Liman-von-Sanders-Krise und die Dardanellen. (..Ein Versuch)

Der russische Botschafter in Berlin, Swerbejew, schrieb unter dem Datum des 03.01./16.01.14 an seinem Chef Sasonow unter anderem:

"Ich kann nicht umhin zu erklären, dass das Berliner Kabinett alles ihm Mögliche getan hat, um unsere berechtigten Wünsche zu erfüllen, und das ihm dies wegen der gegen die Regierung gerichtete Zeitungskampagne nicht leicht gewesen ist." (1)

(1) Siebert, Diplomatische Aktenstücke zur Geschichte der Ententepolitik der Vorkriegsjahre, S.672
 
Davon mal abgesehen, der entscheidende Punkt ist doch ein anderer, Sasonow hat die Krise fast eskalieren lassen. Die Reaktion muss hierauf in diesem Kontext verstanden werden. Man sollte hier nicht Ursache und Wirkung vertauschen.
Entscheidend ist doch hier, dass sowohl Frankreich und Großbritannien ebenfalls noch ein Interesse an dem osmanischen Reich hatten, und deswegen Sasonow nicht mit letzter Konsequenz unterstützt haben.
Zumindest Teile der St. Petersburger Kabinetts sahen eine echte Bedrohung - aus ihrer Sicht. Denn die osmanische Schließung der Meeresengen für einen Monat im ital.-türkischen Krieg im April-Mai 1912 führte zu massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die russ. Regierung. Mit den vor allem Rohstoff- bzw. Agrarexporten über die Meeresengen wurden die Auslandkredite wesentlich mitfinanziert.

Über die Ostsee war aufgrund der dt. Marinehäfen an der dt. Ostseeküste, der dt. Marinerüstung und der Winterzeit kein krisensicherer, ständiger Exportweg gegeben.
Die Installation eines dt. Militärhilfe-Kommandos scheinbar ganz nahe oder mit formaler Befehlsgewalt über die türkischen Truppen an den Meeresengen scheint in St. Petersburg bei einigen Entscheidern das Bild der vorsätzlichen Isolation Russlands vom freien Zugang zu Hochseewegen (Export von Waren, Möglichkeit der globalen Versendung von Marineschiffen) durch Berliner Entscheider verfestigt zu haben.

Wie sich ja im Weltkrieg zeigte, war das Russische Reich sowohl in der Ostsee wie in den türkischen Meeresengen tatsächlich dann vom freiem Zugang & Verkehr über die türkischen Meeresengen und über die Ostsee abgeschnitten worden...made in Berlin.

Der Anfang der britisch-russischen Marinegespräche im Februar 1914 ist die unmittelbare Folge der so genannten Liman-Krise...und der Versuch der russ. Führung, irgendwie ein mögliches militärisches Mittel gegen eine mögliche Totalblockade der beiden wichtigsten militärischen und wirtschaftlichen Hochseezugänge des Russ. Reiches - Ostsee und die Meeresengen - durch Berlin im Spannungsfall zu verhindern.

Siehe den erneuten Hinweis auf Stephen Schröder, Die englisch-russische Marinekonvention (2006), hier ab S. 94, u.a. Kapitel Die Liman von Sander-Krise als Auslöser der russischen Bündnisinitiative.

Nach dem die Deutschen in der von Samsonow aufgeblasenen Krise nachgegeben hat, durfte der englische Admiral Limpus auf seinen Posten in Konstantinopel bleiben. Ebenso der französische General Eydoux in Griechenland.
Die umfassenden Vollmachten des Generals Eydoux wurden erst formuliert, nachdem die Berliner Militärhilfe via Liman von Sanders und seiner Begleiter Ende November 1913 bekannt geworden waren.
Das wird gelegentlich und immer noch 'vergessen' in der Schuldzuweisungsdiskussion oder anderen Argumentationen.
 
Jedenfalls, und darauf kam es mir in meiner Ausführung an, konnte er wie Admiral Limpus mit seinen Vollmachten auf seinen Posten bleiben.
 
