Robin Hood

Ganz so abwegig finde ich @pardelas These nicht. Die Räuber und Schauerromantik des frühen 19. Jhds. bediente durchaus gewisse unterschwellige Rebellions-Phantasien.
War die These nicht
Nun gut, ich halte Robin Hood für Eskapismus, ohne es so benannt zu haben.
?

Ich gestehe, dass mir ganz allgemein der Verdacht bis Vorwurf der Weltflucht bezogen auf Kunst (hier Literatur) sehr suspekt ist. Bzgl. des Kontrastes weltflüchtend-rebellisch eine kuriose Beobachtung: die Zensur im 19. Jh. ist kein verlässlicher Kompass! "Edle Räuber" konnten unbeanstandet publiziert werden, ein sich amüsierender König (Theaterstück von Hugo, Vorlage einer Oper von Verdi (Rigoletto)) hingegen nicht. ...aber wir kommen immer weiter weg von "Robin Hood".
Deinen Überlegungen zu den Kolportageromanen stimme ich zu.
 
mir gefiel die Walt Disney Version
Mir auch, obwohl es sicher nicht der beste Disney ist. Wenn man sich so manche Protagonisten ansieht, fällt auf, dass Disney hier Charaktere aus dem Dschungelbuch recycelt hat. Little John gleicht aufs Haar Baloo dem Bären, und Sir Hiss hat nicht die respektable Länge von Kaa, dem Felsenpython, gleicht ihm aber sonst aufs Haar, einer oder zwei der Geier haben eine Komparsenrolle als Wachleute, aber Liebhaber des Genres Zeichentrick kommen dennoch auf ihre Kosten. Kinder sind übrigens ein zwar unverbildetes, durchaus aber ein kritisches Publikum.

Die meisten Kinder, die ich kenne, mögen diesen Streifen. Walt Disney liebte die alten europäischen Geschichten, und er kannte auch die Geschichten von Reineke Fuchs, und er hatte immer mal vorgehabt, einen Zeichentrick mit einem Fuchs als Helden. Füchse waren bis dahin meistens auf die Schurkenrolle abonniert. Der Fuchs in Pinochio oder auch Brer Fox in dem heute auf Ewigkeit im Giftschrank verschwundenen Film "Song auf the South" waren irgendwie sympathische Schurken, aber eben Schurken.

Reineke ist natürlich auch ein Schurke, aber trotzdem ein Sympathieträger, dem man es am Ende gönnt, dass er mit allen seinen Untaten durchkommt. Ein Rebell das ist er, nur die Umverteilung liegt ihm nicht. Es ist dann doch einiges, was Reineke Fuchs von Robin Hood unterscheidet, aber teilweise hat Disney mit dem Streifen Walt Disneys Projekt, einen Film zu drehen, in dem ein sympathischer Trickster die Hauptrolle spielt.

Ich glaube, Robin Hood von Disney war tatsächlich der erste Disney, in dem ein Fuchs eine positive Hauptrolle spielte. Einige Jahre später hat Disney dann mit Cap und Capper wieder eine Geschichte mit einem Fuchs in einer positiven Rolle verfilmt.

Als Synchronsprecher wirkten einige namhafte Größen mit Peter Ustinov sprach John Lackland und Richard the Lionheart) Prinz John war die Krone eine Nummer zu groß. Sir Hiss wurde von dem bekannten Komiker Terry Thomas gesprochen (der mit der Zahnlücke, der meist unsympathische Snobs spielte). Den Sänger Alan O Dale (Hahn) verkörperte in der O-Version der Country Sänger Roger Miller, in der deutschen Reinhard Frederic Mey. Ein anderer Country-Sänger verkörperte die Geier: Ken Curtis, den die Älteren vielleicht noch aus der Rolle als Festus Haggin, das Faktotum und der Deputy von Marshall Mat Dillon aus der Serie Rauchende Colts (Gunsmoke).
 
