Venizianische Glasperlen im präkolumbianischen Alaska

Dieses Thema im Forum "USA | Kanada" wurde erstellt von Maglor, 13. Februar 2021.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Aktueller Sensationsfund:
    In Punyk Point, Alaska, entdeckten blaue Glasperlen. Ihre Herkunft soll venezianisch sein, die die C-14-Datierung des Kettenfadens zwischen 1400 - 1480. Das wären dann ein paar Jahr vor Chistoph Kolumbus und ein paar Jahrhunderte vor Vitus Bering.
    https://www.spektrum.de/news/venezi...en-ostwaerts-bis-amerika-vor-kolumbus/1834501

    Meine Meinung zu den Glasperlen:
    Augenscheinlich sind das ganz schlichte, runde blaue Glaseprlen, die aufgrund ihrer Schlichtheit kunsthistorisch kaum einzuordnen sind. In Europa gibt seit der Bronzezeit Glasperlen und gerade die ganz einfachen Formen (hier einfarbig und rund) sind nicht oder nur schwer zu datieren. Die venizianische Rosetta-Perle, die im Spätmittelalter und früher Neuzeit sehr weit gehandelt wurde, ist hingegen eine mehrfarbige Schichtperle - quasi unverwechselbar.
    vgl. https://bestveniceguides.it/de/2018/06/01/die-rosetta-die-venezianische-koenigin-der-glasperlen/
    Wie mit einer Neutronenaktivierungsanalyse ihre Herstellung in Venedig nachgewiesen werden konnte, ist mir schleierhaft - ich habe aber auch von dieser Untersuchungsmethode keinen blassen Schimmer.
    Ich gehe davon aus, dass es immer ein wenig Austausch über die Bering-Straße gab, immerhin waren die Aleuten bewohnt und die Ureinwohner auf beiden Seiten Seefahrer.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2021
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kleiner Lapsus des Verfassers:

    vermuten Kunz und Mills, dass die Perlen zunächst entlang der Seidenstraße bis nach Eurasien gelangten. Von dort seien sie per Boot über die Beringstraße gebracht worden.​
     
  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Stutzig machte mich diese Formulierung bei Spektrum: "Woher die Glasperlen stammten, fanden die Forscher mit Hilfe der Neutronenaktivierungsanalyse heraus. So handelt es sich um Produkte aus Venedig."

    Bei Polarjournal wird die Sache genauer erklärt.

    https://polarjournal.ch/2021/02/09/blaue-glasperlen-in-alaskas-tundra/
    Laut Polarjournal wurde der Herstellungsort der Perlen nicht naturwissenschaftlich, sondern kunstgeschichtlich erschlossen.
    "durch das Studium der Geschichte der Glasperlenherstellung" sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass diese Glasperlen in Venedig hergestellt worden seien.
    Eine interessante Frage wäre auch, woher das Kupfer stammt, aus dem die Schmuckstücke vom gleichen Fundort gefertigt wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2021
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  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Eine kurze Ergänzung: beim oberflächlichen Lesen des Beitrags/Artikels könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Glasperlen auf die Jahre 1400 - 1480 datiert worden seien. Aber tatsächlich sind nur die Pflanzenfasern auf diese Zeit datiert worden.

    An einem Fundort, Punyik Point im Nordwesten der Brookskette gelegen, dem zweitgrößten Bergzug Alaskas nördlich des Polarkreises, fanden sich acht Perlen – einige davon zusammen mit Kupferschmuck, um den Pflanzenfasern gewickelt waren. Eine C-14-Datierung des organischen Rests ergab, dass er aus der Zeit zwischen 1400 und 1480 stammte. (s den von Maglor verlinkten Artikel)​

    Also wäre 1480 danach der taq, bei dem die Perlen niedergelegt wurden. Wieviele Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte die damals schon alt waren, ist eine andere Frage. Ob die Glasperlen überhaupt mittels naturwissenschaftlicher Methoden datiert werden könnten, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Wie Maglor schon oben geschrieben hat, wurden solche Glasperlen schon in der Bronzezeit hergestellt und verhandelt. Vor einigen Wochen kam auf arte eine Dokumentation über den Handel in der Bronzezeit. Bei einem Handelsort an der englischen Küste wurden auch solche blauen Perlen gefunden. Ich meine, dass diese auch aus dem Bereich des heutigen Venedig (?)stammten.

    (Der Fundort in England ist Must Farm. Die entsprechende Dokumentation findet man auch auf Youtube. )



    Jetzt stehe ich auf dem Schlauch. Den Lapsus verstehe ich nicht:(.
     