Über die Ostsee war aufgrund der dt. Marinehäfen an der dt. Ostseeküste, der dt. Marinerüstung und der Winterzeit kein krisensicherer, ständiger Exportweg gegeben.
Wie sich ja im Weltkrieg zeigte, war das Russische Reich sowohl in der Ostsee wie in den türkischen Meeresengen tatsächlich dann vom freiem Zugang & Verkehr über die türkischen Meeresengen und über die Ostsee abgeschnitten worden...made in Berlin.
@andreassolar weil ich es nicht weiß, frage ich: war die Ostsee samt Verbindung zur Nordsee jemals komplett von der kaiserlichen Marine abgesperrt gewesen? (klar, der Nord-Ostsee Kanal konnte jederzeit blockiert werden, weil auf deutschem Territorium und von sehr starken Festungen (Brunsbüttel & Kiel) an den Zugängen beherrscht)

Ich weiß, meine Frage gehört nicht direkt zum Thema, aber da das gerade erwähnt war (und ich zumindest die Festungen an der Ostsee kenne) hat es mich neugierig gemacht.
 
Zumindest Teile der St. Petersburger Kabinetts sahen eine echte Bedrohung - aus ihrer Sicht. Denn die osmanische Schließung der Meeresengen für einen Monat im ital.-türkischen Krieg im April-Mai 1912 führte zu massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die russ. Regierung. Mit den vor allem Rohstoff- bzw. Agrarexporten über die Meeresengen wurden die Auslandkredite wesentlich mitfinanziert.

Es hätte ja durchaus die Möglichkeit bestanden, auf die italienische Regierung einzuwirken, das sie den Krieg dort führt, wo sie ihn begonnen hatte: In Nordafrika. Die Italiener waren aber dort nicht sonderlich, nicht zum ersten Male, erfolgreich, also wurde der Krieg ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Interessen der Neutralen ausgedehnt.

Die Staaten des Balkanbundes haben diese relative Tatenlosigkeit der Großmächte mit großen Interesse verfolgt und schließlich ihren eigenen Krieg gegen die Türken eröffnet.

Wie sich ja im Weltkrieg zeigte, war das Russische Reich sowohl in der Ostsee wie in den türkischen Meeresengen tatsächlich dann vom freiem Zugang & Verkehr über die türkischen Meeresengen und über die Ostsee abgeschnitten worden...made in Berlin.

Und was hat dies alles mit der Liman Krise zu tun? Waren es auch nicht die Russen, die im Zuge der Balkankriege den ernsthaften Gedanken hatten, die Meerengenfrage im ihren Sinne zu endlich lösen und diesbezüglich schon in London, Paris, Wien und Berlin vorgefühlt hatten?

Der Anfang der britisch-russischen Marinegespräche im Februar 1914 ist die unmittelbare Folge der so genannten Liman-Krise...und der Versuch der russ. Führung, irgendwie ein mögliches militärisches Mittel gegen eine mögliche Totalblockade der beiden wichtigsten militärischen und wirtschaftlichen Hochseezugänge des Russ. Reiches - Ostsee und die Meeresengen - durch Berlin im Spannungsfall zu verhindern.

Es ging vor allem auch darum, endlich mit London eine handfeste, belastbare militärische Vereinbarung zu erzielen. Sasonow war enttäuscht, um nicht zu sagen wütend, über die aus seiner Sicht "zu geringe Unterstützung" des "Verbündeten".

Eine weitere Folge waren auch die Gespräche der russischen Spitzenmilitärs im Februar 1914 mit dem Außenminister Sasonow, in denen u.a. geklärt wurde, was zu tun war, damit die Meerengen unter russische Kontrolle kamen.

Und ehe ich es vergesse: Ich weise erneut auf #324 und #342 im Faden Poincaré Besuch in Petersburg hin.
 
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war die Ostsee samt Verbindung zur Nordsee jemals komplett von der kaiserlichen Marine abgesperrt gewesen? (klar, der Nord-Ostsee Kanal konnte jederzeit blockiert werden, weil auf deutschem Territorium und von sehr starken Festungen (Brunsbüttel & Kiel) an den Zugängen beherrscht)

Ich weiß, meine Frage gehört nicht direkt zum Thema,
Die Frage gehört schon direkt zum Thema.
Russland hat eisfreie Häfen nur am Schwarzen Meer und in Vladivostok. Die Ostsee ist nicht ganzjährig zugänglich und der Weg in die Nordsee schmal und leicht zu unterbrechen. Zumal der Kanal die Verlagerung auch großer deutscher Kriegsschiffe ermöglicht. Im Ernstfall ist da kein Durchkommen.
Der eisfreie Hafen Murmansk ist noch nicht fertig, und nur ein Teil der Schienenverbindung dahin.
Und Vladivostok liegt am anderen Ende der Welt, wenn man das so flapsig sagen will.