War die These nicht

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Ich gestehe, dass mir ganz allgemein der Verdacht bis Vorwurf der Weltflucht bezogen auf Kunst (hier Literatur) sehr suspekt ist. Bzgl. des Kontrastes weltflüchtend-rebellisch eine kuriose Beobachtung: die Zensur im 19. Jh. ist kein verlässlicher Kompass! "Edle Räuber" konnten unbeanstandet publiziert werden, ein sich amüsierender König (Theaterstück von Hugo, Vorlage einer Oper von Verdi (Rigoletto)) hingegen nicht. ...aber wir kommen immer weiter weg von "Robin Hood".
Deinen Überlegungen zu den Kolportageromanen stimme ich zu.

Es war ja nun auch nicht unbedingt alles große Literatur. Der Rinaldo Rinaldini, und all seine Nachfolger das war ja eher Trivialliteratur. Durch die wachsende Alphabetisierung, die wachsende Zahl von Verlagen entstand auch ein Markt für relativ anspruchslose Literatur, man las es, um abzuschalten, so wie man im Urlaub oder auf der Bahnfahrt man sich einen Jerry Cotton oder John Sinclair reinzieht.
 
Der Rinaldo Rinaldini, und all seine Nachfolger das war ja eher Trivialliteratur.
ja, irgendwo zwischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur angesiedelt, auf jeden Fall als "affirmative Literatur" zu bezeichnen, wenn man (Ab)Wertungen vermeiden will. Um zurück zum Robin zu kommen, muss die unterhaltungs/trivialliterische Spezialform des "Räuberromans" betrachtet werden:
Als erste Vorstufe des Räuberromans gilt eine 1678 erschienene englische volksbuchartige Prosa-Erzählung, die von der (historisch nicht fassbaren) Figur Robin Hood handelte; dieser hatte sich bereits von einem Freisassen zu einem Geächteten gewandelt. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte die literarische Resonanz mit Balladen begonnen und setzte sich in mehreren Sammlungen wie Robin Hoods Garland (1670) sowie Thomas Percys Reliques of Ancient English Poetry (1765) und Joseph RitsonsRobin Hood (1795) fort. Sie bleibt während des elisabethanischen Zeitalters in der Geschichtsschreibung, vor allem aber im Drama erhalten und wurde später eine der hauptsächlichen Vorlagen für die späteren Stoffbearbeitungen in der Trivialliteratur bis zu den Adaptionen in der Kinder- und Jugendliteratur und in Filmen, wobei hier der Charakter der Abenteuererzählung überwog.
aus Räuberroman – Wikipedia
 
Hier in meiner Stadt gibts auch so eine Art Robin Hood.
Einen arbeitslosen Bergmann, der um 1850 zum Räuber wurde.

Falls wem langweilig ist: Bergmann Korte, der Robin Hood des Ruhrgebiets

(Die Seite ist übrigens fantastisch. Viele Sagen und Geschichten des Ruhrgebiets. An die Römer-Fans hier: Die Sagen in Oberaden lesen, da gibts eine Sage zu einem Drusus-Grab mit konkreter Ortsnennung).

(Übrigens darf bezweifelt werden, ob diese ganzen "Robin Hoods" wirklich so altruistisch waren. Oft wirkt das "Er gibt ja den Armen und nimmt den Reichen" mehr wie eine erfundene moralische Begründung für die Taten.)
 
(Übrigens darf bezweifelt werden, ob diese ganzen "Robin Hoods" wirklich so altruistisch waren. Oft wirkt das "Er gibt ja den Armen und nimmt den Reichen" mehr wie eine erfundene moralische Begründung für die Taten.)

Warum auch sollte ein Bandit Geld verschenken an Arme? Geld, für das er seine Freiheit, sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, Geld, für das seine Komplizen ihre Freiheit, ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Das macht einfach keinen Sinn, ja man muss eine solche Handlungsweise als dumm bezeichnen.

