Suworows Karten 1799

Naresuan

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Die Frage, ob Suworow 1799 bei Antritt seiner Alpenüberquerung wusste, was ihn topografisch am anderen Ende des Gotthards am Ufer des Vierwaldstättersees erwarten würde, ist noch ungeklärt.
Das Spektrum der Spekulationen liegt zwischen (absichtlicher) Irreführung durch Karten, worauf eine nicht existierende Straße entlang des rechten Seeufers eingezeichnet war, bis zu genauer Kenntnis der Topografie und bereits geplantem Übergang über die Chinzig Chulm (Kinzigpass).

Obwohl ich eher zu Letzterem neige, interessieren mich die Grundlagen für die Annahme, es hätte falsches Kartenmaterial gegeben.

Soweit ich es überblicke, brachte 1830 der Pfarrer und Poet Johann Rudolf Wyss die Karten ins Spiel, in seiner "Wanderung in's Muota-Thal", erschienen in "Alpenrosen, ein Schweizer Taschenbuch". Er wollte einen Schwyzer gekannt haben, der in Italien eine Karte mit eingezeichneter "Poststrasse" gesehen hätte.
Das wurde 1895 durch Rudolf von Reding-Biberegg in "Der Zug Suworoff's durch die Schweiz" erwähnt, worauf scheinbar die Suche nach einer solchen Karte los ging, denn 1913 fand dann der damalige Generalstabschef der Schweizer Armee, Theophil Sprecher, eine Karte im Maßstab 1:1.400.000, auf der tatsächlich eine Straße eingezeichnet war.
Schwer vorstellbar, dass der russisch/österreichische Generalstab eine Karte konsultierte, die von der Nordsee bis Norditalien reichte.

In Der Atlas Suworow werden andere mögliche Karten aufgezeigt, die Suworow zur Verfügung gestanden haben könnten.
Auffallend dabei, dass auf Franz Johann Joseph von Reillys Karte zum Kanton Schwyz Nr. 402 eine Straße eingezeichnet ist und auf der Karte Nr. 401 zum Kanton Uri nicht. Da stellt sich die Frage, warum nur die eine Karte berücksichtigt worden wäre.

Wikipedia Alexander Wassiljewitsch Suworow – Wikipedia hat sich festgelegt:
Angekommen in Altdorf, erkannte Suworow, dass ein Weg nach Schwyz entlang des Vierwaldstättersees, mit dem er gemäß der ihm von den Österreichern zur Verfügung gestellten Militärkarten gerechnet hatte, gar nicht existierte. Die Straße endete damals in Altdorf.

Welches Kartenmaterial und in welchem Maßstab wurde um 1800 vom Stab einer Armee dieser Größenordnung benutzt, um Marschrouten festzulegen?
 
Schwer vorstellbar, dass der russisch/österreichische Generalstab eine Karte konsultierte, die von der Nordsee bis Norditalien reichte.
Die Österreicher werden so etwas nicht benutzt haben, bei den Russen liegt aber durchaus nahe, dass sie improvisieren mussten, weil die Entscheidung in Norditalen und der Schweiz zu kämpfen angesichts der Entfernung von Russlands Grenzen und angesichts dessen, dass Russland da eigentlich keine eigenen territorialen Interessen hatte, ja doch recht ungewöhnlich war.
Die Russen werden sicherlich brauchbare Militärkarten für Polen, vielleicht noch Ostdeutschland (Preußen/Sachsen) und den Balkanraum gehabt haben, für Kämpfe in Süddeutschland, Italien und der Schweiz wird man sich wahrscheinlich eher kurzfristig mit Kartenmaterial beholfen haben, das auftreibbar war.

Die Frage dürfte sein, ob die Russen Zugang zu österreichischem Militärkartenmaterial hatten.
Einerseits sollte man das ja angesichts der Allianz annehmen, andererseits haben sich die antifranzösischen Koalitionen vor 1813 ja immer wieder dadurch ausgezeichnet, dass die Koalitionäre mehr nebeneinander ihre eigenen Parallelkriege gegen Frankreich führten, als wirklich gut zusammen zu arbeiten.
Wie schwierig sich die Zusammenarbeit zwischen Russen und Österreichern gestalten konnte, zeigte ja dann vor allem der 3. Koalitionskrieg, bei dem schon von Anfang an alles schief lief, gekrönt von dem Debakel bei Austerlitz.
 
