Ich habe den Film auch mal gesehen. Für die damaligen Verhältnisse ganz OK. Mit Daniel Defoe und v.a. "Robinson Crusoe" wird natürlich total naiv umgegangen. Es wird so getan, als ob er Roman ein Kinderbuch wäre, das begeistert. Mein Sohn hat vor einer Weile mal das ganze Buch gehört als Hörbuch und meinte auch, dass es unglaublich ist wie Defoe jegliche Dramatik laufend rausnimmt, wenn es mal droht spannend zu werden. Dann fängt Crusoe wieder Betrachtungen über Gott anzustellen oder aber der Part mit den Meuterern besteht zu einem großen Teil aus dem Aushandlungsprozess, dass der Kapitän sich den Weisungen Crusoes unterwirft. Von daher ist hier in dem Film der Hype um "Robinson Crusoe" eher der Hype um das, was Menschen in den 1950ern über das Buch dachten, vielleicht weil extrem gekürzte Fassungen (mein Bruder hatte auch sowas), wo die langweiligen Passagen weggelassen werden, einen völlig anderen Eindruck von dem Werk hinterließen. Defoe - das muss ich dazu sagen - war aber mit diesem spröden, journalistischen Erzählstil durchaus nicht allein. Auch die "Insel Felsenburg" von Schnabel ist sperrig und seltsam moralisierend. Dennoch denke ich, dass es einfach so ist, dass "Robinson Crusoe" in der Originalfassung kein Buch ist, was damals die Kinder begeisterte und entsprechend ist der Film in der Grundaussage fragwürdig. Obendrein werden die anderen Werke von Defoe wie "Roxana" und "Moll Flanders", die damals mindestens einen ähnlichen Stellenwert hatten, weil sie der Aussage der Botschaft zuwider liefen, ignoriert und auch, dass Defoe bis ins hohe Alter literarisch aktiv war.
Ich habe schon als Kind sehr viel gelesen, und ich muss sagen, dass mich einige Literaturverfilmungen stark beeindruckt haben. Als ich den ZDF-Abenteuervierteiler Robinson Crusoe das erste Mal sah, kann ich nicht viel älter als drei oder vier gewesen sein.
John Hustons Moby Dick hat mich neugierig gemacht, auch den Roman zu lesen. Da war ich erst sieben, und erst Jahre später wurde mir bewusst, dass das gekürzte Jugendausgaben waren. Es war eine gute Jugendausgabe, eine gute Übersetzung, die sich auf das eigentliche Handlungsgerüst des Romans beschränkte. Mit den essayartigen Einschüben Melvilles wäre ich damals allerdings überfordert gewesen.
Den Roman Robinson Crusoe erst als Erwachsener gelesen, da war mir allerdings auch bewusst, dass Robinson Crusoe und Gullivers Reisen alles andere als Kinderbücher oder Jugendbücher waren.
Lemuel Gulliver ist aber auch fast eine Art Anti-Robinson. Der eine gründet am Ende eine Kolonie, der andere kann die ganze Menschheit und die Zivilisation nicht mehr ertragen. Weil er vernunftbegabt ist, aber alle Züge des Yahoos in sich trägt, wird er aus der Republik der vernunftbegabten Pferde vertrieben und entwickelt sich zum Misanthropen der zuletzt selbst die eigene Familie verstößt und sich nur in der Gesellschaft von Pferden und seinem Reitknecht wohlfühlt.
Weder Defoe, noch Swift, und auch nicht Autoren von Abenteuerliteratur wie Jack London, Melville, B. Traven waren alle keine Jugendbuchautoren.
Erst im 19. Jahrhundert entstand überhaupt erst das Genre des Kinder- und Jugendbuchs.
Einen Autor wie Joachim Ringelnatz aber hätten die meisten Kinder geliebt, sie hätten ihn geliebt wie ich als Kind Autoren wie Janosch oder Astrid Lindgren geliebt habe, weil sie kindliche Leser respektierten, weil sie mir keine zuckersüße Scheiße angedreht haben, weil sie ihr Publikum Natürlich ist es hilfreich, wenn man Leute hat, die einen ein bisschen darin unterstützen, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden, guten Stil von schlechtem zu unterscheiden. Als Kind hätte ich nicht sagen können, warum mir Janosch und Lindgren gefielen, Enid Blyton und ihre Nachahmer aber weniger, obwohl das durchaus spannende Geschichten waren. Meine Oma hat etwas von Literatur verstanden, nachdem sie mir ein paar Fragen gestellt hat, wusste ich auch, warum.
Das Handlungsgerüst von Robinson Crusoe: Seefahrt, Aufbruch in neue Welten, in tropische Gewässer, wo Piraten, Sklavenhändler, Kannibalen und wilde Tiere, wo sozusagen die Welt sich noch im Urzustand vor der Abfassung des Gesellschaftsvertrags befindet.
Das diese Welten nicht idyllisch ist, das sagt ja Robinson Crusoe, den ja nicht nur Abenteuerlust aus dem beschaulichen York an die Berberküste lockte, er ist eine Art Merchant Adventurer, aus seinem ersten Seeabenteuer hat er zumindest so viel Profit erwirtschaftet, um eine Plantage kaufen zu können.
Aber dass die Robinson-Geschichte wirkt, dass die Robinson nacheifern wollen, dass sie Daniel Defoe lieben, weil er es ist, der sich auf eine Ebene mit ihnen begibt, nicht aus Charity, sondern als ein Autor, der es mit seinem letzten und seinem treuesten Publikum zu tun hat, der dieses Publikum liebt und die ihn lieben, es sind nicht akademisches Publikum begeistern konnte, halte ich zwar für eine naive Perspektive
aber am Ende geht der Film doch auf, man nimmt es ab.
Daniel Defoe hat, ähnlich wie James F. Cooper immer wieder mal Passagen die etwas zähflüssig sind, aber beide waren schon große Erzähler, und Defoe war zuzeiten auch recht erfolgreich. Der Robinson Crusoe hat im 18. Jahrhundert eine solche förmliche Flut von
Publikationen nach sich gezogen, dass ein eigenes literarisches Genre, die Robinsonade entstand.
Sicher ist die Vorstellung, dass ein Autor und sein Werk, von seinen letzten und treuesten Fans gerettet wird, sehr unrealistisch, aber letztlich geht es im Film ja auch um die Frage was ist Kunst/Literatur wert? Was ist der Wert eines Manuskripts? Was bringt sie ein, was kostet sie? Um Literatur/Kunst zu schaffen, sind ja eine Menge Dinge nötig, die alle Geld kosten: Einmal die Rohstoffe, die ein Maler, Bildhauer, braucht, um Skulpturen, Statuen, Gemälde etc. herzustellen und natürlich auch Lebenshaltungskosten: Wohnung, Heizung, Licht, Lebensmittel, Medikamente.
So gesehen hat der Streifen durchaus eine zeitlose Aktualität.