Neues Buch Geschichten vom Dachboden 6: Feldpostbriefe achtzehn deutscher Soldaten in Belgien

MBrasil

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Hallo ins Forum,​

mein neues Buch: Geschichten vom Dachboden 6: Feldpostbriefe achtzehn deutscher Soldaten in Belgien im 1. Weltkrieg: Historische Briefe, Postkarten und Fotos | Einblicke in die Westfront 1914-1918​


Achtzehn Soldaten, achtzehn Schicksale, ein Krieg. Orginale Feldpostbriefe, Ansichstkarten und Fotografien führen den Leser zurück in das vom Ersten Weltkrieg gezeichnete Belgien. Zwischen Hoffnung und Angst, Alltag und Ausnahmezustand erzählen die persönlichen Zeugnisse von den Erfahrung der Männer an der Front und im besetzten Land. Ein bewegendes Zeitdokument, das Geschichte lebendig werden lässt.

Was passierte wirklich in den Schlammfeldern von Flandern und hinter den Festungsmauern von Lüttich und Namur? Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bricht die Reihe "Geschichten vom Dachboden" das Schweigen. Dieses 6. Buch rekonstruiert anhand authentischer Feldpostbriefe das ungeschönte Schicksal von achtzehn deutschen Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 in Belgien eingesetzt waren.

Es würde mich freuen, wenn es vielleicht das Interessengebiet des ein oder anderen Forumlesers trifft. Beste Grüße Marc
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Hallo, es sind die bisher unveröffentlichten Berichte von deutschen Soldaten, z.B. auch sehr seltene private Erzählungen vom Weihnachtsfrieden, hier spontan ein Brief:

Werwicq, am Kanal der Grenze von Belgien, den 21.11.14, Sonnabend

Geehrter Herr Pastor!

In wie viel Not hat nicht der liebe Gott über mich Flügel gebreitet, so könnte man jeden Tag und jede Nacht beten, denn Gott hat geholfen, Gott hilft noch und Gott wird auch noch weiterhelfen. Dies ist meine feste Überzeugung! Wir liegen hier kurz vor der belgischen Stadt Ypern in Stellung, es ist ein schweres Vorwärtskommen. Wir haben kolossale Verluste, weil wir immer Sturm auf Sturm haben. Es ist geradezu schrecklich und bedauernswert. Hier ist nach langer Regenzeit heftiger Frost eingetreten, sodass viele Kameraden mit erfrorenen Füßen ins Lazarett mussten. Gebe Gott, dass der langersehnte Frieden recht bald herbeigeführt werde. Auch diese Zeit, sie wird vergehen, nur Gottes Liebe bleibt bestehen! Amen! Herzlichen Gruß an Sie und Ihre liebe Frau und meine liebe Agnes sendet Max Hühler!
 
Was passierte wirklich in den Schlammfeldern von Flandern und hinter den Festungsmauern von Lüttich und Namur? Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bricht die Reihe "Geschichten vom Dachboden" das Schweigen.
Hallo Marc,

mich stören diese Werbeclaims. Du hast sicher viel Arbeit investiert, überhaupt an die Feldpostbriefe zu kommen (du wirst ja kaum 18 Vorfahren gehabt haben, die alle im Ersten Weltkrieg gekämpft haben) – und vor allem darin, sie zu transkribieren.

Was die Claims aber suggerieren, ist, dass sich aus diesen Feldpostbriefen neue historische Erkenntnisse ableiten ließen („Was passierte wirklich?“, „Das Schweigen wird gebrochen.“). Das möchte ich allerdings stark bezweifeln.

Mit solchen übersteigerten Ankündigungen, die sehr wahrscheinlich nicht halten können, was sie zu enthüllen versprechen, ziehst du unnötigerweise Kritik auf dich. Das schmälert dann scheinbar den Wert deiner eigentlichen Arbeit, was doch eigentlich schade ist.

EQ
 
Hallo, es sind die bisher unveröffentlichten Berichte von deutschen Soldaten
Pardon, aber das ist keine Antwort auf meine Frage,

Meine frage war
hast du darin Material, das über das hinausgeht, was man aus der Denkschrift von 1914/15 kennt?
die sich fett markiert darauf bezog:
Was passierte wirklich in den Schlammfeldern von Flandern und hinter den Festungsmauern von Lüttich und Namur?

