Schlechte Geschichtsbücher

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von Mummius Picius, 15. Juni 2006.

  1. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Interessant was du über den Verlag gefunden hast, seine Hauptquelle Ilse Schwidetzky ? Wikipedia wird in dem Buch eifrig zitiert, ob diese auch seine Theorie inspiriert hat, weiß ich nicht.
    Ich wollte mich mit dem Buch auch ganz unvoreingenommen auseinandersetzen und es nicht gleich in die rechte Ecke stellen.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ilse Schwidetzky, die 1997 starb, war eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Bevölkerungsbiologie und der anthropologischen Forschung. Sie hatte einen Lehrstuhl in Mainz und war Direktorin des dort ansässigen Anthropologischen Instituts.

    Immer wieder jedoch berufen sich rassistsiche Gruppen auf ihre Forschungen, wobei sie aus der Vielzahl ihrer Publikationen derart selektiv zitieren, dass die Aussage verdreht oder verfälscht wird.

    Ich habe seit langen Jahren das Buch "Anthropologie" in meinem Besitz, das von Prof. Gerhard Heberer, Dr. Gottfried Kurth und Ilse Schwidetzky 1959 herausgegeben wurde. Es enthält unter bestimmten Begriffen bzw. Schlagworten so interessante aber auch heikle Themen wie: Rassenbegriff, Rassengenese, Rassengeschichte (Entwicklung speziell von Kontinent zu Kontinent), Brachykephalisation, Rassensystematik, Sozialanthropologie, Methoden der Anthropolgie, Paläanthropologie, Kulturanthropologie usw. usw.

    Abgesehen davon, dass ein Teil der Wissenschaft - nicht alle! - den Rassenbegriff überhaupt ablehnt (Rassentheorie ? Wikipedia), finden sich in diesem Buch von rund 360 Seiten Abhandlungen, die etwas befremdlich anmuten. Als Laie weiß man natürlich nicht, ob etwas, das in unseren Ohren rassistisch klingt, wirklich auch rassistisch ist - oder lediglich ein missbrauchter Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis, Forschung und Begrifflichkeit.

    So findet sich z.B. im Teil "Rassengeschichte Europas":

    "Nordide: Schlank/hochgewachsen, langköpfig, schmalgesichtig mit weiß-rosiger Haut. blonden Haaren und blauen bis grauen Auigen, heben sie sich durch schärfere Konturierung des Gesichts wie des gesamten Körpers von der oben besprochenen mediterranen Rasse ab, deren Bautyp sonst grundsätzlich ähnlich erscheint." (S. 225)

    Das mag alles zutreffen und dennoch bleibt ein gewisses "Geschmäckle", das an rassentheoretische Beschreibungen aus einer brauenen Zeit erinnert. Ein angloamerikanischer Wissenschaftler sagte mir jedoch, dass derartige Begrifflichkeiten in England und Amerika durchaus üblich seien und nur in Deutschland polemisch darauf reagiert würde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2009
  3. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Durch den Hinweis von Ingeborg :)anbetung:gepriesen sei sie) wurde ich dazu veranlaßt, mein derzeitiges Lieblingsbuch an dieser Stelle bekannt zu machen:

    Michael E. Habicht, Nofretete und Echnaton. Das Geheimnis der Amarna-Mumien (Koehler&Amelang 2011).

    Kurz vor der Eröffnung der Amarna-Ausstellung im Berliner Neuen Museum ist das Thema unglaublich präsent, die Zeitungen sind voll, und der Autor des Buches schrieb auch einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Antike Welt“, so daß ich zunächst ganz zutraulich zu dem Buch griff.

    Aber ach, wann wurde ich das letzte Mal so enttäuscht?:cry:

    Das Buch ist grauenvoll. Um gleich ein allgemeines Urteil abzugeben: Man merkt, daß es mit heißer Feder geschrieben wurde, weder Autor noch Verlag haben sich Zeit genommen. Zunächst einmal merkt man, daß die Zahl der Druckfehler und Verschreibungen über ein erträgliches Maß hinausgehen, der Lektor also seine Arbeit nicht gemacht hat. Besonders peinlich und mehrfach tritt es auf, daß umformulierte Sätze stehengeblieben sind:

    S. 26 „Die Königin Teje, die hat ihren Ehemann um etliche Jahre überlebt hat, wird am Hofe ihres Sohnes noch eine wichtige Rolle spielen.“ [Hervorhebung durch hjwien]

    Durch die Verwendung des Futur zeigt der Satz (allerdings nur im Kontext) auch ein weiteres Problem, der Autor konnte sich nicht auf eine einheitliche Zeitform einigen. So etwas passiert beim Schreiben, muß aber zum Schluß geglättet werden.

