Science Fiction und Zukunftsvisionen vor 100+ Jahren

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Legat, 25. Februar 2010.

  1. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Kurd Laßwitz wurde ja bereits erwähnt. In seinem Roman 'Auf zwei Planeten' beschrieb er schon 1897, ein Jahr vor H.G. Wells' 'Krieg der Welten', eine Invasion vom Mars. Der Roman liest sich heute übrigens als ein interessanter Kommentar zum damaligen Kolonialismus, denn die 'Martier', wie sie bei Laßwitz heißen, sind nicht nur einfache Eroberer, sondern errichten auf der Erde eine Art Erziehungsdiktatur, um die Menschheit zu ihrer vermeintlich höheren Zivilisationsstufe emporzuheben, ganz im Sinne der 'White Man's Burden'-Ideologie der zeitgenössischen Kolonialherren.

    1911/12 erschien der Roman 'Ralph 124C 41+' von Hugo Gernsback. Darin werden allerhand technische Erfindungen beschrieben, die später tatsächlich realisiert wurden. Der Roman erschien bezeichnenderweise in Fortsetzungen in einer Technikzeitschrift.

    1908 hatte der russische Autor Alexander Bogdanow den Roman 'Der rote Stern' veröffentlicht. Bogdanow war Arzt, Philosoph und Revolutionär, nach der Revolution 1917 war einer der Begründer der Proletkult-Bewegung in Rußland. Ein russischer Revolutionär gelangt auf den Mars, auf dem sich eine kommunistische Gesellschaft entwickelt hat. Hier stehen nicht technische Entwicklungen, sondern eine soziale Utopie im Mittelpunkt.

    Vor dem Hintergrund der konkreten Erfahrung der russischen Revolution schrieb Jewgenij Samjatin 1920 den Roman 'Wir', der als Vorläufer von 'Brave New World' und '1984' gilt. Samjatin war auch Revolutionär gewesen, aber von der politischen Entwicklung nach 1917 tief enttäuscht. In 'Wir' schildert er die Dystopie einer total durchrationalisierten Gesellschaft, in der die Menschen nur noch Nummern tragen, in gläsernen Behausungen leben und sogar ihr Sexualleben nach Analyse des Hormonhaushalts durch Ausgabe von 'rosa Billets' reglementiert wird. Abweichungen von der Norm werden von den 'Beschützern' aufgespürt und eliminiert. Bogdanows sozialistische Utopie kippt hier um in einen Alptraum.

    Ungebrochen ist der Zukunftsoptimismus dagegen noch in Edward Bellamys 1887 erschienem Roman 'Looking Backward' , dt. 'Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887'. Die Hauptfigur fällt 1887 in einen hypnotischen Schlaf und erwacht im Jahr 2000, wo ihm die technischen und sozialen Errungenschaften vorgeführt werden. Das Buch hatte nach seinem Erscheinen eine ungeheure Wirkung, es entstanden Gesellschaften zu seinem Studium und diverse Parodien, auch in Deutschland, wo mehrere Übersetzungen erschienen, darunter auch von Clara Zetkin.

    1907 erschien der Roman 'The Iron Heel' von Jack London. Darin entwickelt sich in den USA die Tyrannei einer kapitalistischen Oligarchie. Europa wird hier schon früh sozialistisch, in den USA dagegen erst nach Jarhunderten der Unterdrückung die 'Brotherhood of Man' errichtet.

    Eine politische Kampfschrift in utopischem Gewand war das Buch 'Sozialdemokratische Zukunftsbilder – frei nach Bebel', das der liberale Politiker Eugen Richter 1891 veröffentlichte. Darin wird ein sozialistisches Deutschland geschildert, das bisweilen erstaunliche Ähnlichkeit mit der realen DDR hat, inklusive Mangelwirtschaft und Schießbefehl an die Grenzsoldaten, um Republikflüchtige zu stoppen.
     
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  2. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Da muss ich doch gleich noch einmal Erich Kästner zitieren. In seinem Buch "Der 35. Mai" schrieb er:

    ... Ein Herr, der vor ihnen auf dem Trottoir langfuhr, trat plötzlich aufs Pflaster, zog einen Telefonhörer aus der Manteltasche, sprach eine Nummer hinein und rief: “Gertrud, hör mal, ich komme heute eine Stunde später zum Mittagessen. Ich will vorher noch ins Laboratorium. Wiedersehen, Schatz!” Dann steckte er sein Taschentelefon wieder weg...