Daher vielleicht auch die Obsession der Russen mit dem Thema der Meerengen (Istanbul, Dardanellen).
Jedenfalls läuft der überlebenswichtige Export überwiegend darüber. Und das ist auch ein Aufreger für die Nationalisten und die extreme Rechte die zunehmend erstarkt.
Der Duma-Präsident Rodziaynko gibt zur Zeit der Osterfeierlichkeiten 1913 dem Zaren diese Empfehlung:
" man muss aus dem allgemeinen Enthusiasmus Nutzen ziehen. Die Meerengen müssen uns gehören. Mit Freude würde ein Krieg akzeptiert werden und würde nur das Ansehen der Kaiserlichen Macht steigern" (Übersetzung durch mich, Lieven - Nicholas II, S. 168)
Am Ende des Jahres ist die Liman-von-Sanders-Krise.
Im Februar 1914 legt der Durnovo dem Zaren in einem Memorandum sehr schlüssig und überzeugend dar, dass auch die Beherrschung der Meerengen kein sicherer Seeweg in die Welt sein kann. Denn danach muss man sich durch ein Gebiet vieler Inseln bewegen, ganz zu schweigen von Gibraltar.
Es hilft nichts, sagt der Durnovo. Wir sind und bleiben eine Landmacht, wir müssen und können uns mit dem DR verständigen. Denn es gibt keine grundsätzlichen Interessenkonflikte zwischen Russland und dem DR.

Es gibt verschiedene Beurteilungen in Russland.
Doch setzt sich die Gruppe durch, die in der deutschen Mission in Istanbul den Griff an die Kehle Russlands erblickt.
 
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Die umfassenden Vollmachten des Generals Eydoux wurden erst formuliert, nachdem die Berliner Militärhilfe via Liman von Sanders und seiner Begleiter Ende November 1913 bekannt geworden waren.
Das wird gelegentlich und immer noch 'vergessen' in der Schuldzuweisungsdiskussion oder anderen Argumentationen.

General Eydoux hat am 20. Dezember 1913, also nach Ankunft der Militärmission Limans in Istanbul, folgende Aufgaben/Vollmachten erhalten lt. Meldung der Kölnischen Zeitung vom 20. Dezember 1913, Abendausgabe, Titelseite:

Athen, 20. Dezember (Telegr) Die Agence d' Athenes meldet: Durch ein heute veröffentlichtes Dekret des Königs wird ein eigenes Armeekorps von Attika gebildet werden, das dem französischen General Eydoux unterstellt sein und als Musterkorps für die anderen Armeekorps dienen wird.

Ein gutes Beispiel für die Vertauschung von Ursache und Wirkung in manchen eher fruchtlosen Wiederholungen, scheint mir. Die Liman-Mission ab 15. Dezember 1913 kopierte nicht die Vollmachten/Aufgaben des französischen General Eydoux in Griechenland. Die Aufgaben/Vollmachten der neuen Mission des Generals Eydoux kopierten jene der Liman-Mission.

Komplexer wird eine vorschnelle oder allzu schwarz-weiße Beurteilung zusätzlich dadurch, dass der griechische König nicht nur die Schwester von KWII. als Ehefrau hatte, sondern selber deutschfreundlich orientiert war, auch als Angehöriger des deutsch-dänischen Adelshauses Glückburg-Schleswig-Holstein-Sonderburg.

Die Ostsee wie auch die türk. Meeresengen waren während des Weltkrieges für Importe nach Russland gesperrt, Made in Berlin.
 
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Hast du die Beiträge #364, 365 und 366 gelesen? Eine kurze Anmerkung: Wir sind hier in einem Forum, in dem diskutiert wird, nicht in einem Hörsaal, in dem Vorträge gehalten werden.

