Die sozialen Folgen dürften nicht viele Stimmen vorausgesagt haben.
Zumal diese Folgen möglicherweise auch nicht zwangsläufig Produkt der bauernbefreiung an und für sich waren, sondern teilweise auch mehr des Umstands,
wie diese umgesetzt wurde.
In den meisten Fällen, erfolgte die Bauernbefreiung ja nicht in entschädigungsloser Weise für die Grundherren, sondern die Kosten wurden nicht selten in Form von Ablösungszahlungen auf die Bauern abgewälzt, die damit technisch gesehen zwar persönlich befreit aber gleichzeitig dafür mehr oder weniger in die Schuldenfalle getrieben wurden, was im Besonderen bei kleinen Bauernstellen relativ schnell Überschuldung zur Folge gehabt haben dürfte, damit den Zwang das Land zu verkaufen, was sowohl auf Proletarisierung der betroffenen Kleinbauern hinauslief, als auch auf den Verfall von Preisen für Grund und Boden und somit die stärkere Konzentration von Großgrundbesitz und Großbetrieben begünstigte.
Wäre die Bauernbefreiung in einem anderen Modus gelaufen, in dem die Kosten nicht auf die Bauern, sondern auf die Grundherren abgwälzt oder fair geteilt worden wären, wäre dieser Effekt in Richtung Herausbildung von größerem Agrarproletariat/Pauperismus wahrscheinlich wahrnehmbar weniger stark ausgefallen.
Die Bauernbefreiung war für den Aufbau einer Industriegesellschaft nötig. Billige Arbeitskräfte in der Stadt waren nötig.
Die Bauernbefreiung erfolgte doch überhaupt nicht unter diesem Gesichtspunkt, jedenfalls nicht in Westeuropa. Als die Leibeigenschaft vor allem in der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts, Teilweise aber auch früher fiel, war in weiten Teilen der betroffenen Gebiete von Industrie noch nicht viel zu sehen.
Die ersten zarten Pflänzchen der Industrialisierung in England zeigen sich so etwa ab den 1770er-1780er Jahren, allerdings noch in sehr bescheidenen Ausmaßen und technisch noch relativ limitiert.
Richard Arkwright etwa, der sicherlich als einer der Pioniere der industriellen Erzeugung von Textilien gelten kann, fängt in den 1770er Jahren an, mehrere Spinnereien aufzubauen, die laufen allerdings zu seiner Zeit noch nicht auf Dampf, sondern noch auf Wasserkraft und waren dementsprechend z.T. noch von Witterungsbedingungen, Regenmengen, Wasserständen in Flüssen etc. abhängig und konnte auch nur in dem Maße ausgebaut werden, wie die vorhandene Wasserkraft das zuließ.
Arkwrights erste, nennen wir das mal "Protofabrik" inn Cromford bschäftigte wohl zeitweise an die 200 Arbeiter. Das dürfte kleiner gewesen sein, als so mancher nach älteren Mustern operierender Manufakturbetrieb, nicht zu Reden von größeren Schiffswerfen etc.
Die Verbesserung der Dampfmaschine durch James Watt, so dass mit Dampfkraft nicht länger nur Hubbewegungen (Dampfpumpen) möglich waren, sondern die Dampfkraft in Drehbewegungen übersetzt werden konnte, findet erst Anfang der 1780er Jahre statt, keine zehn Jahre vor der französischen Revolution.
Und hier reden wir natürlich von Prototypen, nicht von flächendeckender Umsetzung im ganzen Land.
An die dürfte schon deswegen zunächst nicht zu denen gewesen sein, weil das Transportsystem zu dieser Zeit noch massiv vom Vorhandensein von Wasserwegen abhing und Regionen mit entsprechend ungünstigem Gelände damit de facto nicht kosteneffizient erschließbar waren (wenn überhaupt) und weil die Förderung von Kohle als benötigtem Brennstoff, erstmal vorindustriellen Maßsstäben entsprach und die nötigen Mengen an Energieträgern für eine wirklich raumgreifende Industrialisierung überhaupt nicht zur Verfügung stellen konnte.
Dafür musste zunächst mal der Bergbau weiterentwickelt werden und wachsen.
Als es mit der Bauernbefreiung in West- und Mitteleuropa im ausgehenden 18. Jahrhundert losging, waren Einrichtungen, die man als moderne Fabriken mit großen Einsatz mechanischer Arbeit und technischer Lösungen, im Gegensatz zu den älteren Manufakturbetrieben bezeichnen kann, selbst im absoluten Pionerland der Industrie, Großbritannien, noch Ausnahmeerscheinungen und durchaus keine Massenbetriebe vorher unbekannter Größenordnungen, deren Menschenhunger nach gesellschaftlichen Umbrüchen und Abwanderung aus der Landwirtschaft verlangt hätte.
Bis es so weit kam, dass die Industrialisierung tatsächlich größere Bevölkerungsbewegungen auslöste, dauerte es in weiten Teilen Europas bis weit ins 19. Jahrhudert hinein.
Das war für die Akteure am Ende des 18. Jahrhunderts definitiv kein Thema und im 19. Jahrhundert im Prinzip auch nicht, weil zwar die Industrie immer mehr auf zugezogene Arbeitskräfte angewiesen war, in den meisten Teilen Europas aber längt keine Strukturen mehr vorhanden waren, die dem entgegen standen.
Außerdem scheinst du so ein Bisschen die Vorstellung zu haben, dass die politischen Akteure der Zeit eine aktive, gelenkte Industrialisierungspolitik betrieben, oder das zumindest versucht hätten.
Das ist aber durchaus nicht der Fall.
Ich weiß nicht, ob man Zar Alexander II. in Russland solche Motive für die Aufhebung der Leibeigenschaft dezidiert zwecks Förderung industrieller Unternehmungen unterstellen kann.
Der erste mir bekannte Fall eines solchen Versuchs in Europa die landwirtschaftlichen Strukturen eines Landes durch eine gezielte dahingehende Politik von Seiten der Machthaber her umzubrechen, das sind die Bolschewiki, mit ihren Versuchen zur gezielten Industrialisierung der Landwirtschaft.
Da sind wir von der Bauernbefreiung im Großteil Europas zeitlich aber bereits an die 100 Jahre weg.