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich versuchs mal zu verstehen.
    Es werden nicht Neutronen aktiviert, sondern diese werden genutzt die Isotopenverhältnisse von Elementen zu bestimmen, indem man die Probe mit Neutronen beschießt und das Frequenzspektrum der Reaktion auswertet. Da diese Isotopenverhältnisse von Ort zu Ort leicht schwanken, können diese, für mehrere Elemente erfasst, einen "Fingerabdruck" einer bestimmten Gegend darstellen.
    Es kann damit ebenso die chemische Zusammensetzung eine Stoffes fein erfasst werden.
    Was davon genau bei den Perlen untersucht wurde, geht aus dem Spektrum-Artikel leider nicht hervor.

    Interessant vielleicht dazu auch: NAA / MLZ
     
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Der Spektrum-Artikel gibt diese englisch-sprachige Pressemitteilung als Quelle an.
    https://news.uaf.edu/blue-beads-in-the-tundra/
    Bei diesen News der University of Fairbanks ist jedoch von einer Neutronenaktivierungsanalyse der Glasperlen gar nicht die Rede. Von daher gehe ich davon aus, dass der Autor des Spektrum-Artikels da etwas verwechselt oder überinterpretiert hat.

    Ja, so habe ich das auch verstanden. Die Pflanzenfaser blieb im giftigen Milieu der Kupferobjekte erhalten. Es liegt nahe, dass auch Glasperlen mit der gleichen Pflanzenfaser aufgefädelt oder irgendwo festgenäht worden waren.
    Es liegt nahe, dass die Pflanzenfaser der jüngste Teil des Schmuckensembles ist, weil Pfllanzenfasern schnell abgenutzt ist, während Kupfer und Glas kaum von Verschleiss betroffen sind.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2021
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  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das ist in der Tat peinlich.
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das ist nur die Pressemitteilung, nicht die Arbeit von Kunz und Mills:

    Archaeologists recently unraveled the mystery of the beads in a paper published in the journal American Antiquity.​

    Vielleicht findet sich in der Arbeit mehr zur Neutronenaktivierungsanalyse. Ob und wo diese Arbeit online verfügbar ist, habe ich noch nicht nachrecherchiert.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sie gelangten (angeblich) von Venedig nach Eurasien.
    Das ist so, wie wenn ich sagen würde, dass etwas von New York nach Amerika geliefert wurde.
     
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  10. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Abseits der Schlamperei bei Spektrum irritiert mich vor allem die völlige Fixierung auf Venedig.
    Es wird so getan als hätten nur die Venezianer diese Perlen hergestellt haben können. Böhmische oder holländische Glasperlen wurden jedoch genauso weit gehandelt. Europäische Perlen wurden im großen Stil für den Überseehandel mit Amerika und Afrika produziert, deshalb nennt man sie Handelsperlen (oder antiquiert "Negergeld"), englisch trade beads oder slave beads.
    Britische Händler griffen bei ihren Geschäften mit Ureinwohnern in Nordamerika immer wieder auf venizianische Perlen zurück.
    Chinesen, Araber u.a. hatten jedoch auch eine eigenständige Glasperlenproduktion und waren auf europäische Perlen über die Seidenstraße gar nicht angewiesen. Interessant ist hier sicherlich noch die Existenz der chinesischen Schatzflotte von Zheng He im 15. Jahrhundert, die auch fleißig Perlen usw. nach Ostafrika u.a. brachte.

    Interessanter finde ich jedoch, dass die Russen später ebenfalls blaue Glasperlen böhmischer Produktion nach Alaska einführten. Augenscheinlich sehen manche von ihnen auch fast genauso aus wie die Funde von Punyik Point.
    We accept now that the blue trade beads probably originated in Bohemia (Czechoslovakia) and first made their appearance in Russian America in the late 1700’s. The only mystery is how the Russians obtained them.
    https://walkergoldsmiths.com/what-are-blue-russian-trade-beads/
    Diese russischen Handelsperlen sind natürlich deutlich jünger als die C-14-Datierung von Ponyik Point.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2021
  11. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Die Publikation befindet sich hier:
    A Precolumbian Presence of Venetian Glass Trade Beads in Arctic Alaska | American Antiquity | Cambridge Core
    Die Neutronenaktivierungsanalyse wird im Abstract erwähnt.

    Allerdings ist Elliot Blair, ein Perlenexperte der Universität Alabama gar nicht überzeugt von den Schlüssen, die man aus den Ergebnissen der C14 Untersuchung zog. Er glaubt nicht an eine Herstellung der Perlen vor 1550, räumt aber ein, dass auch das immer noch eine "really cool story" ist.
    European beads found in Alaska predate Columbus, controversial study claims | Live Science
     
  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Kurz off-topic:

    Die in Must Farm gefundenen Glasperlen sind wohl nicht eindeutig der Region Venedig zuzuordnen, da hat mich meine Erinnerung wohl getäuscht:

    Other items traded with our settlement include some very exotic beads. We have found more than 18 blue glass beads which we think have come all the way from the Mediterranean and Middle East.