Die Ostsee wie auch die türk. Meeresengen waren während des Weltkrieges für Importe nach Russland gesperrt, Made in Berlin.

Whataboutism und außerdem wiederholst du dich. Wollen wir auch noch die britische Seeblockade erörtern? Du verwechselst Ursache und Wirkung. Der Krieg wurde von Italien begonnen und schließlich vor die türkische Haustür getragen.
Komplexer wird eine vorschnelle oder allzu schwarz-weiße Beurteilung zusätzlich dadurch, dass der griechische König nicht nur die Schwester von KWII. als Ehefrau hatte, sondern selber deutschfreundlich orientiert war, auch als Angehöriger des deutsch-dänischen Adelshauses Glückburg-Schleswig-Holstein-Sonderburg.

Wie wäre es einmal, wenn du deine Mitdiskutanten nicht immer belehren oder abwerten würdest?

Ein gutes Beispiel für die Vertauschung von Ursache und Wirkung in manchen eher fruchtlosen Wiederholungen, scheint mir. Die Liman-Mission ab 15. Dezember 1913 kopierte nicht die Vollmachten/Aufgaben des französischen General Eydoux in Griechenland. Die Aufgaben/Vollmachten der neuen Mission des Generals Eydoux kopierten jene der Liman-Mission.

Fruchtlos ist es, wenn du selbst Ursache und Wirkung selbst durcheinander bekommst. Der Aggressor war Italien, nicht das Osmanische Reich.

Fakt ist, das über das Kommando von Admiral Limpus nicht eine schwere diplomatische Krise von Sasonow entfacht worden war. Merkwürdigerweise konnte er, wie auch Eydoux, nach dem die Deutschen eingelenkt und nachgegeben haben, auf ihren Posten, ohne Einschränkung der Kommandogewalt verbleiben.
 
weil ich es nicht weiß, frage ich: war die Ostsee samt Verbindung zur Nordsee jemals komplett von der kaiserlichen Marine abgesperrt gewesen?
Russland hat eisfreie Häfen nur am Schwarzen Meer und in Vladivostok. Die Ostsee ist nicht ganzjährig zugänglich und der Weg in die Nordsee schmal und leicht zu unterbrechen. Zumal der Kanal die Verlagerung auch großer deutscher Kriegsschiffe ermöglicht. Im Ernstfall ist da kein Durchkommen.
Die Ostsee wie auch die türk. Meeresengen waren während des Weltkrieges für Importe nach Russland gesperrt, Made in Berlin.
Mit einer strategischen Fehlentscheidung engte sich die deutsche Hochseeflotte weiter selbst ein: Um den Einbruch britischer Seestreitkräfte in die Ostsee zu verhindern, wurde bei Kriegsbeginn Dänemark ersucht, die Belte zu sperren, wobei die Reichsleitung die Zusicherung gab, dass die deutschen Seestreitkräfte die gesperrten Seegebiete meiden würden. Mit diesem Verzicht hatte die Hochseeflotte ihre seestrategischen Möglichkeiten stark eingeschränkt (Vorstoß im nördlichen Bereich der Nordsee), ein Vordringen der Royal Navy wäre angesichts der durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal gegebenen strategischen Möglichkeiten vermutlich sogar ein Vorteil gewesen.[12]
zitiert aus: Seekrieg im Ersten Weltkrieg – Wikipedia

das macht auf mich folgenden Eindruck: die Durchfahrt von der Nordsee zur Ostsee um Dänemark herum (via Öresund, großer & kleiner Belt ins Kattegat) befand sich in dänischer und schwedischer Kontrolle/Zuständigkeit. Die brit. Nordseeblockade dürfte für Ex-Importe zum verbündeten Russland wohl nicht gesperrt gewesen sein.
Eine kaiserliche Totalsperre/beherrschung der Ostsee hätte es 1917 dem britischen U-Boot C32 eigentlich nicht gestattet, in der Bucht von Riga auf russischer Seite an maritimen Kampfhandlungen teilzunehmen (?!) siehe Unternehmen Albion / Eroberung der Ostseeinseln vor Riga.
- - entweder begreife ich hier mangels Kenntnis irgendwas nicht, oder meine Frage ist noch nicht beantwortet?
 
