Historische Romane

als dass ich dem ungefilterten Gedankenstrom Leopold Blooms einen ganzen Tag lang folgen könnte.
dessen Impressionen zu verstehen ist nicht so schlimm: diesem uninteressanten Wust überhaupt folgen zu wollen, das ist das Problem - du hast hier das Extrembeispiel absurder erzähltechnischer Virtuosität bei radikal platter Handlung erwähnt, was uns wenig bei der Gattung "Historischer Roman" hilft.
Funfact zu Fontane: Historiker Craig betrachtete Fontanes Romane als exzellente Quellen.
Ich hänge eine kleine Gemeinheit an: wer Wanderhuren & Co. schätzt, wird von France, Brecht (Caesar), Zamjatin (Priskos & Attila) heillos überfordert und enttäuscht sein...
meine kleine Gemeinheit halte ich nach wie vor für richtig. Ich bin überzeugt, dass begeisterte Wanderhurengenießer beispielsweise weder das Changieren zwischen erlebter Rede und personalem Erzählen wahrnehmen, noch wahrnehmen wollen...
 
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Ich hänge eine kleine Gemeinheit an: wer Wanderhuren & Co. schätzt, wird von France, Brecht (Caesar), Zamjatin (Priskos & Attila) heillos überfordert und enttäuscht sein...

Tut mir leid, Dekumatland, dass ich diese "Gemeinheit" nicht ernst nehmen kann, aber dann müsste ich mit Büchern von France, Brecht oder Zamjatin heillos überfordert sein.

Persönlich halte ich Iny Lorentz bzw. Iny Klocke und Elmar Wohlrath inzwischen für besser als ihr Ruf vermuten lässt. Einige Bücher von ihnen wie "Die Goldhändlerin", "Die Tochter der Wanderhure" (mit Einschränkungen) oder "Das Mädchen von Agunth" haben mir gut gefallen, auch wenn das sicher keine Nobelpreislektüre ist. Bei Büchern wie "Die Widerspenstige" oder "Ritter Constance" hat mich ihre Darstellung des historischen Hintergrunds im Vergleich zu meisten anderen Büchern, die zurzeit am deutschsprachigen Buchmarkt zu finden sind, wesentlich mehr überzeugt.

Seltsamerweise habe ich mich aber mit einem Buch wie "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" von Berthold Brecht keineswegs überfordert gefühlt. Ich war auch von Hilary Mantel begeistert, die sicher keine leichte Lektüre bietet. Allerdings bietet sie mit ihrer Trilogie um Thomas Cromwell eine neue, hoch interessante und glaubwürdige Sicht auf eine historische Figur und ihr Umfeld. Gelesen habe ich "Die häßliche Herzogin" und "Die Jüdin von Toledo" von Lion Feuchtwanger, "Vor dem Sturm" und "Grete Minde" von Theodor Fontane, "Vittoria Accorombona" von Ludwig Tieck und "Der Freihof von Aarau" von Heinrich Zschokke sowie "Jürg Jenatsch" von Conrad Ferdinand Meyer.

Außerdem habe ich eine ganze Reihe von Island Sagas (Weltliteratur aus dem Mittelalter, die allerdings durchaus als Vorläufer des historischen Romans gesehen werden kann) gelesen, den Simplicissimus und die Courasche von Grimmelshausen, eine ganze Reihe von Romanen von Sir Walter Scott, der immerhin als Begründer des "Historischen Romans" gilt, von Benedicte Naubert etc. und Daneben noch eine ganze Reihe Romane aus dem 19. Jahrhundert (Louise Otto Peters, Gottlob Heinrich Heinse, Hermann von Schmid etc.), die allerdings zum Teil damals als Trivial- oder Unterhaltungsromane galten bzw. umstritten waren und es vielleicht noch immer sind .

