Separatfrieden zwischen Stalin und Hitler zwischen 41 und 43

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von thanepower, 11. August 2013.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Diese Aussage ist so formuliert falsch oder präziser, sie ist für Hitler in der Tendenz richtig, allerdings ist sie für Stalin so nicht zutreffend.

    Bis ca. Ende 43 wäre Stalin, so die Aussage von Hillgruber (S. 105), Martin (Das Dritte Reich und die Friedensfrage im Zweiten Weltkrieg, in: Michalka, S. 526, besonders S. 542ff) und Mastny (S.73ff) an einem separaten Frieden mit Hitler interessiert gewesen.

    Nach "Stalingrad" 1943 war Stalin klar, dass die weiteren Kosten für die UdSSR noch sehr hoch sein werden bis zu einem finalen Sieg. Kosten, die die UdSSR im Verhältnis zu den Westmächten so hätten schwächen können, dass Stalin die Rolle der UdSSR als Großmacht in einem Nachkriegseuropa als nicht gesichert ansah.

    Vor diesem Hintergrund gab es eine Reihe von informellen Kontakten und "Friedenssignalen". Eine gewisse Rolle spielte in diesem Zusammenhang auch Italien (Ciano).

    Hitler hat sich jedoch geweigert, diese Option zu ziehen und verfolgte die Zielsetzung "Sieg" oder "Untergang", wobei ihm wohl, so Jodl Ende 41 wohl klar war, dass er nicht mehr gewinnen könne.

    Der 2. Weltkrieg: Kriegsziele und Strategien der grossen Mächte - Andreas Hillgruber - Google Books

    Nationalsozialistische Außenpolitik - Google Books

    Russia's Road to the Cold War: Diplomacy, Strategy, and the Politics of ... - Vojtěch Mastný - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. August 2013
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In seinem Buch „Visions of Victory“ faßt Weinberg (S. 108) den aktuellen Erkenntnisstand zur Frage eines separaten Friedens zwischen Stalin und Hitler dahingehend zusammen, dass es diese Kontakte gab, aber der reale Umfang und der Verlauf dieser Geheimgespräche derzeit nicht vollständig rekonstruiert werden kann.

    Visions of Victory: The Hopes of Eight World War II Leaders - Gerhard L. Weinberg - Google Books

    Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass es sich dabei um Verhandlungen gehandelt hat, die der Vertragslage zwischen den westlichen Bündnispartner zuwiderlief und das in Casablanca im Januar 1943 formulierte „unconditional surrender“ massiv unterlief. Und gerade diese Forderung war vor allem darauf abgerichtet, ein sehr deutliches Signal an Stalin zu senden, den Krieg gemeinsam zu beenden.

    Vor diesem Hintergrund durften die Kontakte zwischen der UdSSR und dem 3. Reich keinen nachweisbaren Charakter haben, wollte Stalin die Vorteile aus den LL-Lieferungen nicht gefährden.

    Um die Motivation von Stalin angemessen beurteilen zu können, müssen die Kontakte zwischen Stalin und Hitler in einem grösseren Kontext betrachtet werden. Trotz der scharfen ideologischen Gegensätze beider Systeme ging Stalin von einer rationalen „Win-Win-Position“ zwischen den Staaten als potentiellem „eurasischen Block“ aus. Diese Allianz sah er als ideologisch gerechtfertigt an in der Auseinandersetzung gegen die „kapitalistischen Mächte“, von denen er sich primär eingekreist fühlte (vgl. Martin, S. 544). Und Haslam (S. 43ff) stellt heraus, dass Stalin seinerseits einen Separatfrieden der Westmächte mit dem 3. Reich und Japan befürchtete und somit unter Zugzwang stand, die Achse für sich zu gewinnen.

    Diese „rationale Sichtweise“ auf die Außenpolitik unterstellte er im gleichen Maße auch Hitler. Unter anderem ersichtlich beispielsweise in der verheerenden Fehleinschätzung der politischen Ziele von Hitler im Vorfeld der „Operation Barbarossa“. Stalin hielt den Aufmarsch, trotz eindeutiger gegensätzlicher Informationen, für einen „Bluff“, um reale Forderungen an die UdSSR zu unterstützen.

