazis.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2022
  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Obwohl ich deinen Beitrag ge-liked(von wegen Duden :p) habe, bin ich mit diesem ›basta‹ etwas unglücklich. Mir geht es hauptsächlich um den dokumentarischen Wert des Bildes, und nicht um die vorbehaltlose Bedienung des Publikums, auch wenn ich die Gefahren durchaus sehe, wenn heute am Mainstream vorbeiproduziert, resp. vorbeiausgestellt wird, um an vermeintlich moderneren Ausdrucksweisen festzukleben. Bei Zieglers Bild aber ist der Hinweis auf den Kontext erforderlich, insbesondere wenn es nicht in einer Ausstellung über Nazi-Kunst gezeigt wird. Ohne diese Information könnte der suggestive Rassismus im Bild auch unbewusst Spuren hinterlassen, wie auch von PostmodernAtheist befürchtet:
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Besondes bemerkenswert ist die Darstellung der nur teillweise verdeckten weiblichen Schamhaare, die in der abendländischen Kunst starken Tabus unterliegt. Als erste Abbildung weiblicher Schambehaarung in der abendläändischen Kunst gilt "Die nackte Maja" von Goya. Im 19. Jahrhundert war das schon ein Skandal. Bei Frauenakten wurden gewöhnlich weder die Schamhaare, noch die Vulva abgebildet, sondern stattdessen ein glatter Unterleib abgebildet, wenn der Schambereich nicht einfach komplett verdeckt war. Im hier besprochenen Tryptichon sind jedoch die Schamhaare teilweise sichtbar.
    Adolf Ziegler wurde zuweilen von Zeitgenossen auch als "Meister des deutschen Schamhaars" vespottet.

    Die Abbildung von Brustwarzen ist durchaus nicht selbstverständlich. In der klassizistischen Malerei sind sie bei Frauenakten häufig verdeckt, fehlen ganz und sind nur ganz schwach angedeutet wie z.B. sogar noch auf dem Skandalbild von Goya. (Ein prominentes Beispiel einer Frau ganz ohne Nippel ist z.B. das Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" von 1834.)
    Die Brustwarzen sind auf den Gemälden Zieglers ein wenig realistischer dargestellt als bei den Frauenakten des 19. Jahrhunderts.

    Zieglers eigentlichen Lebenswerk liegt jedoch vor allem im Bereich der Kulturpolitik und Zensur als Präsident der Reichskammer für bildende Kunst. Seine detailverliebte Malerei von Busen und Schamhaarne ist dagegen nur eine Randnotiz. Das spannendste am Bild sind auch nicht die nackten Frauen, sondern die schlichte Tatsache, dass das Bild mal bei Hitler am Kaminsims hing
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2022
  8. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

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  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das halte ich persönlich für großen Unsinn.
    Eine Ausstellung, die Kunst der NS-Zeit speziell thematisiert, könnte z.B. dafür interessant sein zu veranschaulichen, welche Bandbreite unter dem Regime produziert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, welche Möglichkeiten die Künstler damals hatten,Was gefördert wurde, was in welcher Weise propagandistisch eingebunden wurde, um welches Idealbild zu fördern etc.

    Ich bin der Meinung, dass es da je nach Konzeption durchaus sinnvolle Möglichkeiten gäbe Ausstellungen zusammen zu stellen, die sich rein mit NS-Kunst beschäftigen.
    Und sicherlich gäbe es dafür auch entsprechend sinnvolle Lokalitäten, im Besonderen NS-Dokumentationszentren (Ich denke da persönlich gerade an Nürnberg) und Gedenkstätten.

    Warum so etwas nicht veranstalten?

    Der Vergleich mit der Ausstellung, von den Nazis so bezeichneter, "entarteter Kunst" trägt da nicht, weil die Nazis dies ja als eine reine Schmäh-Veranstaltung anlegten.
    Das wäre aber bei einer Ausstellung von NS-Kunst etwa unter dem Gesichtspunkt kultureller Macht als Herrschaftstechnik, dass die Werke gar nicht beurteilen, sondern vor allem ihre Funktion herausstellen würde, in diesem Sinne nicht gegeben.