Weitere Bücher, die schon länger zurückliegen, an die ich mich aber noch gut erinnern kann, waren zum Beispiel: "Kristin Lavranstochter" und "Olav Audunson", beide von Sigrid Undset, "Wald der Erwartung" von Hella Haasse oder mehrere Romane von James A. Mitchener, Helle Stangerup, Jeannine Meighörner oder Dorothe Zürcher, um noch einige weitere Beispiele anzuführen.

Da ich diese Bücher alle tatsächlich gelesen habe und auch mit anderen Menschen seinerzeit über einige von ihnen diskutieren konnte, war ich doch nicht mit ihnen überfordert.

PS:
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass ich mit Rebecca Gable und Sabine Ebert nichts anfangen kann. Bei beiden ist für mich nicht nachvollziehbar, dass sie angeblich bestens recherchiert hätten. Deshalb wurde ich auf Facebook vor einigen Jahren fertig gemacht, da ich dumm genug war, meine Zweifel an der Qualität ihrer historischen Recherche anzudeuten. Zumindest müssen die beiden nach dem dortigen Publikum verkannte Nobelpreisträgerinnen sein, deren Bücher sogar zur Unterrichtslektüre empfohlen werden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Tut mir leid, Dekumatland, dass ich diese "Gemeinheit" nicht ernst nehmen kann, aber dann müsste ich mit Büchern von France, Brecht oder Zamjatin heillos überfordert sein.
(kleine Schikane: "das Buch" von Anatole France ist nur eine Erzählung, das Brecht leider Fragment geblieben, aber ok, der Zamjatin ist ein kompletter (erstklassiger) Roman)
Deine Beiträge @Teresa C. bewirkten bei mir bislang nicht den Eindruck, mit einer
begeisterte(n) Wanderhurengenießer(in)
zu parlieren :)
 
@Reinecke darf man dir die Schulszenen bei Thomas Mann (Tonio Kröger, Buddenbrooks) sozusagen therapeutisch/bewältigend empfehlen? ;) der Thomas hatte seine Schulzeit (kein Abi, nur sehr mäßige mittlere Reife) nie überwunden
 
darf man dir die Schulszenen bei Thomas Mann (Tonio Kröger, Buddenbrooks) sozusagen therapeutisch/bewältigend empfehlen? ;) der Thomas hatte seine Schulzeit (kein Abi, nur sehr mäßige mittlere Reife) nie überwunden
Ach, das hat auch keinen Zweck. Bin ja selbst aus einer Lehrerfamilie. Nee, das Ding ist, Sachen lesen zu müssen, auf die man keine Lust hat. Das mag einen Lerneffekt haben (über "Fontane ist nicht meins"), oder auch nicht, aber zum Fan wird man deswegen nicht. Es erfüllt aber immerhin einen wichtigen Sinn, den die Schule laut einem Bekannten (Pädagoge & Germanist) hat: Schülern beizubringen, Autoritäten nicht wichtiger zu nehmen als unbedingt notendig...

Welcher Band, 'Tod und Teufel' oder 'Helden'? Oder beide?
Tod und Teufel, den anderen kenn ich nicht.

Mir erschwert etwas anderes den Zugang zu den Klassikern. Wer weiß, vielleicht habe ich ein zu negatives Menschenbild, oder wurde zu patriarchalisch sozialisiert, aber mein Interesse an literarischen Charakterstudien ist einfach zu gering. Alles Menschliche lässt sich auf Grundsätzliches reduzieren, auf Motive wie Liebe, Hass und so weiter, deswegen interessiere ich mich eher für den Ausgangspunkt als das Reduktionsprodukt (hoffentlich wird klar, was ich damit sagen möchte).
Meinst mit Ausgangpunkt die Dinge, die für ein historisches Szenario auszeichnen, und die Buch-Charaktere veranlassen, so zu handeln und zu empfinden, wie sie es tun?