Banditenleben ist teuer. Ein Bandit braucht Unterschlupf, und das kostet viel Geld. Ein Bandit muss essen und trinken, und auch Lebensmittel muss ein Bandit zu überteuerten Preisen kaufen. Er braucht Winterquatiere, Brennholz, Kleidung, und auch die gibt es nicht für lau.

Er braucht falsche Pässe, und auch dem "Flebbenfackler" muss man die Hände salben, damit er gut arbeit.

Ein Bandit braucht "kochemer Bayes" "kesse Pennen", braucht Beamte, die die Augen zu drücken, und das ist am teuersten von allen.

Er braucht Hehler und "Scherfenspieler", die ihm die Ware abkaufen, er braucht Abnehmer, und die wiederum werden ihm nur einen Bruchteil des wirklichen Wertes dafür bezahlen.



Ein Banditenleben ist knallhart, gefährlich, oft auch sehr kurz. Für alles, was ein Bandit zum leben und sterben braucht, muss er teuer bezahlen.
Wenn er schon Geld ausgibt und Geld ausgeben muss, dann gibt man es doch lieber Menschen, die dafür etwas für einen tun können.

Wenn ein Bandit gut bei Kasse ist, einen guten Coup gemacht hat, da ist es doch vernünftiger, das Geld lieber einem korrupten Beamten zu geben, der dafür einen Pass, ein Leumundgszeugnis, jedenfalls eine Gegenleistung dafür gibt, als das Geld einem armen Schlucker zu geben, der nichts für ihn tun kann, der womöglich den Banditen verrät, obwohl der ihm ein Geschenk machte.

Ein Bandit handelt nach dem Grundsatz do ut des (ich gebe, damit du gibst). Jeder andere Grundsatz wäre dumm, wäre verantwortungslos. Ein Räuber, der Beute an Leute verschenkt ohne Gegenleistung, begeht ein Unrecht gegen sich selbst und seine Kameraden, wenn er Geld, für das er "gearbeitet" hat, für das er Angst, Stress ausgestanden hat, für das er Freiheit und Leben riskiert hat verschleudert, verschenkt an Leute, die dafür keine Gegenleistung bieten können.

Wenn ein Bandit wie der Schinderhannes zuweilen eine Party für die Bauern feierte, wenn er mal einem armen Schlucker etwas Wein, Tabak, Geld gibt, dann tat er das natürlich nicht aus Barmherzigkeit, sondern in der Berechnung, dass die Bauern ihn dafür nicht verraten, dass sie ihm mal einen Tipp geben. Alles andere wäre nichts als Schwulst, die Zeiten waren zu allen Zeiten nicht so, dass ein Bandit es sich leisten kann, Geld und Gut zu verschleudern, für das er Freiheit und Leben riskierte. Es zu verschleudern, für Menschen, die einem gar nicht nützlich sind, niemals nützlich werden können.

Das muss man sich bewusst werden. Nur in der Literatur hat der edle Räuber existiert, und auch der "edle Räuber", auch Robin Hood ist am Ende dem Tode geweiht. Umverteilung zugunsten der Armen-das ist in der harten Realität nichts als eine Donquichoterie, eine Dummheit, ein sentimentales Hndeln gegen die ureigensten Interessen und die Interessen der Komplizen.

Geld an die Armen verschenken, das ist wie Geld verbrennen, es hat keinen Sinn, es hat keinen Nutzen, am Ende schadet man letztlich nur sich selbst. Wer ein Leben am Rande der Legalität führt, wer es nehmen muss, wie es kommt, wer von der Hand in den Mund lebt, der kann sich so etwas gar nicht leisten. Ein solches Verhalten wäre kontraproduktiv, wäre ein Unrecht gegen sich selbst und gegen die Komplizen.

Die Bauern mit gewildertem Wildbret zu unterstützen, zu versuchen, sich die Landbevölkerung gewogen zu machen, das ist etwas ganz Anderes, das ist eine Investition in die Zukunft. Das Wildbret, das man vielleicht nicht selbst verwerten kann, eine kleine Wohltat hier, das ist etwas ganz anderes, das sind Handlungsweisen, die nicht viel kosten, aber dafür geben die Bauern mal einen Tipp, warnen vor Razzien.

