Wann wurden die Prinzipien der UNO-Charta erfolgreich angewendet?

ich verstehe es wirklich nicht: ist das Narrativ "rechtsgerichtet und in Teilen faschistisch"? Oder ist es das nur, wenn es von Leuten verwendet wird, die "rechtsgerichtet und in Teilen faschistisch" sind? Oder ist es, das Narrativ, weder rechtsgerichtet noch in Teilen faschistisch, aber eventuell geschichtsverfälschend?
 
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ich verstehe es wirklich nicht: ist das Narrativ "rechtsgerichtet und in Teilen faschistisch"? Oder ist es das nur, wenn es von Leuten verwendet wird, die "rechtsgerichtet und in Teilen faschistisch" sind? Oder ist es, das Narrativ, weder rechtsgerichtet noch in Teilen faschistisch, aber eventuell geschichtsverfälschend?
Ich habe geschrieben, dass es der Narrativ einer rechtsgerichteten und in Teilen faschistischen Regierung ist. Die Adjektive waren also auf die Regierung bezogen, wobei ich den Koalitionspartner 'Oṣmah Jehudit hervorgehoben habe.

Die Bevölkerung Palästinas war in der osmanischen Zeit natürlich heterogen. Dort lebten Beduinen (die im Übrigen auch heute nicht immer unter Palästinenser gezählt werden) und die Fellāḥīn - streng genommen wäre das mit Bauern zu übersetzen, aber damit waren allgemein die sesshaften Araber gemeint - außerdem andere Bevölkerungsgruppen, wie der ha-Yiššūv ha-yāšān ('alter Yiššūv'), das waren Juden, die schon seit Jahrhunderten in Palästina lebten. Mit der Aliya kam der ha-Yiššūv ha-ḥādāš ('neuer Yiššūv'), das sind alle diejenigen, die nach Theodor Herzls Idee von der Gründung eines Staates Israel zugewandert sind, dazu kamen verschiedene weitere Gruppierungen und Ethnien, etwa Armenier, aber auch Deutsche, sogenannte "Templer", eine pietistische Gruppierung aus Baden-Württemberg, die im 19. Jhdt. gezielt ins Heilige Land auswanderte.
Golda Meir leugnete im Prinzip, dass es vor der Gründung des Staates Israel so etwas wie eine palästinensische Identität gegeben habe, nicht, dass es dort Menschen gab.

Aus der New York Times vo 1972 (an das Interview in der Sunday Times von 1969 komme ich nicht):
Q. In a famous interview with The Sunday Times of London in June, 1969, you were quoted as saying, “There is no such thing as Palestinians.” Do you still adhere to this view?​
A. I said there never was a Palestinian nation. The people who formerly lived in Palestine then lived for 19 years as Jordanian citizens. There were Palestinians in Gaza after 1948 but the Egyptians wouldn't give them Egyptian citizenship. We allow the Palestinians to come to Israel and work, and now we're war criminals according to the U.N. Commission for Human Rights. The Communists and the Arab bloc voted for that resolution.​
Q. Do favor giving the Palestinians some sort of entity of their own?​
A. I don't care. It's not my business. They won't have it in Israel. There will be no third state in the area which was originally Palestine, between the Mediterranean and the Iraqi border. In that area there must be two states, one Jewish and one Arab. What the Arabs call theirs is not our business. They can call it Palestine if they like. In fact, the majority of the Jordanian population is Palestinian if you include the Arabs of the West Bank. Part of the West Bank will be Israeli since we've no intention to go back to the former borders. Where the line will be is a matter for negotiations. Some Israelis think that the entire West Bank should be Israeli. The Government to this day has not said where the borders will be. There would be no sense in saying that when the other side says, “Our concession—back to the borders of 1967.” There's nothing to discuss.​