Zu deiner Information: in dieser Denkschrift
wurden die rasch eroberten belgischen Festungen akribisch untersucht. Am militärischen/fortifikatorischen und materialtechnischen Inhalt dieser Untersuchung gibt es keine Zweifel.

Ich hatte dich sinngemäß gefragt, ob du wirklich informationen hast, die darüber hinaus gehen können - immerhin hast du so etwas angekündigt

....mit einer kommerziell inspirierten Antwort wie "ja, habe ich, kauf das Buch, da steht alles drin" würde ich gut zurecht kommen, indem ich es nicht kaufe. Kein an den Belagerungen/Zernierungen beteiligter deutscher Soldat kann Informationen darüber haben, was während dieser hinter den veralteten belgischen Beton"mauern" passierte.
 
Hallo, so, bin nun aus Berlin zurück und hätte wohl besser daran getan mir mehr Zeit für die Beantwortung zu nehmen. Entschuldige. Aber gerne hole ich dies nach:

Ja, die Transkription der Feldpost hat mir so manche Abendstunde und ganze Wochenenden gekostet. Die Aufwand war und ist immens, aber ich mache ihn gerne, da leider immer mehr Feldpost-Konvolute verloren gehen, indem die Belege einzeln verkauft werden, Fotos aus Fotoalben geschnitten werden oder sogar Tagebücher in die einzelnen Kriegsjahre geteilt und wegen Aussicht auf eine höheren Gewinnspanne getrennt voneinander verkauft werden. Und ja, vielleicht tue ich es auch, da ich von meinen Großeltern leider keine Belge zum 1.WK habe, es liegt also kein Verwandtschaftsverhältnis in meinen Büchern vor.

Material zur Denkschrift mit Bezug auf die belgischen Forts habe ich nicht und im Buch ist auch kein Material dazu zu finden.

Zu deiner Kritik "Werbeclaims": Auch danke dafür. Selbst empfinde ich es anders und der Leser muss entscheiden, ob er dies auch so sieht. Ich habe viele Geschichtsbücher zum 1.Weltkrieg gelesen, aber das Transkribieren hat mir in vieler Hinsicht ein anderes, ein neues Bild oder zumindest erweitertes Bild zu manchen Ereignissen gegeben. Ich schätze, dass ich in den letzten 45 Jahren mehrere 10 Tsd Soldatenbriefe von mehreren Hundert deutschen Soldaten transkribiert habe.
Einige Beispiele: Ich habe trotz der vielen Transkriptionen nur äußerst selten die oftmals besagte Kriegseuphorie zu Kriegsbeginn feststellen können. Und wenn diese in Ausnahmefällen vorhanden war, dann wich sie genauso schnell wie der Abstand zum Schützengraben. Ich habe dazu recherchiert und mir war neu, dass es 1914 z.B. in Hamburg Demonstrationen gegen Kriegstreiberei und für Frieden gab. Das es darüber hinaus, gerade im Studenten- und Schülerbereich auch Kriegslust gab (siehe mein Buch über Wolfgang Schucht aus Dortmund-Hörde) ist mir klar, aber ich habe es wie gesagt extrem selten vorgefunden.

Ein weiteres Beispiel: Ich war erstaunt, wie viele Soldaten sämtliches Beziehungsmanagement genutzt haben, um möglichst schnell aus dem Schützengraben in die Heimat zurückzukommen. Bürgermeister, Landräte, Arbeitgeber, Pfarrer, es gab keine Stelle an der man nicht versuchte, die "dringende Beorderung" in die Heimat zu rechtfertigen. Und wenn alles nichts half, dann war es das Wurstpaket der Familie an den direkten Vorgesetzten, welches dafür sorgte, dass der Urlaub bewilligt wurde oder man beim nächsten Stoßtrupp eben nicht dabei war. Das war mir in diesem Ausmaß nicht bekannt.

Überrascht war ich auch bei einer Schilderung zum Weihnachtsfrieden 1914, dass sich deutsche und englische Soldaten sogar persönlich gekannt haben, da man offenbar auf Vorkriegsveranstaltungen bereits gegeneinander Fußball gespielt hatte (z.B. 1912 in Leipzig). Ein für mich neuer Aspekt.