Das ist im Grunde eine Investition in die Zukunft, es kommt etwas retour, es nützt dem Banditen und der Bande, und es kostet nicht viel oder nichts. Etwas anderes gibt es nicht für einen Banditen, so haben Schinderhannes, der bayrische Hiesel oder auch Bernhard Kimmel gehandelt, sie haben damit ihr "Image" verbessert, haben sich damit Sympathisanten erworben, vielleicht auch gegen Verrat versichert. Alles es ist alles andere als Umverteilung, und ein Bandit wird auch niemals Umverteilung als reinen Selbstzweck betreiben, seine Komplizen würden niemals akzeptieren, ihren Beuteanteil zu reduzieren für arme Schlucker, die keine Gegenleistung bieten können.
 
Das erinnert mich an eine Passage aus dem Bolivianischen Tagebuch. Ernesto Guevara spricht dort davon, dass man den Bauern das Essen abkaufen muss, und ihnen eben nicht wie die Soldaten der Militärjunta das Vieh aus dem Stall stiehlt und das Gemüse aus der Scheune. Hat ihm aber nix geholfen. Seine Gruppe wurde dennoch von Bauern verraten.
 
Ein anderes Beispiel ist Mathias Kneißl, auch Räuber Kneißl genannt. Er war ein berühmter bayerischer Räuber und Wilderer und in der Gegend von Dachau, Aichach und Fürstenfeldbruck aktiv. Berühmt sein Ausspruch: "De Woch fangt scho guat o" Das soll er nach dem verkünden seines Todesurteils gesagt haben. Seine Geschichte wird bis heute in zahlreichen Büchern, Liedern, Theaterstücken und Filmen erzählt. Er gilt als ein bayerischer Robin Hood. Aber er hat nicht von den Reichen gestohlen, um es den Armen zu geben. Bei seinen Raubzügen und auf der Flucht schoss er schnell und rücksichtslos. Er verletzte mehrere Menschen schwer und tötete zwei Polizisten. Er brauchte das Geld für sich selbst, zum Überleben und für seine geplante Flucht nach Amerika. Seine Taten waren sicher von Not, Verzweiflung und auch Rache getrieben, nichts destotrotz war ein brutaler Krimineller.
 
@Scorpio Ich wollte darauf hinaus, dass Verbrecher jeglicher Art sich selbst fast nie als "moralisch schlecht" anzusehen scheinen.

Es gibt in der Psychologie das Phänomen der "positiven Distinktheit":
Jeder Mensch will sich selbst als "gut" betrachten.

Ein Verbrecher jeglicher Art braucht also irgendeine moralische Rechtfertigung für seine Taten.

Gibt ja dieses Sprichtwort: "Schuld sind immer die Anderen", das deckt sich mit dem Phäonem der "positven Distinktheit".

Selbst bei abscheulichsten Verbrechen wie Enkeltricks, Seuxaldelinkten oder Serienmorden präsentieren Täter gerne moralische Begründungen, warum die Anderen schuld sind, nicht sie selbst.


Und da darf eben bezweifelt werden, ob diese "Robin Hoods" alle so selbstlos waren.
 
Es gibt in der Psychologie das Phänomen der "positiven Distinktheit":
Jeder Mensch will sich selbst als "gut" betrachten.
Ein anderes Beispiel wäre die tiefe Religiosität, die man z.B. bei der italienischen Mafia beobachten kann.
Warum auch sollte ein Bandit Geld verschenken an Arme?
Ganz einfach: Bestechung. Um sich ihre Unterstützung zu sichern.

