und genau das macht mich stutzig!
Ohne jetzt gelehrsame Lautverschiebungen aufzulisten und zu diskutieren, gehe ich einfach davon aus, dass die altengl. Variante
hægtesse und die althochdeutschen Varianten
hagazussa, hagzissa sprachlich-etymologisch miteinander verwandt sind. Ich weiß es nicht sicher, aber die altenglische Variante scheint bzgl. der Quellenlage die älteste schriftlich vorliegende zu sein.
Vereinfacht und abgekürzt: die altenglische
hægtesse, die im heidnischen altenglischen Zauberspruch
Wið færstice auftaucht, ist eine magisch-religiöse Frauengestalt, die mit Vorsicht zu genießen ist... (man sollte sich laut Zauberspruch durchaus mit einem Lindenschild bewehren, wenn man mit solchen zu tun hat). Verräterisch in diesem Zauberspruch ist, dass
hægtessan geweorc mit laut daherbrausenden
mihtigun wif gleichgesetzt wird. Eine altenglische
hægtesse ist also ein
mihtigun wif, mit welchem nicht gut Kirschen essen ist...
Verblüffend in diesem Kontext heidnischer Überlieferungen dieser Art (also vorchristliche bzw. heidnische "Hexen"), deren detaillierte Bedeutung für uns heute wohl (leider!) nicht vollumfänglich zu erschließen ist, sind weitere altenglische Quellen aus diesem Bereich: ein altenglisches Glossar teilt mit, dass
vælcyrean und
wiccan als
venefica, parca (!),
herbaria zu verstehen seie. Also dass "Walküren" und "Hexen" sowas wie Parzen und Giftmischerinnen seien (dieses Glossar ist aus klerikalem Umfeld und wertet heidnische Angelegenheiten entsprechend negativ (Giftmischerinnen) - aber interessant sind die verwendeten altenglischen Vokabeln!)
Ich kann es nicht beweisen, das gleich vorab, aber ich habe Eindruck, dass die überlieferten altenglischen Begriffe
hægtesse, vælcyrea, wicca einerseits aus demselben heidnisch-religiösen Kontext stammen und zugleich andererseits im Kontext der klerikalen Überlieferung des Frühmittelalters (!) negativ konnotiert werden.
Möglicherweise gehören magische Gestalten wie die
idisi des althochdeutschen Merseburger Zauberspruchs ebenfalls in diesen heidnischen Kontext.
Verblüffend sind Parallelen zu deutlich späteren altnordischen Überlieferungen:
vælcyrea - zu den zahlreichen Walküren a la
Brynhild muss man wohl nicht viel sagen
idisi - Disen - Parzen ist eine recht vernünftige frühmittelalterliche Gleichsetzung (im Sinne magischer Schicksalsfrauen)
idisi - herfjöturr (Heerfessel) eine Walküre, die laut altnord. Überlieferung ein Heer lähmt (fesselt) - nichts anderes sollen die via Zauberspruch angeflehten Idisen des Merseburgers tun
hægtesse - mihtigun wif (mit sehr walkürigem Auftreten im genannten altenglischen Zauberspruch)
Ich habe den Eindruck, dass diese freilich sehr lückenhafte, bruchstückhafte und mehrmals gebrochene Überlieferung von Begriffen, die in verschiedenen germanischen Sprachen des Früh- bis Hochmittelalters auftauchen, einen kleinen Einblick in heidnisch religiöse Vorstellungen
andeuten - leider nur andeuten, weil der realen Überlieferung nicht daran gelegen war, unserem heutigen Interesse an exakten Definitionen und Wortbedeutungen entgegen zu kommen. Die erwähnten Begriffe erscheinen insgesamt als negativ konnotiert, diese Konnotation hat ihren Ursprung in der Heidenmission, die selbstredend heidnische Vorstellungen als verfehlt (dämonisch, hexenhaft etc) bezeichnen bzw. werten musste.
Vor diesem Hintergrund (bruchstückhafte Überlieferung heidnischer west- und nordgermanischer Vorstellungen) erscheint mir die Herleitung
hægtesse - Eidechse sehr verwunderlich, und das aus dem einfachen Grund, dass das harmlose Tier "Eidechse" eigentlich nirgendwo im Umfeld germanischer heidnischer Vorstellungen prominent auftaucht... (nicht einmal Wagners Lindwurm Fafner eignet sich dafür, als Eidechse bezeichnet zu werden...

...:still:...)