Ich kann mir vorstellen, dass vielleicht manche Geschichtsinteressierte diese Sachverhalte bereits kannten, für mich waren sie jedenfalls neu.

PS: Das Aufwand/Erlösverhältnis beim Verkauf von Büchern ist wirklich extrem und wenn es mir nicht darum ginge eben diese Konvolute für die Nachwelt zu erhalten, dann müsste ich es umgehend einstellen. Aber es macht mir Freude dies zu tun und es ist meine Freizeitbeschäftigung, welche mein Ausgleich zum Arbeitsleben ist.

Gerne freue ich mich auf den weiteren Austausch, denn man lernt nie aus! VG Marc
 
Material zur Denkschrift mit Bezug auf die belgischen Forts habe ich nicht und im Buch ist auch kein Material dazu zu finden.
das hatte ich vermutet - umso erstaunter war ich doch über die zitierte Ankündigung
Was passierte wirklich (...) hinter den Festungsmauern von Lüttich und Namur?
denn aus meiner Perspektive teilt sich, was hinter den "Festungsmauern" von Lüttich und Namur (und Antwerpen, Maubeuge) geschah in hauptsächlich zwei Phasen: während der mörderischen Belagerung werden die Festungen von belgischem Militär verteidigt, danach von deutschem Militär besetzt und unmittelbar nach den Eroberungen setzte die akribische "militärwissenschaftliche" Untersuchung ein (Denkschrift) Für alle an den (kurzen aber brachialen) Belagerungen Beteiligten war dieser Hightech-Krieg mit schwerer Artillerie ein Novum, aus etlichen Kilometern Entfernung wurden die belgischen Festungsanlagen zerstört, boten während der Beschießung kaum Schutz für die Belagerten, die herbe Verluste erleiden mussten. Nach meiner Kenntnis danach, nach der jeweiligen Kapitulation/Eroberung: wurden die nicht beschossenen belgischen Militäranlagen sozusagen deutsches militärisches Sperrgebiet. Teilweise wurde Militärverwaltung installiert, teilweise wurden die Forts als Gefangenenlager umgenutzt.
Das betrifft die großen Festungen, also Namur, Lüttich, Antwerpen - - was bleibt an Möglichkeiten für dieses "was geschah wirklich?" Dinant mit seiner kleinen (sehr schönen!) Zitadelle war ein wichtiger Maasübergang, jedoch keine widerstandsfähige Festung. Aber dort fand schändliches statt, das Massaker von Dinant. Finden sich in den von dir transkribierten Soldatenbriefen Passagen, die sich speziell mit den belgischen Festungen sowie insgesamt mit dem Kriegsverlauf in Belgien befassen? Taucht da die absurde Franctireurs-Angst auf?

Lässt sich aus deiner Perspektive - du hast ja Tausende von Briefen ausgewertet - recht rasch, also schon im ersten Kriegsjahr, eine Ernüchterung herauslesen, vielleicht Enttäuschung/Desillusionierung, weil sich dieser Krieg so ganz und gar nicht in der Weise abspielte, wie Krieg zuvor in Idealisierungen von schneidigen Husarenstücken mit edler Ritterlichkeit und Heldentum dargestellt war? Nach dem Krieg waren in der künstlerischen Verarbeitung Schützengraben und Stacheldraht die zentralen Symbole geworden (Jandl, Jünger, Dix, Remarque) - gehen die ausgewerteten Briefe auch in diese Richtung?
 
Hallo,

Vielen Dank für die Rückmeldung! Ich habe derart viele Briefe übersetzt, auch mit Bezug zu den genannten Forts, die ich aber bisher nicht alle veröffentlicht habe. Aber du hast recht, in diesem Punkt ist meine Ankündigung sicher etwas überzogen. Ich plane noch einen zweiten Teil herauszugeben, der dann hier in die Tiefe geht.

Aus dem hier beschriebenen Buch kann ich dir beispielhaft folgende Ausschnitte mitgeben, vielleicht ja interessant für dich:


Nallhille, den 3.11.1914

Geehrter Herr Pfarrer!

