Historische Romane

als dass ich dem ungefilterten Gedankenstrom Leopold Blooms einen ganzen Tag lang folgen könnte.
dessen Impressionen zu verstehen ist nicht so schlimm: diesem uninteressanten Wust überhaupt folgen zu wollen, das ist das Problem - du hast hier das Extrembeispiel absurder erzähltechnischer Virtuosität bei radikal platter Handlung erwähnt, was uns wenig bei der Gattung "Historischer Roman" hilft.
Funfact zu Fontane: Historiker Craig betrachtete Fontanes Romane als exzellente Quellen.
Ich hänge eine kleine Gemeinheit an: wer Wanderhuren & Co. schätzt, wird von France, Brecht (Caesar), Zamjatin (Priskos & Attila) heillos überfordert und enttäuscht sein...
meine kleine Gemeinheit halte ich nach wie vor für richtig. Ich bin überzeugt, dass begeisterte Wanderhurengenießer beispielsweise weder das Changieren zwischen erlebter Rede und personalem Erzählen wahrnehmen, noch wahrnehmen wollen...
 
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Ich hänge eine kleine Gemeinheit an: wer Wanderhuren & Co. schätzt, wird von France, Brecht (Caesar), Zamjatin (Priskos & Attila) heillos überfordert und enttäuscht sein...

Tut mir leid, Dekumatland, dass ich diese "Gemeinheit" nicht ernst nehmen kann, aber dann müsste ich mit Büchern von France, Brecht oder Zamjatin heillos überfordert sein.

Persönlich halte ich Iny Lorentz bzw. Iny Klocke und Elmar Wohlrath inzwischen für besser als ihr Ruf vermuten lässt. Einige Bücher von ihnen wie "Die Goldhändlerin", "Die Tochter der Wanderhure" (mit Einschränkungen) oder "Das Mädchen von Agunth" haben mir gut gefallen, auch wenn das sicher keine Nobelpreislektüre ist. Bei Büchern wie "Die Widerspenstige" oder "Ritter Constance" hat mich ihre Darstellung des historischen Hintergrunds im Vergleich zu meisten anderen Büchern, die zurzeit am deutschsprachigen Buchmarkt zu finden sind, wesentlich mehr überzeugt.

Seltsamerweise habe ich mich aber mit einem Buch wie "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" von Berthold Brecht keineswegs überfordert gefühlt. Ich war auch von Hilary Mantel begeistert, die sicher keine leichte Lektüre bietet. Allerdings bietet sie mit ihrer Trilogie um Thomas Cromwell eine neue, hoch interessante und glaubwürdige Sicht auf eine historische Figur und ihr Umfeld. Gelesen habe ich "Die häßliche Herzogin" und "Die Jüdin von Toledo" von Lion Feuchtwanger, "Vor dem Sturm" und "Grete Minde" von Theodor Fontane, "Vittoria Accorombona" von Ludwig Tieck und "Der Freihof von Aarau" von Heinrich Zschokke sowie "Jürg Jenatsch" von Conrad Ferdinand Meyer.

Außerdem habe ich eine ganze Reihe von Island Sagas (Weltliteratur aus dem Mittelalter, die allerdings durchaus als Vorläufer des historischen Romans gesehen werden kann) gelesen, den Simplicissimus und die Courasche von Grimmelshausen, eine ganze Reihe von Romanen von Sir Walter Scott, der immerhin als Begründer des "Historischen Romans" gilt, von Benedicte Naubert etc. und Daneben noch eine ganze Reihe Romane aus dem 19. Jahrhundert (Louise Otto Peters, Gottlob Heinrich Heinse, Hermann von Schmid etc.), die allerdings zum Teil damals als Trivial- oder Unterhaltungsromane galten bzw. umstritten waren und es vielleicht noch immer sind .

Weitere Bücher, die schon länger zurückliegen, an die ich mich aber noch gut erinnern kann, waren zum Beispiel: "Kristin Lavranstochter" und "Olav Audunson", beide von Sigrid Undset, "Wald der Erwartung" von Hella Haasse oder mehrere Romane von James A. Mitchener, Helle Stangerup, Jeannine Meighörner oder Dorothe Zürcher, um noch einige weitere Beispiele anzuführen.