    Vor diesem Dreiecksverhältnis zwischen Stalin, Hitler und FDR&Churchill sind die außenpolitischen Initiativen von Stalin während der Periode zwischen 41 und 44 angemessener einzuschätzen.

    Drei Themen sind für die Darstellung der Position von Stalin und Hitler zu einem separaten Waffenstillstand und einem Friedensvertrag relevant .

    1. Zum einen die offiziellen Initiativen, die beispielsweise Stalin nach dem Angriff auf die SU 1941 ergriff und den Bulgarischen Botschafter bat, Friedensbedingungen bei Hitler zu erruieren (zitiert durch Kissinger in Diplomacy: Wolkogonow, Stalin, S. 565). Die japanischen Regierung bedrängte Hitler und Stalin in 42/43 einen separaten Frieden abzuschließen. Ciano wird Ende 42 von Hitler abgekanzelt als er Hitler zu einem Separatfrieden drängt, auch als Reaktion auf die Katastrophe bei Stalingrad. Im April 43 wiederholt Mussolini diesen Vorschlag gegenüber Hitler und erreicht ebenfalls nichts (Martin, S. 545).

    Diese Ereignisse machen sehr deutlich, dass es innerhalb der Achse eine Friedensbereitschaft mit der UdSSR gab, die jedoch am deutlichen Widerstand von Hitler scheiterte.

    2. Bei Mastny (S. 73-110) wird zusätzlich ein weiterer Strang betrachtet. Er stellt die teilweise deutlich abweichende Position von Stalin heraus, auch nach Casablanca 43, wie diese Beschlüsse im einzelnen zu interpretieren wären. Er argumentiert, dass die sowjetische Propaganda es bis nach Kursk vermied, sämtliche Brücken für einen potentiellen Dialog einzureißen. Auch weil Stalins westliche Partner in der Frage der „Zweiten Front“, dem Baltikum und Polen abweichende Positionen Stalin gegenüber vertreten haben.

    3. Der relevanteste Teil der Beziehung zwischen Hitler und Stalin von 41 und 44 bilden jedoch die geheimen Kontakte zwischen den beiden Mächten. Im Gravitationszentrum steht dabei Ribbentrop und einer seiner Mitarbeiter „Peter Kleist“ alias „Edgar Klauss“ (Clauss). Ort der Kontakte ist dabei im wesentlichen das diplomatische Parkett in Stockholm. Als relevante Quellen für die Kontakte werden dabei die Aussage von Ribbentrop vor dem Nürnberger Gerichtshof (Testimony of Ribbentrop,TMWC, X, p. 299ff) und die Biographie von Peter Kleist (Zwischen Hitler und Stalin) herangezogen.

    Zwischen Hitler und Stalin. The European Tragedy - Peter Kleist - Google Books

    http://www.loc.gov/rr/frd/Military_Law/pdf/NT_Vol-X.pdf

    Sowohl Mastny als auch Martin weisen diesen Aussagen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu vor dem Hintergrund einer Validierung durch entsprechende historische Ereignisse.

    Auf der Grundlage dieser Aussagen läßt sich somit folgende Chronologie der Ereignisse als wahrscheinlich annehmen.

    - Der Botschaft in Stockholm wird im März 1942 das Angebot unterbreitet, einen sofortigen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Basis für entsprechende Friedensverhandlungen sollten die Grenzen von 1939 sein (Martin S.544).

    - Peter Kleist reist im Auftrag von Ribbentrop nach Stockholm und erhält im Dezember 1942 das erneuerte Angebot aus dem März 1942 (Martin, S. 545). So berichtet Kleist, dass Moskau bereit sei, innerhalb von 8 Tagen einen Waffenstillstand zu unterzeichnen (Mastny, S. 74ff).

