Konstantinische Schenkung

Oleger

Mitglied
Hallo Forum,

in einem Video über die Konstantinische Schenkung wurde gebracht, dass der Grund für die Schenkung die Heilung Kaiser Konstantins von der Lepra durch Papst Sivester I war. Ist diese Heilung nun tatsächlich geschehen od. ist sie, wie die Konstantinische Schenkung selber, auch eine Fälschung?

Gruß
Oleger
 
Erfindung.
Die ganze Geschichte (die allerdings älter ist als die sog. "Konstantinische Schenkung") passt überhaupt nicht mit dem zusammen, was wir aus zeitnahen (auch christlichen!) Quellen tatsächlich über Konstantin wissen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich habe mal die KI befragt und diese Antwort erhalten:

Die historische Forschung hat die Erzählung eindeutig als falsch entlarvt:

Keine Krankheit: Es gibt keinerlei zeitgenössische Berichte oder Beweise dafür, dass Kaiser Konstantin jemals an Lepra (damals Aussatz genannt) erkrankt war.

Falscher Zeitpunkt der Taufe: Laut der Legende heilte Papst Silvester I. den Kaiser im Jahr 324 durch die Taufe von der Lepra. Historisch fest steht jedoch, dass Konstantin erst im Jahr 337 kurz vor seinem Tod in der Nähe von Nikomedien getauft wurde – und zwar von einem Bischof namens Eusebius, nicht von Papst Silvester.

Silvester war schon tot: Als Kaiser Konstantin tatsächlich getauft wurde, war Papst Silvester I. bereits seit zwei Jahren tot. Er starb am 31. Dezember 335.
 
in einem Video über die Konstantinische Schenkung wurde gebracht, dass...
Das hat nun nix mit dem Thread an sich zu tun, aber derzeit wird YT mit jeder Menge KI-produzierter Videos geflutet, deren Qualität meist sehr schlecht ist. Das reicht von der stetigen Wiederholung der Bilder, die oft nur vage zum Thema passen über Monotonie in Stimmmodulation bis hin zu inhaltlichem Crap. Das ganze dann oft auf 30 bis 60 Minuten hochgedonnert. Das ist verlorene Zeit, die einem niemand wiedergibt.
 
Wenn ich mich recht entsinne, dann konnte Cusanus, Bischof aus Bernkastel-Kues (immerhin ein kath. Bischof!) zeigen, dass die Unterschrift zum Dokument den Namen "Konstantinopel" verwendete, obwohl die Stadt zu dieser Zeit noch gar nicht so genannt wurde.
Tatsächlich wurde Konstantin kurz vor seinem Tod von Eusebius getauft, zu allem Unglück für die Nizäner (= Katholiken) von einem Arianer! Konstantin hätte sich mit Sicherheit nicht für seine Taufe kurz vor dem Tod bemüht, wenn er bereits getauft worden wäre. Das zeigt sich z.B. in seinem Engagement gegen die Donatisten in Afrika, die eine Wiedertaufe forderten, von Konstantin aber brüsk zurückgewiesen wurden.
Wie man es dreht und wendet... Lug und Trug!
 
Es ist so, dass der Betrug bei manchen Vertretern der Kirche zum gläubig und willig angenommenem Wesensbestandteil wurde.
  • Du sollst nicht stehlen.
  • Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
  • Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel noch alles, was sein ist.
Wie sehen wir, wie sieht sich und wie sah Adalbert von Bremen in Kenntnis dieser Gebote seine allumfassend betrügerische Tätigkeit, sein wahrhaft teuflisches Lebenswerk? Oder der Prior von Corvey?
Und wie hell leuchtet hingegen die Aufklärung und Wahrheitsliebe² des Papstes Innozenz III, der Fälschungen und Fälscherwerkstätten im Namen Gottes und des Glaubens ("Falsitas sub velamine sanctitatis tolerari non debet") verbot?

Schade, dass @Dion als Religionsexperte summa quidem auctoritate fori historiae¹ hier nicht mehr Stellung nehmen mag oder kann.


¹ Küchenlatein: der angesehenste Religionsexperte des Geschichtsforums

² sieht man einmal nachsichtig von seiner Bekämpfung und Verfolgung der Albigenser, Katharer, Juden, und seinen Aufrufen zum 4. und 5. Kreuzzug und seinem Beitrag zur Inquisition ab.
 
Es ist so, dass der Betrug bei manchen Vertretern der Kirche zum gläubig und willig angenommenem Wesensbestandteil wurde.
Ich habe mich nicht wirklich mit der Konst. Schenkung befasst, die Idee kam wohl nach der (wirklich stattgefundenen) Pippinschen Schenkung. Oder, wie mir die KI erklärt, diese Schenkung kam auf Grund der Konst. Schenkung zustande. Muss man der KI hier glauben?
Abgesehen davon: hatte denn die Konst. Schenkung irgendeine geschichtliche Bedeutung? Oder blieb sie gegenüber der Pipp. Schenkung eher im Hintergrund?

