Bevor ich mich hier eventuell ins "falsche Licht" setze, ich will keinesfalls die Wiederaufrüstung gutheißen
Was hat denn das damit zu tun sich ins "falsche Licht" zu setzen?
Maßnahmen zur Wiederaufrüstung im gewissen Maße gingen gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags, aber es war ja auch unter den demokratisch en Regierungen Deutschlands, selbst unter den SPD-geführten Regierungen geübte Praxis die Bestimmungen über die Abrüstung zu unterlaufen oder zu umgehen.
Ich würde auch meinen, dass das insofern eine gewisse Berechtigung hatte, dass die 100.000 Mann-Reichswehr, die Deutschland zugestanden war nummerisch kleiner war, als die belgische Armee vor dem 1. Weltkrieg.
Damit war keine Grenze, schon gar nicht die lang gestreckte Ostgrenze zu verteidigen.
Und hinzu kommt, dass sich mit der zunehmenden Konsolidierung der Sowjetunion Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre die militärischen Gewichte/Potentiale auf dem Kontinent weiter verschoben.
Mit den relativ schwachen Polen als Nachbarn war die Situation mit dem 100.000-Mann-Heer vielleicht noch irgendwie tragbar, aber nach dem polnisch-sowjetischen Krieg und den daraus reultierenden Grenzstreitigkeiten durfte man ja durchaus unterstellen, dass sich die Sowjetunion früher oder später auf den Kurs einer Westexpansion begeben würde um zummindest die baltischen Staaten und "Ostpolen" bei Zeiten wieder einzusammeln.
Wäre das passiert, hätte man schlimmstenfalls als schwaches, wenig bewaffnetes Deutschland in einer ähnlichen außenpolitischen Lage gesteckt, wie 1914.
Ich würde von dem her sagen, dass eine mäßige Aufrüstung Deutschlands (natürlich nicht das, was Hitler tat), der Stabilisierung Europas zwischen den Weltkriegen durchaus sogar zuträglich hätte sein können, weil ohne sie die Sowjetunion sich durch das relative Machtvakuum in Zentraleuropa zur Expansion hätten eingeladen fühlen können.
Mäßige Aufrüstung bei Wehrpflicht hätte möglicherweise auch den Staat nach innen stabilisiert, weil es die Reichswehr zu einem bedeutenderen Machtfaktor gemacht hätte, gegenüber dem die paramilitärischen Verbände an Bedeutung verloren hätten.
Bei Wiedereinführung der Wehrpflicht, hätte sich ggf. auch der Charakter der Armee verändert, weil sich dann wieder mehr der Querschnitt der Bevölkerung in den Kadern wiedergefunden hätte. Kürzere Dienstzeiten und laufende Personalwechsel hätten das mehr durchmischt und für eine heterogenere Struktur gesorgt. Das heißt die Armee wäre wahrscheinlich weniger ein "Staat im Staate" und tendenziell verfassungstreuer gewesen.