Städtegründung im späten Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Kublai Khan, 9. Dezember 2004.

  1. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Hmmm... In den Postings der letzten Jahre kommt doch alles vor..

    Allersimpels zusamengefasst kann man vielleicht sagen, dass sich Städte an Orten entwickeln, wo Menschen regelmäßig und häufig länger zusammenkommen. Die ist der Fall
    - Tauschplätzen (Märkte und "Messen")
    - Kreuzungen von Handelsstraßen
    - Wartepunkten (Fuhrt, Zoll)

    Voraussetzung für eine Stadt ist Schutz und Ernährung ihrer Bevölkerung; aus diesem Grund bildet sich eine Stadt um eine Burganlage herum, oder entsteht später auch selbst mit einer Stadtmauer. Das ungeschützte Umland muss so ausreichend fruchtbar sein, sodass die Bauern einen Überschuss für die Stadt erwirtschaften können.

    Die "Kaufkraft" der Stadt entsteht durch
    - Spezialisierung im Handwerk
    - Dienstleistung (Schreiber, Schule ...)
    - Abgaben (Zoll- , Markt-, Lager-, Schutz-Gebühren)
    - Handel mit Luxusgütern

    Manche Aufgaben der Städte haben im Frühmittelalter die Klöster übernommen. Die Städte sind jedoch bedeutend kapitalistischer aufgestellt. Ihr wichtigstes Plus ist die Lage und nochmals die Lage.

    Städte werden deshalb mit Vorliebe an der Kreuzung von Handelswegen, am besten am Kreuzungspunkt einer Land- und einer Flussverbindung gegründet.
     
  2. Artorius

    Artorius Aktives Mitglied

    Ist zwar etwas spät...

    Vielleicht ist es ja nützlich, wenn ich mal an Hand eines Beispieles (Chemnitz) (vereinfacht) antworte:

    1136 stiftet Kaiser Lothar III. in der Nähe eines alten Verkehrs-/Handelsweges ein Benediktinerkloster. Einmal um Siedler in das noch recht dünn besiedelte Gebiet zu locken, zum Anderen vielleicht um von hier aus Missionierungszüge ins Slavenland zu unternehmen. Sein Nachfolger, König Konrad III., wies dem Kloster etwas Land zu, zur wirtschaftlichen Versorgung und um einen Fernhandelsmarkt einzurichten (dessen Einkünfte z.T. dem König zustanden) verlieh er dem Kloster das Marktrecht (1143). Dadurch wurde auch ein Ansiedlung von Kaufleuten angestrebt. Diese Ansiedlung wuchs schließlich, so dass Kaiser Barbarossa Chemnitz nach 1170 zur Stadt erhob.

    So in der Art muss man sich eine Stadtgründung im Mittelalter vorstellen.
     
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  3. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Und ich bin dann wohl viel zu spät dran... :hmpf:

    Dennoch möchte ich hinzufügen, daß es zudem auch planvoll angelegte Städte bereits gab; ein Beispiel noch aus dem Hochmittelalter: Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau ? Wikipedia
    Insbesondere im Spätmittelalter - wie auch in der sich anschließenden Frühen Neuzeit - häufen sich planvoll angelegte Städte; ein spätmittelalterliches Beispiel aus dem Erzgebirge: Annaberg-Buchholz ? Wikipedia
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich wäre vorsichtiger mit der Postulierung der ma Stadtplanung... Der Artikel nennt zwar nicht Humpert/Schenk und ihre Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der "Gewachsenen Stadt", aber ich denke, dass dies die Quelle für die aufgestellte Behauptung ist. Ich besitze das Buch und gebe zu, dass auf den ersten Blick sogar zu überzeugen vermag. Allerdings ist es fachwissenschaftlich umstritten und wenn man sich die über die Pläne gelegten Zeichnungen genauer ansieht, dann kann man sich des Eindrucks von Willkür in manchen Fällen nicht erwehren. So auch im Falle von Freiburg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. August 2008
  5. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Dann versehe ich dieses von mir genannte Beispiel mit einem Fragezeichen, bin mir aber beim Beispiel aus dem (ausgehenden) Spätmittelalter ganz sicher; da ist der Planer namentlich bekannt: Ulrich Rülein von Calw ? Wikipedia
    Das zweite Planungswerk von ihm - er lebte ja an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit - wurde zwar nach 1500 realisiert, dürfte aber für die Betrachtung nicht weniger interessant sein: Marienberg ? Wikipedia
     
