Was wäre nicht, wenn...?

Ich glaube nicht.
Die Frage "Was wäre, wenn...?" verlangt nach einem alternativen Szenario.
Die Frage "Was wäre nicht, wenn..,?" will eigentlich nur feststellen, was wohl nicht passiert wäre, wenn eine Prämisse ausgefallen wäre.

Ja, so gesagt hast du wohl recht. Aber mE nur, wenn man „was nicht passiert wäre“ sehr eng definiert. Hätte sich ein bestimmtes geschichtliches Ereignis anders ereignet, wäre die Geschichte danach natürlich nicht genau so abgelaufen. Aber wäre sie so unterschiedlich, dass sich weitreichende Folgen ergeben hätten? Das ist mE in beiden Richtungen reichlich spekulativ, zumindest wenn man Ereignisse Jahrhunderte später betrachtet, wie die Nicht-Entstehung des Christentums nach einer Niederlage Roms in den Punischen Kriegen.

Natürlich kann man es einfach an Personen festmachen und sagen, mit einem anderen Geschichtsablauf hätte es vielleicht keinen Jesus gegeben, ergo kein Christentum. Aber sind Einzelpersonen wirklich so bedeutend? Wir hatten es schon mit Erfindungen und deren Erfindern: Hätte James Watt seine Dampfmaschine nicht erfunden, hätte es nicht jemand anders getan? Hätte ein anderer Prophet/Messias/Whatever als Jesus nicht eine ähnliche Rolle als Kristallisationspunkt, ein anderer Opportunist als Paulus nicht eine ähnliche Rolle als Organisator spielen können? Die Krise der antiken Religionen als Grundlage, dass das frühe Christentum auf so fruchtbaren Boden fiel, hätte es mE auf jeden Fall gegeben. War es vielleicht schlicht Zeit für eine andere Form von Religiosität, so wie es zu Watts Zeit schlicht Zeit für eine effektive „Kraftmaschine“ auf Dampfbasis war?

Nachdem es das Urchristentum erst mal gab, hatte es seine ersten großen Erfolge im römischen Reich. Aber ausgebreitet hat es sich auch schon sehr früh auch über dessen Grenzen hinaus. Wäre so eine Ausbreitung nicht auch denkbar, wenn es kein römisches (und auch kein karthagisches...) Reich gegeben hätte, und sich immer noch verschiedene hellenistische, italische, karthagische Machtblöcke um die Vorherrschaft gezankt hätten?

Ohne Christentum und Islam: Hätten sich trotzdem monotheistische Religionen durchgesetzt, wären wir jetzt religiöser oder säkulärer?
Kannst du gerne ergänzen um die Frage, wie Kriegsethik und Kriegsrealität sich dann entwickelt hätte.

Wenn man annimmt, dass sich eine missionarische Religion mit Alleinvertretungsanspruch und allem anderen durchgesetzt hätte, seh ich tatsächlich nicht, warum die Auswirkungen auf Kriegsethik und -realität anders gewesen sein sollten; wenn nicht, dann natürlich nicht... ;)

Hier aber eine Anmerkung zur Grund-Prämisse „Was wäre, wenn Karthago Rom vollständig besiegt hätte, und Rom zerstört worden wäre“: Ich sehe kaum, wie das möglich gewesen wäre, mit einer Einschränkung, zu der ich gleich komme. Wie ich schon öfter in der Vergangenheit ausgeführt hab, lag die Möglichkeit eines entscheidenden Schlages jenseits dessen, was für Hannibal während seines Italien-Feldzugserreichbar gewesen wäre; wenn gewollt such ich Stellen im Forum nochmal raus. Nachdem Rom sich weigerte, aufzugeben, nur weil es die Karthager nicht in einer offenen Feldschlacht schlagen konnte, waren Hannibals mE Möglichkeiten weitgehend erschöpft. Ein direkter Angriff auf die Stadt Rom hätte in einer Niederlage für die Karthager geendet. Für eine Niederlage wären Siege der Karthager anderswo nötig gewesen, va in Spanien. Wenn wir annehmen, dass die römischen Heere auch hier geschlagen worden wären, hätte das gereicht, um Rom zu einer so demütigenden Kapitulation zu zwingen, wie Karthago sie im 2. Punischen Krieg hinnehmen musste? Ich bezweifle das, außer...

