Mietskasernen in Berlin

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Tirza, 30. November 2009.

Schlagworte:
  1. Tirza

    Tirza Neues Mitglied

    Hallo:winke:

    Ich habe bei der Vorbereitung für meinen Vortrag das folgende Problem festgestellt: ich weiß nicht genau in welchen Bezirken es die Mietskasernen gegeben hat. Welche Bezirke also eher Bezirke der Arbeiter und der ärmeren waren und welche überwiegend von Adligen bewohnt gewesen sind.
    Im Internet habe ich nichts dazu gefunden:(
    Habt Ihr vielleicht genauere Information dazu? Es würde mir sehr helfen.
    Ich bedanke mich im Voraus!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Such mal nach dem Begriff Scheunenviertel.
     
  3. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Ob es zur Kaiserzeit Berliner Stadtviertel mit adeliger Bevölkerung gab? So viele Adelige gab es nicht, dass diese ganze Stadtviertel hätten bevölkern hätten können.

    Ich gehe davon aus, dass sich die Stadtviertel Berlins nicht so grundlegend in ihrer sozialen Struktur geändert haben. Wo früher Arbeiter lebten, sind auch heute noch die Bevölkerungsteile mit geringem Einkommen zu finden. Und wo früher hohe Beamte, Industrielle und renommierte Künstler sich ihre Villen errichten ließen, da wohnt auch heute noch die Oberschicht. Selbstverständlich gab es Veränderungen, so sind neue Stadtviertel aus dem Boden gestampft worden (Berlin-Marzahn / Berlin-Hellersdorf). Aber dies ändert nichts daran, dass:

    Moabit, Neukölln, Wedding oder Friedrichshain typische Arbeiterbezirke waren und sind. Gerade in solche Gebiete sind dann später Migranten zu gezogen.

    Dahlem, Grunewald oder Zehlendorf schon vor 100 Jahren die Orte waren, wo sich die Schönen und Reichen ansiedelten.

    Die Friedrichstraße war schon zur Kaiserzeit mondän. Auch heute hat sie eine hervor gehobene Stellung.

    Eines der Viertel die sich stark gewandelt haben ist der Prenzlauer Berg. Früher ein Arbeiterviertel gilt es nun als Szeneviertel.

    Berlin ist prinzipiell eine Mieterstadt. Und Mietwohnungen findet man eher im Geschoßwohnungsbau. Große Einfamilienhaussiedlungen gibt es auch, insbesondere am östlichen Stadtrand (Mahlsdorf, Bliesdorf)

    Ein guter Einblick über die Geschichte der Berliner Stadtviertel gibt der
    Plötz Immobilienführer Berlin
    Das Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch, aber unabsichtlich erzählt er einiges über die Geschichte der jeweiligen Kieze.
     
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    In Berlin Berlin gab es keine so klare Trennung wie in anderen Großstädten z.B. London oder Paris.

    Die grobe Aufteilung die Flavius Sterius erwähnt hat ist schon korrekt. Die "Arbeiterviertel" lagen überwiegend im Norden und Osten, die "besseren" Gegenden im Westen und Süden. In der Tat gab es aber auch Inseln mit Häusern besserer Qualität und Bewohnern höheren Einkommens praktisch in jedem Stadtteil. Dass sieht man z.B. auch an der Verteilung der verschiedenen Schlösser in Berlin, nicht nur die der Königsfamilie, sondern auch des Hochadels, um die herum sich jeweils ein kleiner Hofstaat bildete.

    Eine ganz Typische Erscheinung ist das Berliner Mietshaus in dem Sinne, dass es meistens auch die Gesellschaft widerspiegelte: Im Vorderhaus, im Hochparterre und im 1. OG wohnte die "bessere Gesellschaft": Ärzte, Anwälte, Höhere Beamte, oft der Eigentümer des Hauses. In den oberen Etagen höhere Angestellte und kleinere Beamte, Kaufleute etc.

    In den hinteren Höfen kamen dann Leute mit niedrigeren Einkommen, die Ärmsten in den Dachgeschossen und den Kellerwohnungen, (die jedoch aus Sanitären Gründen um 1900 verboten wurden). Ganz hinten, im letzten Hof war entweder eine Werkstatt, eine Remise, eine Molkerei oder gar ein Schweinestall (auch relativ früh verboten und aus der Stadt verbannt).

    Das Berliner Mietshaus war also praktisch eine Stadt in der Stadt. Dieses änderte sich mit der 2. großen Expansion Berlins ab 1900 als dann viele der Besserverdienenden dann in "neue" Viertel wie Friedenau, Charlottenburg und Steglitz zogen. Diese waren dann bürgerlicher Geprägt als Wedding oder Prenzlauer Berg, reine Viertel der Reichen waren sie jedoch auch nicht.