    Nun sind die aufgeführten Probleme kleine Fehler, die zwar ärgerlich sind, aber den Inhalt nur selten beeinflussen (bei einigen Kommafehlern muß man den Satz aber mehrfach lesen, um seinen Sinn zu erschließen). Allerdings zeigt diese Nachlässigkeit auch eine Oberflächlichkeit im Thema an. Viele Abschnitte sind schlicht zu kurz, um wirklich inhaltlich zu wirken, da wurde mal kurz etwas zu einem Punkt geschrieben. Eines der besten Beispiele: Psychologische Interpretation der Amarnakunst, S. 150. Unter diesem Titel wird auf 13 Zeilen abgehandelt, daß die Kunst auf Menschen der Neuzeit ansprechend wirkt, weil die Frauen nackt und selbstbewußt dargestellt sind. Was das mit der Interpretation der Kunst zu tun hat, welche Kunstwerke überhaupt gemeint sind, was genau die Neuzeit eigentlich sein soll, all dies kommt gar nicht zur Sprache. Der Autor hätte diesen Abschnitt lieber weglassen sollen.

    So aber wird er zu einem Merkmal für weite Strecken des Buches: Da steigert sich der Autor von teilweiser Unkenntnis zu Fehlinterpretationen bis hin zu ideologischen Ausbrüchen, die keinem Sach- oder Fachbuch zustehen.

    Ob ein Ägyptologe wissen muß, daß der „Hexen- und Inquisitionswahn im Mittelalter“ (S. 87 Anm. 19) eigentlich mehr in die Neuzeit gehört, sei noch dahingestellt, begrüßenswert wäre es schon, wenn er sich schon darauf beruft, hätte man ja mal nachlesen können. Daß er aber meint, durch die DNA-Analyse seien die vollen Lippen der Nofretete nun bewiesen, wobei er offensichtlich die zuvor erwähnte Gesichtsrekonstruktion der Mumie KV 35 YL mit dem DNA-Test verwechselt, ist schon peinlicher, daß er der Meinung ist, die Nofretete-Büste über die C-14 Methode auf 3 Jahre genau datieren zu können, wobei er sich noch verrechnet hat und dann in der Fußnote angibt, man müsse dabei die Zeitverschiebung zwischen dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender mit berücksichtigen, ist einfach lachhaft. (S. 141, auch Anm. 16)

    Und schließlich, zur Steigerung, gerät der Autor in ganz merkwürdige Zusammenhänge. Wenn er die Sonne im FDJ-Symbol quasi als eine späte Version des Aton-Symbols sieht
    (S. 137) „ auch hier war Akhenaton [Echnaton] seiner Zeit weit voraus“ stutzt man schon, wenn er den Aton-Kult mit modernen Sekten vergleicht und Achet-Aton, Echnatons Hauptstadt, als ein abgeschirmtes Sektendorf sieht, ist der Weg nur folgerichtig, und schließlich landet er bei einem Kampf zwischen Polytheismus und Monotheismus, wobei er letzteren auffällig auf sein Gewaltpotential beschränkt und dafür immer wieder den Islam heranzieht.

    Dies sind schlimme Entgleisungen, bei denen rein fachlich-methodische Mängel fast untergehen, die es ebenfalls zuhauf gibt. Es ist zwar begrüßenswert, daß zu einigen Aspekten mehrere Theorien gegenübergestellt werden, aber die Argumentation ist oft widersprüchlich, unlogisch, nicht durchdacht, ohne Stringenz.
    Wenn der Autor unbedingt Kunstwerke interpretieren will, wäre es nützlich, er würde sie auch alle richtig abbilden, zwanzig Tafeln mehr hätten dem Verlag wohl nicht weh, aber dem Buch gut getan. Darüber hinaus hilft es dem Leser, wenn im Text auf die Abbildung verwiesen wird, die gerade besprochen wird, und wenn der Autor konsequent die Inventarnummern verwendet, hier geschieht das jedoch willkürlich.

    All dies zusammengenommen, was hier stichprobenartig dargestellt wurde, läßt mir dieses Buch als absoluten Reinfall erscheinen.:abgelehnt:
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Dezember 2012
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen