In die Schilderungen des Anonymus, wie er die Tötung von Kindern durch reiche Ausländer beobachtet habe, sind authentische und schwer anzuschauende Amateuraufnahmen aus der Kriegszeit hineingeschnitten: blutende Opfer von Scharfschützen. Auch wird die erschütternde Geschichte eines Ehepaars geschildert, das seine kleine Tochter durch einen Scharfschützen verlor. Die Aufnahmen und die Geschichte sind echt – aber sie belegen nur die Verbrechen an sich, nicht eine Täterschaft durch ausländische Schützen. Durch eine manipulativ wirkende Schnittfolge wird diese Täterschaft aber zumindest unterschwellig insinuiert.
Seltsam mutet auch die Begründung des Anonymus dafür an, dass er nur als Schattenriss Auskunft gibt: Die Serben hätten ihn gewarnt, er dürfe nie über das reden, was er in Sarajevo gesehen habe. An anderer Stelle behauptet er dann aber, die Serben selbst hätten ihn zu den Stellungen ihrer ausländischen Scharfschützen-Kundschaft geführt – obwohl sie gewusst hätten, dass er für einen (amerikanischen) Geheimdienst arbeitete. Doch warum sollten die Serben den USA Belege für ihre Kriegsverbrechen frei Haus servieren?
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Der Film lässt viele weitere Fragen offen, doch die sind harmlos verglichen mit dem mitunter unfreiwillig komischen Festival an Bizarrerien, das Gavazzeni seinen Lesern bietet. Gavazzeni, der eine Recherche am Tatort sowie Gespräche in Sarajevo nicht für nötig hielt, stapft mit frohgemuter Ahnungslosigkeit durch das von ihm beschriebene Terrain. Da ist etwa von einer jugoslawischen Infanterieeinheit die Rede, die in Norilsk stationiert gewesen sei – nur liegt diese Stadt nicht in Jugoslawien, sondern in der sibirischen Permafrostzone.
Gerüchteküchenchef Gavazzeni serviert seinem Publikum alle paar Seiten Kostproben seiner ausgeprägten Fähigkeit, Zusammenhänge am Balkan nicht zu verstehen. Mal sind es eigene Irrtümer, mal gibt er die seiner Gesprächspartner unkommentiert wieder. Dass die Nachricht vom Massaker von Srebrenica erst zwei Wochen nach der Tat im Juli 1995 nach außen drang, ist ebenso falsch wie die Behauptung, zum Zeitpunkt des Bosnienkriegs seien Serbiens Autobahnen bombardiert worden (das geschah erst 1999), oder dass in Rumänien damals ebenfalls Krieg geherrscht habe.
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Wichtiger als diese Fehler sind aber die grundlegenden Fehlannahmen: So sollen die „Wochenend-Scharfschützen“ per Flugzeug angereist sein. An einer Stelle ist als Zitat von „einigen europäischen Flughäfen“ als Ausgangspunkt der Jagdtrips die Rede. Gavazzeni will herausgefunden haben, die blutige „Tour“ habe „wahrscheinlich“ jeweils in Triest (oder auch in Parma) mit einem Flug nach Belgrad begonnen, bevor es auf dem Landweg weiterging. Doch der Flughafen Belgrad und der ganze serbische Luftraum waren durch die Resolution 757 des UN-Sicherheitsrats vom Mai 1992 für den Flugverkehr gesperrt. Ausnahmen mussten einzeln angemeldet und genehmigt werden. Erst Ende 1994 wurde die Blockade aufgehoben.
Die Vorstellung, man hätte während des Kriegs aus dem Ausland Wochenendtrips nach Sarajevo absolvieren können, sei abenteuerlich, bestätigt auch der britische Journalist Tim Judah, der 1992 Korrespondent für die „Times“ sowie den „Economist“ in Belgrad war und von allen Fronten berichtete. Es habe ewig gedauert, nach Bosnien hineinzukommen und sich dort zu bewegen, schon wegen der Straßensperren, erinnert er sich. „Einiges von dem, was ich gelesen habe – so zur Logistik, mit Flügen von Triest nach Belgrad –, kann nur von Menschen geschrieben und geglaubt werden, die keine Ahnung haben, dass der Flughafen Belgrad geschlossen war“, sagt Judah.
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Gavazzeni und seine vielen anonymen Zeugen („Der Franzose“, „der Namenlose“, „Herr X“, „NNN“) stellen solcher Skepsis vor allem Belanglosigkeiten entgegen. Auch Gavazzenis Zahlenangaben werfen Fragen auf. Laut Mirsad Tokača, dem führenden Experten für die Opferzahlen des bosnischen Kriegs, waren Scharfschützen in Sarajevo für etwa 350 Tote der Belagerungszeit verantwortlich. Laut Gavazzeni waren in der gleichen Zeit allein aus Italien etwa 230 Schützen an dem mörderischen Spiel beteiligt, „aus Frankreich und Belgien etwas weniger, einige aus der Schweiz und auch einige aus Österreich“. Viele der Täter hätten mehrere Opfer pro Ausflug getötet. Ein italienischer Schütze „erledigte in sechs Stunden zwei Kinder, eine Frau und zum Abschluss drei Alte“, zitiert Gavazzeni einen angeblichen Zeugen. Rechnet man solche Zahlen hoch, hatten serbische Truppen mit dem Scharfschützen-Terror von Sarajevo offenbar nichts zu tun – alle Scharfschützenopfer müssten von Ausländern ermordet worden sein, mit Mladićs Truppen als interessierten Beobachtern.
Eine Auflistung von Gavazzenis logischen Schwächen und Zirkelschlüssen würde Seiten füllen, doch Domagoj Margetićs Buch stellt das noch einmal in den Schatten. „Frankfurter Rundschau“, „taz“, „Bild“, der Schweizer Rundfunk, „El País“, „Politico“, die „Times“ und andere Medien zitieren den Kroaten als „Investigativjournalisten“. In Kroatien beurteilen seriöse Journalisten ihn anders. Der angesehene kroatische Autor und Publizist Boris Rašeta etwa bezeichnet Margetić als „Märchenerzähler für Erwachsene“. Margetićs angebliche Enthüllungen verfolge er grundsätzlich nicht, „da ich ihm nichts glaube“, so Rašeta. Der renommierte kroatische Autor Ivica Djikić nennt Margetić „eine unglaubwürdige und unzuverlässige Quelle“ und einen Verschwörungstheoretiker. Ähnliche Einschätzungen gibt es in Kroatien zuhauf.
Margetićs Buch „Zahle und schieße“ bestätigt solche Ansichten. Margetić, der 2007 vom Haager Jugoslawien-Tribunal zu drei Monaten Haft und einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt wurde, da er die Namen geschützter Zeugen in Kriegsverbrecherprozessen veröffentlicht und sie somit gefährdet hatte, hat eine ausgeprägte Phantasie. In seinem Buch behauptet er etwa: „Ein europäischer König kam, um Kinder aus Sarajevo zu töten und Frauen zu vergewaltigen.“ Unter den Menschenjägern von Sarajevo sei „mindestens“ ein gekröntes Haupt aus Europa gewesen: „Der König liebte es, Kinder zu töten. (...) Manchmal wählte er kleine Kinder, deren Mütter sie auf den Armen hielten, oder zumindest an der Hand“, heißt es in dem Buch.