Die Frage dürfte sein, ob die Russen Zugang zu österreichischem Militärkartenmaterial hatten.
Die Marschroute soll angeblich vom österreichischen Verbindungsoffizier Franz von Weyrother oder dann vom unterstellten Oberst Strauch ausgearbeitet worden sein.
Wer da genau in Asti und Taverne mit welchen Karten plante, ist unklar. Vielleicht hatten die österreichischen Truppen unter Auffenberg und Strauch, die unterwegs zu Suworow stießen, eigene Karten mit dabei.

Claude-Jacques Lecourbe, der französische Gegenspieler Suworows am Gotthard, soll sich seine Geländekenntnisse vom sog, "Relief der Urschweiz" erworben haben.
Das äußerst detaillierte Relief im Maßstab von etwa 1:11.500 von Franz Ludwig Pfyffer, gab es seit 1789 und ist heute noch in Luzern zu bewundern. Es deckt den Raum ab, um den es hier geht und war damals schon eine Attraktion, die manche Reisenden aus ganz Europa anzog. Darunter Nikolai Michailowitsch Karamzin. Er sah zwar vermutlich nur ein anderes Relief in Bern, schwärmte aber von jenem in Luzern (siehe Briefe eines russ. Reisenden).
Im Relief ist weder eine Straße noch ein Weg entlang des rechten Seeufers zu sehen, dafür aber ein Weg entlang des linken Ufers, so wie im ursprünglichen Plan Suworows vorgesehen, und ich meine auch den Weg über die Chinzig Chulm zu erkennen, den Suworow schließlich nahm.
Nicht auszuschließen, dass Suworow Zeichnungen des Reliefs zur Verfügung standen.

Die Würdigung der Leistungen der Österreicher und Franzosen, die schon den ganzen Frühling und Sommer in den Schweizer Bergen gefühlt jeden Pass erklommen hatten, wird in diesem Zusammenhang oft vernachlässigt.
Soult z.B. schickte im Mai 2400 Mann über die Chinzig Chulm. Das Unternehmen wurde zwar wegen Schneefall abgebrochen, zeigt aber, dass der Pass den Militärs bekannt war. Die im Juni/Juli in Uri und im Muotatal anwesenden österreichischen Truppen dürften davon erfahren haben.
Dasselbe gilt für den durchaus vorhandenen, wenn auch schwierigen Weg am rechten Seeufer, den französische Soldaten vorher benutzt hatten.
 
(siehe Briefe eines russ. Reisenden).
dass die rundum hochinteressant sind, kann ich bestätigen!
Zu Kartenmaterial aus der fraglichen Zeit kann ich leider nur sehr indirekt beitragen: die militärische Vermessung zumindest im "Detail" (vielleicht keine kompletten Landschaften, aber Gelände der Größenordnung "Stadt und Umland") war schon sehr genau. Die Pläne von Koblenz oder Warschau 1.Hälfte 19.Jh. decken sich exakt mit heutigen (mancherorts hätte man bei Baumaßnahmen vorab die "alten" Festungspläne konsultieren sollen, um nicht erstaunt über gemauerte Hohlräume/Gänge zu stolpern) Da im Gegensatz zu Festungsanlagen das Wegenetz nirgendwo unter Geheimhaltung stand, da der Handel ohnehin mobil sein musste, sollte es um 1800 genügend genaues Kartenmaterial gegeben haben.
 
Die Meilenangaben in Suworows Angriffsplan könnten einen Hinweis auf das benutzte Kartenmaterial liefern, nur verstehe ich sie nicht.
Er rechnete für die Strecke von Altdorf nach Schwyz 14 Milien bzw. einen Tag.
Am 26. bricht die ganze Kolonne von Altorf nach Schwyz auf und trifft noch am selben Abend 14 Milien weit ein.
Diese Strecke beträgt dem See entlang auf heutigen Strassen 20 km. Damals war eine Meile sowohl österreichisch, wie auch russisch etwa 7.5 km, bei 14 Meilen total also 105 km.
Was waren das für Milien? Wurden schon Höhenmeter in militärische Streckenrechnungen einbezogen? 105km waren das dort auch über den Pass nicht und wären auch nicht zumutbar gewesen.