    Das geht am Wesentlichen vorbei.
    Denn es ist ja von niemandem gefordert worden, dass keine "Nazikunst" gezeigt werden sollte. Das ist ja nichtmal Inhalt des Protestbriefs, der hier Stein des Anstoßes ist, sondern da wird lediglich hinterfragt, ob dieser eine bestimmte Künstler bzw. sein Werk dort unbedingt ausgestellt werden müsse.
    Kann man natürlich hinterfragen.
    Das Bild abzunehmen, wäre ja durchaus nicht gleichbedeutend damit, dass dann Kunst aus der NS-Zeit nicht mehr gezeigt würde, sondern da wäre dann erstmal Raum für eine Debatte durch was es denn zu ersetzen wäre.
    Folgt man der Kritik des Verfassers, dass das Bild künstlerisch einfach nur mittelmäßig sei, vielleicht findet sich ja das eine oder andere Bild im Magazin, dass aus der NS-Zeit stammt und handwerklich etwas gelungener ist?

    In dem Fall wäre die NS-Zeit durchaus nicht unterrepräsentiert, aber dem Publikum würde möglicherweise etwas interessanteres zugänglich gemacht?

    Das halte ich ehrlich gesagt für froßen Unsinn
    Warum sollte jemand Künstler A verschmähen, nur weil er Künstler B möglicherweise gut findet, vollkommen egal um wen es sich dabei handet?
    Da gehst du von Paradigmen aus, die ich für relativ wenig sinnvoll halte, zumal es sich um vollkommen verschiedene Stilrichtungen handelt.
    Ziegler und Picasso nebeneinander zu hängen dürfte beim interessierten Beobachter vor allem zu der Erkenntnis führen, dass es sehr unterschiedliche Möglichkeiten gibt das gleiche oder ähnliche Motiv darzustellen und zu interpretieren.

    Die scheint bei dir real zu sein.
    Ich denke auf den Großteil der übrigen Bevölkerung trifft das eher nicht zu.

    Dem Großteil der Bevölkerung dürfte Ziegler nach wie vor nicht einmal ein Begriff sein.
    Was hat der Mann denn künstlerisch geleistet?
    Im Grunde genommen hat er eine Motiv, dass sich nicht groß von der leicht kitschig antikisierenden und gleichzeitig verklemmten Massenmode der wilhelminischen Zeit unterscheidet, mit einer zeitgenössisch modischeren Darstellungstechnik wiedergegeben, die er freilich nicht erfunden hat.
    Damit hat er nichts weiter getan als 2 verschiedene Strömungen aufgegriffen und miteinander kombiniert, was vermutlich auch 1.000 andere in der Zeit getan haben.

    Entsprechend sehe ich die Möglichkeit eines dezidierten "Zieglerkults" eigentlich nicht, dafür war der Mann künstlerisch nun wirklich zu unbedeutend.
    Und wie gesagt, so wie ich das sehe enthält das Bild eigentlich keine explizit für den Nationalsozialismus typischen Elemente.
    Wer das besser findet, als Picasso, der findet im Endeffekt mehr Gefallen an der Mode des ausgehenden 19. Jahrhundert und dem bürgerlichen Geschmack der Kaiserzeit, in einer etwas aufgehübschteren moderneren Darstellungsweise, als den Stilrichtungen der späten 1910er und 1920er Jahre
    So what? Wo wäre das Problem?

    Wenn du meinst, dass da irgendwer befürchten würde, das ausgerechnet dieses Bild zu irgendeiner Form von Massenbegeisterung für den Nationalsozialismus führen würde, siehst du nun wirklich eindeutig Gespenster.
     
    Traklson gefällt das.
  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dann müsste man sich allerdings darüber unterhalten über welche Kunst wir reden und von welchem konkreten Einfluss.

    Was allerdings eine vollkommen andere Diskussion ist, da hier möglicherweise auch strafrechtliche Normen (Volksverhetzung) und die Bedrohung eines Rechtsguts eine Rolle spielen könnten.

