Vértiko-Vertigo-Wertikow

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Kochant, 26. August 2021.

  1. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bei den Erstbelegen scheint wohl die Form Vertikow vorzukommen (zumindest nach DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache ) . Bei Ableitung von einem Nachnamen würde ich dann eher die Aussprache V = F wie Fertikoff oder die Schreibweise Wertikoff erwarten. Aber da es wohl keinen Tischler mit einem solchen Namen gegeben hat, ist das auch nur eine theoretische Überlegung.

    Aber in der Tat würde man eher eine französische Schreibweise erwarten. Vielleicht hat der Wortschöpfer auch nur schlechte Französischkenntnisse gehabt? Vielleicht hat er am Ende ein ow gesetzt in Analogie zur Endung bei anderen Orts- und Familiennamen. Aber das ist natürlich alles nur Speculatius.
     
  2. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Wenn ich mir so anschaue, was man aus der ursprünglichen Chaise longue (Sofa) in den Dialekten gemacht hat, z.B. im Badischen: das Schesslo, ist wohl vieles möglich. Aber das w am Ende ist wirklich ein Rätsel.
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Stimmt fast, in der Erstveröffentlichung in "Nord und Süd" (Band 14, 1880) heißt es Verticot:
    Nord und Sued 1880 Bd014 : Diverse : Free Download, Borrow, and Streaming : Internet Archive

    Demnach könnte Fontane auf eine französische Herkunft getippt haben.


    » [...]Aber ich vergesse, mich meines Auftrags zu entledigen. Van der Straaten ... Ihr Herr Gemahl ... bittet, ihn zu Tische nicht erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und zwar in Sachen einer Enquête. Freilich erst morgen. Aber heute hat er das Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine gnädigste Frau, es giebt jetzt nur noch Enquêten"​

    "Entsinnst Du Dich noch, als Du sagtest: ›Alles sei jetzt Enquête.‹ Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen fortgeschritten und jetzt ist alles Verticot!«

     
    Zuletzt bearbeitet: 29. August 2021
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  4. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Ein Vorschlag zur Frage, wie das w dazu kam:
    Beim Wort Bungalow schlich sich im Englischen, vielleicht schon im 17. Jh., auch ein w zum ursprünglichen Wort Bangalo oder Banglo. Müsste man vielleicht nach einem englischen Tischler oder Händler suchen, der das deutsche Möbelstück mit einer ursprünglich französischen Bezeichnung auf seine Weise schrieb?
    Im Englischen scheint es ein Vertiko weder als Wort noch als Möbel zu geben. Ein Cabinet kommt der Sache vielleicht am nächsten.
    Im Französischen dasselbe. Dort könnte ein Bonheur-du-jour das entsprechende Möbelstück sein.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

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  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Kann man so nicht sagen, auch wenn es die Behauptung mal in die Zeitschrift eines deutschen Sprachvereins geschafft hatte. Höchstens der Aufsatz ist ähnlich. Ansonsten ist das Glück des Tages weder ein typisches Wandmöbel noch eine Art Schrank, sondern eigentlich eine Friseuse, typischerweise mit Dreiteilung der Behältnisse direkt unter dem Blatt. Wie bei Frauenmöbeln der Epoche üblich, war der Schminktisch multifunktional und wurde häufig mit Einsätzen fürs Schreiben (inkl. Tintenfass) versehen. Den Namen »bonheur du jour« erhielten diese dreigeteilten und häufig rollbaren Schmink- und Schreibtischchen erst um die Mitte des 18. Jhs. mit der Ergänzung mit einem niedrigen Aufsatz, was der einzige Unterschied zur Friseuse, resp. zur table à écrire für die Dame war. Ein Vertiko hingegen ist eindeutig ein Schrankmöbel; ein hüfthoher Konsolenschrank mit niedrigem Aufsatz. Was dann der deutsche Möbelhändler der Nachwelt unter einem Bonheur-du-jour verstand, sei dahingestellt…
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. August 2021
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  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Zuvörderst in ein deutsch-französisches Wörterbuch:
    Césaire Villatte – Wikipedia
     
  8. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Aus Berlin…
     
  9. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Es ist bemerkenswert, dass bereits 1880 die Redaktion und wie es scheint auch die Leserschaft der «Illustrirten Berliner Wochenzeitschrift» Der Bär nicht wusste, woher der Name Vertikow kommt. In der Rubrik "Briefkasten" wurden Fragen aus Leserbriefen beantwortet, im Sinne einer Frühform des Geschichtsforums, ohne diese zu veröffentlichen.
    Für die Ausgabe Nr. 39 vom 25.9.1880 fragte ein E.G. aus Potsdam offensichtlich diese Frage und die Redaktion antwortete:
    Woher der Name "Vertikow" für eine Art Schrank, erklärt vielleicht ein Leser dieser Zeilen?
    Aus dem Zusammenhang der Antwort, lässt sich vermuten, dass der Leserbrief sich auf die Ausgabe Nr. 36 vom 4.9.1880 bezieht. Das Wort finde ich dort aber nicht, genau so wenig wie die Beantwortung der Frage in den folgenden Ausgaben. Theodor Fontane wird als Mitwirkender der Zeitschrift aufgeführt und hätte zumindest seine Version darlegen können.
    Nr. 39, 25.09.1880
     