"There will be no third state in the area which was originally Palestine between the Mediterranean and the Iraqi border." - Dieser Satz bedarf vermutlich einer Erklärung. Gemeint ist das britische Mandatsgebiet Palästina, das umfasste die heutigen Gebiete Israel, besetzte Gebeite und Jordanien, welches von den Briten als Transjordanien abgespalten wurde. 1948 existierten dann nach dem Abzug der Briten Transjordanien und Cisjordanien (die Westbank), Ghaza gehörte ja 1948 - 1967 zu Ägypten. Also in dem Gebiet des britischen Mandatsgebiet Palestine, in dem zum Zeitpunkt des Interviews zwei Staaten lagen, nämlich Israel und das Königreich Jordanien, würde es keinen dritten Staat ("Palästina") geben. Das Westjordanland war seit 1967 besetzt und nach Putschversuchen der PLO - insbesondere der linksextremistischen Kräfte - in Jordanien (mit Unterstützung aus Syrien) hatte das jordanische Königshaus der PLO in Jordanien den Garaus gemacht, insofern konnte Golda Meir sich also sicher sein, dass auch Jordanien gegen eine Ausgründung eines palästinensischen Staates aus jordanischem Staatsgebiet sich wehren würde, zumal die palästinensischen Kämpfer aus Jordanien fliehen mussten.
1973 - also nach diesem Interview - gab es sogar ein Geheimtreffen zwischen Golda Meir und König Hussein, bei dem König Hussein vor einem bevorstehenden Angriff der Araber (an dem Jordanien zumindest formell teilnahm) gewarnt haben soll: Dem Yom Kippur-Krieg. Obwohl Israel und Jordanien sich bis 1994 formal im Kriegszustand befanden, gab es Kanäle zwischen diesen beiden Staaten, die durchaus gemeinsame Interessen hatten.


Also: Gab es eine palästinensische Identität von 1948?
Die einfache Antwort: Ja.
Die komplexe Antwort: In der osmanischen Terminologie gab es kein Palästina, aber durchaus im Selbstverständnis einiger Araber, vor allem der muslimischen und christlichen arabischen Eliten in Palästina.
1911 gründeten zwei christliche Cousins aus Jaffa die Zeitung Filasṭīn/Falasṭīn, die sich an die arabische Bevölkerung im damals noch osmanischen Palästina (das es ja offiziell nicht gab) richtete. 1919 fand, im Zusammenhang mit dem Verlust der osmanischen Territoiren und der britischen Besetzung (die Mandatsgebiete gab es ja offiziell noch nicht), der erste Arabisch-Palästinensische Kongress (al-Muʾtamar al-ʿArabī al-Filasṭīnī) statt. Bis 1928 waren es sieben solcher Kongresse. Bereits der erste dieser Kongresse verstand sich als Reaktion auf die Einwanderung von Juden in das palästinensische Gebiet, welche als gefährlich angesehen wurde.
Die Arabisch-Palästinensischen Kongresse sahen sich als Teil einer panarabischen Bewegung (sie fanden zwischenzeitlich auch mal in Damaskus statt und sahen Palästina als einen unabhängigen Staat innerhalb eines arabischen Königreiches Syrien) und wandten sich gegen den Tribalismus - de facto lebten in Palästina verfeindete Nordaraber und verfeindete Südaraber zusammen, der Arabisch-Palästinensische Kongress sah diese tradierte Feindschaft mit Argwohn (zumal die Zugehörigkeit zu diesen beiden Stammesgruppen zumindest in Teilen eh Fiktion war). Also ja, es gab eine palästinensische Identität bei den arabischen Eliten, welche die Palästinenser als Teil des Arabertums sahen; inwieweit ein solches palästinensisches Selbstbewusstsein bei der weniger gebildeten Bevölkerung ausgebildet war, ist schwierig zu ermitteln.

Kein Palästinenser wird jemals das Haus oder Grundstück, das seine Familie 1948 fluchtartig verlassen musste, zurückerhalten. Wer den Palästinensern darauf Hoffnung macht, der will die Vernichtung Israels und benutzt die Palästinenser.
 