    Das ist eine komplett andere Diskussion, als im Fall von Zieglers Bild, dass ja in diesem Sinne nichts darstellt, dass man als Schmähung oder Verächtlichmachung irgendeiner Gruppe auffassen könnte.
    Bei Ziegler geht es ja einzig und allein um den persönlichen Hintergrund des Künstlers.

    Darf man hinterfragen, ob es angemessen sei, ausgerechnet einen von Hitler persönlich protegierten, nicht besonders innovativen Künstler, der in federführender Funktion dazu beigetragen hat, die Freiheit der Kunst in Deutschland zu unterbinden, dadurch zu ehren, dass man sein Bild etwa im Zusammenhang mit einem Picasso ausstellt?
    Natürlich darf man das.

    Ginge davon, dass man ausgerechnet dieses Bild abhängte und es durch ein andere ersetzte das Abendland unter?
    Nein, natürlich nicht.
    Zum einen war Ziegler nicht der einzige Künstler der NS-Zeit. Man könnte also ohne Probleme auch andere Werke aus der Zeit mit dem gleichen Thema dort ausstellen, ohne dabei gleichsam einen Funktionär, der für die Repression und Zensur der Kunst maßgeblich mitverantwortlich war, in besonderer Weise zu ehren.

    Heißt das, dass man keine Werke aus der NS-Zeit mehr zeigen dürfte?
    Nein, natürlich nicht. Warum sollte man diese nicht zeigen? Die Frage ist doch ob es nicht angemessener wäre entweder tatsächlich innovative Werke zu zeigen oder durch die Ausstellung zumindest solche Künstler zu ehren, die eben Kunst fabriziert haben (ob man die persönlich mag oder nicht) und sich ihre Sporen nicht als Zensoren des NS-Regimes verdient hatten.

    Was ist mit den diversen anderen Künstlern aus der Zeit, die nicht des Reichsansichtskartenmalers Favoriten und Funktionäre waren, aber trotzdem Kunst schufen, gegen die das Regime zumindest nichts einzuwenden hatte.
    Warum werden die nicht ausgestellt und stattdessen muss da ausgerechnet Ziegler mit einem Werk hängen, dass in keiner Weise besonders heraussticht?

    Heißt das, dass man Ziegler nicht mehr zeigen sollte?
    Auch das heißt es nicht, es stellt sich nur die Frage in welchem Zusammenhang das konzeptionell angemessen ist und ob er in diesen Zusammenhang gehört.
    Kann man drüber streiten.

    Ich bin ehrlich gesagt mit dem Begriff "Nazikunst" nicht so ganz einverstanden, weil ich nicht weiß, was er umfassen soll.

    Ist "Nazikunst"

    - Kunst die von den Nazis in Auftrag gegeben und bezahlt wurde?
    - Kunst die von einem Mitglied der NSDAP oder der verbandelten Organisationen geschaffen wurde?
    - Kunst die unabhöngig von den Nazis entstand aber von den Nazis gefördert wurde?
    - Kunst die einfach in NS-Deutschland entstand und von dden Nazis toleriert wurde?

    etc. etc.

    Ich denke bevor man diskutiert, was begründete oder nicht begründete Kritik an "Nazikunst" ist, sollte man zunächst mal klären, was man unter diesem Begriff überhaupt verstanden haben will.

    Ich sehe z.B. überhaupt kein grundsätzliches Problem damit irgendwas auzustellen, was im Deutschland der NS-Zeit von irgendeinem Künstler produziert wurde, der und dessen Werk keinen nennenswerten Bezug zum NS-System oder zur NS-Ideologie haben.
    Mit explizit vom Regime in Auftrag gegebenen Dingen, die einen bestimmten politischen Zweck erfüllen sollten und bestimmte Inhalte transportieren kann es schon sehr anders aussehen.
    Sollten diese vor dem Strafrecht problematische Inhalte transportieren und dazu gehört nicht nur die Schmähung von Teilen dder Bevölkerung und Aufrufen zu Verbrechen, sondern auch etwa die Verherrlichung des NS-Regimes und die Verharmlosung seiner Verbrechen, dann sieht das anders aus und dann habe ich damit meine Probleme.