Der eingenommene Weg über den Kinzigpass dauerte für Suworows Spitzenleute exakt 12 Stunden. In einem "Reenactment" der schweizerischen Armee 1894 brauchte eine Brigade bei schlechtem Wetter 11 Stunden.
Apropos Wetter: Ich vermute, dass bei Ankunft der Russen in Altdorf Föhn herrschte, denn es gibt zwei Meldungen der Franzosen vor Ort, dass auf dem See wegen zu starkem Wind keine Schifffahrt möglich war.
 
Die Marschroute soll angeblich vom österreichischen Verbindungsoffizier Franz von Weyrother oder dann vom unterstellten Oberst Strauch ausgearbeitet worden sein.
Wer da genau in Asti und Taverne mit welchen Karten plante, ist unklar. Vielleicht hatten die österreichischen Truppen unter Auffenberg und Strauch, die unterwegs zu Suworow stießen, eigene Karten mit dabei.
Auf österreichischen Karten, im Besonderen militärischen Karten würde ich solche Fehler eher nicht vermuten und eine absichtliche Täuschung/absichtliches Zuspielen von falschen Informationen halte ich auch für wenig wahrscheinlich, dazu hätten ja die Absichten der Russen überhaupt in der östlichen Schweiz zu operieren bekannt sein müssen.
Da aber Suworrow bis dahin vorwiegend in der Lombardei und im Piemont operiert hatte, war ja ein Abmarsch der Russen in Richtung Schweiz nicht unbedingt die vorhersehbarste Aktion.
Soult z.B. schickte im Mai 2400 Mann über die Chinzig Chulm. Das Unternehmen wurde zwar wegen Schneefall abgebrochen, zeigt aber, dass der Pass den Militärs bekannt war.
Die Bekanntschaft des Passes ist ja nicht das eigentliche Problem.

Das Problem ist ja eher, dass Suworrow seine Armee in eine Situation manövrierte, in der ihm mehr oder weniger nur noch der Weg über den Pass blieb, während er ansonsten in einer Sackgasse gesteckt hätte, bei nummerisch überlegenen Feindkräften in der Gegend.
Die Bewegung erscheint eher wie ein Vabanque-Spiel, als wie geplant, da Übergang über den Pass jederzeit an schlechtem Wetter oder noch nicht entdeckten Feindkräften, die ihn mit verhältnismäßig wenig Aufwand sperren scheitern konnte.
Eine gewagte Bewegung über einen Pass zu versuchen um sich einen taktischen Vorteil zu verschaffen, wenn der Rückweg offen ist und die eigenen Kräfte, wenn der Versuch fehlschlägt zumindest gerettet werden können, dass ist das eine.
Aber die Armee in eine Sackgasse zu führen, aus der sie nur durch eine schwierige Passquerung überhaupt wieder herauskommt, während sie damit rechnen muss, dass der Rückzug abgeschnitten ist und dass sie aufgerieben wird, wenn es nicht funktioniert, ist nen Bisschen wahnsinnig.

Und ich kann mir schwer vorstellen, dass sich ein erfahrener Herrführer bewusst und geplant in eine solche Situation begeben hätte. Deswegen erscheint mir die Darstellung, dass da auf fehlerhaftes Kartenmaterial vertraut worden wäre durchaus plausibel.

Die Meilenangaben in Suworows Angriffsplan könnten einen Hinweis auf das benutzte Kartenmaterial liefern, nur verstehe ich sie nicht.
Er rechnete für die Strecke von Altdorf nach Schwyz 14 Milien bzw. einen Tag.
Könnte das ein Übertragungsfehler sein und könnte er "Werst" (etwa 1,07 Km) statt Meilen gemeint haben?
Das wären ungefähr 15 Km, käme den heutigen 20 Km zummindest nahe, wäre an einem Tag zu bewältigen gewesen und würde so in etwa der der Distanz direkt am östlichen Seeufen entsprechen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Könnte das ein Übertragungsfehler sein und könnte er "Werst" (etwa 1,07 Km) statt Meilen gemeint haben?
Werst ergibt Sinn. Die Angaben stammen aus einer österreichischen Quellensammlung von 1900.
Jetzt müsste man noch Karten finden, wo bei einer dort eingezeichneten Straße die Strecke etwa 15 Km beträgt.