Eumolp: Cusanus, Bischof aus Bernkastel-Kues
Cusanus kam aus Kues, ich stand selbst schon vor seinem Haus durfte aber nicht hinein, denn es war kein Freitag. Er war Kardinal und Päpstlicher Bischof, auch eine Zeitlang Fürstbischof von Brixen. Für einen Mann in dieser Posittion war er recht freigeistig und entwickelte eine Philosophie, die nun gar nichts mehr mit der Scholastik zu tun hatte. Daher rechnet man ihn auch eher zu den Humanisten.
 
Zur Beantwortung meiner Fragen habe ich die wiki herangezogen und einen Artikel, mehr nicht. Entsprechend befriedigen die Antworten nur zur Hälfte, aber sie vermitteln wenigstens einen Eindruck von der komplexen Geschichte dieser "Schenkung".


Datierung und Zweck der Urkunde

Eine mögliche Datierung hängt mit der Pippinschen Schenkung zusammen, in der Pippin der Kurze dem Papst Stephan II die Herrschaft über langobardische Gebiete Italiens zusicherte (um 750). Mein Kritikpunkt: was hätte die Konst. Schenkung hier zusätzlich gebracht? Die Ansprüche Stephans über ganz Italien? Oder hatte Stephan dieses Dokument aus dem Ärmel gezogen und Pippin unter die Nase gehalten, um Hilfe gegen die Langobarden zu erhalten? (Die engl. wiki listet zu dieser These 2 am. Gelehrte.)
Andere datieren das Dokument ins 9. Jh.
Der Historiker Joh. Fried geht von anderen Zusammenhängen aus: es habe eine fränkische Opposition gegen Ludwig den Frommen gegeben (814-840) und zur Abwehr kaiserlicher Macht in der Kirche habe man diese Schenkung entworfen.

Früheste Bezüge:
- Chronik des Ado von Vienne (um 870)
- bei Aeneas von Paris (um 870).
- De Ordine Palatii des Hinkmar von Reims aus dem Jahr 882
- Urkunde von Papst Benedikt VII. an einen spanischen Empfänger vom April 979
 
Bedeutung im Mittelalter

Meine Hauptfrage war, inwiefern die Konstantinische Schenkung das Geschehen im MIttelalter beeinflusst hatte oder ob es sich vielmehr um ein Dokument handelt, das wenig Beachtung fand. Zum Glück gibt es einen Artikel genau zu diesem Thema,
Jürgen Miethke, Die „Konstantinische Schenkung“ in der mittelalterlichen Diskussion: ausgewählte Kapitel einer verschlungenen Rezeptionsgeschichte
sogar online, und daran orientiere ich mich. Allerdings in stark komprimierter Form. [Die Seitenzahlen beziehen sich hierauf.]


Die früheste Zeit 9-11 Jh:

Schon im 9. Jh fand die Schenkung Einzug in die kirchenrechtliche Textsammlung des sogenannten "Pseudoisidor", worin Papstbriefe, Konzilsbeschüsse etc. enthalten sind. Doch das Werk ist selbst eine Fälschung. Die Schenkung erregte dennoch kaum Aufmerksamkeit.
Nur zwei von insgesamt 17 untersuchten Rechtssammlungen aus der Zeit vom 10. bis zur Mitte des 11. Jhs. haben den Text des Constitutum zumindest teilweise berücksichtigt (wobei nicht der Schenkungs-Teil der Urkunde, sondern das kaiserliche Glaubensbekenntnis ihr Interesse zunächst viel deutlicher fesselte). (S.39)

Nur beiläufig wird zu dieser Zeit die Donatio argumentativ eingesetzt. Z.B. in einer Streitschrift von Petrus Damiani, dann in einer Schrift um Leo IX und dem Patriarchen von Byzanz (sog. Morgenländisches Schisma), wo die Schenkung als Garant für den Vorrang Roms herhalten muss. Schon zu dieser Zeit wird zumindest in kaiserlichen Umfeld an der Echtheit des Dokuments gezweifelt (S.41)

12.-13. Jh

Zu Ende des 12. Jh hatte die Donatio Einzug in einen Rechtscodex Gratians (Decretum Gratiani) gefunden (S.48). Das führte zu ihrer leichteren Verbreitung. Hierbei gab es 2 Positionen der Interpretation:
- Kanonisten (Kirchenrechtler): Aufweis der Gültigkeit der Schenkung.
- Legisten (Staatsrechtler, am Cod Just. orientiert): Ablehnung als staatsrechtl. Dekret, womit es invalide wurde