Außer die Karthager hätten die Strategie Roms kopiert: Weg von den Söldnerarmeen, hin zu Massenheeren aus eigenen Bürgern und denen verbündeter Städte, mit denen man die numerische Überlegenheit der Römer ausgleichen und zB auch Belagerungen befestigter Rom-freundlicher Städte in Italien hätte wagen können. Damit wäre aber der erste Schritt getan, Karthago zu Rom zu machen; selbst ein Imperium zu errichten, nicht nur ein Reich mit Handelstützpunkten und einem Flächenstaat im eroberten Spanien. Dann wären wir aber der Idee, dass Karthago schlicht die Rolle Roms in der Geschichte einnimmt, schon einen entscheidenden Schritt näher.

Die römische Militärtechnik und -doktrin war brutal, effizient, und dennoch haben sich schon die Römer mit der Frage nach einem gerechten Krieg rumgeschlagen (oder zumindest Angriffkriege abgelehnt, ob nun religiös begründet oder nicht; zur Freude aller Winkeladvokaten, die erörtern durften, warum Caesars Eroberung Galliens doch irgendwie in Ordnung war...).

Vielleicht hätte sich das nicht wiederholt, wenn Rom schon in den Punischen Kriegen untergegangen wäre; vielleicht hätten aber andere dies getan (hellenistische Staaten waren da ja auch nicht allzu schlecht aufgestellt, auch wenn ihnen manche Merkmale fehlten), zB Karthago, um Rom überhaupt erst schlagen zu können. Und dann (wieder): Warum nicht die gleichen Debatten in einem anderen, dem römischen Reich ähnlichen Imperium, mit einer dem Christentum ähnlichen Religion?

Vielleicht täusche ich mich hier, ist ja alles hochgradig spekulativ, und es gibt sicher eine Menge Dinge, die ich nicht weiß und nicht berücksichtige. Aber ich kann mir nicht helfen, ich sehe nicht, wie Karthago einen so entscheidenden Sieg hätte erringen können, wie es Rom im 2. und dann 3. Punischen Krieg tat (oder im 2. und 3. Römischen Krieg, wie er dann vielleicht genannt worden wäre).

Ich hoffe man sieht, worauf ich hinaus will: Ähnliche Probleme erzwingen oft ähnliche Lösungen. Natürlich gibt es keine Sicherheit, dass solche gefunden werden, aber die Möglichkeit ist mE vorhanden; und damit auch die spekulative Möglichkeit einer ähnlichen Entwicklung, trotz entscheidenden Abweichungen. Diese müssen nicht zu einem völlig anderen Geschichtsablauf führen, auch wenn ich einen solchen natürlich genau so wenig ausschließen kann.

Soweit erstmal. Vielleicht schreib ich noch was über Chinesen in Amerika, oder Mesoamerikanern in Europa, aber vermutlich nicht mehr heute... ;)
 
Ja, so gesagt hast du wohl recht.
Ich muss zugeben, ich fand meine Argumentation an der Stelle ziemlich schwach.


Aber mE nur, wenn man „was nicht passiert wäre“ sehr eng definiert. Hätte sich ein bestimmtes geschichtliches Ereignis anders ereignet, wäre die Geschichte danach natürlich nicht genau so abgelaufen. Aber wäre sie so unterschiedlich, dass sich weitreichende Folgen ergeben hätten?
Es kommt auf das Ereignis an. Wäre die Varusschlacht anders ausgegangen, wäre sie vermutlich heute vergessen. Vielleicht hätte sich die Geschichte anders entwickelt, vielleicht auch nicht.
Aber wäre Rom im Zweiten Punischen Krieg untergegangen, wäre Rom wahrscheinlich heute vergessen, ein paar lateinische Inschriften würden von Spezialisten des Indoeuropäistik analyisiert werden, wie das lemnische oder etruskische. Die Geschichte hätte sich definitiv anders entwickelt.