Kein Palästinenser wird jemals das Haus oder Grundstück, das seine Familie 1948 fluchtartig verlassen musste, zurückerhalten. Wer den Palästinensern darauf Hoffnung macht, der will die Vernichtung Israels und benutzt die Palästinenser.
Das ist wieder so eine Stellungnahme, bei der ich nicht weiß, was man daraus machen soll. Es gibt gute Gründe, warum die Palästinenser diese Ansprüche nicht einfach aufgeben; zB weil sich auch Eigentum, das man nicht wieder erhält, immer noch entschädigt werden kann. Der Vorwurf, jeder, der solche (völkerrechtlich abgesicherten!) Ansprüche unterstütze, würde für die Vernichtung Israels eintreten (der so ziemlich schlimmste Vorwurf, den es in Zeiten der Staatsräson gibt), untergräbt das Völkerrecht, ja das Konzept des Rechts an sich.

Weiß nicht, ob ElQ das so gemeint hat. Eine Verhandlungslösung, die auch diese Ansprüche reguliert, ist ja immer noch möglich, wenn auch derzeit in weiter Ferne.
 
Weiß nicht, ob ElQ das so gemeint hat. Eine Verhandlungslösung, die auch diese Ansprüche reguliert, ist ja immer noch möglich, wenn auch derzeit in weiter Ferne.
Ich meine keine Entschädigungsansprüche, die man ja verhandeln kann, sondern den realen Anspruch darauf, in das Haus der Vorfahren wieder einzuziehen oder das Grundstück wieder in Besitz zu nehmen. Die sind einfach unrealistisch und können mit realem Umsetzungsanspruch nur von Personen vertreten werden, die das Existenzrecht Israels negieren.
 
Ich habe geschrieben, dass es der Narrativ einer rechtsgerichteten und in Teilen faschistischen Regierung ist. Die Adjektive waren also auf die Regierung bezogen, wobei ich den Koalitionspartner 'Oṣmah Jehudit hervorgehoben habe.
Wenn ich es richtig verstehe, dann verwendet die derzeitige (rechtgerichtete, teils faschistische) Regierung ein Narrativ, das schon deutlich älter (Golda Meir) und wohl nicht genuin faschistoid ist. Und deiner Darstellung der histor. Entwicklungen zufolge - danke für den Überblick! - ist es jedenfalls historisch falsch.
Gehe ich zu weit, wenn ich meine, dass die derzeitige Regierung dieses Narrativ vereinnahmt, missbraucht?
 
Wer Partei an der ethnisch-religiösen Konfliktlinie ausgerichtet ergreift, wird immer die einen Opfer bagatellisieren und die Gewalt der anderen legitimieren. Wenn man in diese Falle hineintappt, lässt man sich leicht vor den Karren der jeweiligen Partei spannen. Ob nun vor den Karren rechtsgerichteter Israelis oder islamistischer (also ebenfalls rechtsgerichteter) Palästinenser. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann ist das eigentlich offensichtlich.
Ja, da ist etwas dran ! Oft ist es nicht einmal persönliche Präferenz, sondern der der pure Zufall von Geographie und persönlichem Lebensschicksal der einen zur Partei werden lässt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man wenn man die Konfliktlinie
Man darf aber, selbst wenn man die Gründung des Staates Israel auf dem Gebiet des historischen Judäa als alternativlos anerkennt, trotzdem nicht vergessen, dass damit die Verdrängung von mehreren Millionen Palästinensern einherging.
In diesem Zusammenhang sollte man auch erwähnen, dass es neben der Nakbah auch einen erzwungenen massenhaften jüdischen Exodus gab. Fast eine Millionen Menschen, mehr als 900.000 Juden mussten nach 1948 aus muslimischen Staaten auswandern oder wurden vertrieben. Im Irak wurden die Juden nicht nur vertrieben, sondern auch entschädigungslos enteignet, aus Ägypten durften sie wenn ich mich recht erinnere, maximal 20 Pfund mitnehmen.

Ich habe jetzt die Zahlen nicht alle im Kopf, aber es waren allein aus dem Irak 120.000, aus Ägypten 20.000, 44.000 aus dem Jemen, und auch aus der Türkei, aus dem Iran und Syrien waren es mehr als 30.000 Menschen, die sich zur Auswanderung genötigt sah.