Papst Innozenz III interpretierte die Schenkung derart, dass Papst Silvester auch das säkulare Personal in Italien einsetzen konnte und nicht nur Bischöfe [ein Argument, das ich als innerhalb des Investiturstreits verorte, auch wenn dem das Wormser Konkordat 1122 ein Ende setzte .] (S.52)

Erst Papst Gregor IX geht in die Vollen und erklärt den Papst als Inhaber auch der säkularen Herrschaftsgewalt (S.54):

„Kaiser Konstantin, der eine einzigartige Alleinherrschaft [monarchia] über alle Klimazonen der Welt innehatte, [...] mit der vorherigen einmütigen Zustimmung aller es für angemessen hielt, dass der Stellvertreter des Apostelfürsten so wie er im gesamten Erdkreis die Herrschaft über die Priesterschaft und die Seelen führte, so auch in der ganzen Welt die sachliche und leibliche Oberherrschaft [principatum] erhalte; weil er glaubte, daß jener die zeitlichen Dinge mit dem Zügel der Gerechtigkeit regieren müsse, welchem der Herr, wie er wusste, auf Erden bereits die Leitung der himmlischen Dinge anvertraut hat, hat er dem Bischof von Rom die Abzeichen und die Szepter der kaiserlichen Würde, die Stadt Rom selbst mit ihrem gesamten Dukat (…) und auch die kaiserliche Herrschaft [imperium] beständig zur Sorge übergeben, und hat, zumal er es für einen Frevel hielt, daß, wo vom himmlischen Kaiser das Haupt der gesamten christlichen Glaubensgemeinschaft eingesetzt war, dort ein irdischer Kaiser irgendeine Herrschaftsgewalt ausübe, Italien der päpstlichen Verfügung überlassen und sich eine neue Bleibe in Griechenland erwählt.“

Das ist das erste Mal, dass ein Papst die Schenkung wörtlich nahm. Natürlich wurde die Echtheit des Dokuments nicht in Zweifel gezogen.

Im 13. Jh legte Papst Innozenz IV eine neue Interpretation der Schenkung vor: dem Papst als dem Stellvertreter Christi auf Erden war die Herrschaft über das Römische Reich von Natur aus gegeben. Konstantin konnte sie ihm also gar nicht schenken! Vielmehr löste Konstantin seinen Status als Tyrann [gemeint ist wohl: Usurpator] durch diese Schenkung auf, indem er damit die - ohnehin bestehende - Vorherrschaft des Papstes anerkannte (S.57). Das wäre das Maximalprogramm der Donatio. Dem schloss sich Papst Bonifaz VIII (Ende 13. Jh) an: es handle sich nicht um eine Schenkung, sondern um eine Rückgabe und gleichzeitig eine Unterwerfungsgeste Konstantins. [Im Hintergrund dieser Verlautbarungen stand ein Konflikt zwischen Innozenz IV und Friedrich II.]
Dagegen legte Papst Nikolaus III ein Minimalprogramm auf: In der Schenkung gehe es um die Verfügung über die Stadt Rom (S.59).

14.-15.Jh

Erst im 14. Jh. meldete sich wieder eine säkulare Stimme zur Schenkungs-Frage: ein anonymes Kollegium von Professoren der Pariser Universität: Quaestio in utramque partem. Die Schenkung hatte niemals eine rechtliche Kraft, so wurde mit alten legitistischen Thesen des 12. Jh argumentiert, außerdem hätten Gallien und Frankreich gerade nicht zum Westreich gehört. [Was einigermaßen kurios ist, es sei denn, man hob darauf ab, dass es zu Konst.'s Zeiten Frankreich gar nicht gegeben habe.]

In der Auseinandersetzung zwischen Johannes XXII und Ludwig dem Bayern [während des Papsttums in Avignon] gab es verschiedene Stimmen:
- Marsilius von Padua lehnte die Rechtsgültigkeit der Donatio ab.
- Leopold von Bebenburg, Würzburger Domherr, legte Mitte 14. Jh ebenfalls eine legitistische Interpretation der Donatio vor, indem er den Anspruch des Papstes ad absurdum führte, alle bisherigen Herrscher des Abend- und Morgenlandes hätten ihre Herrschaft dem Papst zu verdanken. Das hält er für absurd.
- Es ist klar, dass auch William von Ockham, Protegé Ludwigs des Bayern, Partei für ihn ergreift (in seinem Breviloquium von 1342), doch bricht das Manuskript mitten im Satz ab, keiner weiß, wieso.
 