Außerdem kann auch schriftstellerische Brillanz, die jedes Wort mit Apothekersorgfalt wählt und wiegt, mich nicht für das Mundane begeistern. Ich habe genug damit zu tun, mein eigenes Hirn dazu zu bringen, beizeiten die Klappe zu halten, als dass ich dem ungefilterten Gedankenstrom Leopold Blooms einen ganzen Tag lang folgen könnte.
Der Ulysses muss in der Science of Discworld-Reihe als Beispiel dafür herhalten, warum man Werke, die nur eine arbiträre Aneinanderreihung von Wörtern sind (bzw zu sein scheinen), nicht aus der Literatur bzw der Menge der tatsächlich veröffentlichten Bücher ausschließen kann... Ich habs nicht gelesen...
 
Der ist als hexenjagender Inquisitor tatsächlich eine ziemliche Karikatur, obwohl es für die Geschichte nicht notwendig war.
Genauso sehe ich das auch, und gerade weil der Roman insgesamt eine hohe Qualität hat, wird diese Schwäche umso ärgerlicher. Da bombardiert uns Eco mit der ganzen Komplexizität mittelalterlicher Theologie und erschafft mit William von Baskerville eine zentrale Figur, die ständig davor warnt, die Welt nur in Schwarz und Weiß zu unterteilen, und bringt dann nichts Besseres als einen Schwarz-Weiß-Konflikt zustande, indem er William mit einem Gegenspieler konfrontiert, der eine intellektuelle Nullnummer ist und genauso Gestapo-Agent sein könnte.
Abbo ist einfach... menschlich
Mag sein, aber er ist auch ein feiger, korrupter Politiker, und das hat System: Der einzige echte Seelsorger zwischen dutzenden namentlich genannten Klerikern ist William von Baskerville. Ein billiger Weg, Sympathien zu verschieben.
Jorge seh ich als Extremist […] Er steht mE für Autoritätshörigkeit und Dogma, im Gegensatz zu eigenem, auch Auoritäten hinterfrangendem Denken. Hier ist mir eher dessen Repräsentationsfigur William von Baskerville eine Spur zu aufgeklärt.
Sicherlich, aber auch hier stieht sich Eco gewissermaßen aus der Affäre: Denn der einzige Disput zwischen William und Jorge besteht darin, dass sie einander ein paar Textstellen an den Kopf werfen und William die Diskussion dann abbricht, um in Ruhe weiter nach Beweisen suchen zu können. Es fehlte nur noch, dass er Adson zuraunt: "Der Klügere gibt nach!"

Kann man natürlich so handhaben, und lässt sich auch wunderbar als Metapher auf die Richtungsstreitigkeiten innerhalb des mittelalterlichen Klerus lesen, die kaum jemals gütlich und eindeutig beigelegt wurden. Es stellt sich halt die Frage, warum die gefühlt fünfzig Seiten theologischer Exkurs zuvor nötig waren, wenn ich sowieso nicht selbst mitdenken sondern akzeptieren soll, dass William der "Gute" ist und Jorge der "Böse".
Ach, das hat auch keinen Zweck. Bin ja selbst aus einer Lehrerfamilie. Nee, das Ding ist, Sachen lesen zu müssen, auf die man keine Lust hat. Das mag einen Lerneffekt haben (über "Fontane ist nicht meins"), oder auch nicht, aber zum Fan wird man deswegen nicht. Es erfüllt aber immerhin einen wichtigen Sinn, den die Schule laut einem Bekannten (Pädagoge & Germanist) hat: Schülern beizubringen, Autoritäten nicht wichtiger zu nehmen als unbedingt notendig...
Das meinte ich mit: Man kann Kunstgenuss nicht verordnen.

Unvergessen daher der Musiklehrer in der Oberstufe, der den brillanten Einfall hatte, uns über für Filme und Videospiele komponierte Soundtracks an die klassische Musik heranzuführen. Dann kam er mit Tschaikowskis '1812' daher, und wir waren baff.