Da ich diese Bücher alle tatsächlich gelesen habe und auch mit anderen Menschen seinerzeit über einige von ihnen diskutieren konnte, war ich doch nicht mit ihnen überfordert.

PS:
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass ich mit Rebecca Gable und Sabine Ebert nichts anfangen kann. Bei beiden ist für mich nicht nachvollziehbar, dass sie angeblich bestens recherchiert hätten. Deshalb wurde ich auf Facebook vor einigen Jahren fertig gemacht, da ich dumm genug war, meine Zweifel an der Qualität ihrer historischen Recherche anzudeuten. Zumindest müssen die beiden nach dem dortigen Publikum verkannte Nobelpreisträgerinnen sein, deren Bücher sogar zur Unterrichtslektüre empfohlen werden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Tut mir leid, Dekumatland, dass ich diese "Gemeinheit" nicht ernst nehmen kann, aber dann müsste ich mit Büchern von France, Brecht oder Zamjatin heillos überfordert sein.
(kleine Schikane: "das Buch" von Anatole France ist nur eine Erzählung, das Brecht leider Fragment geblieben, aber ok, der Zamjatin ist ein kompletter (erstklassiger) Roman)
Deine Beiträge @Teresa C. bewirkten bei mir bislang nicht den Eindruck, mit einer
begeisterte(n) Wanderhurengenießer(in)
zu parlieren :)
 
@Reinecke darf man dir die Schulszenen bei Thomas Mann (Tonio Kröger, Buddenbrooks) sozusagen therapeutisch/bewältigend empfehlen? ;) der Thomas hatte seine Schulzeit (kein Abi, nur sehr mäßige mittlere Reife) nie überwunden
 
darf man dir die Schulszenen bei Thomas Mann (Tonio Kröger, Buddenbrooks) sozusagen therapeutisch/bewältigend empfehlen? ;) der Thomas hatte seine Schulzeit (kein Abi, nur sehr mäßige mittlere Reife) nie überwunden
Ach, das hat auch keinen Zweck. Bin ja selbst aus einer Lehrerfamilie. Nee, das Ding ist, Sachen lesen zu müssen, auf die man keine Lust hat. Das mag einen Lerneffekt haben (über "Fontane ist nicht meins"), oder auch nicht, aber zum Fan wird man deswegen nicht. Es erfüllt aber immerhin einen wichtigen Sinn, den die Schule laut einem Bekannten (Pädagoge & Germanist) hat: Schülern beizubringen, Autoritäten nicht wichtiger zu nehmen als unbedingt notendig...

Welcher Band, 'Tod und Teufel' oder 'Helden'? Oder beide?
Tod und Teufel, den anderen kenn ich nicht.

Mir erschwert etwas anderes den Zugang zu den Klassikern. Wer weiß, vielleicht habe ich ein zu negatives Menschenbild, oder wurde zu patriarchalisch sozialisiert, aber mein Interesse an literarischen Charakterstudien ist einfach zu gering. Alles Menschliche lässt sich auf Grundsätzliches reduzieren, auf Motive wie Liebe, Hass und so weiter, deswegen interessiere ich mich eher für den Ausgangspunkt als das Reduktionsprodukt (hoffentlich wird klar, was ich damit sagen möchte).
Meinst mit Ausgangpunkt die Dinge, die für ein historisches Szenario auszeichnen, und die Buch-Charaktere veranlassen, so zu handeln und zu empfinden, wie sie es tun?

Außerdem kann auch schriftstellerische Brillanz, die jedes Wort mit Apothekersorgfalt wählt und wiegt, mich nicht für das Mundane begeistern. Ich habe genug damit zu tun, mein eigenes Hirn dazu zu bringen, beizeiten die Klappe zu halten, als dass ich dem ungefilterten Gedankenstrom Leopold Blooms einen ganzen Tag lang folgen könnte.
Der Ulysses muss in der Science of Discworld-Reihe als Beispiel dafür herhalten, warum man Werke, die nur eine arbiträre Aneinanderreihung von Wörtern sind (bzw zu sein scheinen), nicht aus der Literatur bzw der Menge der tatsächlich veröffentlichten Bücher ausschließen kann... Ich habs nicht gelesen...
 
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