    Das war 1932. Ein früher Hinweis auf das Handy.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    michaell hat ja schon eine beeindruckende Literaturliste aufgestellt - da bleiben mir nur noch Ergänzungen übrig:
    Karel Capek (R.U.R.; Krakatit; der Krieg mit den Molchen) und seine Werke aus den 20er Jahren, mit Robotern (der Begriff soll auf seinen Bruder zurückgehen), Atomkraft u.v.a.
    Alfred Döblin [sic] "Berge, Meere, Giganten", utopischer Roman

    in der russ. Literatur hatte sich der Begriff "technische Fantastik" eingebürgert, bezeichnet Science Fiction mit speziellem Interesse an technischem Fortschritt.
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Bisher ganz vergessen von mir:
    ein Beispiel für ganz frühe "Science Fiction" von Edgar Allan Poe ist die Geschichte "Das unglaubliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall" aus dem Jahr 1835, in der ebenfalls die Mondreise thematisiert wird.
    Hier eine Interpretation:
    epilog.de - Edgar Allan Poes »Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall«

    Natürlich kann man darüber streiten, inwieweit das "Science Fiction" ist, denn in der Pointe entlarvt Poe die Erzählung seiner Figur Pfaall augenzwinkernd als Schwindelei. Der "Science"-Teil ist dafür sehr umfangreich, denn Poe "errechnet" in der Geschichte unter anderem die Entfernung zum Mond.
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ein noch viel früheres Beispiel einer Geschichte über eine Reise zum Mond gibt es sogar schon aus der Antike: Lukian von Samosata schrieb den satirischen Dialog "Ikaromenippos e Hypernephelos", in dem er u. a. die antiken Reiseberichte sowie diverse wissenschaftliche Spekulationen über das Universum parodiert. Auch in seinem zweiteiligen satirischen Roman "Wahre Geschichte" ("Alethon Diegematon"), ebenfalls eine Parodie auf unglaubwürdige Reiseromane, ging es u. a. um eine Reise ins Weltall mitsamt einem dort stattfindenden Krieg.
    Im "Ikaromenippos" gab er die Entfernung Erde-Mond mit gerade einmal 3.000 Stadien (also ca. 540 km) an, die Entfernung Mond-Sonne mit 500 Parasangen (ca. 2.700 km). Aber natürlich meinte er diese Angaben nicht wissenschaftlich-ernst.
     
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    kurios auch:
    Wilhelm von Meyern Dya Na Sore
    Karl May Ardistan und Dschinnistan
    beides utopische Romane (allerdings keine Science Fiction)
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mercier hat 1769 - also zwanzig Jahre vor der Frz. Revolution - einen Roman verfasst, wie er sich das nachrevolutionäre Paris vorstellte. Dieses allerdings verlegte er weit in die Zukunft, in das Jahr 2440. Die erste deutsche Übersetzung davon erschien bereits 1772.
     
  8. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Vorläufer des Science-Fiction sind Utopien und Robinsonaden. Die Handlung beginnt meistens mit einem Schiffsbrüchigen, den aus auf eine ferne Insel der Glückseligen verschlägt, auf der alles besser oder wenigstens ist. Frühste Vertreter sind die Humanisten Thomas Morus mit "Utopia" und Francis Bacon mit "Neu-Atlantis" im 16. Jahrhundert.

    Eine interessante Variante findet sich in Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer". Hier beginnt die Handlung auch mit einem Schiffbruch, aber der Schiffsbrüchige landet hier auf einem phantastischen U-Boot, die zum Ort der Utopie oder Dystopie wird.

    Wenn die Flecken auf der Landkarte immer kleiner wurden, funktionieren diese Varianten des Reiseromans oder der Robinsonade nicht mehr und es muss den Protagonisten auf ferne Planeten oder in ferne Zeiten verschlagen.
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das gab es schon in der Antike: Ein gewisser Iambulos (der oder dessen Werk sich nicht näher datieren lassen, außer dass sie aus der Zeit vor Diodor, der es wiedergibt, stammen müssen; möglicherweise war Iambulos auch nur der Protagonist eines von einem anderen Autor stammenden Textes) schrieb über seine Reise zu einer Insel, die eine Art Utopia war, im Indischen Ozean.

    Auch Platons Atlantis-Beschreibung hat etwas von einer Art Utopia.
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    1910 erschien das Buch "Die Welt in 100 Jahren".
    Daran haben sich viele Autoren beteiligt. Von der Bertha von Suttner bis zum Carl Peters (der Sadist "Hängepeters" der einen entsprechend blödsinnigen Beitrag verfasst).
    Es gibt da m.E. zwei Autoren die unsere gegenwärtige Welt gut treffen.

    Der eine ist Robert Sloss, von dem keiner recht weiß wer er eigentlich war. Ein amerikanischer Journalist? Jedenfalls beschreibt er die Welt der Handys. Egal wo du bist, Bus, Bahn oder Flugmaschine, immer kannst du dich mit einem beliebigen Teilnehmer eines beliebigen Ortes der Welt mit einem kleinen Handgerät verbinden.

    Der andere ist der Sozialdemokrat Eduard Goldstein der das soziale Miteinander unserer Gegenwart erstaunlich genau beschreibt.

    Die Welt in hundert Jahren : Lübbert, Ernst, 1879-1915 : Free Download, Borrow, and Streaming : Internet Archive
     

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