Britische U-Boote waren bereits am 18.Oktober 1914 in der Ostsee unterwegs. Vorher hatte es schon entsprechende Gerüchte gegeben.
Die Victoria-Luise lief am besagten 18.Oktober 1914 mit 13 Knoten in Richtung Falsterbo, als um 10:10 die Ausguckposten zwei Torpedolaufbahnen erkannten. Das erste Torpedo lief am Heck vorbei, dem zweiten konnte die Victoria-Luise ausweichen. Ein U-Bootangriff bei der Bewachung des Sunds ließ nur den Schluss zu, das britische Unterseeboote in die Ostsee eingedrungen waren.
 
das macht auf mich folgenden Eindruck: die Durchfahrt von der Nordsee zur Ostsee um Dänemark herum (via Öresund, großer & kleiner Belt ins Kattegat) befand sich in dänischer und schwedischer Kontrolle/Zuständigkeit. Die brit. Nordseeblockade dürfte für Ex-Importe zum verbündeten Russland wohl nicht gesperrt gewesen sein.
Eine kaiserliche Totalsperre/beherrschung der Ostsee hätte es 1917 dem britischen U-Boot C32 eigentlich nicht gestattet, in der Bucht von Riga auf russischer Seite an maritimen Kampfhandlungen teilzunehmen (?!) siehe Unternehmen Albion / Eroberung der Ostseeinseln vor Riga.
- - entweder begreife ich hier mangels Kenntnis irgendwas nicht, oder meine Frage ist noch nicht beantwortet?
Ich kann Dir Dein Frage auch nicht mit Sicherheit beantworten, denke aber nicht, dass es noch nennenswerten Handel zwischen Russland und den anderen Alliierten über die Ostsee gab. Die Ostsee ist ja auch kein Riesenmeer und deutsche Schiffe konnten von der gesamten deutschen Ostseeküste zwischen Kiel und Memel aus operieren. Man konnte die westliche Ostsee auch ohne Kontrolle über die Belte weitgehend kontrollieren.

Operationen durch feindliche U-Boote in der Ostsee sprechen nicht dagegen. Die deutschen U-Boote operierten ja auch trotz der Seeblockade der Briten auch außerhalb der Ostsee.

Und die Beherrschung der Ostsee durch die deutsche Marine war wohl auch nicht total. Rein zahlenmäßig soll die baltische Flotte der Russen sogar stärker als die deutsche Ostseeflotte gewesen sein, beschränkte sich aber weitgehend auf eine defensive Rolle. Dennoch war sie ein Faktor, mit dem zu rechnen war. Sie konnte aber weder die Unterstützung deutscher Operationen im Baltikum durch die kaiserliche Marine, noch den deutschen Handel mit Schweden unterbinden.

Ein wichtiger Faktor war sicher auch, dass bei Versuchen, trotz der deutschen Präsenz in der Ostsee über diese Handel zu betreiben, nicht nur die Gefahr bestand, dass diese von deutschen Kräften, unter Umständen auch U-Booten, versenkt werden konnten, sondern Deutschland hätte dort auch sogar strikt nach Prisenordnung agieren können und feindliche Handelsschiffe nicht versenken, sondern aufbringen können. Die Handelsgüter und die Schiffe wären also nicht nur verloren gegangen, sondern wären auch noch die Hände des Feindes gekommen.

 
das macht auf mich folgenden Eindruck: die Durchfahrt von der Nordsee zur Ostsee um Dänemark herum (via Öresund, großer & kleiner Belt ins Kattegat) befand sich in dänischer und schwedischer Kontrolle/Zuständigkeit. Die brit. Nordseeblockade dürfte für Ex-Importe zum verbündeten Russland wohl nicht gesperrt gewesen sein.
Eine kaiserliche Totalsperre/beherrschung der Ostsee hätte es 1917 dem britischen U-Boot C32 eigentlich nicht gestattet, in der Bucht von Riga auf russischer Seite an maritimen Kampfhandlungen teilzunehmen (?!) siehe Unternehmen Albion / Eroberung der Ostseeinseln vor Riga.
- - entweder begreife ich hier mangels Kenntnis irgendwas nicht, oder meine Frage ist noch nicht beantwortet?