Bei mir im Hintergrund laufen gerade die 'Norfolk Rhapsodies' von Ralph Vaughan Williams. Wäre ich nie drauf gekommen, wenn er mich weiter stur nach Lehrplan mit der Zauberflöte gequält hätte. Diese barocken Schnörkel sind halt nicht jedermanns Sache, klassischer Status hin oder her.
Tod und Teufel, den anderen kenn ich nicht.
Du hast nichts verpasst.
Schätzing "retconned" das Ende von 'Tod und Teufel'. Um zu beweisen, dass der Mensch über seinen Stand hinauswachsen kann, erpresst Jacops Mentor Jaspar die Patrizier: Im Austausch für sein Schweigen über das Mordkomplott sollen sie Jacop zum Kaufmann ausbilden und ihm den Aufstieg ermöglichen.

Jacop heiratet also Richmodis, wird in Fabelzeit zum Kaufmann und Bildungsbürger umgemodelt, und reist mit den Overstolzen nach England, wo die Kölner im Krieg der Barone eingreifen wollen, um sich Handelsprivilegien zu sichern.

Zwischendrin gibt es zweihundert Seiten Ehezoff zwischen Heinrich trois, dessen Gattin und Simon de Montfort; daheim in Köln werden die Patrizier zunehmend von den kleinbürgerlichen neuen Schöffen bedrängt und es zeigt sich, dass die Pfeffersäcke so schlecht nun doch nicht waren, und die Populisten sogar noch korrupter sind.

In England wird Jacop indes von einer Art Wikinger-Anführerin mit abgerichteten Adlern entführt, es läuft irgendwie darauf hinaus, dass sein getöteter Vater wohl doch ein Hexer war, wie es in 'Tod und Teufel' nur angedeutet wird. Das Ende ist ein Cliffhanger.
Das Buch ist ein typischer Spät-Schätzing, Jacop hat auf seiner Besteigung des Läuterungsberges überall seinen persönlichen Vergil dabei, der ihm lang und breit erklärt, wie das Mittelalter so funktioniert. Bonmot am Rande: Schätzing schafft es sogar, den Brexit einzuflechten. Außerdem wird jede noch so nachrangige Figur umfangreich entwickelt, kurz, es hat seinen Grund, dass der Schinken 1.000 Seiten hat (aber keinen guten).
Meinst mit Ausgangpunkt die Dinge, die für ein historisches Szenario auszeichnen, und die Buch-Charaktere veranlassen, so zu handeln und zu empfinden, wie sie es tun?
Ja, so etwas in der Art.

Beispiel: Ich habe gerade 'Alexis' von Marguerite Yourcenar gelesen, der Roman ist als Abschiedsbrief des um die Jahrhundertwende lebenden Protagonisten an seine Frau angelegt, in dem er ihr sein Ringen mit seiner unterdrückten Homosexualität erklärt. Sprachlich eine Wucht. Trotzdem hätte ich das Buch nicht zu Ende gebracht, hätte Yourcenar es nicht verstanden, diesen Konflikt von der innerlichen Perspektive zu lösen und in den zeitlichen Kontext einzuordnen—und zwar so einzuordnen, dass der Kontext nicht entfallen kann, ohne die Erzählung überflüssig zu machen.

Brachial formuliert: Identitätskonflikte haben Menschen schon immer gehabt, deswegen interessiert mich der Identitätskonflikt an sich kein Stück, sondern mich interessiert, wie er sich im konkreten Umfeld des Protagonisten (prüde Kaiserzeit, verarmter Landadel) ausgedrückt hat.

Wie gesagt, man kann jetzt einwenden, dass alles, was Menschen tun, sich auf einige wenige Motive und Emotionen reduzieren lässt.

Mir ist auch klar, dass viele Menschen genau das mögen, und dass etliche Klassiker ebendeswegen so beliebt sind, weil sie durch diese Reduktion als zeitlos gelten. Die schätzen es, dass man z.B. aus den Montagues und Capulets auch zwei rivalisierende Mafiaclans und aus dem Verona der Renaissance das New York des 20. Jahrhunderts machen kann, wenn man möchte.

