Träumen vom Exil

Bei Charlotte Beradt finden sich einige Träume vom Exil, vom Auswandern, aber geträumt in Deutschland.

Eine Hausfrau Anfang 30 träumt folgenden Traum 1936 in Berlin.
„ Ich komme nach langer Wanderschaft in New York an. Man darf aber nur bleiben, wenn man einen Wolkenkratzer von außen raufklettert. Nur die Getauften müssen das nicht, von denen sagt man: 'Die kleinen Nazis sind sehr nett und zuverlässig.' Auch hier wieder Unterschiede.
Ich weiß nie, welche Richtung einschlagen, gehe stets in der falschen. Mein armer Mann, denke ich, genau so hat er sich's immer vorgestellt.
Plötzlich bin ich in einer schmalen Straße, hügelig, rechts und links liegen Uhren, Juwelen, Armbänder auf offenem Schnee. Ich möchte so gern etwas davon nehmen, traue mich aber nicht, das ist bestimmt vom 'Amt zur Prüfung der Ehrlichkeit von Ausländern' hingelegt, vielleicht wird man ausgewiesen, wenn man's nimmt. Oder sollte ich einfach auf einem ganz und gar verbotenen Weg sein und bestimmt ausgewiesen werden?
Ich weiß den Eingang zur Sprachschule nicht zu finden, ich weiß keinen Platz zu finden. Ich bleibe als einzige stehen, während alle anderen geordnet sitzen. Ich habe das Buch nicht, in dem alle anderen lesen, und weiß auch nicht, wie es heißt. Schon am Eingang zur Schule habe ich sofort gedacht: Sie sieht alt und hässlich aus, bei uns sind sie viel schöner. [Dies 'bei uns' war so typisch für die Emigranten, dass sie in vielen Ländern die 'chez nous' genannt worden sind. Anm. Beradt]
Dann wird nach dem Alter gefragt. 'Muss man das sagen', frage ich. 'Ja man muss', sagt die Lehrerin. 'Bei uns zu Hause muss man gar nichts, sage ich.
Ich sehe weinend aus dem Fenster, sehe eine märkische Landschaft, fühle mich gerade etwas getröstet, da sagt die Lehrerin: 'Die kleinen Nazis sehen nicht nur anständig aus, sie sind auch die einzig Anständigen unter euch.'“
(Beradt, S. 145 f.)

Ein häufiges Motiv, ist die Angst vor dem Verlust der Muttersprache. Ein Träumer zieht ein Trappistenkloster „irgendwo auf der Welt“ vor, wo in „alten düsteren Steinhallen und Zellen“ sich alle Menschen flüchten, „die sowieso nie wieder sprechen können. Ein anderer träumt sich in eine Wüste, wo ihn der Durst peinigt. Er gelangt an ein Wasser, von dem er aber nur trinken darf, wenn er in der „Wüstensprache“ vorliest. Der Träumer zieht den Durst vor. „Lieber verdursten, als die fremde Wüstensprache sprechen.“ Ein Dritter soll, um nach Marokko eingelassen zu werden, ins Französische übersetzen. „Das lohnt alles nicht“, sagt er, „man kann ja doch nicht bleiben, wo man hingeht.“ Dann beginnt er auf deutsch zu singen:“O Täler weit, o Höhen.“

Aber kann man der Verfolgung wirklich entgehen? Ein jüdischer Bankbeamter, wegen seiner Herkunft entlassen, träumt, dass es ihm im Ausland gut geht. Er arbeitet wieder bei einer Bank und kann sich bald eine erste Urlaubsreise leisten. „Ich mache eine Bergbesteigung mit einem Führer. Und dann geschieht es, auf dem höchsten Gipfel. Der Führer wirft Cape und Kapuze ab und steht vor mir, in voller SA-Uniform“
(Beradt, S. 148)
 
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