Staaten wie der Irak, die seit dem Frühmittelalter blühende Judengemeinden hatten, waren danach praktisch "judenfrei".
 
Man darf aber, selbst wenn man die Gründung des Staates Israel auf dem Gebiet des historischen Judäa als alternativlos anerkennt, trotzdem nicht vergessen, dass damit die Verdrängung von mehreren Millionen Palästinensern einherging.
Ich möchte da nichts kleinreden, aber sind mehrere Millionen Palästinenser nicht etwas hochgegriffen?
 
Ich möchte da nichts kleinreden, aber sind mehrere Millionen Palästinenser nicht etwas hochgegriffen?
Ich muss ehrlich gestehen, wenn du mich nicht zitiert hättest, hätte ich mich bei der Frage gar nicht angesprochen gefühlt. Es stimmt, 1948 wurden nicht "mehrere Millionen Palästinenser" vertrieben, Palästina hatte nach britischem Zensus 1931 etwa eine Millionen Einwohner. Davon der größte Teil waren muslimische Palästinenser, 1945 etwa 1,7 Millionen EW, davon ca. 1 Millionen muslimische Palästinenser. Christen - ohne genauere Angabe ob arabische oder andere - wuchsen in der Zeit von etwa 90.000 auf etwa 135.000. Also wurden 1948 nicht mehrere Millionen Palästinenser vertrieben, zumal ja einige Palästinenser die israelische Staatsangehörigkeit erhielten > arabische Israelis. Heute leben mehrere Millionen Palästinenser im Ausland, ca. 2 bis 3 Millionen in Jordanien. Weitere im Libanon, in Syrien, sonstwo in der arabischen Welt, in Europa, den USA und Australien.

In diesem Zusammenhang sollte man auch erwähnen, dass es neben der Nakbah auch einen erzwungenen massenhaften jüdischen Exodus gab. Fast eine Millionen Menschen, mehr als 900.000 Juden mussten nach 1948 aus muslimischen Staaten auswandern oder wurden vertrieben. Im Irak wurden die Juden nicht nur vertrieben, sondern auch entschädigungslos enteignet, aus Ägypten durften sie wenn ich mich recht erinnere, maximal 20 Pfund mitnehmen.
Das ist richtig. Aber was ist von Despotien auch zu erwarten?
 
Ich meine keine Entschädigungsansprüche, die man ja verhandeln kann, sondern den realen Anspruch darauf, in das Haus der Vorfahren wieder einzuziehen oder das Grundstück wieder in Besitz zu nehmen. Die sind einfach unrealistisch und können mit realem Umsetzungsanspruch nur von Personen vertreten werden, die das Existenzrecht Israels negieren.

Das ist wieder so eine Stellungnahme, bei der ich nicht weiß, was man daraus machen soll. Es gibt gute Gründe, warum die Palästinenser diese Ansprüche nicht einfach aufgeben; zB weil sich auch Eigentum, das man nicht wieder erhält, immer noch entschädigt werden kann. Der Vorwurf, jeder, der solche (völkerrechtlich abgesicherten!) Ansprüche unterstütze, würde für die Vernichtung Israels eintreten (der so ziemlich schlimmste Vorwurf, den es in Zeiten der Staatsräson gibt), untergräbt das Völkerrecht, ja das Konzept des Rechts an sich.

Weiß nicht, ob ElQ das so gemeint hat. Eine Verhandlungslösung, die auch diese Ansprüche reguliert, ist ja immer noch möglich, wenn auch derzeit in weiter Ferne.

Wenn man einem ehemaligen Eigentümer genau dasselbe Haus und dasselbe Grundstück von anno 1948 wiedergeben will, dann kann das eben nur auf Kosten der Leute geschehen, die heute drin wohnen, die das Haus gekauft haben und in den letzten Jahren drin gewohnt haben. Die müssten dann ebenfalls enteignet und vertrieben werden.
 