Einer meiner Vorfahren mütterlicherseits war der "Spessart-Wildschütz" Johann Adam Hasenstab, der als Geächteter lange Zeit im unteren Spessart hauste. Zwischen 1751 und 1757 lebte er relativ unbehelligt im Mainviereck, von der Bevölkerung gedeckt, die er im Gegenzug mit Wildbret versorgte. "Bevölkerung" meint hier durchaus nicht nur die arme Landbevölkerung, sondern z.B. auch die Pfarrer von Hasloch und Stadtprozelten, die seine besten Kunden waren.

Allerdings war Hasenstab eher gutmütiger Kleinkrimineller denn Bandit. Soweit ich weiß, hat er (außer eben Wilddiebstahl) keine schweren Straftaten begangen. 1773 wurde er von einem kurmainzer Dienstmann namens Peter Sator (oder Satorius) gestellt und erschossen. Der muss anschließend ein ziemlich ungemütliches Leben gehabt haben. Noch heute kennen manche alten Leutchen im Miltenbergischen "Sator" als Schimpfwort.
 
Es scheint auch ein Bedürfnis der Bevölkerung zu geben, Kriminelle als "Helden" zu verehren. Das kann man etwa in Mexiko und Kolumbien beobachten, wo sogar Kartellbosse und -killer von Teilen der Bevölkerung verehrt werden. Anscheinend sind keine Verbrechen zu abscheulich, als dass nicht dennoch manche darüber hinwegsehen oder sie relativieren können.
Da ist es nicht verwunderlich, wenn erst recht "normale" Räuber verehrt werden.
 
Es scheint auch ein Bedürfnis der Bevölkerung zu geben, Kriminelle als "Helden" zu verehren. Das kann man etwa in Mexiko und Kolumbien beobachten, wo sogar Kartellbosse und -killer von Teilen der Bevölkerung verehrt werden. Anscheinend sind keine Verbrechen zu abscheulich, als dass nicht dennoch manche darüber hinwegsehen oder sie relativieren können.
Da ist es nicht verwunderlich, wenn erst recht "normale" Räuber verehrt werden.
In den 90igern gabs in D den Karstadt Erpresser Dagobert alias Arno Funke, der clever die Polizei veräppelte und damit die Sympathien der Bevölkerung gewann.
 
Es scheint auch ein Bedürfnis der Bevölkerung zu geben, Kriminelle als "Helden" zu verehren. Das kann man etwa in Mexiko und Kolumbien beobachten, wo sogar Kartellbosse und -killer von Teilen der Bevölkerung verehrt werden. Anscheinend sind keine Verbrechen zu abscheulich, als dass nicht dennoch manche darüber hinwegsehen oder sie relativieren können.
Da ist es nicht verwunderlich, wenn erst recht "normale" Räuber verehrt werden.
soweit ich mich erinnern kann, kommt es auch nach wie vor, dass sich Frauen (ich hab nur davon gelesen - also bitte entschuldigt die Einseitigkeit der Behauptung) sich in Gefängnisinsassen verlieben (gelesen habe ich das bei Charles Manson)
 
Und da darf eben bezweifelt werden, ob diese "Robin Hoods" alle so selbstlos waren.
Selbst wenn ein "Robin Hood" "selbstlos" gewesen wäre: Wie wahrscheinlich ist es, dass das auch auf seine Männer zutrifft? Sie werden von ihrem kriminellen Treiben profitieren wollen. Ein Anführer, der die unter Gefahren erworbene Beute an die Armen verschenkt, wird nicht lange Anführer bleiben - am Leben vermutlich auch nicht.
Diese ganzen Geschichten von "den Reichen nehmen und den Armen geben" sind also recht realitätsfern.
 
Der Bankräuber Bernhard Kimmel hat tatsächlich Geld aus seiner Beute an Menschen verschenkt, die ihm bekannt waren, und die aus verschiedenen Gründen finanzielle Probleme hatten. Kimmel war bodenständig, kannte in der Pfalz unzählige Leute, und er war ein Typ, der empathisch und kontaktfreudig war. So etwas macht natürlich Eindruck, und es erzeugt einen Mythos.