Aber wenn ich alles auf diese innerliche Perspektive reduziere, brauche ich keinen Historienroman mehr. Ich schätze am meisten Geschichten, die ohne ihren historischen Kontext nicht funktionieren können (oder zumindest viel von ihrem Biss verlieren würden).
Thomas hatte seine Schulzeit nie überwunden
Ich auch nicht. Sogar ganz ohne Rohrstock und stures Auswendiglernen. Zur Betrübnis meiner Eltern erwies sich das in den Neunzigern populäre Vorurteil, dass schlechte Schüler verkannte Genies sind, in meinem Fall als unwahr.
 
Zuletzt bearbeitet:
vielleicht revidierst du dieses Geschmacksurteil bei ein paar ausgewählten "anspruchsvolleren" Werken? Meine Empfehlung wäre: Zamjatin "Geißes Gottes", Brecht "die Geschäfte des Herrn Julius Caesar", Prus "Faraon" (auch wenn dieser eigentlich ein Schlüsselroman ist), Graves "Ich, Claudius", Andrzejewski "Finsternis bedeckt die Erde" - freilich muss man berücksichtigen, wie der Kenntnisstand zur jeweiligen Entstehungszeit war, d.h. es wäre unfair, Zamjatin vorzuwerfen nicht Demandts Spätantike gelesen zu haben ;)
Irgendwie auf der Grenze zwischen anspruchsvoll/literarisch und Unterhaltung balanciert Harris "Pompeji", ich fand den Roman klasse, weil seine heimliche Hauptfigur die Wasserleitung ist.
In Sachen Unterhaltung sind die Uthred-Romane von Cornwell ganz ok, wenn auch etwas weitschweifig und nicht ganz frei von "heutigen" Vorstellungen, aber auf jeden Fall gut als Urlaubslektüre. Harris Cicero-Romane waren nicht so mein Fall (langatmig) und Haefs fand ich schlicht langweilig (da war mir egal, ob das gut oder nicht recherchiert ist, ich habs beiseite gelegt). Wanderhure, Medicus etc. wären auch ihre vielen Recherchemängel erzählerisch indiskutabel.

Ging mir bei Haefs ganz genauso. Da haben mir die Geschichten um den römischen Philipp Marlowe Didius Falco besser gefallen.
 
@Reinecke müsste dir da nicht, obwohl es kein Historischer Roman ist, aber dennoch quasi als ein solcher gelesen werden kann, ganz besonders Fontanes Effie Briest gefallen? Wenn überhaupt ein belletristisches Opus die dort erzählte Zeit samt Kolorit einfängt, dann dieser Roman, und das obendrein mit perfekten Proportionen und einer Sprache, wie sie in solcher Qualität nur sehr selten zu finden ist. (nicht dass ich missverstanden werde: ich halte Fontanes Roman für ein Meisterwerk, ja ein sprachkünstlerisches Wunder geradezu, und finde dennoch, dass man ihn auch als kultur- & sozialhistorische Regional"quelle" gleichsam, irgendwie auch als "Historischen Roman" lesen kann)

Das geht mir bei Effi Briest oder auch "Stine" ganz genauso. Fontane hat damit das Porträt der Zeit, der gesellschaftlichen Normen und Konventionen gut getroffen.

Fontane hat ja tatsächlich so etwas wie einen historischen Roman geschrieben. "Vor dem Sturm" halte ich für eines der besten Werke über die preußische Geschichte in dem Zeitraum zwischen Jena/Auerstedt und den Befreiungskriegen. Fontane porträtiert in diesem Roman die preußische Gesellschaft am Vorabend des Debakels von Jena und Auerstedt, Adelige, Pastoren, Gutsbesitzer, Offiziere, Beamte, Bauern und Dienstboten sie alle kommen in Fontanes Roman zu Wort, und Fontane hat sie alle sehr authentisch und lebendig porträtiert und getroffen.