    - Während der Endphase der Kämpfe um Stalingrad ergeben sich direkte Kontakte der Russen zur deutschen Botschaft in Stockholm, allerdings ohne eine Reaktion zu erhalten.

    - Semjonow wird als Deutschlandexperte in das Ressort „Verhandlungen mit den Deutschen“ an die sowjetische Botschaft nach Stockholm versetzt (Martin, S. 545).

    - Im Juni 1943 wartet ein hoher Beamter des sowjetischen Außenministerium s auf einen deutschen Unterhändler in Stockholm (Martin, S.546). Am 16. Juni 1943 berichtete die schwedische Zeitung „Nya Dagligt Allehanda“ von entsprechenden Geheimgesprächen zwischen den Deutschen und den Sowjets (Mastny, S. 79). Und Mastny weist darauf hin, dass entsprechende US und GB Geheimdienstberichte dieses bestätigen (vgl. Mastny, FN 35 ).

    Diese Ereignisse in Stockholm wurden in den USA mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt. Im Juni 1943 liegen Colonel Clark, dem „Chief of US Army Special Branch“ diese Berichte ebenfalls vor und werden mit Sorge betrachtet. Seit bereits Februar 1943 versucht der ihm unterstellte „Signal Intelligence Service“ die entsprechenden Codes des Sowjets für die diplomatischen Kontakte weltweit im Rahmen des Projekts „Venona“ zu entschlüsseln. Man erhoffte sich, den Fortgang der diplomatischen Kontakte zwischen Stalin und Hitler auf diesem Weg zwischen Moskau und seinen Botschaften bzw. dem KGB "mitlesen" zu können. Allerdings wird der Code erst 1946 entschlüsselt und führt zur Erkenntnis, dass die Sowjets das „Manhattan Project“ und andere wichtige Institutionen in den USA infiltriert haben.

    Venona: Decoding Soviet Espionage in America - John Earl Haynes, Harvey Klehr - Google Books

    - Im September 43 war Dekanosow, stellvertretender Außenminister und füherer Botschafter in Berlin, in Stockholm. Au diese Gelegenheit wies Ribbentrop Hitler hin (Kissinger, S. 419). Ribbentrop sah die Möglichkeit, die Bedingungen für einen separaten Frieden zu diskutieren, auf der Basis der Grenzen von 1941. Hitler lehnte es ab, darauf einzugehen.

    Diplomacy - Henry Kissinger - Google Books

    - Im August schickt Ribbentrop zur Unterstützung von Peter Kleist noch Rudolf Likus, seinen persönlichen Referenten, nach Stockholm, der ebenfalls das Vorhandensein diese Kontakte bestätigt hat (Mastny, S. 81).

    Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in ... - Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann - Google Books

    - Mit dem Mißerfolg der Schlacht um Kursk 1943 ändert sich die geostrategische Einschätzung durch Stalin. Die Zusage der „Zweiten Front“ reduziert zusätzlich den strategischen Vorteils eines separaten Friedens für Stalin. Somit war Anfang 1944 dieses Interesse an einer separaten Lösung weitgehend erloschen und Stalin konnte seine Vorstellung von "Sicherheit" auf anderen Wegen verfolgen.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die Periode bis September 1943 als das Zeitfenster, in dem sich Stalin und Hitler über einen separaten Frieden hätten verständigen können. Allerdings fällt es schwer, sich die konkrete Ausgestaltung vorzustellen und welche Konsequenzen es für die Kriegsführung der Achse gegen die USA und GB gehabt hätte. Und es wäre schwer vorstellbar, wie das „Zünglein an der Waage“, die Militärmacht der UdSSR, nach diesem separaten Friedensschluss agiert hätte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. August 2013
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  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein Link auf einen entsprechender Beitrag zu diesem Thema von Benrd Martin.

    http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1970/pdf/Martin_Deutsch-sowjetische_Sondierungen.pdf

    Und noch ein Beitrag von Mastny:
    http://ia600401.us.archive.org/24/i...inAndProspectsOfSeparatePeaceInWorldWarIi.pdf

    _______________________________
    und zum Thema "Separat Frieden" im allgemeinen auch von Martin.

    http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2019/pdf/Martin_Verhandlungen_ueber_separate.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. August 2013
  4. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Wenn "befreundete" Mächte im Frieden so miteinander umgehen, wie sollten dann Friedensverhandlungen über einen Separatfrieden im einem Krieg aussehen?

