Das Ganze hatte eben (aus Sicht der Regierungen) auch eine politische Dimension. "Die unbefleckt Empfangene" konnte neben den natürlich für die Mädchen und ihre Umgebung im Vordergrund stehenden religiösen Motiven ein Indiz für eine ultramontane Gesinnung sein - und schließlich sollte dann ausgerechnet Pius IX. das entsprechende Dogma formulieren. Vielfach spottete man auch in Paris über den obskuren Aberglauben aus der Provinz, aber die Regierung Napoleons III. bemühte sich um ein wenigstens erträgliches Verhältnis zum Heiligen Stuhl und um die Loyalität der katholischen Landbevölkerung.
Bismarck hat sich nach 1870 für ein knappes Jahrzehnt auf den gegenteiligen Weg festgelegt. Der Ultramontanismus und alles, was ihm irgendwie nahestehen mochte, galt als Zeichen für eine latente Gegnerschaft zur Regierung - und der Eiserne Kanzler neigte nur sehr selten zu Milde und Nachgiebigkeit, wenn er sich um den Bestand seines Werkes sorgte. Der Kulturkampf prägte die Verwaltung des frühen Kaiserreiches und der preußischen Vormacht damals sehr stark. Natürlich wirken die Befürchtungen der preußischen Behörden aus der Rückschau wenig begründet, aber aus der Rückschau kann man eben Manches nüchterner einordnen.
Die Mädchen waren übrigens auch nicht im Gefängnis, sondern eher in einer Art Jugendbesserungsanstalt, was allerdings sicher auch keine sehr angenehme Erfahrung gewesen sein dürfte. Für eine kleine Lüge - falls es denn eine war - ist das natürlich unverhältnismäßig, lag aber eben in der aufgeheizten Stimmung und den übertriebenen Befürchtungen der Behörden begründet, nicht in einer besonderen Brutalität der Preußen an sich.