Der Schinderhannes veranstaltete zweimal einen "Räuberball" zu dem auch die Bevölkerung geladen war, einmal in einem Gasthof, einmal auf der verlassenen Schmidt-Burg. Er war ein Bandit der regelrecht öffentliche Auftritte suchte, der durchaus versuchte, an seinem Image zu arbeiten.

In den kochemer Dörfern Eckardroth und Romstal im Huttengrund bei Salmünster sollen die Banditen eine Schule gestiftet haben.


Ich glaube nicht, dass Kimmel oder Schinderhannes, so etwas ganz bewusst geplant und kalkuliert haben. Ich denke, dass so etwas aus einer Gemengelage entsteht: Da hat man glücklich einen größeren Betrag erbeutet, und im Glück fällt einem vielleicht jemand ein, der nicht so viel Glück hatte, da spielt eine gewisse Gutmütigkeit und bodenständige Verbundenheit eine Rolle, und durch Charity oder auch eine großzügige Spende verschafft man sich ein gewisses Renommé, gewinnt man Ansehen.
Banditen oder Kriminelle sind oft recht narzisstische Persönlichkeiten. Der Ex-Gangster, Antigewewalt-Trainer Max Pollux sagte, er sei sehr narzisstisch gewesen, und das traf in gewisser Weise auch auf Schinderhannes zu. Es hat so etwas sympathische Züge, und Schinderhannes oder auch Bernhard Kimmel wirken dadurch natürlich weitaus sympathischer als Banditen wie Hannikel, die solche versöhnenden Züge nicht hatten.

Ich erinnere mich an das Motto einer Ausstellung aus den 1990er Jahren "Schurke oder Held"?

Diese polarisierende Fragestellung erweckt den Eindruck, als könne es nur das eine oder andere geben. Es kann ein charismatischer Krimineller durchaus beides sein.
Ich lernte einmal einen Mann kennen, der sagte ganz offen von sich selbt, dass er ein "Verbrecher" oder "Berufsverbrecher" war. Er war leidenschaftlicher Einbrecher, hatte deswegen schon einige Male gesessen. Er legt aber großen Wert darauf, kein Lump zu sein. Er hatte den Handwerkerstolz des geübten Einbrechers, sagte einmal, dass er in fremdem Wohnungen ein Gefühl habe, wie es leidenschaftliche Spieler am Roulette-Tisch haben. Seine Maximen waren Keine Gewalt! Ein Verbrecher mochte er sein, aber er hat praktisch im Alleingang Mobbing und Quälereien von unerfahrenen Knast-Frischlingen. Er hatte nicht einmal große Sympathie oder Achtung für die Opfer, es verletzte seinen Ehrenkodex. Es stärkte natürlich sein Image, seinen Nimbus- und eine noble Tat war es doch, auch wenn man über die Mittel, mit denen er seinen Willen durchsetzte, besser schweigt.

Selbst wenn man es nicht tut, einen gewissen Respekt nötigen einem charismatische Gangster und Gauner doch ab. Viele von ihnen sind rhetorisch gut aufgestellt und haben humoristisches Talent, wenn sie die besten Passagen oder auch Reaktionen der Opfer pantoimisch nachspielen, dann klingen, haben sie es zweimal erzählt, noch die schlimmsten Untaten wie Heldenepen, und es ist oft unfassbar komisch, würdig, literarisch verewig zu werden, auch wenn es eher traurig und schockierend ist.


Ein anderes Beispiel wäre die tiefe Religiosität, die man z.B. bei der italienischen Mafia beobachten kann.
Ganz einfach: Bestechung. Um sich ihre Unterstützung zu sichern.

Einer meiner Vorfahren mütterlicherseits war der "Spessart-Wildschütz" Johann Adam Hasenstab, der als Geächteter lange Zeit im unteren Spessart hauste. Zwischen 1751 und 1757 lebte er relativ unbehelligt im Mainviereck, von der Bevölkerung gedeckt, die er im Gegenzug mit Wildbret versorgte. "Bevölkerung" meint hier durchaus nicht nur die arme Landbevölkerung, sondern z.B. auch die Pfarrer von Hasloch und Stadtprozelten, die seine besten Kunden waren.