Wer Partei an der ethnisch-religiösen Konfliktlinie ausgerichtet ergreift, wird immer die einen Opfer bagatellisieren und die Gewalt der anderen legitimieren. Wenn man in diese Falle hineintappt, lässt man sich leicht vor den Karren der jeweiligen Partei spannen. Ob nun vor den Karren rechtsgerichteter Israelis oder islamistischer (also ebenfalls rechtsgerichteter) Palästinenser. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann ist das eigentlich offensichtlich.

Den Faktor Antisemitismus, den hausgemachten und den importierten Antisemitismus bekommt man aus der Rechnung nicht heraus.


Der hausgemachte Antisemitismus- der war eine Konstante der europäischen Geistesgeschichte, er war immer in der Mitte der Gesellschaft, war immer anschluss- und immer mehrheitsfähig. Persönlichkeiten wie Lessing, der als Erster (?) einen sympathischen Juden als Protagonisten eines Dramas einführte, waren eher eine Ausnahmeerscheinung, selbst Voltaire, der Gott der Aufklärung, war ein schlimmer Antisemit.

Der hausgemachte Antisemitismus war eher die Norm als die Ausnahme, und er war immer omnipräsent, auch und gerade auch in der eigenen Familie. Als Kind habe ich mich gefragt, was das eigentlich ist, ein "Jidd", ein Jud, ein "Itzig", aus dem Kontext ahnte ich nur, dass es etwas sehr Schlechtes, Verächtliches sein musste. Man hörte den Älteren zu, hörte Schüttelreime und Knittelverse, Sprichwörter gedankenlos über Generationen weitergetragen, ohne sie groß zu reflektieren. Man hörte von "Jugendstreichen", von "dem Jidd", den man mit Schweineblut vollspritzte und anderen Gemeinheiten. Man hörte Judenwitze, die eigentlich gar nicht witzig waren, erfuhr, warum Juden eine Kippa tragen und was eine Pizza von einem Juden unterscheidet.

Als man älter wurde, fiel einem auf, dass es immer wieder ein dröhnendes Schweigen, eine peinliche Stille gab, wenn ein bestimmtes Wort fiel, dass das Thema gewechselt wurde, als ob es eine stille Vereinbarung gab, bestimmte Themen wie eine gefährliche Klippe zu meiden. Immer wieder hörte man, dass "endlich ein Schlussstrich gezogen werden sollte, dass Juden schon immer reich und unbeliebt waren, der eine fragte sich, wo die ganzen Juden auf einmal wieder herkommen, eine andere zweifelte daran, dass das wirklich 6 Millionen gewesen sein sollten.

Immerhin, und darin waren sich alle einig, es gab einen Konsens darin, dass "das mit den Juden" ein "Fehler" war, dass man das nicht hätte tun sollen. Es lebten immer noch Juden in Deutschland, es lebten wieder Juden in Deutschland, in Europa. Diejenigen, die fanden, dass die Shoah eine gute Sache war, die nur bedauerten, dass so viele Juden entkamen, das war doch eine kleine, fast verschwindend kleine Minderheit. Das jemand damit prahlte, dass jemand beim Gedanken an Arisierungen feuchte Augen bekam, dass jemand darauf brannte, das zu wiederholen das war doch sehr selten.

Hans Rosenthal, Holocaust-Überlebender und bekannter Showmaster. Die Älteren werden ihn noch kennen. Er wurde zu einem der beliebtesten Moderatoren. "Hänschen", den mochten alle, luden ihn gerne in ihr Wohnzimmer ein. Selbst diejenigen, denen seine Spielshow Dalli Dalli zu seicht und harmlos war konnten diesem liebenswürdigen Menschen nicht böse sein. Man kannte seine Geschichte, wusste um seine jüdische Identität, zollte seiner Leidensgeschichte Respekt.
Dann kam eine Fernsehserie, und man hörte von einem Wort, das man nie zuvor gehört hatte. Etwas, das soviel wie "Brandopfer" bedeutete. "Das mit den Juden" bekam einen Namen, und die anonymen Zahlen, die anonyme Masse, sie bekam ein Gesicht, ein individuelles Schicksal.