    Unterredung zwischen Hitler und Molotow in Berlin am 12. November 1940

    Der Krieg des DR gegen die UdSSR ist weder aus militärischer, ökonomischer und politischer Sicht ableitbar, darüber wurde schon viel Tinte vergossen, sondern m.E. nur aus ideologischer. Da mag es "diplomatisches Geplänkel" gegeben haben und auch manche Irritationen bei Paladinen des ns Staates, aber die Führung dieses Krieges war systemimmanent für den ns Staat, da gab es kein zurück.

    Ab Casablanca waren alle Separatfriedensaspirationen sowieso obsolet.

    M.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Für Hitler war ein Separatfrieden zu jedem Zeitpunkt obsolet. Und in Bezug auf Stalin verstehe ich diese Aussage nicht. Sie widerspricht dem dargestellten Sachverhalt, ohne einen entsprechenden Hinweis für den Widerspruch zu geben.

    Und in der Summe erscheint es eine gewisse Evidenz für die Darstellung zu geben.

    Somit hatte Casablanca eigentlich keinen Einfluss, sondern wenn, dann war die Schlacht von Kursk der Wendepunkt in der Wahrscheinlichkeit für einen Separatfrieden aus der Sicht von Moskau.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @thanepower hat oben auch Hinweise auf die deutschen Aktivitäten gegeben. Diese kreisen um das AA.

    Michalke hat in seiner Ribbentrop-Bio ausführlich den "England-Ansatz" von Ribbentrop dargelegt. Das erklärt mE viele von diesen diplomatischen Vorstößen, jedenfalls für die deutsche Seite.
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Hervorhebung durch mich.

    So ganz verstehe ich diese Passage nicht:

    "...Und in Bezug auf Stalin verstehe ich diese Aussage nicht. ..."

    Wenn für das eine Staatsoberhaupt, H., ein Separatfrieden per se obsolet war, vollkommenen d'accord, mit wem hätte das zweite Staatsoberhaupt, S., dann einen Separatfrieden schließen wollen? Stalin hätte ja bei ernsthafter Erwägung eines Separatfriedens davon ausgegangen sein müssen, daß H. nicht mehr Staatsoberhaupt zum Zeitpunkt eines Separatfriedensschlusses gewesen wäre.

    Stalin hat m.E. den besonderen Charakter des Krieges des DR gegen die UdSSR als Vernichtungskrieg sehr hellsichtig früh erkannt.

    Vergl. hierzu seine Rede vom 3. Juli 1941

    http://wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Stalin_Aufruf

    "... Der Krieg gegen das faschistische Deutschland darf nicht als ein gewöhnlicher Krieg betrachtet werden..." (S. 492, oberes Drittel)

    Zu Kursk. Ich bin kein Militärhistoriker, die sowjetische Armee hatte bis dahin viele Schlachten verloren aber auch gewonnen, zugegeben in der militärhistorischen Literatur wird dieser Schlacht als Wendepunkt eine bedeutente Position zugewiesen. D'accord.

    Meinst Du nicht, daß die Kriegszieldefinition in Casablanca viel wirkungsmächtiger war? Das S. "diplomatisches Geplänkel" zuließ, keine Frage und auch belegt, nur diente dieses "diplomatische Geplänkel" nicht eher einem "Druckaufbau" in Richtung der westlichen Alliierten (?), da ja ein Friedensschluß mit H. per se ausgeschlossen war.