  6. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ich verstehe nicht ganz den Hintergrund des letzten Diskussionsteils... Natürlich ist die Potenz einer Stadt (= zukünftige Größe oder Wohlstand) eine bei der Gründung unbestimmte Größe. Die Entscheidung, "eine Stadt zu machen" , d.h. in ein Dorf oder eine befestigte Siedlung "reinzubuttern" (Privilegien, Baumaßnahmen wie eine Kathedrale, Hafenanlage) - auch dies an einer bisher unbebauten Stelle zu tun - ist nahezu immer eine obrigkeitliche Entscheidung.

    In der Antike werden Städte fast ausschließlich neu gegründet (die 100 Alexandrias, von Rom gar nicht zu reden).

    Inwieweit jetzt stadtplanerisch vorgegangen wird, ist natürlich wieder eine andere Frage.... Die etruskisch-römische Stadt entstand als "Quartiere" zwischen Cardo und Decumanus ; die mittelalterliche zwischen Dom, Marktplatz und Stadtmauer. Beim Wachstum einer Stadt ist ihre Dynamik aber wohl unkalkulierbar....
    (1) grob geplante Altstadt
    (2) ungeplantes Wachstum der Neustadt/Vorstadt
    (3) Zerstörung der Altstadt
    (4) Neubau der Altstadt
    (5) Zusammenwachsen mit Vororten (kaum vor dem 18. Jh)
    (6) Integration von Bahnhöfen und Bahnlinien (ab 2. Hälfte des 19. Jh.)
    (7) Schleifen der Befestigungen und Bau breiter Straßen
     
  7. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Und genau darum ging es; und es ist nun einmal so - zumindest hatte ich es vor einigen Jahren in der Stadtgeographie noch so gelernt -, daß man nicht für jede Stadt charakterisieren kann, daß ihrem Grundriß ein erkennbarer Plan zugrunde liegt.
    Zugegebenermaßen besteht dabei jedoch bei mittelalterlichen Städten das Problem, daß diese heute zumeist stark durch spätere Entwicklungen überformt sind.
    Um dies zu verdeutlichen, hier der noch heute erkennbare Plangrundriß von Marienberg (auch wenn das Bsp. aus dem 16. Jh. ist): http://www.bergstadt-marienberg.de/bilder/startbild_neu.jpg
     
  8. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Die Ideen für eine "rechtwinklige Stadt" stammen natürlich nicht aus der Renaissance sondern aus der Antike (s.o.) Auch die nordamerikanischen Städte sind dann so gebaut worden (Wie sah das eigentlich in Latein-Amerika aus?) . Alternativen wie Karlsruhe dann eine typisches "Absolutismusprodukt"

    Für mich sieht eine mittelalterliche Stadtplanung so aus:
    - Marktplatz/Kirchplatz mit Dom/Münster
    - im Oval drumherum die reichen mehrstöckigen Bürgerhäuser
    - später als Gegengewicht zum Dom/Münster das Prachtrathaus
    - Eine Stadtmauer mit Stadttoren
    - Dicht (innen) an die Stadtmauer gebaut dann die Elendsquartiere
    - Dazwischen die Sektoren mit spezifischen Handwerksvierteln und Sondermärkten
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der gute Hippodamus...

    Genauso - wobei mein Eindruck ist, dass nordamerikanische Städte nicht sofort mit rechtwinkligen Straßenzügen gebaut wurden.
    New York



    Das ist eben keine Stadtplanung, sondern das Bild einer gewachsenen Stadt. Es gibt aber inzwischen umstrittene Thesen, dass es tatsächlich eine Stadtplanung auf geometrischen Grundlagen gegeben habe.
     
  10. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Die ist einer der ältesten Karten {www.fulkerson.org} Map of New Amsterdam, 1660; ganz offensichtlich orientiert sich die Stadtplanung an den geographischen Sachverhalte.
     

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