Mit der Familie Weiss konnte man sich identifizieren, man litt mit ihnen, wünschte ihnen inbrünstig, dass sie aus Hadamar, Bergen-Belsen, Sobibor, aus der Schlucht von Babi Yar oder aus dem Warschauer Ghetto entkommen möchten. Man wünschte es ihnen sehr, aber wie auf der Titanic ahnte man aber, dass es ein böses Ende nehmen würde.


Es kamen gute Jahre, Jahre, in denen man endlich erfuhr, wer die nordhessischen Juden waren, woher sie kamen, was ihr Beruf, ihr Schicksal war. Akten wurden endlich freigegeben, Archive in Osteuropa wurden zugänglich, und es wurde viel geforscht, viel publiziert.
Auch über die Region Nordhessen über die Juden im heutigen Schwalm-Eder-Kreis erschienen Bücher. Jüdische Gemeinden wuchsen durch Spätaussiedler aus Polen und der Sowjetunion. Die Synagoge von Kassel, 1938 niedergebrannt, wurde wieder aufgebaut.
Damals hätte man denken können, dass wir auf einem guten Weg waren.

Eigentlich wollte ich gar nicht mit, begleitete aber Freunde nach Israel fand dort neue Bekannte, auch Freunde, und kehrte dreimal zurück. Ich sah die Tochter und die Enkel meines Freundes heranwachsen.

Wenn man irgendwo emotionale Bindungen hat, ist es natürlich, dass einem diese Menschen näherstehen. Einer meiner Bekannten ist nur durch einen Zufall dem Nova-Festival-Massaker entgangen. Der hatte bereits die Karten für ein bekanntes Rock-Festival in der Negev Wüste.
Zu den ersten Opfern des Pogroms gehörten die Bewohner des Kibbuz Beeri. Dieser Kibbuz ist älter als der Staat Israel, wurde in den 1930ern schon gegründet. Seine Bewohner waren keine Anhänger von Netanjahu, keine Rechtsradikalen, sondern linke, liberale Juden. Viele von ihnen haben sich ein Leben lang für die Belange der gleichen Palästinenser eingesetzt, von denen sie auf eine bestialische Art umgebracht wurden.

Die schlimmsten Bilder der Morde zeigt man nur ausgewähltem Publikum, sie sind fast kaum zu ertragen. Immer wieder wurden Leichen von Männern und Frauen gefunden, die vergewaltigt wurden, die man mit Eisenstangen penetrierte, denen man eine Handgranate in die Vagina gesteckt hat. Ein verschmortes Etwas, mit Stacheldraht gefesselt hätte nur ein Pathologe noch als Überreste von zwei Menschen erkennen können, anscheinend Vater und Sohn, und aus der Obduktion ging hervor, dass sie bei lebendigem Leib verbrannt sind. Was die Frauen und Mädchen, die man wieder und immer wieder vergewaltigte vor ihrem Tod ausgestanden haben müssen übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.

Marcus Silbermann, eine der Geiseln, deutscher Staatsbürger, ist ebenfalls kein Hardliner, Rassist oder Rechtsextremer. Auch er hat niemals Netanjahu gewählt, und er hatte angefangen, Arabisch zu lernen. Silbermann sagte, er wird niemals mehr Palästinenser so aufgeschlossen begegnen können wie vor dem Pogrom, wird sich immer fragen, wo sie am 7. Oktober 2023 waren.

Unter den Tätern waren nicht nur bekannte Terroristen, sondern es schlossen sich auch mordlustige Zivilisten an.
Man muss sich fragen, wie konnte überhaupt das Tunnelsystem entstehen, ohne dass die Zivilbevölkerung das mitbekam. Wie kann man jahrelang Geiseln gefangen halten, ohne dass Anwohner das mitbekommen, ohne dass es Mitwisser, Kolloborateure und Mittäter gibt, die mitmachen, die wegsehen, die unterstützen? Wie viel an Zustimmung wie viel an Kollaboration mag da im Spiel gewesen sein?

