Reinecke
Aktives Mitglied
Ich glaube nicht.
Die Frage "Was wäre, wenn...?" verlangt nach einem alternativen Szenario.
Die Frage "Was wäre nicht, wenn..,?" will eigentlich nur feststellen, was wohl nicht passiert wäre, wenn eine Prämisse ausgefallen wäre.
Ja, so gesagt hast du wohl recht. Aber mE nur, wenn man „was nicht passiert wäre“ sehr eng definiert. Hätte sich ein bestimmtes geschichtliches Ereignis anders ereignet, wäre die Geschichte danach natürlich nicht genau so abgelaufen. Aber wäre sie so unterschiedlich, dass sich weitreichende Folgen ergeben hätten? Das ist mE in beiden Richtungen reichlich spekulativ, zumindest wenn man Ereignisse Jahrhunderte später betrachtet, wie die Nicht-Entstehung des Christentums nach einer Niederlage Roms in den Punischen Kriegen.
Natürlich kann man es einfach an Personen festmachen und sagen, mit einem anderen Geschichtsablauf hätte es vielleicht keinen Jesus gegeben, ergo kein Christentum. Aber sind Einzelpersonen wirklich so bedeutend? Wir hatten es schon mit Erfindungen und deren Erfindern: Hätte James Watt seine Dampfmaschine nicht erfunden, hätte es nicht jemand anders getan? Hätte ein anderer Prophet/Messias/Whatever als Jesus nicht eine ähnliche Rolle als Kristallisationspunkt, ein anderer Opportunist als Paulus nicht eine ähnliche Rolle als Organisator spielen können? Die Krise der antiken Religionen als Grundlage, dass das frühe Christentum auf so fruchtbaren Boden fiel, hätte es mE auf jeden Fall gegeben. War es vielleicht schlicht Zeit für eine andere Form von Religiosität, so wie es zu Watts Zeit schlicht Zeit für eine effektive „Kraftmaschine“ auf Dampfbasis war?
Nachdem es das Urchristentum erst mal gab, hatte es seine ersten großen Erfolge im römischen Reich. Aber ausgebreitet hat es sich auch schon sehr früh auch über dessen Grenzen hinaus. Wäre so eine Ausbreitung nicht auch denkbar, wenn es kein römisches (und auch kein karthagisches...) Reich gegeben hätte, und sich immer noch verschiedene hellenistische, italische, karthagische Machtblöcke um die Vorherrschaft gezankt hätten?
Kannst du gerne ergänzen um die Frage, wie Kriegsethik und Kriegsrealität sich dann entwickelt hätte.Ohne Christentum und Islam: Hätten sich trotzdem monotheistische Religionen durchgesetzt, wären wir jetzt religiöser oder säkulärer?
Wenn man annimmt, dass sich eine missionarische Religion mit Alleinvertretungsanspruch und allem anderen durchgesetzt hätte, seh ich tatsächlich nicht, warum die Auswirkungen auf Kriegsethik und -realität anders gewesen sein sollten; wenn nicht, dann natürlich nicht...
Hier aber eine Anmerkung zur Grund-Prämisse „Was wäre, wenn Karthago Rom vollständig besiegt hätte, und Rom zerstört worden wäre“: Ich sehe kaum, wie das möglich gewesen wäre, mit einer Einschränkung, zu der ich gleich komme. Wie ich schon öfter in der Vergangenheit ausgeführt hab, lag die Möglichkeit eines entscheidenden Schlages jenseits dessen, was für Hannibal während seines Italien-Feldzugserreichbar gewesen wäre; wenn gewollt such ich Stellen im Forum nochmal raus. Nachdem Rom sich weigerte, aufzugeben, nur weil es die Karthager nicht in einer offenen Feldschlacht schlagen konnte, waren Hannibals mE Möglichkeiten weitgehend erschöpft. Ein direkter Angriff auf die Stadt Rom hätte in einer Niederlage für die Karthager geendet. Für eine Niederlage wären Siege der Karthager anderswo nötig gewesen, va in Spanien. Wenn wir annehmen, dass die römischen Heere auch hier geschlagen worden wären, hätte das gereicht, um Rom zu einer so demütigenden Kapitulation zu zwingen, wie Karthago sie im 2. Punischen Krieg hinnehmen musste? Ich bezweifle das, außer...
Außer die Karthager hätten die Strategie Roms kopiert: Weg von den Söldnerarmeen, hin zu Massenheeren aus eigenen Bürgern und denen verbündeter Städte, mit denen man die numerische Überlegenheit der Römer ausgleichen und zB auch Belagerungen befestigter Rom-freundlicher Städte in Italien hätte wagen können. Damit wäre aber der erste Schritt getan, Karthago zu Rom zu machen; selbst ein Imperium zu errichten, nicht nur ein Reich mit Handelstützpunkten und einem Flächenstaat im eroberten Spanien. Dann wären wir aber der Idee, dass Karthago schlicht die Rolle Roms in der Geschichte einnimmt, schon einen entscheidenden Schritt näher.
Die römische Militärtechnik und -doktrin war brutal, effizient, und dennoch haben sich schon die Römer mit der Frage nach einem gerechten Krieg rumgeschlagen (oder zumindest Angriffkriege abgelehnt, ob nun religiös begründet oder nicht; zur Freude aller Winkeladvokaten, die erörtern durften, warum Caesars Eroberung Galliens doch irgendwie in Ordnung war...).
Vielleicht hätte sich das nicht wiederholt, wenn Rom schon in den Punischen Kriegen untergegangen wäre; vielleicht hätten aber andere dies getan (hellenistische Staaten waren da ja auch nicht allzu schlecht aufgestellt, auch wenn ihnen manche Merkmale fehlten), zB Karthago, um Rom überhaupt erst schlagen zu können. Und dann (wieder): Warum nicht die gleichen Debatten in einem anderen, dem römischen Reich ähnlichen Imperium, mit einer dem Christentum ähnlichen Religion?
Vielleicht täusche ich mich hier, ist ja alles hochgradig spekulativ, und es gibt sicher eine Menge Dinge, die ich nicht weiß und nicht berücksichtige. Aber ich kann mir nicht helfen, ich sehe nicht, wie Karthago einen so entscheidenden Sieg hätte erringen können, wie es Rom im 2. und dann 3. Punischen Krieg tat (oder im 2. und 3. Römischen Krieg, wie er dann vielleicht genannt worden wäre).
Ich hoffe man sieht, worauf ich hinaus will: Ähnliche Probleme erzwingen oft ähnliche Lösungen. Natürlich gibt es keine Sicherheit, dass solche gefunden werden, aber die Möglichkeit ist mE vorhanden; und damit auch die spekulative Möglichkeit einer ähnlichen Entwicklung, trotz entscheidenden Abweichungen. Diese müssen nicht zu einem völlig anderen Geschichtsablauf führen, auch wenn ich einen solchen natürlich genau so wenig ausschließen kann.
Soweit erstmal. Vielleicht schreib ich noch was über Chinesen in Amerika, oder Mesoamerikanern in Europa, aber vermutlich nicht mehr heute...