Traklson
Aktives Mitglied
Traumzoo - Träume mit Tieren I
Die Löwengrube
(Geträumt, als ich ca. 9 Jahre alt war)
Auf einer Latte, die ich als Floß benutzte, bin ich auf den Grundwassertümpeln der Tiefbauten für den neuen Salzburger Rangierbahnhof herumgefahren. Nun gehe ich barfuß nach Hause. Da stoße ich, wie ich mich dem Bahnhof nähere, auf unabsehbare Menschenmassen. Neugierig erkundige ich mich nach der Ursache. Ja, es kann niemand mehr im Salzburger Bahnhofe aus- und eingehen (für mich war dieser Bahnhof im Traume der Knotenpunkt des Weltverkehrs), denn unmittelbar vor dem Bahnhofe befindet sich eine Löwengrube, deren Ausgänge derart angelegt sind, daß jeder, der passieren will, durch die Grube hindurch muß. Das bedeute aber, sich dem Rachen der darin lauernden Löwen ausliefern. Ich halte mich für berufen, in die Grube zu gehen, um die Raubtiere zu überwinden.
Aber ich finde gar keine richtigen Löwen vor, sondern bloß ganz kleine, hübsche, mit denen ich sogleich wie mit Katzen spiele nur daß ich sie als mir ebenbürtig empfinde und darum nicht mißhandle. Ich denke schon lange nicht mehr an die Leute draußen. Aber schließlich will ich doch heim und steige langsam einen Ausgang hinauf, der schräg wie der Schacht des Halleiner Salzbergwerks ins Freie führt.
Auf halber Höhe dieses Schachtes ruft es mir plötzlich nach:,,Wieland, bleib hier, bleib bei mir, geh nicht zurück zu den bösen Menschen!" Ich sehe mich um.
Da stehen wahrhaft riesige Löwen unten, mit roten, funkelnd gegen mich gerichteten Augen, und mitten zwischen ihnen meine Mutter:ihre starren Blicke beschwören mich, bei ihr in der Höhle zu bleiben. Aber in mir steigt zugleich die Lust nach Konditorsachen auf, nach Mohrenköpfen und Sahnenbonbons. Auch dämmert es schon, und ich weiß, abends wird bei uns Tombola gespielt. Die Glasplättchen erscheinen mir in diesem Augenblick wie aus Zucker. Als erriete sie mein Empfinden, ruft meine Mutter:,,Mein schwarzer Wieland, geh nicht zu den Menschen. Oh, - sie locken dich jetzt mit Bonbons. Sie sind böse, sie kreuzigen dich. Oh, sie kreuzigen dich, sie werden dich kreuzigen, mein Kind! mein Kind!!" Sie will mir nachstürzen.
Doch nun sind die Löwen furchtbare Männer, sie reißen sie zurück. Das gelle Schreien wird langsam zu einem Winseln, immer matter, trostloser, und um mich wird es ganz dunkel.
Wach in meinem Bettchen, höre ich den Wind kläglich in den Fensterläden pfeifen.
(Wieland Herzfelde: Tragikgrostesken der Nacht)
16. Juni 1955
Zwei riesige schwarze Triceratopse, wie aus Plastics, wütende, mir unsympathische und schauerliche Tiere. Während der eine zusah, attackierte der andere auf unbeschreiblich wilde Weise einen Ankylosaurus, der platt auf dem Boden lag (»ein niedriges Tier<<). Der Triceratops schlitzte ihn gewissermaßen an der Nahtstelle mit den Hörnern auf, wo obere und untere Hälfte wie bei einem Taschenkrebs zusammengewachsen waren. Dann entfernte er die obere Hälfte. Die inneren Organe lagen in der unteren säuberlich in Fächer eingeteilt, in verschiedenen Farben, etwa wie auf einer hors d'oeuvre-Platte. Der Triceratops machte sich darüber her und begann die verschiedene Geschmacksarten repräsentierenden Teile (Konkretismus) - wieder wie bei einem Taschenkrebs zu fressen. Über dem entrüsteten Gedanken: aber die Triceratopse sind doch Pflanzenfresser, wachte ich auf.