Ich teile Ihnen mit, dass ich die Zigarren von der geehrten Kirchgemeinde erhalten habe, wofür ich mich bestens bedanke. Den Fall von Antwerpen werden Sie in der Zeitung gelesen haben, aber ich will Ihnen einige Kleinigkeiten mitteilen. Am 1.Oktober sollten wir das Fort Waelhem vom Außengürtel Antwerpens stürmen, das schon vier oder fünf Tage von unserer Artillerie beschossen wurde. Bei unserem Vorgehen wurden wir vom Feind so stark beschossen, dass wir uns eingraben und 800 Meter vor dem Fort liegen bleiben mussten. Am 2.Oktober, nachmittags um ½ 5 Uhr, fiel es, da die weiße Flagge gezogen wurde. Nun war meine Kompagnie die erste die einzog, aber die Verwüstung, die unsere schwere Artillerie angerichtet hatte, war schrecklich. Dann an der Nethe hatte sich der Feind stark verschanzt, wurde aber aus seiner Stellung von der 1.Infanterie-Division herausgeworfen und zog sich in wilder Flucht zurück. Es ging nun hinterher. Die vielen Geschütze, Maschinengewehre, Gewehre und Munition fielen in unsere Hände. Drei Tage darauf hat sich Antwerpen ergeben. Ehe wir einzogen, mussten wir erst die Forts vom Innengürtel absuchen, machten noch einige Gefangene, die sich versteckt hatten. Am 11.10. zogen wir ein, am 20.10. ging es wieder fort über Brügge nach Nachtigal, wo wir am 25.10. bis 28.10. in das Gefecht bei Langemarck eingreifen mussten, da der Feind einen Durchbruch versuchte und zurückgeworfen wurde. Von dort ging es hierher nach Nallhille, wo wir einige Tage liegen. Wie ich erfahren habe, sollen wir die Küste besetzen. Hochachtungsvoll Oskar Hager, Pillmannsgrün. Abs.: Gefreiter Hager, 4.Kompagnie, 5.Bataillon, 1.Marine-Infanterie-Regiment in Belgien

Zum Thema Ernüchterung zur Kriegseuphorie in meinem Buch: Nachstehend habe ich ein paar Ausschnitte aus den Briefen eines 16-jährigen Schülers beigefügt, welcher an seinen Vater, einem Professor an einem Realgymnasium, und seiner Mutter schreibt. Der Schüler hatte sich mit Sondererlaubnis des Vaters an die Front gemeldet und seine Ernüchterung kam dann sehr zügig, nachdem er nach der Grundausbildung Ende Oktober 1914 an die Front in Belgien kam. Sein Vater appellierte an die Moral seines Sohnes und war erzürnt über das in einem Brief mitgeteilte „Requirieren“. Hier Ausschnitte der Antwort des Sohnes:

Schwere 12cm Batterie am Kanal zwischen Yser und Kanal, 1 Stunde von Nieuport am 27.November 14, Freitag…….….Was soll ferner die dumme Moraldenke in Sachen requirieren und Appell an die moralische und sittliche Kraft? Ich bin nie ein Unmensch gewesen, aber ich kenne den modernen Krieg jetzt, woselbst ein furchtloser Mann sich nicht scheuen braucht zu sagen: “Mein Herz erbebte vor Grauen.“ Gewiss, es gibt Stunden wo man lacht und fröhlich ist und sich freut. Aber sie kann man zählen. Du weißt nicht, wie es ist, wenn man abgestumpft gegen alles kraftlos, willenlos, sittenlos zur Maschine wird. Das ist kein Kämpfen voll Liebe und Freude (anbei der Aufsatz übers Granatfeuer; er legt dir das auseinander). Du brauchst mir keine Verhaltensregeln ins Feld zu senden als ganz Grüner. Wenn das Zeug in einer Ecke achtlos am Boden liegt, weshalb soll man es verkommen lassen oder warten bis ein anderer es holt? Wenn das das Schlimmste wäre, das Requirieren, dann ging es noch. Und was sich absolut nicht miteinander verträgt ist Moral und Krieg, vor allem aber moderner Krieg. Kurz gefasst kann ich auf solche Auseinanderlegungen deiner Art nur erwidern: „Du hast ne Ahnung“……….