    Must Farm Bronze Age site - Update, July 2016 - Archaeology for you

    Und hier ein Bild der Glasperlen (Bronzezeit 1000 - 800 v. Chr.) aus Must Farm:

    [​IMG]

    Must Farm - The University of Nottingham

    Und hier die Glasperlen aus Alaska:

    [​IMG]


    Gibt es da Abbildungen, wie die chinesischen oder arabischen Glasperlen aussehen? Kann man diese überhaupt von denen europäischer Produktion unterscheiden?
     
  13. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Danke für die Verlinkungen zu den wirklichen Informationen.
    Eine Erklärung für die unterschiedliche Datierung von Perle und Faden gibt es da leider nicht.

    Vielleicht hat sich ein Alaska-Inuit im 17. Jahrhundert auch den Scherz erlaubt, eine ganz neue Glasperle (neuste Mode aus dem bereits russischen Kamtschatka) auf einem ganz alten Faden aufzufädeln, um so die Archäologen im 21. Jahrhundert zu verwirren.;)


    Am bekanntesten ist sicher das Nazar-Amulett, eine Augenperle, die fast in der ganzen islamischen Welt verbreitet ist. Ich gehe aber mal davon aus, dass es im Orient und Okzident noch ganz viele unterschiedliche Typen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Februar 2021
  14. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Nicht ganz, die Radiokarbondatierung (C-14) ist nicht punktgenau, sondern gibt nur einen Bereich an. Mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit ist auch eine späte Datierung möglich.

    Ach ja, mir war das unter "Auge der Fatima" bekannt. Das habe ich auch schon in der Türkei und Tunesien gesehen.

    Aber die Frage ist ja, ob die Glasperlen aus Alaska, nun definitiv nur aus Europa (sei es nun Venedig oder wie im Artikel auch erwähnt Rouen) stammen, ob diese Glasperlen vielleicht schon anderswo (China oder sonst wo in Asien) hergestellt worden sein könnten, und dann über Handelskontakte nach Alaska gekommen sein könnten. Gab es eigentlich überhaupt Handelskontakte über die Beringstraße in vorkolumbianischer Zeit?
     
  15. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Wenn ich mir die vielen Glasperlen der Wikinger aus Ribe anschaue
    New Viking Discovery Reveals a Surprising Artsy Side of the Brutish Raiders

    und man eine davon sogar in L’Anse aux Meadows auf Neufundland fand,
    The Earliest European Bead in North America, Karlis Karklins, Seite 7

    frage ich mich, ob es zwischen Neufundland und Alaska in der Wikingerzeit einen Handelsweg der Einheimischen gab und so auch nordische Glasperlen dorthin hätten gelangen können.

    Dann hätte der Halskettenhersteller in Alaska vielleicht ältere Perlen auf neuere Schnur aufgereiht!
     
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  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Aus der Ancient Origins:
    “Pre-Columbian Contact” - The Archaeological Panic Button
    Over the last decade the traditionally hardcore skeptical scholarly response to claims of pre-Columbian European contact in the Americas has fractured. This was discussed in Alice Beck Kehoe’s 2003 paper The Fringe of American Archaeology: Transoceanic and Transcontinental Contacts in Prehistoric America . The authors said so much division has emerged in this area of research because reputable peer-reviewed papers are circulating with “circumstantial interpretations of alleged out-of-place artifacts, fringe science, pseudoarchaeology, or pseudohistory.”

    Zu anderen Gegenständen:
    Evidence of Eurasian metal alloys on the Alaskan coast in prehistory - ScienceDirect

    The spread of metal and metal production technology in the Far Northeast and Alaska over the second millennium BC to the first millennium AD
    Zur Frage Neufundland oben: da scheint kein Kontakt im Austausch metallischer Gegenstände nachgewiesen, sondern jeweils separate Entwicklungen.
     
  17. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    In der erwähnten Publikation finde ich einen Hinweis auf:

    The Fringe of American Archaeology: Transoceanic and Transcontinental Contacts in Prehistoric America
    Alice B. Kehoe, 2003
    https://www.scientificexploration.org/docs/17/jse_17_1_kehoe.pdf

    wo ich einen für mich wichtigen Satz finde:

    The dominant model of American First Nations as small, simple, "tradition-bound" societies molded by their ecological circumstances leads not only to denial of transoceanic contacts but even of the transcontinental trade and travel abundantly documented by archaeological finds and historical records.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich habe die neueren Publikationen der letzten 5-10 Jahre so verstanden, dass sie diesen transkontinentalen Kontakt über die Beringstraße als höchst wahrscheinlich annehmen, oder sogar als nachgewiesen ansehen. Wie stark der war, ist sicher fraglich.
     
  19. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Gemeint ist hier der inner-nordamerikanische transkontinentale Handel, quasi coast-to-coast.
     
  20. Erich

    Erich Aktives Mitglied

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