    M. :winke:
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Ursache liegt in dem Zwang zur vollständigen Geheimhaltung. Solange keine ausgehandelte Position vorliegt, wäre für keine der beiden Seiten ersichtlich gewesen, wie ernst es die andere Seite meint. Erst mit der Unterzeichnung wären beide Seite aus der "Deckung" herausgetreten und hätten die Westmächte vor vollendete Tatsachen gestellt, wie in 1939.

    Natürlich ging Stalin von Hitler als Partner aus, wobie er natürlich nicht einschätzen konnte, welche unterschiedlichen Position in Berlin vorhanden waren. Ein Kontakt in Stockholm wurde durch die höchsten politischen Stellen in Moskau (unklare Quellenlage!) natürlich unter der Annahme initiert, dass Hitler diesen Kontakt billigt.

    In diesem Fall projizierte Stalin einfach sein Verständnis von "Staatsführung" auf Hitler und wäre natürlich zu keinem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, dass eine untergeordnete Stelle, also in diesem Fall Ribbentrop, lediglich aus eigener Initiative handeln würde.

    1. Nein, warum hätte sie es sein sollen. Der Verlust durch Verlassen der Koalition wäre lediglich im Bereich von LL gewesen. Der potentielle Gewinn hätte für Stalin deutlich höher sein können. Von Hitler hätte er das bekommen können, was der Westen ihm zu dem Zeitpunkt nicht hatte geben wollen.

    Nach einem Verlassen des West-Bündnisses hätte er erneut in das Jahr 1940 "zurückfallen" können und ein Ermattungskrieg zwischen zwei kapitalistischen Blöcken beobachten können als "neutraler Dritter", hätte die RKKA auf Kriegsstärke gebracht und die Forderungen aus November 40 erneut in Berlin vorgebracht und einer militärisch ermatteten Achse "reingedrückt". Mindestens die Dardanellen und der Balkan und somit die Kontrolle vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer wäre in seiner Hand gewesen.

    Damit hätte er seine Ziele, die im wesentlichen die Ziel des Großrussischen Imperialismus waren, erzielt und hätte gleichzeitig einige Millionen weitere russische Kriegstote sich erspart.

    Das würde ich als stalinistische Realpolitik, in der Konstanz der traditionellen russischen Politik bezeichnen. Und in dieser Sicht bin ich in Übereinstimmung mit Mastny, Haslam und der Argumentation des neuen Buchs von Getty.

    Russia's Cold War - Jonathan Haslam - Google Books

    Practicing Stalinism: Bolsheviks, Boyars, and the Persistence of Tradition - J. Arch Getty - Google Books

    2. Das war kein "diplomatisches Geplänkel", sondern eine Option im Rahmen des politischen Überlebens. Netter Versuch, es sprachlich "runterzuspielen". Und der Verweis auf die Rede von Stalin bedarf einer "quellenkritischen" Einschätzung. Ihre Rolle war auf die Mobilisierung der Sowjetunion ausgerichtet und nicht als die Darstellung einer realpolitischen Option, die "Verrat" umfaßte. Und da verweise ich erneut auf Mastny und auf Haslam in der Argumentation zur Realpolitik von Stalin.

    3. Und auf die unterschiedlichen politischen Positionen und die deutlichen Divergenzen nach Casablanca hatte ich bereits oben hingewiesen. Für Stalin hatte diese Konferenz nur einen begrenzten bindenden Charakter, wie auch bereits anhand der Literatur dargestellt. Zusätzlich noch der Verweis auf die Darstellung von Falin aus sowjetischer Perspektive, der die inneren Spannungen deutlich herausstellt.

    Zweite Front.: Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition. - Valentin M. Falin - Google Books

    4. Und erneut ein Nein zu der Aussage, dass ein Friedensschluss mit Hitler ausgeschlossen war. Das galt für den Westen, für Stalin wären andere Optionen, in den entsprechenden Zeitfenstern, möglich gewesen.