Allerdings war Hasenstab eher gutmütiger Kleinkrimineller denn Bandit. Soweit ich weiß, hat er (außer eben Wilddiebstahl) keine schweren Straftaten begangen. 1773 wurde er von einem kurmainzer Dienstmann namens Peter Sator (oder Satorius) gestellt und erschossen. Der muss anschließend ein ziemlich ungemütliches Leben gehabt haben. Noch heute kennen manche alten Leutchen im Miltenbergischen "Sator" als Schimpfwort.
Wildschützen wie Mathias Klostermayr der bayrische Hiesel oder Philipp Jennerwein, das war noch einmal eine ganz eigene Klasse. Im 18. Jahrhundert glichen manche Territorien wie Waldeck-Pyrmont fast einem Wildpark, es gab mancherorts viel zu hohe Schalenwild-Populationen, und die Fürsten zahlten praktisch keine Entschädigungen für Wildschaden oder auch Flurschaden durch Parforcejagden. Hirsche und Wildschweine durften nicht geschossen werden, mancherorts durfte das Wild nur durch Rufen vertrieben werden. Es kam vor, dass Bauern Jagdhunde in Pflege nehmen mussten. Aus diesen Gründen galt Wilderei im Rechtsempfinden der Bevölkerung nicht als (großes) Unrecht, obwohl Wilderei drakonisch bestraft wurde. Wildschützen wie Klostermayr oder Jennerwein stammten aus der bäuerlichen Bevölkerung nicht aus der Vagantenschicht. Wilderei galt häufig als Mutprobe. Für einen stattlichen Gamsbart musste ein Wildschütz einige Gamsböcke schießen.

Wilderer wie Klostermayr oder Jennerwein konnten daher oft auf Unterstützung aus der Bevölkerung rechnen. Klostermayr nahm nicht nur das herschaftliche Wild, sondern auch seine Hüter, die Jäger, Förster aufs Korn, die er oft furchtbar zurichtete, indem er seinen "Fanghund" auf sie hetzte.
 
Möglicherweise steckt hinter diesem "Edler Räuber nimmt den Reichen und gibt den Armen" lediglich pragmatisches Handeln. Der edle Räuber und seine Leute können wohl nicht ständig im Wald leben, und mit Raubzügen werden sie sich wohl auch nicht alles, was nötig war, beschafft haben. Indem die "Armen" (oder eher Dorfbewohnerschaft) am Raub beteiligt wurde, wurden deren Stillschweigen oder eventuell Unterstützung erkauft.

Vielleicht ist dieses "den Reichen nehmen und den Armen" geben nicht so realitätsfern, sondern es hatte ganz pragmatische Gründe.
 
Möglicherweise steckt hinter diesem "Edler Räuber nimmt den Reichen und gibt den Armen" lediglich pragmatisches Handeln. Der edle Räuber und seine Leute können wohl nicht ständig im Wald leben, und mit Raubzügen werden sie sich wohl auch nicht alles, was nötig war, beschafft haben. Indem die "Armen" (oder eher Dorfbewohnerschaft) am Raub beteiligt wurde, wurden deren Stillschweigen oder eventuell Unterstützung erkauft.

Vielleicht ist dieses "den Reichen nehmen und den Armen" geben nicht so realitätsfern, sondern es hatte ganz pragmatische Gründe.
In den wenigen Fällen, wo dergleichen vorkam, dürfte Pragmatismus sogar der Hauptgrund für ein solches Handeln gewesen sein. Reue mag natürlich auch eine Rolle gespielt haben.