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  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wahrscheinlich gibt es doch keinen Zusammenhang.
    Ein anderes Blättchen ("Berliner Wespen - Illustrirtes humoristisches Wochenblatt" vom 4. Januar 1878) hat noch folgendes Fundstück:
    "In der deutschen Tischler-Zeitung sind Preise von je 5 Mark für die beste deutsche Wiedergabe der Fremdwörter Buffet, Fauteuil, Commode, Sopha und Vertikow ausgesetzt."​
    Nr. 1, 04.01.1878

    Demnach scheint man unter Berliner Tischlern Ende der 1870er Jahre von einem Fremdwort, nicht von einem Herstellernamen ausgegangen zu sein.
     
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  11. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Und dennoch will sogar das Brockhaus Konversationslexikon aus 1894–1896 von einem »Erfinder und Verfertiger Vertikow in Berlin« gewusst haben. (@ retrobibliothek.de)

    Immerhin aber hat sich ein Nachschlagewerk getraut, mit der Legende aufzuräumen, indem es zum Begriff »Vertiko« klipp und klar festhielt:
    » […] ungeklärter Herkunft, nicht […] nach dem ›ersten verfertiger‹ bzw. […] ›Berliner Fabrikanten‹[…] Vertikow (so zunächst das Möbelstück), den es nicht gegeben hat […].«
    (Deutsches Wörterbuch, Niemeyer, 1992, S. 986; @ GoogleBooks)

    Vergebens.
     
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  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das hört sich so ein wenig wie der berühmte Käpt'n Iglo mit seinen Fischstäbchen an.
     
  13. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wenn ich mir die engl. Übersetzungen ansehe, dann könnte man schon auch auf Thomas Chippendal kommen.

    Der passt zwar nicht so rechte ins Zeitfenster (deutsche Gründerzeit), aber der Begriff „Vertiko“ hat ja im englischen die gleiche Bedeutung (Deutsch Vertiko = Englisch Vertiko).

    Vielleicht liegen die Wurzeln dieses mysteriösen Namens dieses Möbelstückes bei T.C. oder eines seiner Mitarbeiter.
    Wenn ich mir durchlese was bei WIKI zu T.C. steht, also ausschließen möchte ich es nicht.
    Und wenn ich mir die französische Bedeutung hinzunehme, deutsch „Vertiko“ = französisch „Bonheur du Jour“ = „Glück des Tages“, könnte man dies gut und gern sagen wenn man es erworben hat.
    Entnommen aus „Wortbedeutung -> (Vertiko: Bedeutung, Definition, Übersetzung - Wortbedeutung.info
    Jedenfalls:

    · Einen „Otto Vertiko“ (w) als Berliner Tischlermeister scheint es nicht zu geben.
    · die Bauart scheint es auch nicht zu sein, ist mir auch zu kompliziert daraus einen so prägnanten Namen zu machen.
    · T.F. „La A’Adultera“ („Die Ehebrecherin“) – In der Nikolaikirche („...Aber die Welt ist inzwischen fortgeschritten, und jetzt ist alles Vertiko!...“. Da wird zwar der Name >Vertiko< erwähnt, aber daraus nun zu schlussfolgern das es eine Namensgeber ist...?

    Also alles in allen, ich Tippe auf T.C. oder einer aus sein Team. Man wollte auf den deutschen Markt, es war Gründerstimmung, das Geschäft brauchte man und wollte man.
     
  14. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Also dieses Vertiko und das Bonheur du jour scheinen doch sehr unterschiedliche Möbel zu sein:

    Bonheur du jour, eine Art Schreibtich für Damen:

    [​IMG]

    Bonheur-du-jour — Wikipédia

    Und ein Vertiko:

    [​IMG]

    Vertiko – Wikipedia

    Also als Schreibtisch ist so ein Vertiko nicht geeignet.
     
  15. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Einen mindestens Hundertjährigen muss ich noch loswerden:

    Hausfrau: "Sind sie mit dem Staubwischen noch nicht fertig, Pauline?"
    Pauline, gerade mit dem Vertiko beschäftigt: "Gleich, gnä' Frau. Ich hab bloß noch den -- Vatikan".

    nach Hans Jörgels Fliegende Blätter, Das Vertikow, Wien 1921
     
  16. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Ich halte etwas anderes für möglich: die russische Schreibweise für einen doppelflügeligen Schrank mit obenliegender Schublade ist
    вертико
    , in lateinischen Buchstaben Vertiko, gesprochen aber "Wertika", wobei wir näher an dem Begriff senkrecht / vertikal sind.
    Bei der tropfenartigen Maserung der Vertikos aus Weichholz denke ich aber auch an Federmuster und Lebensraum des Wendehalses, вертишейка, wobei ich nicht weiß wie alt dieser Vogelname im Russischen ist.