14.12.14, vor Nieuport

…....
Übrigens fällt mir bei dem Wort „gefunden“ wieder Vaters Moralgedanke ein. Damals im ersten Ärger habe ich alle die schönen Sachen fortgeworfen, jetzt ärgert es mich natürlich. Denn wie so manches Mal, so hatte der liebe Alte auch diesmal Unrecht. Werfe also um Gottes Willen deinen Idealismus und deine Illusionen ab und glaube nur nicht, dass wir etwa durch unsere Moral siegen werden oder gesiegt haben. Es war mir zuerst auch schwer, dies einsehen zu wollen. Aber ich war zu ehrlich und auch zu hart gegen mich selbst. Ich sagte mir, du darfst dich nicht selbst täuschen und ich habe meine äußersten Konsequenzen gezogen und mich über nichts hinweggetäuscht, sondern mir rücksichtslos eingestanden: Wir sind eben so schlimm, wenn nicht schlimmer wie alle anderen. Wir siegen nur durch unsere „rohe Kraft“, wodurch wir schon zu Cäsars Zeiten gesiegt haben. Falls ich aus diesem Feldzuge heimkehre, so werde ich nicht innerlich befriedigt sein, auch wenn wir siegen. Die Freiheitskämpfer von 1814 waren es sicher. Wir müssten uns selbst belügen, wenn wir das behaupteten. Glaube mir, man wird hier ein anderer. Man sieht ein, dass aller Idealismus erlogen ist, dass es ein leerer Wahn und ein Trugbild ist. Im Übrigen brauchst du gar nicht denken, dass das Pessimismus sein soll, ich will damit nur sagen, dass ich den Idealismus für etwas weibisches (du verstehst mich, so etwas Pensionat und Dichteralbummäßiges, Marke brauner Lederumschlag und mit Gold „Poesie“ drauf), falsches, Erfundenes halte. Du müsstest mal sehen, wie unsere tapfere Marine und unser Seebataillon, eine unserer besten Truppen, hier gehaust haben. Schließlich wir sind alles Menschen, aber liege mal 24 Stunden im Granatfeuer, womöglich bis an den Bauch im Wasser, wie jetzt hier, mache dann einen Sturmangriff und besieh dich dann selbst. Da erlebst du ein blaues Wunder, besonders in Sachen Moral. Mir wird schon schlecht beim Klang dieses Wortes, denn er ist ein falscher. In diesem Krieg jedenfalls sicher. Und was Cäsar anbetrifft, so sehe ich ihn jetzt genauso an, wie damals Dr. Hoffmann. Vielleicht erinnerst du dich noch an das Gespräch über Franktireurs. Auch Bismark muss so eingeschätzt werden. Glaube doch nicht, dass die immer nach Moral gefragt haben oder gar Napoleon……….

Westende, 15.1.15

…. Wir wohnen in Mittelkerke in einer zerschossenen Bude und lösen uns alle 36 Stunden in den Dünen ab. In Mariakerke lagen wir in einer Villa, in der die Kulis, das sind die überall, auch bei uns verfluchten Matrosen, die wegen ihrer Niedertracht und Feigheit bekannt sind. Die Bude war vollkommen ausgeräumt und wir mussten uns im Schweiße unseres Angesichts wieder einrichten, Matratzen requirieren, etc. Auf die amtlichen Mitteilungen übrigens scheiß ich von jetzt ab aus Prinzip. Die kennen zu lernen, hatte ich vor ein paar Tagen Gelegenheit. Vor Weihnachten oder kurz danach, ich weiß es nicht mehr genau, verloren die Kulis bei St.Georges unseren besten Schützengraben mit elektrischem Licht usw. und ließen sich 400 Mann stark gefangen nehmen. Und was stand in der Zeitung? Wir hätten das Gehöft St.Georg aus strategischen Rücksichten geräumt und solch Schmuns noch viel mehr. Alles Lügen! Dazu ist es kein Gehöft, sondern ein Dorf und wichtiger Stützpunkt. Seht ihr, so wird das gemacht………. Wie ich eben höre ist unser Sturm auf Nieuport (Nacht am 14ten auf 15ten 2.30 Uhr) unter großen Verlusten für uns glänzend abgeschlagen. Es ist zum toll werden. Tote, Tote und dreimal Tote. Das ist alles was wir uns hier holen, aber keine handbreit Boden. Man kann nur in ohnmächtiger Wut mit den Zähnen knirschen. Du glaubst gar nicht, was das für ein Kampf in den Dünen ist, wo jeder Schritt vorwärts Ströme deutschen Blutes kostet………