Warum sind so viele Palästinenser, unabhängig von ihrer politischen Couleur so glühende Anhänger von Adolf Hitler? Über Jahre hat Al Husseini, der Großmufti Propaganda verbreitet, zu Pogromen gehetzt. Die Jugend wird systematisch verhetzt und indoktriniert. Mit Scheußlichkeiten wie einst im Stürmer werden schon Kinder indoktriniert. Im Kinderprogramm läuft "Farfour" eine Art Micky Maus, die zum Judenmord aufruft.

Golda Meir sagte einmal Frieden wird es erst geben, wenn die Palästinenser ihre Kinder mehr lieben als sie die Juden hassen.

Der hausgemachte Antisemitismus war und ist ekelhaft genug. Es waren aber doch nur wenige die den Holocaust für eine gute Sache hielten, die es zwar gar nicht gab, die man aber sobald wie möglich wiederholen sollte. Wer so extrem seinen Endlösungs-Antisemitismus öffentlich auskübelte, der traute sich dazu erst nach dem zehnten Bier.

Jetzt ist der Endlösungs-Antisemitismus wieder da. Dieser Antisemitismus ist nicht hausgemacht, sondern importiert. Er ist nicht leise, sondern sehr laut, sehr aggressiv und ganz und gar nicht heimlich. Er wird immer lauter, immer dreister und arroganter. Der deutsche Staat agiert planlos, hilflos. Zum Teil weil man überfordert ist, zum Teil aber auch weil der politische Wille nicht vorhanden ist, das abzustellen. Dieser Antisemitismus ist importiert, und er wird noch immer verharmlost als Pro-Palästina Kundgebungen, wird teils sogar noch wohlwollend kommentiert.

Dieser Endlösungs-Antisemitismus droht, alles kaputt und in Trümmer zu schlagen, was man mühsam und in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat, wofür man zwanzig Jahre, dreißig Jahre gebraucht hat. Mich macht das unfassbar wütend, ich empfinde es als einen Schlag ins Gesicht, dass so etwas immer noch oder schon wieder in Deutschland möglich ist, dass die Täter niemals zur Verantwortung gezogen werden, während die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden bedroht sind.
 
Der hausgemachte Antisemitismus- der war eine Konstante der europäischen Geistesgeschichte, er war immer in der Mitte der Gesellschaft, war immer anschluss- und immer mehrheitsfähig
Friedrich Nietzsche schrieb 1885:

Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre;​
und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei von Seiten aller​
Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese​
Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber,​
sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere gegen​
den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen Gefühls,​
- darüber darf man sich nicht täuschen.​

Jenseits von Gut und Böse

[Mod-Edit: verdeutlicht, dass es sich um ein Zitat handelt, Zitat eingerückt, Satz vorangestellt]
 
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Friedrich Nietzsche schrieb 1885:

Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre;​
und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei von Seiten aller​
Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese​
Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber,​
sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere gegen​
den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen Gefühls,​
- darüber darf man sich nicht täuschen.​

Jenseits von Gut und Böse

[Mod-Edit: verdeutlicht, dass es sich um ein Zitat handelt, Zitat eingerückt, Satz vorangestellt]

Es waren, wie bereits gesagt, wenige erklärte Freunde der Juden, es haben im Kaiserreich antisemitische Parteien und Politiker wie Liebenberg von Sonnenfels Erfolge eingefahren.

Es hat aber die Juden nicht davon abgehalten, dass sie Deutschland gewogen waren. Seit 1871 waren Juden gleichberechtigte Bürger geworden, und die meisten deutschen Juden wurden glühende Patrioten wie übrigens auch die Juden in F, den NL, in Belgien, Italien und GB. Die Sprache der Ostjuden war Jiddisch, im Grunde ein deutscher Dialekt mit slawischen und hebräischen Lehnworten.

Im europäischen Vergleich war der Antisemitismus in Deutschland nicht radikaler als er in F, GB oder Belgien ausgeprägt war.