Da facto gab es keine Vollsperrung in dem Sinne, dass überhaupt nichts mehr durch den Sund gekommen wäre, schon deswegen nicht, weil das eine direkte Schädigung des schwedischen Handels bedeutet hätte.
Deutschlands Rüstungsindustrie war aber auf die "Schwedenerze" zur Ergänzung der eigenen Rohstoffbasis dringend angewisen, folglich war es angezeigt jede Maßnahme zu vermeiden, die Stockholm vor den Kopf stoßen und die Einfuhr schwedischer Erze hätte gefährden können.

Vollsperrung war schon deswegen keine Option, aber natürlich genügte die deutsche Seeüberlegenheit in der Ostsee um zu verhindern, dass Schiffe mit Kriegsgütern Russland ohne weiteres anfahren konnten.

Ich kann Dir Dein Frage auch nicht mit Sicherheit beantworten, denke aber nicht, dass es noch nennenswerten Handel zwischen Russland und den anderen Alliierten über die Ostsee gab. Die Ostsee ist ja auch kein Riesenmeer und deutsche Schiffe konnten von der gesamten deutschen Ostseeküste zwischen Kiel und Memel aus operieren. Man konnte die westliche Ostsee auch ohne Kontrolle über die Belte weitgehend kontrollieren.

Gab es nicht.
Es gab Unterstützungslieferungen der Entente für Russland im Norden, das lief aber vor allem über die norwegischen Häfen von da mit der Bahn durch Schweden und weiter mit der Bahn zur Schwedisch-Russischen (Finnischen) Grenze.

Das ging in begrenzten Maße, weil Deutschland gegen Schweden wegen der Erzproblematik nicht viel unternehmen konnte, war aber natürlich im mehrfacher Hinsicht limitiert:

- Zum einen hatte natürlich Schweden ein Interesse seine Neutralität aufrecht zu erhalten (zumal die durch die Kriegskonjunktur wirtschaftlich durchaus vorteilhaft war) und konnte daher nicht zu offensichtlich die eine oder andere Seite begünstigen.

- Zum anderen waren natürlich die Bahnkapazitäten in diesen Gegegenden eher beschaulich, so dass die Transportlisstung limittiert war.


Ein interessantes Panorama des Güterumschlags an der Schwedisch-Russischen Grenze (Grenzübergang von Haparanda nach Tornio), liefert Catherine Merridale in "Lenins Zug" (das Werk vollzieht die Reise Lenins und seiner Genossen von der Schweiz über Deutschland und Schweden nach Russland nach).

[...] "Vom Moment ihrer Ziehung an schien die Grenze nie völlig ungefährdet zu sein.
Die Schwedische Regierung konnte nicht vergessen, das Russland Expansionsgelüste hatte. Als riesige Erzvorkommen in Kriuna, weniger als fünfhundert Kilometer nordwestlich, entdect wurden, mussten Investoren in Stockholm ihre Pläne für eine moderne Eisenbahnstrecke zügeln, da sie fürchteten, dass Haparanda ein Tor für eine neue Welle einfallender russischer Horden werden könne. Das Dampfzeitalter Schwedens hatte seinen Höhepunkt erreicht, doch während sich die Gleise wie Nervenstränge nach Norden vorschoben, wurden keine Schienen nach Haparanda verlegt. Im Sommer, wenn die Schlittn der Jäger kein Eis mehr überqzeren konnten, war eine Holzbrücke die einzige solide Verbindung nach Finnland.
Die Situation änderte sich durch den Ersten Weltkrieg. Die Großmächte der europäischen Atlatikküste, Großbritannien und Frankreich waren mit dem Russischen Reich verbündet. Sie mussten MMenschen hin und her schicken und hatten sich einverstanden erklärt, die Russen mit lebenswichtigen Kriegsmaterialien, etwa Zündschnühren, Präzisionsvisieren, zu versorgen, doch der direkte Kontakt zwischen West und Ost war blockiert. Die Routen durch Deutschland hatte man natürlich versperrt, und wo die Seewege durch Nord- und Ostssee nicht voll Minen waren, wurden sie von U-Booten abpatroulliert. Allein der Landweg durc Nordschweden war benutzbar, wiewohl aufreibend und abgeschieden. Thomas Cook starb im Jahre 1892. Wenn er Haparanda einmal für exotisch gehalten hatte, hätte er es sich 1917 anschauen sollen.
Die Eisenbahnverbindung wurde 1915 fertiggestellt. Es handelte sich nur um eine einspurige Nebenstrecke, und die Lokomotiven mussten von Karungi im Norden heruntertuckern. Obwohl die Strecke nun eine Lebensader für den Kriegshandel war, machte sie vor Finnland halt, dessen Schienen (wie alle von Russland kontrollierten) ohnehin eine andere Spurbreite hatten. Da die beiden Seiten so nervös miteinander umgingen, musste alles (einschließlich der Passagiere) am Bahnhof von Haparanda entladen, über den Fluss befördert, am gegenüberliegenden Steilufer hochgewuchtet und auf russische Züge verladen werden. [...]


