Wenn mal von der konkreten Bezeichnung absieht, passt die Beschreibung eigentlich viel besser auf Robben als auf Hunde. Landraubtiere treten eigentlich selten in großer Zahl an einer Stelle auf, weil sie von ihren Beutetieren abhängig sind und gerade auf so einer Insel wie Gran Canaria könnte es damals, selbst wenn es dort schon Hunde gegeben haben sollte, nur eine begrenzte Anzahl von Hunden gegeben haben.
Robben können sich dagegen in großer Zahl auf einem Strand oder einer Sandbank oder einem Felsen konzentrieren, um sich dort auszuruhen oder Junge zu bekommen, da sie zur Futtersuche dann ein großes Seegebiet abdecken können.
Von Sandbank steht dort ja nichts, bloß, dass es auf der Insel viele Hunde gab.
Viel wichtiger ist: Wie hätten sie Hunde mitbringen sollen?
Man kann nichts von dort mitbringen was es dort nicht gibt.
Wenn man dort tatsächlich Gebäude vorfand, wie Plinius schreibt, warum dann nicht auch zurückgelassene Hunde? Mir ist natürlich auch klar, dass es eine Diskrepanz zwischen der Angabe gibt, dass es viele Hunde gewesen seien und der Annahme, dass es vielleicht bloß zurückgelassene Tiere waren.
Die Frage ist halt: Warum schreibt Plinius 'Hunde'?
Robben waren
phocae bzw.
φῶκαι.
Vergil beschreibt eine Tierseuche, die manchmal als Milzbrand gedeutet wird, in diesem Zusammenhang schreibt er aber auch (was m.E. gegen Milzbrand spricht); dass neben den Landtieren auch die Meerestiere betroffen gewesen seien, diese seien wie Schiffbrüche ans Ufer gespült worden und die Robben seien unüblicherweise in die Flüsse geflüchtet:
iam maris immensi prolem et genus omne natantum
litore in extremo ceu naufraga corpora fluctus
proluit; insolitae fugiunt in flumina
phocae.
Plinius schreibt über die Einteilung der Wassertiere nach Spezies über die Seekälber, die auch Robben genannt werden, die Tiere, die kein Haar haben und auf welche Weise sie gebären, welche Fische es gibt, welches die größten Fisch sind etc.:
digestio aquatilium per species de vitulis marinis sive phocis. quae pilo careant et quo modo pariant quot genera piscium qui maximi pisces cordylae....
In Buch 9 schreibt Plinius:
branchiae non sunt ballaenis nec delphinis. haec duo genera fistula spirant, quae ad pulmonem pertinet, ballaenis a fronte, delphinis a dorso. et vituli marini, quos vocant phocas, spirant ac dormiunt in terra; item testudines, de quibus mox plura.
Kiemen haben weder Wale noch Delphine. Diese beiden Arten atmen durch ein Rohr, dass zu den Lungen gehört, das bei den Walen an der Stirn, bei den Delphinen auf dem Rücken liegr. Und die Seekälber, welche man Roben nennt, atmen und schlafen an Land, genau wie die Schildkröten, von denen es später mehr (zu lesen gibt)
Da Iuba auf griechisch schrieb, sollten wir uns auch die Griechen ansehen. Aristoteles etwa:
Ὅσα δὲ ζῳοτοκεῖ, ἔξω φώκης καὶ δελφῖνος καὶ τῶν ἄλλων ὅσα οὕτω κητώδη, πάντα ἔχει ὦτα· ζῳοτοκεῖ γὰρ καὶ τὰ σελάχη· ἀλλὰ μόνον ἄνθρωπος οὐ κινεῖ. Ἡ μὲν οὖν φώκη πόρους ἔχει φανεροὺς ᾗ ἀκούει· ὁ δὲ δελφὶς ἀκούει μέν, οὐκ ἔχει δ' ὦτα.
Alle Tiere, die lebende Junge gebären, haben Ohren – mit Ausnahme der Robbe, des Delfins und der übrigen Tiere dieser Art, nämlich der Wale. Denn auch die Selachier (Knorpelfische wie Haie und Rochen) gebären lebend; doch nur der Mensch bewegt seine Ohren nicht.
Die Robbe hat also sichtbare Öffnungen (Gehörgänge), durch die sie hört; der Delfin hingegen hört zwar, besitzt aber keine Ohren. (Übersetzung durch KI)
Oder:
Ἡ δὲ φώκη ὥσπερ πεπηρωμένον τετράπουν ἐστίν· εὐθὺς γὰρ ἔχει μετὰ τὴν ὠμοπλάτην τοὺς πόδας ὁμοίους χερσίν, ὥσπερ καὶ οἱ τῆς ἄρκτου· πενταδάκτυλοι γάρ εἰσι, καὶ ἕκαστος τῶν [498b] δακτύλων καμπὰς ἔχει τρεῖς καὶ ὄνυχα οὐ μέγαν· οἱ δ' ὀπίσθιοι πόδες πενταδάκτυλοι μέν εἰσι, καὶ τὰς καμπὰς καὶ τοὺς ὄνυχας ὁμοίους ἔχουσι τοῖς προσθίοις, τῷ δὲ σχήματι παραπλήσιοι ταῖς τῶν ἰχθύων οὐραῖς εἰσιν.
Die Robbe aber ist gewissermaßen ein verstümmelter Vierfüßer.
Denn unmittelbar nach dem Schulterblatt besitzt sie Füße, die den Händen ähnlich sind, wie auch die der Bären. Sie sind nämlich fünfzehig, und jeder der Finger hat drei Gelenkbeugen und eine nicht große Kralle. Auch die Hinterfüße sind fünfzehig, und sie haben Beugungen und Krallen, die den vorderen ähnlich sind; in ihrer Form aber ähneln sie den Schwänzen der Fische.
Conclusio: Iuba hätte wohl nicht von Hunden, sondern von Robben (
φῶκαι) geschrieben und Plinius hätte dies als
phocae wiedergegeben. Denn Robben sollten mauretanischen Seeleuten bekannt gewesen sein.