Der Sohn hugenottischer Imigranten war vielleicht der scharfsinnigste Beobachter und Chronist des Preußentums. Das Debakel von Jena und Auerstedt 1806 erwies sich auch für die Familie Fontane als eine Zäsur: In seiner Autobiographie "Aus meinen Kindertagen" beschrieb Fontane, dass die Fontanes, die allesamt inzwischen preußische Patrioten geworden waren, sich nun doch entschlossen, in der Familie nur noch Deutsch und nicht Französisch zu sprechen.
 
Zur Betrübnis meiner Eltern erwies sich das in den Neunzigern populäre Vorurteil, dass schlechte Schüler verkannte Genies sind, in meinem Fall als unwahr.
Ohne jetzt hier Dichtung und Wahrheit auseinander zu klamüsern: Die prinzipiell richtige Entdeckung, dass hochbegabte Kinder oft zu "Schulversagern" werden, stark vereinfacht, weil sie aus Langeweile frustriert sind, hat oft zu dem Umkehrschluss geführt, dass das eigene in der Schule unerfolgreiche Kind hochbegabt sein müsse.
Alle Raben sind Vögel. Alle Vögel sind Raben?

Fakten:
  • Hochbegabte Kinder sind oft (keineswegs immer) Schulversager.
  • Noten und Zeugnisse sagen nur bedingt etwas über Intelligenz aus. Aber Noten und Zeugnisse sagen auch nur bedingt etwas über Leistung aus
    • Lehrer sind Menschen, die Biases unterliegen. I.d.R. wird das Akademikerkind bei derselben Leistung besser bewertet, als das Arbeiterkind. Kinder mit sichtbar ausländischem Hintergrund werden ebenfalls oft schlechter bewertet.
    • Lehrer bewerten unterschiedlich, man hat Mathearbeiten von verschiedenen Lehrern bewerten lassen, trotz klaren Bewertungsschlüssels haben verschiedene Lehrer dieselbe Arbeit in einem breiten Notenspektrum bewertet, wo eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass gerade bei einer Mathearbeit mit klarem Bewertungsschlüssel die Noten objektivierbar wären.
    • jetzt stellen wir uns eine Interpretation eines barocken Gedichtes als Schulaufgabe vor. Natürlich gibt es gute, stimmige Interpretationen und schlechte, unstimmige Interpretationen, das sei ganz und gar nicht in Abrede gestellt. Aber jeder Mensch liest so einen Text von einer anderen Warte, mit einem anderen Verständnis aus. Das muss ein Lehrer bei der Bewertung einer solchen Interpretation im Hinterkopf haben, was fast schon unmöglich ist. Wenn die Mathearbeit mit dem klaren Bewertungsschlüssel schon nicht zu einer einheitlichen Notengebung führt, wie viel schwieriger ist das bei einer Literaturinterpretation? (auch hier muss der Lehrer bereits bei Entwicklung der Aufgabenstellung bereits einen objektivierbaren Leistungskatalog aufstellen)
Ich will nicht sagen, dass Noten völliger Blödsinn sind, sie geben eine Richtung an. Aber sie sind von so vielen anderen Faktoren als der tatsächlichen Leistung abhängig, von ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen, von der Laune des Notengebers und seinem Gerechtigkeitsempfinden, von Sym- und Antipathie, ja selbst das Schriftbild hat Einfluss auf die Leistungsnote...
Auf der anderen Seite:
Seit Jahren erleben wir eine Noteninflation, die Schüler werden in ihren Leistungen zwar nicht besser als früher, aber es gibt immer mehr Abiturzeugnisse mit der 1 vor dem Komma. Was früher eine gute 3 war, ist heute oft bereits eine 1,x.
 