Und hier noch ein Ausschnitt zum Thema Spionage/Franktireuers:

Ostende Küstenverteidigung, 12.11.14

……….Außerdem haben die Schweine überall Spione. So hatten sie das Hotel ausfindig gemacht, indem die Offiziere zu Mittag speisten. Eines Tages kommt da ein Kanonenboot heran, schießt genau zur Mittagszeit ein paar Granaten hinein und verschwindet wieder. Der Oberstabsarzt und zwei hohe Offiziere waren tot. Und dabei hatten wir noch verhältnismäßig Glück, denn die Granaten flogen mitten in den Speisesaal, eine direkt auf dem Platz vom Oberstabsarzt. Na, der kann sein Fleisch und Knochen am jüngsten Tage in dem besagten Hotel von Decke und Wände kratzen. Bei seiner Beerdigung lag eine Strohpuppe im Sarg. So genau hatten die Kanallien es ausspioniert auf Ort und Stunde. Gut, dass sie nur mit einem Kanonenboot sich unauffällig nähern konnten und daher nur kleine Kaliber zur Verfügung hatten.

Der kleine „Wauwau“ hat einen Gesichtsschuss? Der arme Kerl. Er gab so viel auf sein Milchgesicht. Ja, so geht es. Cäsar sagte seinen Soldaten bei Pharsalos ja auch, immer schön auf die glatten Wangen der römischen Pflastertreterchen zu zielen. Vielleicht war der französische General ein ähnlicher Charakter. Na vielleicht heilt es wieder zu. Er wird sich wohl freuen, dass er raus ist aus dem grauen und dem roten Tod, denn tatsächlich, wenn früher der Krieg ein ritterliches Handwerk war, heute ist er ein Zerfleischen hirnloser und blutrünstiger Bestien. Jeder ist es, auch ich und die anderen. Nichts ist furchtbarer als der moderne Krieg……….

Wie gesagt, es sind viele interessante Erlebnisberichte inkludiert, also nicht das übliche "wie geht es dir, mir geht es gut" oder die fortlaufenden Anfragen nach dem nächsten Essens-Paket. VG Marc
 
Vielen Dank für die ausführlichen exemplarischen Zitate aus den Briefen!

3.11.1914 (...) Am 2.Oktober, nachmittags um ½ 5 Uhr, fiel es, da die weiße Flagge gezogen wurde. Nun war meine Kompagnie die erste die einzog, aber die Verwüstung, die unsere schwere Artillerie angerichtet hatte, war schrecklich. (...)
das entspricht exakt dem, was in der Fachliteratur zur Fortifikation über die belgischen Festungen zu lesen ist (und was als Hauptquelle der Denkschrift zu entnehmen ist)

12.11.1914 (...) denn tatsächlich, wenn früher der Krieg ein ritterliches Handwerk war, heute ist er ein Zerfleischen hirnloser und blutrünstiger Bestien. Jeder ist es, auch ich und die anderen. Nichts ist furchtbarer als der moderne Krieg
hier ist mein Eindruck, dass die Literatur, die im Nachhinein vom Krieg handelt (Jünger, Remarque), diese realistische Beurteilung scheut oder umgeht (aber ich kann mich auch täuschen, es ist über 30 Jahre her, dass ich Remarque und Jünger gelesen habe)

14.12.1914 (...) Da erlebst du ein blaues Wunder, besonders in Sachen Moral. Mir wird schon schlecht beim Klang dieses Wortes, denn er ist ein falscher. In diesem Krieg jedenfalls sicher. Und was Cäsar anbetrifft, so sehe ich ihn jetzt genauso an, wie damals Dr. Hoffmann. Vielleicht erinnerst du dich noch an das Gespräch über Franktireurs. Auch Bismark muss so eingeschätzt werden. Glaube doch nicht, dass die immer nach Moral gefragt haben oder gar Napoleon…
hier werden Franktireurs erwähnt, aber ehrlich gesagt werde ich aus dieser Textstelle nicht schlau - - wie ist denn dein Eindruck: taucht der Begriff Franktireur eher selten, quasi ausnahmsweise, in den vielen dir vorliegenden Briefen auf, oder taucht er häufiger auf?

