Auch wenn man den Sohn nicht wortwörtlich nimmt (das wäre wohl etwas leichtfertig), so wird doch das junge Alter des Hühnerdiebs, der noch vor der Bäurin reißaus nimmt, hingewiesen. Und Kindersoldaten sind ja nun auch keine Erfindung der jüngeren Gegenwart.
Das sieht doch jeder, dass das kein Kind ist. Der Kleine hat eindeutig die Statur und das Gesicht eines Erwachsenen.
Bist du sicher, dass du den Laurîn jemals gelesen hast?
Ja, aber du verstehst ihn anders als ich. Du scheinst nicht zu merken, dass der Dichter in fast allen Punkten gerne übertreibt. Ihr nehmt die Requisiten viel zu ernst/realistisch und seid nicht in der Lage, hinter die Masken zu blicken. Insbesondere die Rosengarten-Episode geht Richtung Fastnachtsspiel, wo politische Themen auf satirische Weise reflektiert werden.
Daher wieder mal einen Schwenk zum tatsächlich Faktischen, der sogenannten "Federprobe" des L16-Textzeugen auf Blatt 49:
Ich weiß nicht, ob die ger. Mediävistik noch immer glaubt, dass es sich hierbei um eine Federprobe handelt. Falls ja, muss sie auch in diesem Punkt irren. Dazu folgende Perspektiverweiterung über die "Rückseite", die wieder interessante Spuren zu bieten hat:
Oben links lese ich: "
Drama" darunter etwas in Richtung "
Alplur(i)n". Es muss der Titel-Versuch des Epos gewesen sein. Im Hintergrund ist ein anderer Titel gelöscht worden: Das erste Wort scheint mit einem "L" begonnen zu haben und hat die Länge von Laurin. Das zweite Wort darunter ist leserlicher, beginnt mit einem "G" und endet mit "en", und könnte Garten geheißen haben. In der Fußzeile etwas wie: "
hanc luri(n)us [oder
luranis]
inspitu..."
In diesem Zusammenhang mit den ersten Laurinversen davor scheint das ursprünglich ein spezielles Titelblatt gewesen zu sein: Die Seite mit den beiden Probetiteln war die eigentliche Vorderseite und die Seite mit den ersten Laurinversen die Rückseite der Titelseite mit dem Beginn des Epos, das der Dichter dann abgebrochen hat. Damit kann es sich hier nicht um eine sogenannte "Federprobe" handeln, sondern um eine Art fehlgeschlagener Startversuch in der Anfangsphase der Laurin-Dichtung. Ein einfacher Kopist hätte nämlich nicht zuerst an zwei verschiedenen Titeln herumprobiert und schließlich bei den ersten Versen doch abgebrochen. Denn er musste nur mehr von der Vorlage abschreiben.
Normalerweise überleben einfache Federproben auf einem Blatt vielleicht einige Wochen und werden dann entsorgt. Wichtige Notizen gelangen in ein Buch oder Notizblock und werden länger aufbewahrt. Genau das muss auch mit diesem ursprünglich ersten Blatt eines Laurin-Versuchs passiert sein: Der Dichter schnitt dieses erste Pergamentblatt aus dem Pergamentblock und legte bzw. band es inmitten seiner Schriftensammlung. Fazit: Demnach gehörte diese Schriftensammlung entweder dem Dichter selbst oder jemandem aus seinem näheren Umfeld. Niemand anders hätte zu einem solchen Ur-Titelblatt des Dichter Zugang und Interesse gehabt, dieses (zur Erinnerung) aufzubewahren. Dieser Vorgang lässt sich auch an der jetzigen Außenseite dieses Blattes erkennen, die ursprünglich die Innenseite darstellte, an der der Entnahmeschnitt noch deutlich sichtbar ist. Die aktuelle Innenseite dieses Blattes entsprach der Außenseite.
Damit bekommt die vorangestellte Signatur des Nicolao in Egna (und Schwager des Mailänder Statthalters) eine weitere Relevanz im Zusammenhang mit der Laurin-Dichterschaft. Ein Nicolao in Egra des 14. oder 15. Jh. hätte neben der Erwähnung von Florenz dann eine noch geringere Plausibilität.