Aber sind Einzelpersonen wirklich so bedeutend? Wir hatten es schon mit Erfindungen und deren Erfindern: Hätte James Watt seine Dampfmaschine nicht erfunden, hätte es nicht jemand anders getan? Hätte ein anderer Prophet/Messias/Whatever als Jesus nicht eine ähnliche Rolle als Kristallisationspunkt, ein anderer Opportunist als Paulus nicht eine ähnliche Rolle als Organisator spielen können?
Ein orthodoxer Marxist, der quasireligiös an historische Gesetzmäßigkeiten glaubt, würde vielleicht sagen, dass die Einzelperson keine Rolle spielt. Aber den Einfluß des Individuums (das über Macht verfügt!) auf die Geschichte ist nicht zu unterschätzen.

Um das Mal am Bsp. des Dritten Reichs zu verdeutlichen: Antisemitismus war eine Größe in Deutschland im 19. und 20. Jhdt. (ist es im Prinzip immer noch oder wieder).
Dass also antisemitische Strömungen eine politische Relevanz erhielten, ist nicht weiter verwunderlich. Obwohl vor 1933 Juden überall in den Vereinen waren, dazugehörten, wurden sie ab 1933 dann ziemlich zügig sukzessive ausgegrenzt. Und ab 1941 haben wir dann den Massenmord an den europäischen Juden. Das ist alles bekannt. Es ist natürlich nicht so, dass man das alles auf Hitler reduzieren kann, aber mit einem anderen Personal wäre vielleicht das sozialdarwinisstische Element, dieser eliminatorische Rassenantisemitismus, diese Ideologie "Leben ist Kampf" nicht so dominant gewesen. Vieles, was damals passierte, war Hitlers oder auch Goebbels direkter Wunsch, der Holocast (vor der Wannseekonferenz) entwickelte sich aus Entscheidungen (oder auch Entscheidungsschwächen (sic!)) von Personen. Antisemitismus hin oder her: Das war nicht determiniert, das waren eben Entscheidungen, die getroffen wurden und Entscheidungen fällen Personen.

Die Krise der antiken Religionen als Grundlage, dass das frühe Christentum auf so fruchtbaren Boden fiel, hätte es mE auf jeden Fall gegeben. War es vielleicht schlicht Zeit für eine andere Form von Religiosität, so wie es zu Watts Zeit schlicht Zeit für eine effektive „Kraftmaschine“ auf Dampfbasis war?
Kann sein. Wenn man den Monotheismus gegenüber dem Polytheismus als emanzipatorischen Forschritt versteht, dann ist er nur folgerichtig. Aber auch wenn Christentum und Islam monotheistische Religionen sind: eine monotheistische Religion wird zwar wahrscheinlich immer einen Funken Fundamentalismus in sich tragen, weil sie einen Alleinvertretungsanspruch hegt, aber dennoch muss eine monotheistische Religion ja nicht zwingend aussehen, wie die abrahamitischen Religionen. Und dann ist man ganz schnell dabei, dass die einzige Gemeinsamkeit der Mootheismus ist, aber das ist ja noch kein Inhalt, weder an Mythologie noch an Ethik. Die Inhalte können sich fundamental unterscheiden.

Nachdem es das Urchristentum erst mal gab, hatte es seine ersten großen Erfolge im römischen Reich. Aber ausgebreitet hat es sich auch schon sehr früh auch über dessen Grenzen hinaus. Wäre so eine Ausbreitung nicht auch denkbar, wenn es kein römisches (und auch kein karthagisches...) Reich gegeben hätte, und sich immer noch verschiedene hellenistische, italische, karthagische Machtblöcke um die Vorherrschaft gezankt hätten?
Zumindest hätte es nicht dieselbe Infrastruktur gehabt.