    Wohngebiete der "Adligen" als solche kann man glaube ich nur im Umfeld der Schlösser (z.B. Schlosstrasse in Charlottenburg) und in bestimmten kleinere Gegenden wie um den Bahnhof Zehlendorf, der Fichtenberg in Steglitz, der Bereich um den Bahnhof Lichterfelde West (Botanischer Garten) und einige Strassen in Dahlem. Die S1 spielte bei dieser Entwicklung offensichtlich eine wichtige Rolle.
    Sehr deutlich, wenn auch nicht mehr direkt in Berlin, die Berliner Vorstadt in Potsdam wo sich zahlreiche Villen des höheren Adels konzentrierten.

    Grunewald, als aktuell "beste" (vulgo teuerste) Berliner Wohnlage ist erst relativ spät entstanden.
     
  5. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Irgendwo mussten ja die armen "Schweine" leben.

    Ich habe ein Problem mit der Fragestellung.
    Berlin ist doch nicht die Welt.
    In anderen Städten ging es doch genau so zu.
    Das war ein Gesellschaftsproblem, nicht ein Berlinerproblem.
    In Potsdam gibt es heute noch solche "Hinterhöfe", das will man zwar nicht wahrhaben, aber es gibt sie.
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das trifft so nicht zu. Einige heutige Stadtteile wurden nämlich erst im 20. Jahrhundert eingemeindet und blieben deshalb meist frei von der typischen Mietskaserne samt Hinterhöfen.
    Groß-Berlin ? Wikipedia
     
  7. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Tirza
    anders gefragt: über welche Zeit sprechen wir denn und wie definierst du Mietskasernen?
    Armenviertel und überhaupt verdichteten Wohnungsbau gab es recht früh. London kannte z.B. einen Brand der am 02.09.1666 dreiViertel der City zerstörte ...
    Großer Brand von London ? Wikipedia

    Das lag unter anderem eben an der verdichteten Bauweise und den auskragenden oberen Stockwerken ...
     
  8. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Was ist eine Mietskaserne?

    Mietskaserne ? Wikipedia

    Für unser Thema interessant:

     
    Bezirke speziell für Adlige gab es nicht.

    Meine folgenden Aussagen beziehen sich auf das gesamte Gebiet des heutigen Berlins (Groß-Berlin, gibts es in der Form seit 1920, also erst nach dem Kaiserreich); als der Kaiser noch regierte bestand das heutige Berlin aus fünf Städten und einem dutzend Landkreisen u.ä., daher die große Zersplitterung; noch heute ist Berlin eigentlich keine Stadt, sondern ein Sammelsurium vieler Dörfer...

    Daher gab es in Berlin auch eine relativ große Durchmischung der Bevölkerungsschichten; eine typische Situation für Berlin war, dass im Vorderhaus (im ersten Stock, der Belle Etage) ein wohlhabender Unternehmer wohnte; dessen kaufmännischen Angestellten wohtnen mit ihren Familien (wenn vorhanden) ebenfalls im Vorderhaus, je weniger der Verdienst desto höher das Stockwerk; Fahrstühle gab es nicht, und treppen steigen wollte man auch nicht. Tatsächlich nimmt die Raumhöhe in vielen Vorderhäusern mit jeder Etage ab. Unter dem Dach gab es öfters kleine Kammern für Diensboten oder die jüngsten Buchhalter etc.

    Im Hinterhof lag oft der Betrieb des besagten Unternehmers. Diese räumliche Nähe zwischen Lebens- und Arbeitswelt war typisch für die frühe Industrialisierung, in Berlin aber angfeblich besonders oft anzutreffen. Es sorgte natürlich für kurze Wege, aber auch für eine starke Belastung der Wohngegenden mit Industrieschmutz, Abgasen und vor allem Lärm.

    Die Seiten- und Hinterhäuser blieben oft den Arbeitern vorbehalten. Entsprechend sieht man noch heute, dass diese Gebäude "billiger" gebaut wurden (niedrigere Raumhöhe, dünnere Wände/Decken mit entsprechend schlechteren Isolierung, kleinere Räume bzw Wohnungen).

    Dennoch etwas zu den Bezirken, die sich natürlich unterschieden. Wie in vielen europäischen Grostädten konzentrierten sich die Industriegebiete und "Arbeiterbezirke" (also die Gegenden, in denen u.a. viele Arbeiter wohnten, die daher eher ärmlich waren, und wo das oben beschriebene Phänomen mit der engen Verquickung von Wohnen und Industrie) eher im Osten der Stadt, die "bürgerlichen" Vororte eher im Westen. Grund ist die vorwiegende Windrichtung: In Europa kommt der Wind eher aus em Westen als aus dem Osten.

    Berühmt-berüchtigte "Problemviertel" mit einer hohen Dichte an miesen Mietskasernen gab es in folgenden Bezirken bzw Ortsteilen: Kreuzberg, Wedding, Rixdorf (Nord-Neukölln), Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Moabit.

    Auch in anderen Innenstadtbezirken wird es billige Mietshäuser gegeben haben; zu nennen wären Schöneberg, Tempelhof, Mitte etc. pp.

    Interessant ist, dass sich diese Stellung noch heute an vielen Details im Stadtbild erkennen lässt. So gibt es noch heute zwei, drei Hinterhof-Reihen von einer Straße bis zur nächsten; also man betritt von der Straße einen Hinterhof, von dort führt ein Durchgang zum nächsten und so weiter, bis man auf der anderen Seite des Häuserblocks wieder auf der Straße steht(ich glaube, vier oder fünf Höfe sind es heute). Früher war das Normalität, bis zur sieben Höfe lagen damals hintereinander.