(Adorno: Traumprotokolle, Suhrkamp 2005)
Die Löwengrube
(Geträumt, als ich ca. 9 Jahre alt war)
Auf einer Latte, die ich als Floß benutzte, bin ich auf den Grundwassertümpeln der Tiefbauten für den neuen Salzburger Rangierbahnhof herumgefahren. Nun gehe ich barfuß nach Hause. Da stoße ich, wie ich mich dem Bahnhof nähere, auf unabsehbare Menschenmassen. Neugierig erkundige ich mich nach der Ursache. Ja, es kann niemand mehr im Salzburger Bahnhofe aus- und eingehen (für mich war dieser Bahnhof im Traume der Knotenpunkt des Weltverkehrs), denn unmittelbar vor dem Bahnhofe befindet sich eine Löwengrube, deren Ausgänge derart angelegt sind, daß jeder, der passieren will, durch die Grube hindurch muß. Das bedeute aber, sich dem Rachen der darin lauernden Löwen ausliefern. Ich halte mich für berufen, in die Grube zu gehen, um die Raubtiere zu überwinden.
Aber ich finde gar keine richtigen Löwen vor, sondern bloß ganz kleine, hübsche, mit denen ich sogleich wie mit Katzen spiele nur daß ich sie als mir ebenbürtig empfinde und darum nicht mißhandle. Ich denke schon lange nicht mehr an die Leute draußen. Aber schließlich will ich doch heim und steige langsam einen Ausgang hinauf, der schräg wie der Schacht des Halleiner Salzbergwerks ins Freie führt.
Auf halber Höhe dieses Schachtes ruft es mir plötzlich nach:,,Wieland, bleib hier, bleib bei mir, geh nicht zurück zu den bösen Menschen!" Ich sehe mich um.
Da stehen wahrhaft riesige Löwen unten, mit roten, funkelnd gegen mich gerichteten Augen, und mitten zwischen ihnen meine Mutter:ihre starren Blicke beschwören mich, bei ihr in der Höhle zu bleiben. Aber in mir steigt zugleich die Lust nach Konditorsachen auf, nach Mohrenköpfen und Sahnenbonbons. Auch dämmert es schon, und ich weiß, abends wird bei uns Tombola gespielt. Die Glasplättchen erscheinen mir in diesem Augenblick wie aus Zucker. Als erriete sie mein Empfinden, ruft meine Mutter:,,Mein schwarzer Wieland, geh nicht zu den Menschen. Oh, - sie locken dich jetzt mit Bonbons. Sie sind böse, sie kreuzigen dich. Oh, sie kreuzigen dich, sie werden dich kreuzigen, mein Kind! mein Kind!!" Sie will mir nachstürzen.
Doch nun sind die Löwen furchtbare Männer, sie reißen sie zurück. Das gelle Schreien wird langsam zu einem Winseln, immer matter, trostloser, und um mich wird es ganz dunkel.
Wach in meinem Bettchen, höre ich den Wind kläglich in den Fensterläden pfeifen.
(Wieland Herzfelde: Tragikgrostesken der Nacht)
16. Juni 1955
Zwei riesige schwarze Triceratopse, wie aus Plastics, wütende, mir unsympathische und schauerliche Tiere. Während der eine zusah, attackierte der andere auf unbeschreiblich wilde Weise einen Ankylosaurus, der platt auf dem Boden lag (»ein niedriges Tier<<). Der Triceratops schlitzte ihn gewissermaßen an der Nahtstelle mit den Hörnern auf, wo obere und untere Hälfte wie bei einem Taschenkrebs zusammengewachsen waren. Dann entfernte er die obere Hälfte. Die inneren Organe lagen in der unteren säuberlich in Fächer eingeteilt, in verschiedenen Farben, etwa wie auf einer hors d'oeuvre-Platte. Der Triceratops machte sich darüber her und begann die verschiedene Geschmacksarten repräsentierenden Teile (Konkretismus) - wieder wie bei einem Taschenkrebs zu fressen. Über dem entrüsteten Gedanken: aber die Triceratopse sind doch Pflanzenfresser, wachte ich auf.
(Adorno: Traumprotokolle, Suhrkamp 2005)