Hier aber eine Anmerkung zur Grund-Prämisse „Was wäre, wenn Karthago Rom vollständig besiegt hätte, und Rom zerstört worden wäre“: Ich sehe kaum, wie das möglich gewesen wäre, mit einer Einschränkung, zu der ich gleich komme. Wie ich schon öfter in der Vergangenheit ausgeführt hab, lag die Möglichkeit eines entscheidenden Schlages jenseits dessen, was für Hannibal während seines Italien-Feldzugserreichbar gewesen wäre; wenn gewollt such ich Stellen im Forum nochmal raus. Nachdem Rom sich weigerte, aufzugeben, nur weil es die Karthager nicht in einer offenen Feldschlacht schlagen konnte, waren Hannibals mE Möglichkeiten weitgehend erschöpft. Ein direkter Angriff auf die Stadt Rom hätte in einer Niederlage für die Karthager geendet. Für eine Niederlage wären Siege der Karthager anderswo nötig gewesen, va in Spanien. Wenn wir annehmen, dass die römischen Heere auch hier geschlagen worden wären, hätte das gereicht, um Rom zu einer so demütigenden Kapitulation zu zwingen, wie Karthago sie im 2. Punischen Krieg hinnehmen musste? Ich bezweifle das, außer...
Rom hatte ja auch in Spanien, wie auch in Italien, zunächst empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen. Es war im Prinzip die politische Führung in Rom, die eine gewisse Chuzpe hatte und Scipio Africanus, der ein genialer Stratege gewesen sein muss, welche das Ruder zu Gunsten Roms herumrissen. Hannibal hat sich erstaunliche 15 Jahre lang durch Italien bewegt, ohne, dass die Römer ihn schlagen konnten. Die Marhabal-Episode, die Livius uns überliefert, wird vermutlich nicht historisch sein, aber Livius sieht das offensichtlich schon so (freilich in zwiehundertjährigem Abstand), dass Rom in erheblicher Gefahr war.
 