    Ein andere Beispiel wäre die Berliner U-Bahn, die in den ehemaligen Arbeiterbezirken als oberirdische Hochbahn fährt; war wohl billiger zu errichten, und der Lärm störte nur ein paar Proletarier...

    Ein Verweis noch auf diesen Thread, da habe ich mich schon zu einigem geäußert, Berliner Arbeiterwohnviertel betreffend:

    http://www.geschichtsforum.de/f58/gesellschaft-alltag-freizeit-und-tagesablauf-29931/#post453193

    Auch auf das Zille-Zitat, dass man einen Menschen mit einer Wohnung ebenso erschlagen könne wie mit einer Axt, sei hier noch einmal hingewiesen.

    EDIT & P.S.: Berühmt-berüchtigte Villengegenden ist übrigens Wannsee (Ortsteil), im Prinzip ganz Zehlendorf (bis 2001 Bezirk); ähnlich war es schon zu Kaisers Zeiten mit Köpenick, Pankow, Reinickendorf, Spandau, Steglitz etc.pp.; auch in diesen Vororten gab es Wohnviertel, wo die Villen der besser Betuchten eindeutig dominierten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2009
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  9. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Tirza
    oder geht es in der Thematik um die Anfänge des "sozialen Wohnungsbaus", die man in etwa um 1920 (nach dem Kaiserreich)ansetzen kann? :grübel:

    Die ersten Plattenbauten Deutschlands, also Bauten in Großtafelbauweise entstanden 1926 in Berlin-Lichtenberg. Wiki gibt dazu erste Info http://de.wikipedia.org/wiki/Plattenbau
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2009
  10. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Reinecke
    Es sollte mich wundern, wenn Berlin nicht Stadtbezirke/Gebiete kannte, die von Aristokraten und Großbürgern bevorzugt wurden, schliesslich zeigte man schon immer gern was man hat.

    London z.B. kannte diverser solcher Stadtgebiete, im Gegensatz dazu dann auch "Cheapside" (hiess wirklich so!), ein Handels- und Marktbezirk, wo sich allenfalls kleine Händler und Handwerker niederliessen. Wer was auf sich hielt, mied Chaepside wie die Pest.

    Auch in München gibt/gab es solche Viertel, die man auch heute noch am Stadtbild erkennen kann. Am eindeutigsten erkennbar an Grünwald mit der Burg Grünwald, oder eben München-Nymphenburg.
     
  11. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Wie gesagt, Wannsee ist praktisch ein reines Villenviertel; ich wollte auf das "Adlige" hinaus, nicht auf das "Bessergestellt".
     
  12. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Der Adel saß doch wohl nicht in Berlin, sondern eher in Potsdam.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  14. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Reinecke
    Du hast ja recht. Aber wenn ich Tirza hier beim Wort nehmen müsste, würden seine Zeilen ja implizieren, dass jeder, der nicht adlig war in Mietskasernen wohnte, was er ja hoffentlich nicht gemeint hat, und dass es grundsätzlich nur Arme gab, die in Mietskasernen wohnten und dann den Adel, der prunkte und protzte. ;)
     
  15. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Tirza

    Als Berliner möchte ich zu dem Thema auch etwas beitragen.

    Ausgesprochene Arbeiterviertel mir Mietskasernen, die tw. auch heute noch existieren, manchmal jetzt super saniert:

    Kreuzberg
    Friedrichshain
    Wedding
    Moabit
    Prenzlauer Berg
    Mitte, nördlich der Oranienburger Straße
    Köpenick, Ortsteil Oberschöneweide (ab 1920 s. "Groß-Berlin")

    "Groß-Berlin" ist schon verlinkt, Mietskaserne etc. auch.

    Bleibt:

    GEO.de - Sozialgeschichte: Berlin um 1900 - Kultur › Geschichte

    Kreuzberg-Museum für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte, Berlin, Kreuzberg Ausstellungen

    Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914: Amazon.de: Thomas Lindenberger: Bücher

    (Kommerziell, da Buchempfehlung via Amazon)

    Stadtgeschichte - Berlin/Stadtbezirke. IRB-Literaturdokumentation- Fraunhofer IRB - baufachinformation.de


    M.
     
  16. Tirza

    Tirza Neues Mitglied

    @ Caro1
    So war es wirklich nicht gemeint, ich habe mich, wohl, falsch ausgedrückt.
    Ich wollte nur wissen, ob es Bezirke gab, die besonders viele Mietskasernen hatten und ob es welche gab, wo nur Adlige bzw. Reiche lebten (ich nehme an, dass die, die es sich leisten konnten, z.B. in Villenvirteln viel lieber gewohnt haben, als in der Umgebung von Mietskasernen.

    Ich habe hier,aber, schon gefunden, wonach ich gesucht habe:yes:
    Vielen Dank für Eure Beiträge
     
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