    Eine 1994 im Alter von fast hundert Jahren verstorbene Verwandte von mir aus Berlin hatte in Kreuzberg von ihren Eltern ein Geschäft für Vergoldung von Möbelstücken übernommen, deren Rohmaterial sie aus Polen bezog und die Fertigprodukte nach Polen verkaufte. Sie erzählte mir dass schon vor dem ersten Weltkrieg ihre Lieferanten in Polen waren, sie lobte ausdrücklich die Qualität dieser Möbeltischler.
    вертиков ist zudem ein russischer Nachname.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. August 2021
  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Chippendale hat seine Entwürfe veröffentlicht, das dürfte mit ein Grund gewesen sein, dass der ganze Stil nach ihm benannt wurde.
    Google-Ergebnis für https://c8.alamy.com/comp/PAR03A/dressing-chest-and-bookcase-from-chippendale-drawings-vol-ii-artist-thomas-chippendale-british-baptised-otley-west-yorkshire-1718-1779-london-dimensions-sheet-8-58-x-13-18-in-218-x-333-cm-published-in-london-date-1753-preparatory-drawing-for-thomas-chippendales-gentleman-and-cabinet-makers-director-published-in-reverse-as-plate-lxxxix-in-the-1754-and-1755-editions-renumbered-as-plate-cxiv-in-the-1762-edition-museum-metropolitan-museum-of-art-new-york-usa-PAR03A.jpg

    Google-Ergebnis für https://images.collection.cooperhewitt.org/278726_90a5c893f3816304_b.jpg

    Ein "Vertiko" scheint es aber unter seinen Entwürfen nicht gegeben zu haben.

    Man müsste mal schauen, ob diese Wörter in den jeweiligen Sprachen vor 1870 belegt sind, ansonsten würde ich auf eine Entlehung aus dem Deutschen tippen.

    Es handelt sich um eine Lehnübersetzung aus dem Deutschen, wohl spätes 18. Jahrhundert:
    Кальки в русском языке послепетровского периода
     
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  18. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    In Polen nennt man solche Möbel neben bieliźniarka, szafonierka auch pensjonarka (Pensionatsschülerin, Schulmädchen) und wundert sich über diesen Namen genau so wie wir uns über Vertiko.
    Szafonierka soll das Möbelstück vor allem in Posen genannt worden sein und sei (auch) eine Anlehnung ans Französische, eine Kombination aus Schrank (szafa) und Chiffonière, also in etwa "Schrankière", was ich für eine gelungene Bezeichnung halte.
     
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  19. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Jedenfalls scheint der Typus in Preußen/Polen hergestellt worden zu sein. Die Konstruktion ist zwar nicht besonders originell, aber die speziellen Proportionen des Unterschrankes und die Kombination mit dem filigranen Aufbau sind mehr oder weniger eigenständig.
    Sehr hübsch die polnische Bezeichnung »pensjonarka«! Die Idee dafür könnte aus dem Englischen stammen, wo die einfachste Art der Schreibkommode (eine meist simple Kommode mit herausklappbarem oder herausziehbarem Zusatzblatt als Schreibunterlage) im 19. Jh.(siehe Merriam-Werbster) die Bezeichnung »bachelor’s chest« (›Junggesellenkasten‹) erhielt.(Das Urmodell stammt allerdings aus der Zeit um 1700.) Ein Vertiko hingegen sieht mit seinem zierlichen Aufsatz eher weiblich aus…

    Eine »chiffonière«, wie übrigens auch der Amerikaner beim Anblick von Kommoden gerne französisiert, war im 18. Jh. ebenfalls ein kleines Tischmöbel, das, im Gegensatz zu sonstigen Tischchen, paar Schubfächer mehr enthielt.
     
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  20. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Mal sehen ob ich noch was Besseres finde.
    Da lese ich doch gerade bei „Wohnen.de“:

    „Vertiko ist einfach ausgedrückt die Abkürzung für VERTIkal-KOmmode. Man versteht also darunter eine Kommode, die eine größere Höhe als Breite aufweist. Im Gegensatz zum Highboard ist beim Vertiko die Ausstattung bzw. Front-Einteilung allerdings definiert. So verfügt das Vertiko stets über zwei Türen und eine darüber untergebrachte Schublade. Zusätzlich gehört zum klassischen Vertiko auch ein Aufsatz.“

    Liest sich ganz gut.

    VRTI (kal) KO (mmode).

    Vielleicht wäre dies die Erklärung. Jedenfalls ist es eine einfache Erklärung.

    Aber ich will noch etwas bei Patenten und/oder Gebrauchsmusterschutz googeln.
     
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