Aber die Armee in eine Sackgasse zu führen

bei nummerisch überlegenen Feindkräften
Ich halte die Situation in Altdorf nicht für eine Sackgasse und ich sehe auch keine numerisch überlegenen Feindkräfte.
Zum Zeitpunkt, als Suworow in Altdorf eintraf, wusste er noch nichts von der Niederlage Hotzes und Korsakows bei Zürich, sondern ging immer noch davon aus, dass er zu Hotze in Schwyz aufschließen könne.
Lecourbe hatte noch seine Nachhut in Uri, die Suworow aber sehr zur Verwunderung der Franzosen, links liegen ließ und kaum bedrängte. Hätte er von der Niederlage gewusst, wäre er sicherlich über den einfacheren Klausenpass nach Glarus ausgewichen und nicht weiter Richtung Schwyz marschiert.
Am See gab es mMn noch mehrere Möglichkeiten für Suworow vorzustoßen. Suworow hielt wohl den Übergang über den Kinzigpass als die aussichtsreichste Variante, um noch einigermaßen rechtzeitig nach Schwyz zu gelangen.
Für einen Vorstoß am rechten oder gar am linken Seeufer hätte er die verbliebenen Franzosen zuerst bekämpfen müssen.
Erst in Muotathal erfuhr er von der Niederlage bei Zürich. Da ergab weiteres Vorstoßen keinen Sinn mehr, hätte aber problemlos funktioniert, wie der Sieg Rosenbergs über die französischen Truppen und deren Verfolgung bis Schwyz bewies.

Er war sowieso zu spät, weil er vor dem Abmarsch noch auf Maultiere wartete und Massena die Schlacht von Zürich vor seiner Ankunft startete. Er war aber nicht wegen der nicht existierenden Straße zu spät.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich halte die Situation in Altdorf nicht für eine Sackgasse und ich sehe auch keine numerisch überlegenen Feindkräfte.
Zum Zeitpunkt, als Suworow in Altdorf eintraf, wusste er noch nichts von der Niederlage Hotzes und Korsakows bei Zürich, sondern ging immer noch davon aus, dass er zu Hotze in Schwyz aufschließen könne.
Lecourbe hatte noch seine Nachhut in Uri, die Suworow aber sehr zur Verwunderung der Franzosen, links liegen ließ und kaum bedrängte.
Musste denn Suworrow, etwa nicht damit rechnen, dass wenn er seine Truppen auf den Kinzigpass schickte, Lecoubre nachrücken und die Passzugänge blockieren würde und dass er festsäße, sollte sich die Querung dann als unmöglich erweisen und abgebrochen werden müssen?

Suworrow wusste noch nichts von der Niederlage musste aber davon ausgehen, dass es bei Zürich zur Schlacht kommen würde und das mit einiger Wahrscheinlichkeit vor seinem Eintreffen.
Und auch davon, dass die Österreichisch-Russische Koalitionsarmee dem französischen Gegner ohne Verstärkung durch seine Truppen, unterlegen sein und eine Schlacht mit einiger Wahrscheinlichkeit verlieren würde.
Für diesen Fall musste er damit rechnen eventuell in eine überlegene französische Feindmacht zwischen Zürich und Schwyz hinein zu rennen, während Lexoubre ihm den Rückweg nach Süden sperren konnte.

In dem Fall blieb nur noch der nicht ganz risikolose Weg nach Osten, der davon abhing, ob er seine Truppen über den Pragelpass und durch Glarus durchschleusen würde können, bevor französische Kräfte von Zürich oder vom Raum Zürisch-Schwyz aus Glarus erreichen und ihn auch dort blockieren konnten.