    Das sollte man nicht so ohne weiteres in einen Topf werfen und "Nazikunst" draufschreiben.

    Je nachdem in welche Kategorie etwas fällt, stellt sich dann die Frage ob etwas öffentlich gezeigt werden kann, in welcher Weise es gezeigt werden kann (Z.B. unter entsprechenden Hinweisen oder im Rahmen einer Führung durch Sachverständige) und vor welchem konzeptionellen Hintergrund es sinnvoll ist, es zu zeigen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2022
    dekumatland gefällt das.
  11. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Stimmt, in England bis in die 1950er, weshalb auf Aktfotos die Schamhaare wegretuschiert, resp. weggekratzt werden mussten. Und dennoch kann das Weglassen der Schambehaarung auch als verkappte Vorliebe für Kindfrauen gesehen werden; typisch für verängstigte Männer, die ihre Vormachtposition schnell gefährdet sehen, und typisch für das patriarchalische und verklemmte 19 Jh.

    Sagt jetzt nicht unbedingt viel über Zieglers Werk aus. Jedenfalls aber kann man die Schamhaare auf diesem Gemälde nicht als Zeichen der Tabulosigkeit deuten; auch deswegen bin ich auf die beabsichtigte Künstlichkeit der Brüste eingegangen, auch wenn du die Nippelfrage anders siehst.
     
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ...was es nicht alles gibt... ;)
    Ist diese Fragestellung jemals kunsthistorisch durchgearbeitet worden, hat man Tabellen erstellt, welche Epoche "Nippel" besonders prägnant darstellt und welche sie eher verschleiert?
    Übrigens @Dion Eugene Delacroix solltest du eher zur Romantik als zum Klassizismus zählen, nebenbei gibt es von ihm auch dunklere, deutlichere "Nippel"
     
  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hatte gelegentlich auch anderes hervorgebracht, z.b. 1866 von Gustave Courbet ;)
     
  14. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Neben dem Triptychon ist eine ausführliche Erklärung, warum es da ausgestellt ist.

    Immer noch unterliegt? Doch ehe unterlag, schließlich sind wir nicht mehr im Jahr 1866, als das Bild Der Ursprung der Welt einen Skandal provozierte und anschließend aus der Öffentlichkeit verschwand. Doch heute kann es im Museum gezeigt werden, obwohl die „unverhüllte Darstellung der Vulva löst auch heute noch heftige Reaktionen beim Publikum aus. Im Musée d’Orsay wurde deswegen ein Wachmann mit der permanenten Bewachung nur dieses Kunstwerkes beauftragt.“ – weil es (vor allem religiöse) Fanatiker gibt, die dieses Bild am liebsten zerstören würden.

    Auch Egon Schiele musste 1911 ins Gefängnis wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ – seinen eigenen.

    Wahr ist aber, dass man bis in die 1920er Jahre hinein auch auf Fotos die Schamhaare wegretuschieren musste, um sie veröffentlichen zu können. Selbst gegen die FKK-Zeitschriften wurde prozessiert, was allerdings erfolglos blieb, weil die Richter in der sog. natürlichen Nacktheit – also ohne Posieren – keine Pornografie sahen.

    Das hat sich heute wieder geändert, d.h. man sieht es strenger. Gerade heute habe ich in der SZ gelesen, welche Probleme es den Staatsanwaltschaften das 2021 geänderte § 184 StGB bereitet: Viele Staatsanwälte klagen, sie würden mit minder schweren Fällen zugeschüttet und müssen dennoch Anklage erheben – Mindeststrafe 1 Jahr. Aber das nur nebenbei, um zu illustrieren, wie sich die Moralvorstellungen wandeln.