Es geht ja eben nicht, um "Was wäre, wenn...", denn das lässt sich wirklich kaum sagen, sondern mehr um "Was wäre nicht, wenn..." Ich weiß z.B. nicht, ob es Christentum und Islam gäbe, wenn Rom im Zweiten Punischen Krieg untergangen und kein historischer Akteur mehr gewesen wäre. Aber ich denke nicht, dass es sie gegeben hätte. Ich halte diesen Zweiten Punischen Krieg aus gutem Grund weltgeschichtlich für viel bedeutender, als die Germanienkriege, obwohl ich natürlich nicht weiß - nicht wissen kann! - wie sich die Geschichte entwicklet hätte, hätten die Germanienkrieg einen anderen Ausgang genommen.
Ich weiß natürlich nicht, ob es mehr oder weniger Kriege gegeben hätte ohne die monotheitischen Religionen. Die monotheistischen Religionen sind im Kern fundamentalistisch (ohne deswegen alle ihre Anhänger als Fundamentalisten zu brandmarken), weil sie einen Alleinvertretungsanspruch geltend machen. Auf der anderen Seite ist bei ihnen Krieg ultima ratio (du sollst nicht töten/stehlen/ehebrachen, du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst...), der "gerechte Krieg" kann nur ein Verteidigungskrieg sein. Aber, ultima ratio und bellum iustum hin oder her: Wenn Menschen Krieg führen wollen, dann finden sie Begründungen, warum dieser Krieg die ultima ratio und iustum ist.
Ich glaube, dass die Fragen oben durchaus berechtigt sind, wenn man davon ausgeht, dass im Zweiten Punischen Krieg, wo Rom ja tatsächlich durchaus in Gefahr schwebte, vernichtet zu werden, dass es vernichtet oder bedeutungslos geworden wäre. Ich glaube, wir haben dort einen dieser Wendepunkte der Weltgeschichte, an dem die Geschichte bis heute weitgehend auf ihre Schienen gesetzt wurde (ohne das so zu verstehen, dass alles dann quasi determiniert gewesen wäre).
Ich bin mir sicher: Wäre Rom 200 vor Christus untergangen, hätten wir kein Christentum und alles, was mittelbar und unmittelbar aus dem Christentum folgte. Wir hätten keinen Islam. Europas Staaten sähen vollkommen anders aus, sowohl, was die Sprachen, als auch die Grenzen anbelangen würde, vermutlich wäre Arabien Arabien und nicht der Raum von Marokko bis zum Iraq. Ob Amerikas Geschichte von 1500 bis 1900 eher europäisch oder eher asiatisch geprägt wäre, scheint mir bei einem solchen Szenario völlig unklar (wie gesagt, eine afrikanische Prägung Amerikas oder eine amerikanische Prägung der "alten" Welt (die dann wohl die "neue" wäre, halte ich in diesem Szenario für eher unwahrscheinlich).
Also es geht mir nicht um Bebliebigkeit, sondern ich glaube, dass das Geschilderte begründbar ist. Ich beschreibe die Welt ja nicht, wie sie wäre (also behaupte jetzt keine keltische Prädominanz in Europa und den Amerikas oder eine chinesische Prädominanz in zumindest Nordwestamerika), sondern nur wie sie höchstwahrscheinlich nicht wäre.
Man kann sich natürlich mit allem Recht auf den Standpunkt stellen, dass das witzlos ist, weil die Geschichte nun mal so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist.
Wir hätten mit Sicherheit nicht das Christentum in seiner Gestalt, vermutlich auch keinen Islam, keine Römisch Katholische Kirche, keine Vulgata, kein Credo, keinen Pontius Pilatus im Credo, keinen Römerbrief, Herodes wäre nicht der Große und nicht König geworden, auch nicht Herodes Antipas, der dann logischerweise auch nicht Johannes dem Täufer enthauptet hätte. Salome hätte nie vor Herodes Antipas getanzt. Petrus und Paulus wären nie nach Rom gekommen, vermutlich auch nicht enthauptet oder gekreuzigt worden. Es hätte Nero nicht Christen angezündet und Löwen zum Fraß vorwerfen lassen, es hätte keine Heiligen Perpetua und Sebastianus gegeben, auch nicht die Christenverfolgung unter Nero, Trajan, Mark Aurel, Decius und Diokletian. Konstantin hätte Konstantinopel nie gegründet, es wäre Byzantion geblieben keine Metropolis geworden, ohne Byzanz aber wären Russland, Serbien, Bulgarien nicht in der Art christianisiert worden. Plinius hätte seine Briefe nicht geschrieben und Trajan nicht geantwortet. Das Christentum wäre vermutlich eine kleine jüdische Sekte geblieben, hätte vielleicht sich dem Hellenismus angepasst, aber auch der hätte sich ja nicht so entwickelt, hätte nicht Rom dessen Traditionen fortgesetzt. Garantiert auch die Stabilität, um sich entwickeln zu können. angepasst, aber sich niemals in der Gestalt entwickelt, in der es sich dann entwickelte, hätte vielleicht sich verbreitet wie andere Mysterienreligionen auch, aber niemals Staatsreligion geworden.

So weit dass das Christentum und der Islam gar nicht existieren würden, würde ich nicht gehen, aber Jesus und Mohammed hätten anders gepredigt, hätten einen anderen Lebenslauf genommen und hätten andere Anhänger gewonnen und vermutlich auch nicht diese Wirkmächtigkeit.

Je mehr ich aber darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ohne das Imperium Romanum das Christentum eine der vielen jüdischen Sekten geblieben wäre und die Kenntnis von Jesus oder Mohammed sich vermutlich beschränken würde auf Althistoriker und Orientalisten
 
So weit dass das Christentum und der Islam gar nicht existieren würden, würde ich nicht gehen, aber Jesus und Mohammed hätten anders gepredigt, hätten einen anderen Lebenslauf genommen und hätten andere Anhänger gewonnen und vermutlich auch nicht diese Wirkmächtigkeit.
Okay, in den Makkabäerbüchern werden ja schon ähnliche Probleme geschildert, wie die, die zu den antirömischen jüdischen Aufständen führten. Insofern ist die Möglichkeit, dass der politische Messianismus im Judentum auch ohne Römer Relevanz gehabt hätte, nicht so unwahrscheinlich.
 