Die Desillusionierung in den Briefen des 16jährigen Schülers ist gleichermaßen erschütternd wie auch ein Zeugnis eines sehr wachen und kritischen Beobachters.
 
Hallo, der Begriff "Franktireur" taucht sehr selten in den Briefen auf, eigentlich wird stets von "feindseligen Zivilisten" oder "Spionen" geschrieben, welche deutsche Soldaten angreifen. Nachstehend ein typisches Beispiel aus dem vorliegenden Buch. In einschlägiger Literatur wird oft von einer "Franktireur-Psychose" bei deutschen Soldaten gesprochen, welche unberechtigterweise zu harten Strafmaßnahmen und Massenexekutionen geführt habe. Oder es wird beschrieben, dass deutsche Soldaten unter Alkoholeinfluss gestanden hatten oder in den Kriegswirren auf sich selbst geschossen hätten. Das mag es gegeben haben. Aufgrund der zahlreichen mir vorliegenden detaillierten Schilderungen deutscher Soldaten, halte ich aber eine Pauschalisierung hier für nicht authentisch. Ich gehe davon aus, dass die Wahrheit, wie bei so vielen Dingen wohl eher mittig liegt.
Erfreulich finde ich aber die zahlreichen Schilderungen von Menschlichkeit und gar Freundschaften zwischen Soldaten und einheimischer Bevölkerung. Dies scheinen trotz des schrecklichen Krieges wohl häufiger gewesen zu sein.

Mean (Belgien), 19.8.14

Liebe Eltern!

Wir befinden uns mitten in Belgien und rücken täglich weiter gegen die französische Grenze vor. Morgen kommen wir bis dicht an die Festung Namur. In diesen Tagen kommt es zu einem schweren Kampf gegen eine starke französische Stellung, das gibt ein heißes Ringen, das mit Gott siegreich für unsere Waffen ausfallen möge. Die Bevölkerung ist sehr feindselig gegen uns, nicht nur nachts sondern auch am Tage schießen bewaffnete Zivilisten auf unsere Soldaten und haben so schon manchen braven Soldaten ums Leben gebracht. Wird der Täter ermittelt, wird er von uns sofort erschossen, andererseits werden die Häuser aus denen geschossen wird in Brand gesteckt. Alle Männer über 15 Jahre werden verhaftet, in die Kirche gesperrt und möglichst bald als Gefangene abtransportiert. Nur durch die strengsten Maßregeln kann man sich davor schützen. Mir geht es gesundheitlich sehr gut. Für heute 1000 herzinnige Grüße von eurem dankbaren Sohn Hubert.
 
In einschlägiger Literatur wird oft von einer "Franktireur-Psychose" bei deutschen Soldaten gesprochen, welche unberechtigterweise zu harten Strafmaßnahmen und Massenexekutionen geführt habe.
dazu diese Textstelle
Die Bevölkerung ist sehr feindselig gegen uns, nicht nur nachts sondern auch am Tage schießen bewaffnete Zivilisten auf unsere Soldaten und haben so schon manchen braven Soldaten ums Leben gebracht. Wird der Täter ermittelt, wird er von uns sofort erschossen, andererseits werden die Häuser aus denen geschossen wird in Brand gesteckt.
die man als Bestätigung der zu harten Maßnahmen lesen kann.

Ich weiß nicht, wie das zu beurteilen ist. Auf jeden Fall ist deine Beobachtung
der Begriff "Franktireur" taucht sehr selten in den Briefen auf, eigentlich wird stets von "feindseligen Zivilisten" oder "Spionen" geschrieben, welche deutsche Soldaten angreifen.
erstaunlich. Ich hätte erwartet, dass der Begriff häufiger auftaucht (und sei es als Beschönigung oder Pseudorechtfertigung von solchen zu harten Maßnahmen). Was mir am zuletzt zitierten Brief noch auffällt: sein Verfasser ist hier gänzlich anders gelagert als der fatalistisch gewordene 16jägrige.
 
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