An eine Robin-Hood-Mentalität im Wortsinne mag ich nicht recht glauben, und zwar schon deshalb nicht, weil dieses Von-den-Reichen-Stehlen-um-den-Armen-zu-geben (und zwar ausschließlich ihnen) sozialistische bis anarchistische Konzepte vorwegnimmt, die erst in der Neuzeit wirklich entwickelt wurden. Solange in Europa christliche Gebote maßgeblich waren, hatten die meisten Leute schon des siebente Gebot im Hinterkopf.

Will sagen, es wird jedenfalls mehr Legenden à la Robin Hood gegeben haben denn tatsächliche Robin Hoods.
 
Möglicherweise steckt hinter diesem "Edler Räuber nimmt den Reichen und gibt den Armen" lediglich pragmatisches Handeln. Der edle Räuber und seine Leute können wohl nicht ständig im Wald leben, und mit Raubzügen werden sie sich wohl auch nicht alles, was nötig war, beschafft haben. Indem die "Armen" (oder eher Dorfbewohnerschaft) am Raub beteiligt wurde, wurden deren Stillschweigen oder eventuell Unterstützung erkauft.

Vielleicht ist dieses "den Reichen nehmen und den Armen" geben nicht so realitätsfern, sondern es hatte ganz pragmatische Gründe.

In der historischen Realität waren die wirklich reichen Leute weniger betroffen, als die gehobene Mittelschicht. Gastwirte und Pfarrer waren sehr häufig betroffen, Überfälle auf ein Schloss waren eher selten, auch wenn sie vorkamen. Der Bandit Adrian"Jan" Bosbeck, stand lange im Schatten seines Zwillingsbruders, und im Schatten des ungefähr gleichalten Abraham Picard, die bereits Anführer einer Bande war, als sein Bruder noch Soldat und dann Studiosus der Knastologie in Gent war.

Picard und sein Bruder hatten es auf ein Schloss in Französisch-Flandern abgesehen. Sie trauten sich den Angriff aber nicht zu, es gab Wachhunde, und sie wollten den Angriff nicht riskieren, weil sie dachten, sie seien nicht stark genug, sie waren etwa 25 Mann.

In der Zwischenzeit aber hatte Jan Bosbeck das Schloss ausgekundschaftet, er gab sich als Juwelenhändler aus und verkaufte dem Schlossherrn einen Ring zu günstigem Preis, der ihn im Schloss herumführte. Jan entschloss sich, das Schloss nur mit seinen eigenen Leuten zu überfallen, ohne erst auf Picard und seinen Bruder zu warten. Mit einem Dutzend Mann nahm er das Schloss hoch. Picard und sein Bruder dachten zunächst, dass französische Marodeure ihnen zuvorgekommen seien.

Doch zurück zum Thema. Es gab Gegenden im Reich, in den Niederlanden Dörfer, und ganze Landstriche, die als kochem galten. Die Bocksreiter waren im Herzogtum Limburg über zwei Generationen aktiv, und später wurde Mersen ein Schlupfwinkel der Großen Niederländischen Bande, im Reich jahrelang der Huttengrund bei Salmünster, die Orte Eckardroth, Romstal, die Burg in Gelnhausen. Reichsritterliche und reichsfreiherrliche Territorien duldeten oft Gauner gegen Schutzzahlungen.

Ironischerweise gehörten solche Gebiete zu den friedlichsten mit geringer Kriminalität. Am eigenen Wohnort wurden die Banditen in der Regel nicht aktiv, und sie bedeuteten auch Kollegen, dass man dort kein Aufsehen wollte.

Der Huttengrund, die Dörfer Eckardroth, Romstal und Kerbersdorf haben von der Anwesenheit der Banditen durchaus profitiert, denen saß das Geld locker, und vor Ort verhielten sie sich ruhig, sie taten den Bewohnern nichts.

Der Huttengrund war der Französischen Republik und dem Empire, dem Könnigreich Preußen und dem Landgrafen/Kurfürsten von Hessen_Kassel ohnehin schon lange ein Dorn im Auge, da hielt man vor Ort lieber die Füße still.
 
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