Merridale, Catherine: "Lenins Zug", Frankfurt am Main, 2017 S.12-S.13 (Titel der englischen Orriginalausgabe: "Lenin on the train" 2016).


Rein zahlenmäßig soll die baltische Flotte der Russen sogar stärker als die deutsche Ostseeflotte gewesen sein, beschränkte sich aber weitgehend auf eine defensive Rolle.
Könnte zahlenmäßig hinkommen, allerings handelt es sich bei den russischen Schiffen in der weitüberwiegenden Mehrzahl um veraltete Modelle, die ihren deutschen Kontrahenten zum Teil wenig entgegenzusetzen gehabt hätten.
Die Verluste von 1904/1905, hatten die Probleme der russischen Marine ja durchaus aufgezeigt und durch die prekäre Lage von Russlands Staatsfinanzen und die folgende Priorisierung der Landrüstung und des Bahnbaus, waren natürlich entsprechend wenig Mittel vorhanden, die Probleme bei der Marine zu beseitigen, während ein guter Teil der deutschen Einheiten brandneu war und natürlich durch Abzüge aus der Nordsee via Nord-Ostsee-Kanals jederzeit verstärkt werden konnte.

Insofern geügte es, wenn Deutschland weitgehend die Kontrolle über die südliche Ostsee hatte und Schweden es nicht erlaubte, dass die Entente die schwedischen Hoheitsgewässer regelmäßig als Korridor zum Transfer von Kriegsgüter nach Russland per See nutzte um weitere Verwicklungen zu vermeiden und die eigene Neutralität nicht zu gefährden, um Russland von Nachschub über die Ostsee weitgehend abzuschneiden.
 
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Jetzt diskutieren wir tatsächlich über den Krieg in der Ostsee.

Der deutsche Admiralstab hatte sich zu Beginn des Krieges dahingehend festgelegt, defensiv gegenüber der russischen Flotte zu bleiben. Infolgedessen hatte man auch nur ältere Pötte in der Ostsee stationiert.

Die russische Flotte hatte das Problem, das sie mehrere Monate im Jahr durch das Eis behindert wurde und so zum größten Teil in den Kriegshäfen Reval, Helsingfors und Kronstadt eingeschlossen war.

Die deutschen Kriegsschiffe hingegen konnte über ihre Stützpunkte Kiel und Danzig die Ostsee das Jahr über kontrollieren und beherrschen.

Die Dänen hatten auf deutschen Wunsch die Ostseezugäng vermint. So wurde Russland von seinen wichtigen Nachschubverbindungen abgeschnitten. An dieser Stelle hätte die Baltische Flotte eigentlich aktiv werden müssen; seltsamerweise verblieb man in der selbstverordneten Defensive. Der Schutz Petersburgs hatte höchste Priorität und dies verhinderte nennenswerte Offensivoperationen.

Im Operationsbefehl vom 30.07.1914 wurde befohlen, das die deutschen Seestreitkräfte Minenkrieg vor der russischen Küste zu führen haben, den feindlichen Handel stören und den eigenen Handel und die Kieler Bucht vor feimndliche Angriffe zu schützen.

Offensivoperationen sollten nur dann durchgeführt werden, wenn entsprechende Unterstützung von der Hochseeflotte gewährt werden würde.
 
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