Kinder mit sichtbar ausländischem Hintergrund werden ebenfalls oft schlechter bewertet
Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Lehrer in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund besser bewerten, als ihre Leistung in anonymisierten Tests vermuten lassen würde. (Quelle)

Was aber das Thema anlangt:
jetzt stellen wir uns eine Interpretation eines barocken Gedichtes als Schulaufgabe vor. Natürlich gibt es gute, stimmige Interpretationen und schlechte, unstimmige Interpretationen, das sei ganz und gar nicht in Abrede gestellt. Aber jeder Mensch liest so einen Text von einer anderen Warte, mit einem anderen Verständnis aus. Das muss ein Lehrer bei der Bewertung einer solchen Interpretation im Hinterkopf haben, was fast schon unmöglich ist.
Wie wahr. Persönlich hatte ich den Eindruck, dass dies in der Praxis dazu führt, dass Lehrer sich einen (im Umfang begrenzten) Katalog möglicher Interpretationen zurechtlegen, und die Arbeiten der Schüler damit abgleichen. Wer nicht ins Raster passt, wird aussortiert.

Angesichts des Arbeitspensums ist das aber vielleicht auch unvermeidlich.
 
Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Lehrer in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund besser bewerten, als ihre Leistung in anonymisierten Tests vermuten lassen würde. (Quelle)
Mein eigentlicher Text war viel länger, ich habe ihn, weil er ja schon eine Desviation des Threads darstellt, um gut 2/3 gekürzt, in der Ursprungsfassung stand noch drin, dass es sich um eine Studie der Uni Heidelberg handelt, die ca. 20 Jahre alt sein dürfte, als ich sie für eine pädagogische Arbeit benötigte, war sie noch relativ aktuell. Ich schrieb damals eine Arbeit über Bildungserfolg und Noten.

In dem Link wird indirekt der Pygmalion-Effekt angesprochen, der damals in meiner Arbeit auch eine Rolle spielte.

Wie wahr. Persönlich hatte ich den Eindruck, dass dies in der Praxis dazu führt, dass Lehrer sich einen (im Umfang begrenzten) Katalog möglicher Interpretationen zurechtlegen, und die Arbeiten der Schüler damit abgleichen. Wer nicht ins Raster passt, wird aussortiert.
Ja, wobei das, was der Lehrer nicht in seinem im Umfang begrenzten Katalog hat nicht zwingend "aussortiert" wird. Der Lehrer kann ja auch honorieren, dass der Schüler etwas auffasst, was er den Schülern altersmäßig nicht zugetraut hätte oder was der Lehrer in der Vorbereitung selber übersehen hat.
Wichtig ist immer, dass plausibel am Text argumentiert wird. Sonst wird es halt irgendwann beliebig. So sehr ein Schüler auch aus seiner eigenen Warte her kommt, bei einer Gedichtinterpretation ist der Text zunächst einmal die Grundlage.
 
Um zum Thema Historischer Roman zurückzukehren: Ich war gefragt worden, habe es aber noch unbeantwortet gelassen, was ich denn beim Historischen Roman als Schatz und was als Schund verstehe. Irgendwie ging dann die Diskussion in die Richtung der kolportierten literarischen Qualität, aber um die geht es mir nicht. Ich betrachte das nicht von der Seite des Literaturkritikers, sondern vom Historischen her:
  • ist der Roman plausibel?
  • entspricht er der Zeitgebundenheit?
  • ist er gut recherchiert?
Also wenn Isabel de Solís/Soraya bzw. Zoraya (korrekt: Ṯurayyā), die Frau von Mūlāy Ḥasan in einem Roman um 1480 auf den Geist von Yūsuf ibn Naġrīla, der sich für das Massaker an den Juden von Granada 1066 rächen will, trifft, dann finde ich das beispielsweise sehr seltsam (und nebenbei würde Yūsuf ibn Naġrīla sich an den Falschen rächen). Wenn in demselben Roman Schokolade kredenzt wird, ist das einfach schlecht recherchiert.
Wenn ein bogenschießender Nonnenorden der emanzipierten Protagonistin eines Mittelalterromans zur Seite springt (hier weiß ich um ehrlich zu sein nicht, ob das aus der Feder der Romanautoren stammt oder aus der RTL-Verfilmung, deren Ende ich gesehen habe), dann kann ich das nicht genießen.
In der Corona-Zeit las ich aus einem offenen Bücherregal einen Roman, der als historischer Roman angelegt war, gegen Ende dann aber plötzlich ns Phantastische überging, ich hatte fast den Eindruck, dass dem Verfasser irgendwie nicht gelungen war, das Ende zusammenzuschnüren und er deshalb diesen Ausweg wählte. Leider (oder zum Glück?) habe ich vergessen, wer der Verfasser war oder wie der Roman hieß, ich weiß nur noch, dass es um die Kreuzzugszeit ging.
Ein Roman, der mir gut gefallen hat und den ich schon häufiger positiv erwähnt habe, ist Die Brücke von Alcántara von Frank Baer.
 