Hätte man um die Jahrhundertwende die Juden Europas gefragt, um welche europäischen Staaten man sich Sorge machen muss, wo Juden um ihr Leben fürchten mussten, so wäre vermutlich das deutsche Kaiserreich trotz all seiner Defizite, Verspätungen und Scheußlichkeiten wie Bäder-Antisemitismus insgesamt im europäischen Vergleich noch als stabil und berechenbar erschienen. Wenn man gefragt hätte um 1900 wo Pogrome und solche Kulturbrüche wie ab 1933 am ehesten zu erwarten waren, wo Juden am gefährdetsten sind, so wären vermutlich als erste Russland und die zum Zarenreich gehörenden Territorien wie Polen, Litauen, das Baltikum und die Ukraine. Man hätte beim Gedanken an die Donaumonarchie sich vermutlich Gedanken gemacht.

Man hätte bei F, dem ersten europäischen Staat, der Juden die vollen Bürgerrechte gab, der darin konstant blieb, sich aber wegen der Verwerfungen der Dreyfus-Affäre und den massiven Kulturbrüchen auch wegen F große Sorgen machen können.

Im Fall von Deutschland um 1900 hätte man sagen können, stabiler Antisemitismus, aber rechtsstaatlich ebenfalls stabil. Dem deutschen Staat hätte wohl kaum einer zugetraut, dass er zur Kleptokratie entartet und sich derartig dreist über geschriebenes Recht und Grundlagen menschlicher Zivilisation hinwegsetzt. Man hätte wohl auch dem deutschen Volk nicht zugetraut, dass es einmal so deutschen Staatsbürgern, mit jüdischen Deutschen umgehen würde, von denen die meisten glühende Patrioten waren, an deren Loyalität im Weltkrieg keine Zweifeln bestanden.

In der analytischen Rückschau des Historikers sind Kontinuitäten erkennbar, ist erkennbar, dass D die Möglichkeiten der bürokratischen, industriellen und polizeilichen Organisation besaß für industriellen Massenmord. Retrospektiv sind Kontinuitätslinien erkennbar, sind auch die zahlreichen Kulturbrüche erkennbar und plausibel. In der Momentaufnahme des Jahres 1900 aber- da sprach doch auch einiges dafür, D für stabil und die Deutschen für berechenbar zu halten.
 
Hat es eigentlich während oder nach dem WK II Ideen gegeben, den Juden auf dem Staatsgebiet des Deutschen Reiches einen eigenen Staat zu geben? Da schließlich Deutschland für die Ermordung von Millionen Juden verantwortlich war, hätte man auf diese Idee kommen können. Zum Beispiel Schleswig-Holstein oder Ostfriesland.

Da hätte man aber schon sehr merkwürdige Kräuter rauchen müssen, um auf die Idee zu kommen, einen Judenstaat ausgerechnet dort zu errichten, wo man gerade solche monströsen Anstrengungen unternommen hat, das Land von Juden zu befreien, es "judenrein" zu machen, es zu arisieren, Juden das Leben zur Hölle zu machen, sie erst restlos auszuplündern, ihnen selbst die Goldplomben und Goldfische abzunehmen und zuletzt restlos auszulöschen.

Einen Judenstaat in Deutschland, in Nachbarschaft der Nachbarn, von denen einige im arisierten Haus noch die Pelzmäntel im Schrank hängen hatten, die wie sie ganz genau wussten, die Juden in Polen nicht mehr brauchten, das hätte man auch kaum den Holocaustüberlebenden schmackhaft machen können, die gerade erst dem Holocaust entkommen waren. Da hätten einige noch Madagaskar vorgezogen.

Zuerst einmal hätte man dann ja auch erst mal die Ostfriesen und die Schleswig-Holsteiner vertreiben müssen so wie man die Schlesier, Ostpreußen und Pommern vertrieben hat.

Da hätten sich wohl die meisten gesagt, weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.
 
Zuerst einmal hätte man dann ja auch erst mal die Ostfriesen und die Schleswig-Holsteiner vertreiben müssen so wie man die Schlesier, Ostpreußen und Pommern vertrieben hat.

Da hätten sich wohl die meisten gesagt, weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.
Aber die Palästinenser zu vertreiben war eine gute Idee?
 
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