Da bestand schon die erhöhte Gefahr und Wahrscheinlichkeit einer Sackgasse, aus der die Russen dann auch wieder nur durch weitere Passquerungen entkommen konnten.

Er war sowieso zu spät, weil er vor dem Abmarsch noch auf Maultiere wartete und Massena die Schlacht von Zürich vor seiner Ankunft startete. Er war aber nicht wegen der nicht existierenden Straße zu spät.
Das er deswegen zu spät gewesen wäre, hat ja auch niemand behauptet, sondern dass er deswegen mehr oder weniger in eine Sackgasse hinein lief.

Hätte die ominöse Straße von Altdorf nach Schwyz bestanden (hätte ja bei einer innerhalb eines Tages zu bewältigenden Strecke nur einige Km vom Ostufer des Sees parallel zu diesem sein können, oder er rechnete mit einer besseren befestigten Straße direkt am Ostufer), wäre er in Südliche Richtung weniger einfach zu blockieren gewesen.
Dann hätte sich das Ganze risikoärmer gestaltet.
 
Musste denn Suworrow, etwa nicht damit rechnen, dass wenn er seine Truppen auf den Kinzigpass schickte, Lecoubre nachrücken und die Passzugänge blockieren würde und dass er festsäße, sollte sich die Querung dann als unmöglich erweisen und abgebrochen werden müssen?
Lecourbe hatte nach eigenen Angaben noch 3 schwache Battaillone und ein paar Grenadierkompanien am linken Reussufer. Er befürchtete ein Vorgehen gegen ihn, bei dem er sich zurückgezogen hätte. Gleichzeitig rechnete er mit einem Rückzug Suworows Richtung Osten über den Klausenpass. Diese, wenn auch schwachen Kräfte, hätten ein Vorgehen Suworows am rechten Seeufer auch bei einer existierenden Straße stören können und die Absicht Suworows wäre offenkundig gewesen.
Mit dem Kinzigpass rechnete Lecourbe nicht mehr und so verschwand Suworows Armee quasi unbemerkt aus dem Schächental. Lecourbe konnte und wollte weder den Übergang verhindern noch einen Rückzug blockieren, sondern sich nur noch wenig erfolgreich mit der Nachhut am Eingang zum Schächental schlagen. Suworow hatte Richtung Osten immer die Rückzugsmöglichkeit über den Klausenpass, nur gab es zu dem Zeitpunkt aus seiner Sicht noch keinen Grund dafür. Er war noch im Offensiv-Modus.

Die Berichterstattung zur Überquerung des Kinzigpasses halte ich für übertrieben, aber aus Sicht des modernen Wanderers erscheint vielleicht alles etwas einfacher.

In "Der Feldzug der Division Lecourbe im Schweizerischen Hochgebirge 1799" schrieb Reinhold Günther 1895:
Von Altdorf ins Thal der Muota führten bereits im Jahre 1799 drei Wege. Der eine, oft begangen und teilweise auch von Soult und Lecourbe schon benützt, geht von Flüelen über Sisikon nach Morschach und Brunnen, also längs des Sees, der zweite von Witterschwanden im Schächenthal über den Kinzig-Paß und durch das Wängithal, der dritte endlich über Heitmannsegg (ob Unterschächen) und den Kulm-Paß (2172 m) durch den Hohlweg des Löchli-Passes (1515 m) ins Bisithal. Es ist unerfindlich, warum Suworoff nicht den zuerst genannten Pfad benützte. Selbst wenn Lecourbe dann den Abmarsch und seine Richtung schneller erfahren hätte, wäre dieser Nachteil doch durch die größere Beschleunigung und Bequemlichkeit der Bewegung aufgehoben worden.

Ich weiß nicht in welchem Zustand der Weg längs des Sees 1799 war, vermute jedoch, dass er ab und zu benutzt wurde, wenn der See wegen Föhns nicht befahrbar war. Wie lange ein Marsch auf diesem Weg dauerte, kann ich darum nicht sagen.
Aus der Korrespondenz zwischen einem österreichischen Offizier im Lager Suworows und Hotze geht hervor, dass die möglichen Wege aus dem Reusstal heraus vor dem Abmarsch diskutiert wurden.
Auch der Marsch von Altorf nach Schwyz wäre recht beschwerlich, da die gesamte Kolonne, Mann für Mann, auf einem einzigen Pfad vorrücken müsste.
Alle diese Punkte werden heute Abend erneut besprochen.
Brief von Hauptmann Sarret an Hotze am 16. Sep. 1799 in Taverne.