Aber sie sind von so vielen anderen Faktoren als der tatsächlichen Leistung abhängig, von ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen, von der Laune des Notengebers und seinem Gerechtigkeitsempfinden, von Sym- und Antipathie, ja selbst das Schriftbild hat Einfluss auf die Leistungsnote...
das erinnert mich an einen akademischen Rat (Linguistik), der in seinen Proseminaren verkündete, dass er die Noten würfeln würde, allerdings nach (s)einem System, sodass niemand durchfallen würde; wer auf ein Stipendium angewiesen sei, solle sich melden, das würde dann von ihm berücksichtigt. Jeder spare so Zeit und Mühe. ...auf die Frage, ob er seine Noten samt Uni-Job denn auch dem Würfelsystem verdanke, war er stinkbeleidigt :D:D:D:D
 
Ich sitze vor dem Bildschirm. In der Mitte eure Fragen in Arial 15. Es ist schon spät, soll ich wirklich schreiben?

Was ist ein guter Historischer Roman? Wieviel Detail ist zuviel, welche Menge zu wenig? Wieviel Recherche ist genug?

Ich rufe mir die Fragen zu. "Was sagst du dazu?"

Schweigen. Noch einmal lese ich euer lustvolles, ironisches und kritisches Schweifen in Bücherregalen. "Beschreib es doch einfach!"

Ich drehe ein Detail im Licht, kratze mich am Kopf, halte es vors Auge, und fange wieder von vorne an. Ein Kaffee zwischendurch.
Ich gehe in die Küche und zurück. Kehre um um den Herd auszumachen.

Recherchiere eine Etymologie, lese, dass es verschiedene Hypothesen gibt, und muss mich entscheiden.
Schiebe es ins Glossar, das Detail und seine Übersetzung, und grübel mit zusammengezogenen Brauen.

Was ist die möglichste der Wahrscheinlichkeiten? Was spricht mich an? Soll ich darauf verzichten?
Worauf beruht mein Bauchgefühl? Ich lasse es liegen, und stelle mir Fragen. Ist es möglich, es anders zu erklären?
Ich lese den Text noch einmal. Nein, das Detail stimmt nicht, unmöglich, drei, nein, es müssen mindestens sechs sein.

Du hast heute fast noch nichts geschrieben. Du bist erst bei 280 Buchseiten. Das Detail bohrt sich in den Text wie ein Anker in den Grund.
Das Buch dreht sich in die Strömung und windet sich wie ein geangelter Lachs. Ich könnte es erklären. Aber werden sie nicht stolpern?
Immer noch zerrt das Buch im Fluss herum, ist das Bild jetzt nicht schon überstrapaziert? Halt! Nicht so selbstverliebt, wenn dir etwas gelungen ist.
Disziplin. Und die Lust, wenn etwas gelingt?

Ich mache den Computer aus, und nehme es mit ins Bett. Vergesse es vorher beim Zähneputzen im Bad. Kaum liege ich
fast im Schlaf, ist es wieder da. Das Detail. Es schwebt über mir, und lacht tatsächlich - mich aus. Ich ärgere mich, und fluche in den Bart.

Morgen, sage ich zu mir, Morgen bekomme ich dich.
 
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