    5. Was mich ein wenig nervt ist, dass die dargestellten Fakten, inklusiver der Niederschlag im Bereich der US und GB Geheimdienstberichte m.E. schlichtweg ignoriert werden und ebenfalls der Einfluss auf "Venona". Zumal die Positionen von ausgewiesenen Fachistorikern zu diesem Thema angeführt werden und zusätzlich die entsprechenden Quellen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. August 2013
  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Dann hätte also, wenn das Attentat auf Hitler am 13. März 1943 gelungen wäre, mit realen Chancen ein Frieden zustande kommen können. Allerdings würde es dann recht kompliziert, denn wie sehe Stalin Deutschland ohne Hitler als Partner gegen die Westmächte? Sicher hätte man in Deutschland vorerst versucht, mit dem Westen in Friedensverhandlungen zu kommen. Damit entstünde für Stalin ein noch stärkerer Gegner.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Rurik: Das ist genau der Punkt für Stalin gewesen. Es bestand die Möglichkeit für zwei historische Situationen bzw. Dreiecksbeziehungen.

    1. Separatfrieden der Achse mit USA und GB und Krieg gegen Stalin.
    Dieses war die zentrale Angst von Stalin, da er dem Westen eigentlich nciht traute.

    2. Separatfrieden der Achse mit Stalin und bilden eines "eurasischen Blocks", der in einer etwas anderen Situation die von Hitler angestrebte "Autarkie" ermöglichte. Und dann die Option beinhaltete mit "vereinten" Kräften gegen den Westen zu kämpfen.

    Diese Position vertraten vor allem die Japaner und Italien.

    Dabei wären diese Bündniskonstellationen genauso "künstlich" wie das Bündnis zwischen der USA, GB und der UdSSR und es wäre fraglich gewesen, welchen Bestand es gehabt hätten.
     
  11. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Das Dich das annervt, glaube ich Dir, nur aus quellenkritischer Sicht sind Geheimdienstberichte, auch wenn sie zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, problematisch. Sie durchlaufen einfach zuviele redigierfähige Hierarchiestufen inkl. der "Gegenspionage-Sicht" - da ist m.E. Skepzis angezeigt.

    Was die Rede vom 3. Juli betrifft, da hast Du recht, die beinhaltet im hohem Maße "Kriegsrhetorik".

    Nur wo siehst Du die "Verhandlungsmasse" zwischen einem verhandlungsunwilligem Hitler und Stalin, sowohl in Europa oder auch im Fernen Osten (?), in bezug auf einen großrussischen Imperialismus, als Meta-Ziels Stalins?

    M.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Es geht ja gar nicht um die Frage, ob einzelne Fakten richtig sind, sondern um das Gesamtbild für Mitte Juni 43. Und es sind viele Mosaiksteine, die zusammen passen und dieses Puzzle ist m.E. besser wie reine Spekulationen, solange der Zugang zu den russischen Archiven nicht möglich ist.

    Und deswegen halte ich die thesenhaft dargestellte Variante für durchaus schlüssig.

    2. Es besteht ein Mißverständnis. Natürlich gab es keine realistische Verhandlungsmasse in 1943, weil Hitler nicht verhandlungsbereit war.

    Das konnte Stalin aber nicht wissen und daraus resultierten ja die Sondierungen in Stockholm. Stockholm war die Plattform, die gegenseitigen Positionen auszuloten.

    Der Rest der Darstellung bezieht die Vorschläge ein, die im November 40 in Berlin präsentiert wurden und ergeben m.E. einen Hinweis auf die Forderungen von Stalin an Hitler. Daraus kann man die potentielle Verhandlungsmasse rekonstruieren für die nicht stattgefundenen Verhandlungen.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Letztlich verbleibt ja ein Bereich der Spekulation, und insofern sind die von @thanepower angesprochenen Mosaikstückchen entscheidend. Diese betreffen unter der beschriebenen Prämisse des "Realpolitikers" Stalin folgenden - nun von den Aktivitäten der deutschen Seite unabhängigen - Kontext:

    1. Stalins Drängen nach Errichtung der Zweiten Front hat zwei militärstrategische Aspekte: Abnutzung der Westallierten auf dem europäischen Kriegsschauplatz ebenso wie Minimierung der sowjetischen bis zur Niederwerfung Deutschlands. In diese Strategie - Stalin übte über den Briefwechsel bereits Druck aus, konnte aber an der Konferenz u.a. wegen der sich überschlagenden Entwicklungen an der Ostfront (und das betrifft nicht nur Stalingrad) in Casablanca bzw. sonstwo (wäre seine Anwesenheit möglich gewesen) niht teilnehmen.