War Suworow bei dieser Besprechung dabei? Klar ist nur, dass der Hauptman Sarret davon wusste.
Klar ist auch, dass eine Straße besser gewesen wäre, aber unter einer Sackgasse verstehe ich etwas anderes.
 
Mit dem Kinzigpass rechnete Lecourbe nicht mehr und so verschwand Suworows Armee quasi unbemerkt aus dem Schächental.
Das wissen wir ex post, konnte aber seinerzeit Suworrow nicht wissen/vorhersehen. Der musste mit dem Risiko rechnen, das Lecoubre dass anders sehen und mit seinen, wenn auch schwachen Kräften den Pass hinter ihm sperren würde.

Suworow hatte Richtung Osten immer die Rückzugsmöglichkeit über den Klausenpass
In dem Moment, in dem er es über den Kinzigpass versuchte und damit inkauf nahm, dass Lecoubre ihn möglicherweise südlich blockieren könnte, musste er mit dem Entfall dieser Möglichkeit rechnen.
 
In dem Moment, in dem er es über den Kinzigpass versuchte und damit inkauf nahm, dass Lecoubre ihn möglicherweise südlich blockieren könnte, musste er mit dem Entfall dieser Möglichkeit rechnen.
Er war am 28. Sep. mehr oder weniger dort, wo er am 27. laut Plan sein sollte und er hatte dort im Muotatal eine erneute Rückzugsmöglichkeit in Richtung Osten, den Pragelpass, den er ja auch benutzte. Den Rückzug in die Richtung, aus der er gekommen war, musste er m. E. nicht einkalkulieren.

Mehrmals ließ Suworow Truppenteile über Pässe marschieren, die auf den mir bekannten Karten nirgends eingezeichnet waren (Rosenberg über den Lukmanier und Oberalp, Auffenberg über den Kreuzlipass).
Mir scheinen darum seine Manöver geplant gewesen zu sein und auf besserem Kartenmaterial zu basieren, als auf einer Europakarte. Falls auf diesem besseren Kartenmaterial Wege eingezeichnet waren, musste er sich über deren Beschaffenheit von ortskundigen Leuten informieren lassen.
Eher unwahrscheinlich, dass ihm niemand Auskunft geben konnte.

Auf der Suche nach einem neueren Standardwerk zum Feldzug Suworows, stieß ich auf diese Arbeit, die mir sehr gefällt.
Der Alpenübergang General Suworows 1799, Heer/Fuhrer, 1999
Der Grund der Niederlage wird meist im Weg über den Gotthard gesucht, weil damals der alte Gotthardweg in Flüelen zu Ende war und ein Weiterkommen großer Verbände nur über den See möglich war. Das Ganze ist komplizierter und wird wohl kaum je in allen Facetten ausgeleuchtet werden können; es sei denn, es fänden sich in russischen Archiven neue Quellen.

Ein bisschen "Ausleuchten" kann nie schaden!:)
(...oder vielleicht doch, denn diese Geschichte scheint mir etwas zu sehr durch russische, österreichische und schweizerische Berichterstattung getrübt zu sein.)
 
Fun fact: Im sowjetischen Film "Suworow" von 1941 zeigt Suworow auf eine ziemlich große Karte und erklärt seinen Offizieren den Ausweg, nachdem diese ihm schon die Kapitulation vorgeschlagen haben.
Davor kraxelten seine Soldaten über Gletscher, umzingelt von Lawinen und Bergstürzen.

In "Historische Verkehrswege im Kanton Uri" Eine Publikation zum Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz IVS, 2007
wurde festgehalten, dass der Weg über den Kinzigpass früher ein "Viehfahrweg" war, denn die Alpen jenseits des Passes wurden von Leuten aus Uri bewirtschaftet und nicht von den dortigen Talbewohnern. Ähnlich wie beim Klausenpass, wo der sog. "Urnerboden" auf der anderen Seite des Passes liegt und noch heute zum Kanton Uri gehört. Ebenso wird angenommen, dass der Pass als Anschlussweg zum Handel über den Gotthard benutzt wurde. Der Weg dort dürfte darum 1799 besser ausgebaut gewesen sein, als heute (meine Einschätzung).