    Insofern war das Malen von Frauenakten, auf denen ungestraft Schamhaare zu sehen waren, in den 1930er Jahren – das haben z.B. Ziegler und Picasso praktiziert – schon ein kleiner Fortschritt. Gut, bei Ziegler artete das in eine Manie aus, aber grundsätzlich widersprach das der weit verbreiteten Ansicht, Nazis seien prüde gewesen – also im Vergleich zu früher.

    Ja, denn alles, was Hitler sagte oder tat, muss per se schlecht sein, also auch die Kunst, die er mochte.

    Diesen Schuh ziehe mir nicht an - Du hast mich mit jemand anderen verwechselt.
     
  15. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Da dein Interesse offenbar geweckt ist und ich dir leider keine einschlägige Literatur zur Geschichte der Nippeldarstellung nennen kann :oops:, hier paar Anmerkungen:
    Wie bereits erklärt, sind künstlich und aufgesetzt wirkende Brüste eine Spezialität des Klassizismus (unabhängig von der so genannten Epoche). Interessant diesbezüglich die Malereien des französischen Spätbarocks, als einerseits die Schäferinnenromantik gepflegt wurde, mit vertrauter Üppigkeit, kleinen Füßchen, zierlichster Handhaltung und kleinen Brüsten, aber immerhin meist realistisch dargestellt. Parallel dazu malten die klassizistischen ›Ordnungshüter‹ ihre antikisierenden Szenen, häufig mit ziemlich maskulinen Frauenformen und mit aufgesetzt und künstlich wirkenden Brüsten. Die Dualität der trendigen Verspieltheit und des bremsenden, im Grunde verklemmten Klassizismus ist generell bezeichnend für die künstlerische Entwicklung von etwa 1680 bis kurz vor der Revolution, wobei sich das Rokoko aus dem strengen Klassizismus herausschälte. Gesiegt haben schließlich die ›Ordnungshüter‹, nicht erst mit der Revolution, sondern etwa ab 1755/1760 aus England langsam und ›subversiv‹ ihre Ordnungsliebe verbreitend. Natürlich extrem vereinfacht und überspitzt erzählt,:cool: aber das Überleben der künstlichen Brust beleuchtend, die somit quer durch die Frühe Neuzeit, offenbar sogar bis zu den Nazis mitgeschleppt wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2022
    Maglor gefällt das.
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Dion Pardon! du hast recht bzw. das warst nicht du -- sorry
     
  17. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Darf man fragen,wer heutzutage den Nazis zuschreibt in diesen Dingen dezidiert prüde gewesen zu sein?
     
  18. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Diese „Nippel“ Diskusion ist ja interessant.
    Da erlaube ich mir auf den Film von Lina Esco zu verweisen.
    Erschien ab Dezember 2014.
    Der Titel des Films: „Free The Nipple“.

    Und dann hätte ich noch „Die weibliche Brust im Spiegel der Kunst“.

    http://www.ggg-b.de/_download/unprotected/biermann_v_brust_kunst.pdf

    Herausgeber: Institut für Kunstgeschichte Uni Leipzig, Frau Dr. Veronica Biermann.

    Wer Frau Dr. Veronica Biermann ist, dann bitte hier:
    https://www.burg-halle.de/en/university/staff/p/veronica-biermann/
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Oktober 2022
    Mashenka und dekumatland gefällt das.
  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Mashenka und Ralf.M gefällt das.
  20. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Interessante Bilder, die ziemlich unbekümmerte Ansichten der damaligen Gesellschaft in Bezug auf weibliche Brust zeigen. Aber das scheint nur im Hochmittelalter bis Renaissance der Fall gewesen zu sein. Später, im Zuge der Gegenreformation, gab man sich zugeknöpfter.

    PS: Und heute werden solche Bilder/Fotos aus den sozialen Netzwerken automatisch gelöscht – es sei denn, man sagt, das sei Kunst. Aber man muss das beweisen, sprich auf einen anerkannten Künstlern verweisen. :D

    PPS: Hat man in diesem Forum schon in einem Faden über die sich wandelnde Moralvorstellungen in der Geschichte unterhalten?
     

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