    Diese diplomatischen Fühler spielten ihm dabei erheblich in die Hände: es garantierte ein beachtliches Druckmittel gegenüber den Westmächten:

    2. Der Realpolitiker Stalin brachte gleichzeitig "Gesten" gegenüber dem Westen zustande, die die weitere Kooperation erleichterten und löste die KomIntern im Mai 1943 auf, nicht ohne die Tragweite dieses Schrittes diplomatisch ausführlich zu erläutern (sozusagen Verzicht auf Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Staaten)

    3. Die Situation mit den Westmächten war wiederum durch die Polnische Exilregierung verschärft. Die sowjetischen Kontakte hierzu wurden ebenfalls im Früphjahr 1943 abgebrochen, zusätzlich wiesen Stalin-Briefe den Vorwurf "monströser Verbrechen" gegenüber Polen zurück. Diese Angelegenheiten hatten zuvor zunehmend belastend auf die sowjetischen Beziehungen zu den Westmächten gewirkt, standen im Kontext Stalinscher Kriegsziele (s.u.), und diese Belastungen mussten gleichfalls "kompensiert" werden (-> "deutsche Option").

    4. Das leitet auf die sowjetischen Kriegsziele über, die erst in ganzer Breite den Westmächten in Teheran 1943 präsentiert wurden, aber bereits seit 1942 diskutiert wurden (zB mit dem kommunistischen polnischen Untergrund, inkl. Gebietszusagen). Die "deutschen Kontakte" sind hier ein sehr nützlicher Aspekt der Vorbereitung, da Stalins Ambitionen - vorhersehbar!- bei den Westmächten auf Probleme stoßen und eine Konfrontation darstellen würden: Ostpolen, Ostpreußen, Balkan, Baltikum.

    Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die losgelöst von reinen militärstrategischen Erwägungen zum weiteren Feldzug gegen das Deutsche Reich diese Kontakte sinnvoll erscheinen lassen.

    Vielleicht hat sich der "Realpolitiker" Stalin hier schlicht alle Optionen offen gehalten, vielleicht benötigte er aber auch einen wertvollen Unterpfand für das absehbare Tauziehen mit den Westalliierten zur Durchsetzung seiner Kriegsziele. Die schnelle Errichtung der "Zweiten Front" war ausserdem Garantie für Stalin, dass die Kriegslasten auch verstärkt auf die Westalliierten wirken würden, zur Abnutzung führen würden. Dem Realpolitiker und Militärführer Stalin kann man ausserdem unterstellen, dass ihm der Ausgang des Krieges im Frühjahr 1943 mit der völligen Niederlage Deutschlands ebenso klar war wie Churchill und Roosevelt. Folglich musste er dafür sorgen, dass die SU nicht allein die personnellen Lasten tragen würde, wozu die diplomatischen Gespräche eben auch dienen konnten.
     
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  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das wäre auch meine zentrale These. Stalin fühlte sich weder der einen noch der anderen Seite verbunden und traute auch keiner Seite.

    Dennoch wollte er aus der Situation einerseits außenpolitische Vorteile ziehen, auch im Sinne von territorialen Gewinnen, und andererseits die Sicherheit der UdSSR und seiner "bolschewistischen Regierung" erhöhen.

    Das weitere, auch nach 43, nicht immer unkomplizierte Verhältnis zwischen Stalin und den West-Alliierten wird in folgendem Beitrag anschaulich beschrieben.

    DER SPIEGEL*47/1969 - ABER CHURCHILL, DEM TRAUE ICH ALLES ZU
     

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