Was den Weg längs des Sees anbelangt:
Die problematische Stelle liegt zwischen Sisikon und Flüelen auf einem Teilstück von etwa 4 km.
Welchen Weg im Mai 1799 die drei Kompanien Soults von Sisikon nach Flüelen nahmen, wird nicht genau erklärt.
Die zweite Streitmacht, bestehend aus drei in Sissiden (Sisikon) abkommandierten Kompanien, erhielt den Befehl, über die Wilhelm-Tell-Kapelle und die Felsen oberhalb von Flüelen vorzurücken, um die rechte Flanke des Feindes zu belästigen. Ich hingegen, an der Spitze der Hauptkolonne, beabsichtigte, den Feind frontal anzugreifen. Ich konnte diese Kolonne jedoch nur über den See führen, um gegenüber den feindlichen Schützengräben zu landen. Zunächst verzögerte sich mein Vormarsch durch Schwierigkeiten bei der Organisation des notwendigen Transports, dann hielten uns widrige Winde drei Tage lang im Hafen von Brunnen bei Schwitz fest. Schließlich, am 9. Mai, wendete sich das Wetter, und ich beeilte mich, die Gunst der Stunde zu nutzen.
übersetzt aus Mémoires du maréchal-général Soult, Duc de Dalmatie, Nicolas Soult 1854, Band 2, Seite 74
Wobei man hier noch anmerken muss, dass Soult helvetische Soldaten aus Zürich mit dabei hatte, die vielleicht Ortskenntnisse hatten.

Auf Seehöhe wird es wohl keinen Weg gegeben haben, denn Soult schickte seine Leute ja nach oben, wobei er das auch nur aus militärischen Gründen getan haben kann. Auf heutigen Wanderwegen muss man dafür entweder 2 mal 600 Höhenmeter rauf und runter oder einmal 1300 Höhenmeter. Möglicherweise gab es damals einen durchgehenden Weg auf der Höhe von 1000m, also "nur" einmal 600 Höhenmeter zu besteigen gewesen wären.
Kräfte-ökonomisch gesehen, könnte also der Weg längs und oberhalb des Sees ähnlich strapaziös wie der Kinzigpass gewesen sein (Vom Talboden in Spiringen in 900m Höhe bis zum Pass in 2073m sind es auch ca. 1200 Höhenmeter). Was die Zeit anbelangt waren für die Spitzenleute beide Strecken in dem geplanten Tag, mit Tross und Nachhut in 2 Tagen zu schaffen. Von der Beschaffenheit der Wege her gesehen, war vielleicht der Kinzigpass noch die beste Wahl.

Wenn tatsächlich, wie manchmal angegeben, Schnee auf dem Kinzigpass lag oder es gar schneite, waren die 2073m Höhe des Kinzigpasses sicher nicht die beste Wahl. Wenn, wie von mir vermutet, bei Ankunft in Altdorf der Föhn blies, war da noch schönes Wetter. Der Föhn könnte in der Nacht aufgehört haben, was oft schlechtes Wetter nach sich zieht. Die Einheimischen hätten darüber Bescheid gewusst.

Insofern könnte Suworow, je nach Karte, bei Abmarsch im Tessin in der Annahme gewesen sein, dass er keine Höhe mehr zu überwinden hätte.
 
Die problematische Stelle liegt zwischen Sisikon und Flüelen auf einem Teilstück von etwa 4 km.
Die ist mir auch aufgefallen. Sieht bei Google Earth so aus, als würde die heutige Straße da durch einen Tunnel führen, den es zu Napoleons Zeiten sicher noch nicht gab.
Allerdings sind die Aufnahmen des Hanges an der Seeseite ungenau, so dass nicht genau zu erkennen ist, ob da evt. noch Platz für einen Weg war, der um die Erhebung an der Längsseite des Sees herumführte.
 
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