Zuletzt bearbeitet:
Kurios im Wikipedia Artikel diese Bemerkung:
Spätestens im 11. Jahrhundert wurde die Konstantinische Schenkung somit ein fester Bestandteil des Kirchenrechts. Daran änderte der Nachweis der Fälschung um 1440 zunächst nichts. Grund dafür ist das mittelalterliche Rechtsverständnis: Bei Urkunden kam es auf den (plausiblen) Inhalt, nicht die Herkunft an. Fälschungen waren nicht ungewöhnlich und in der Regel juristisch vollständig inkorporiert.
 
Fälschungsverdacht im 15. Jh

Nikolaus von Kues hat seine Thesen zur Konstantinischen Schenkung in der Schrift De concordantia catholica dargelegt. Damals war er bloß Jurist, nicht in der Kirche aktiv, und hatte sich vor allem mit dieser Schrift in den Streit um den sogenannten Konziliarismus eingeschaltet. Hierbei ging es um die Frage, wer die relevanten Entscheidungen in der Kirche fällen sollte: ein bischöfliches Konzil oder der Papst in einsamer Entscheidung. Cusanus stand auf der Seite der Konzile. Die Schrift wurde 1433 veröffentlicht (also noch vor dem Buchdruck).
Wo es darin um die päpstliche Machtvollkommheit ging, präferierte Cusanus die Wahlmonarchie, die dem Naturrecht am ehesten entspreche. Dazu nahm sich Cusanus im 3. Buch (2.-5. Kap.) die Konst. Schenkung vor, und zwar mit der Richtlinie "Ad Fontes!", was zu seiner Zeit wohl geradezu ein revolutionärer Schritt war! So hat er das z.B. Schenkungsdokument selbst untersucht.

Doch in Wahrheit bin ich überaus erstaunt (…), da sie sich weder in authentischen Büchern noch in anerkannten Geschichtswerken findet. Ich habe alle mir zugänglichen Historien erneut durchgelesen – die Taten der Kaiser ebenso wie die Geschichte der römischen Päpste, die Schriften des heiligen Hieronymus, der beim Zusammentragen aller Dinge größte Sorgfalt walten ließ, sowie die kleineren Werke des Augustinus, des Ambrosius und anderer sehr alter Autoren; ich habe die Akten der heiligen Konzilien, die nach Nizäa stattfanden, eingehend geprüft – und finde keinerlei Übereinstimmung mit dem, was über jene Schenkung zu lesen ist. (De conc. cath. III.II, §295, §311)

Nachrichten über diese Schenkung sind also nicht bekannt; komisch, wo sie doch selbst die Anzahl der Kerzen kannten, die Konst. dem Papst gestiftet hatte. Außerdem sei die Taufe Konst's erst gegen Lebensende geschehen, und zwar von einem Arianer. Zuvor habe Konst. noch seine halbe Familie umgebracht - trotz angeblicher Taufe.

Cusanus stellte diese Schrift 1433 dem Konzil von Basel vor. 7 Jahre später diskutierte der Humanist Laurentius Valla (De falso credita et ementita Constantini donatione) die Schenkung erneut. Allerdings, wie Wolfram Setz, Hrsg. der Schrift, erklärt: "Die Konstantinische Schenkung war damals kein beherrschendes Thema der politischen Theorie mehr." Aber: Valla kannte wohl die Cusanussche Schrift (*) und hat nach ihr die eigene Interpretation der "Silvester-Legende" modelliert.
Valla zeigte mit sprachlichen Argumenten, dass das Latein der Urkunde Merkmale zeigt, welche die Entstehung im frühen 4. Jahrhundert ausschließen. Außerdem wird in der Urkunde der Name Konstantinopel (Constantinopolis) erwähnt, obwohl die Stadt zur angeblichen Ausstellungszeit (315/317) noch Byzantion bzw. Nova Roma hieß.
Der "Konstantinopel-Beleg" stammt also von Valla und ist, wie ich meine, neben der Widerlegung der Silvester-Legende durch Nikolaus der stärkste Beleg für die Falschheit.

Die Reformatoren nutzten Vallas Schrift als eine Waffe gegen den Papst. In der wiki finden sich auch die weiteren Diskussionen um die Donatio.

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(*) sagt Riccardo Fubini (Humanism and Truth: Valla Writes against the Donation of Constantine). Dabei verwechselte Valla sogar einige Begriffe der kanonischen Gesetzessammlung Gratians (Decretum Gratiani), insofern er dessen Ergänzungen, paleae, als den Autor der entsprechenden Kapitels im Decretum ansieht (!). Die paleae aber wurden wiederum von Cusanus breit diskutiert.
 
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