Ein orthodoxer Marxist, der quasireligiös an historische Gesetzmäßigkeiten glaubt, würde vielleicht sagen, dass die Einzelperson keine Rolle spielt. Aber den Einfluß des Individuums (das über Macht verfügt!) auf die Geschichte ist nicht zu unterschätzen.
Ich denke selbst ein orthodoxer Marxist müsste, wenn er historisch einigermaßen reflektiert argumentiert, unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass eine Einzelperson durchaus Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben kann, möglicherweise keinen direkt Gestalterischen, wohl aber die Möglichkeit die Erfüllung der historischen Gesetzmäßigkeiten an die er glaubt zu beschleunigen oder zu verlangsamen, was auf eine Möglichkeit indirekter Gestaltung hinauslaufen könnte.

Selbst wenn er annimmt, dass jeder gesellschaftliche Entwicklungsschritt, der nicht in die Auflösung der Klassengegensätze und im Kommunismus endet nur eine historische Etappe im Sinne eines Zwischenschritts sein könnte, wäre wahrscheinlich aus dieser Sicht nicht zu bestreiten, das eine machtvolle Einzelperson oder eine Anzahl relativ unabhängig voneianander handelnde an Einzelpersonen revolutionäre Situationen zuspitzen oder entschärfen könnte(n).
Oder auch, dass sie an der Erfüllung postulierter Gesetzmäßigkeiten versagen könnten, sei es durch abweichendes Handeln im historischen Augenblick oder durch persönliche Unzulänglichkeit.

Ein Louis XVI. hätte möglicherweise die Französische Revolution von 1789 verhindern oder deutlich verzögern können, wenn er sich angesichts der Gesamtsituation gegen Steuererhöhungen und für die Erklärung der Staatsbankrotts entschieden hätte.
Das hätte vielleicht die damaligen Geldgeber der Krone, Bankiers etc. aufgebracht und das Prestige der Krone, ggf. auch des Landes beschädigt, möglicherweise aber die Volksmassen, die weitere massive Anstiege der Lebenserhaltungskosten fürchteten beruhigt.

Ein Napoléon Bonaparte, hätte als er das Directoire entmachtete wahrscheinlich eine Rolle im Sinne der vom Marxismus postulierten Gesetzmäßigkeiten spielen können, wenn ihm vorgeschwebt hätte die Herrschaft der Direktoren durch ein partizipativeres Modell zu ersetzen, statt selbst nach der Macht zu greifen und ein Regime zu errichten, dass de facto absoluter war, als dass der Bourbonen-Könige und im Hinblick auf seine innenpolitische Machtfülle bis dahin wahrscheinlich nur von der Terrorherrschaft der Jakobiener übertroffen worden war.

Das müsste selbst ein orthodoxer Marxist anerkennen. Er könnte vielleicht einwänden, dass das irrelevant für das letztendliche Ziel wäre, auf dass die Geschichte letztendlich zuliefe.
Er würde aber kaum bestreiten können, dass der Zeitpunkt an dem sich revolutionäre Umbrüche vollziehen, je nachdem ob das früher oder später ist,mehr oder weniger zwangsläufig einen Einfluss auf die konkrete Gestaltung der von ihm postulierten Zwischenepochen haben müsste, schon weil Lösungen für konkrete sich stellende Probleme ja auch vom technischen Entwicklungsstand abhängen.
Der Umstand wäre für einen orthodoxen Marxisten wahrscheinlich nicht besonders interessant, weil der mehr das Ende der Geschichte im Blick hätte, als ihren eigentlichen Verlauf, den er ohnehin nur als episodisch betrachtet, aber bestreiten können, würde einen solchen Einfluss wahrscheinlich nicht.
 
Was wäre nicht, wenn ...?

So könnte man es wohl bei/zu jeder Erscheinung sagen.
Und jeder hat da sicher auch seine Favoriten.

Eine meiner Favoriten ist das berühmte 3 Kaiserjahr 1888.

Erinnern wir uns...
  • 1. Kaiser Wilhelm I. - 1871 – 1888,
  • 2. Kaiser Friedrich III. - 1888 und
  • 3. Kaiser Wilhelm II. -1888 – 1918.
Kaiser Friedrich III., der Sohnn des Kaiser Wilhelm I. starb ja im Alter von 57 Jahren, er hatte Kehlkopfkrebs.
Ihm folgte sein Sohn - Kaiser Wilhelm II. mit Lebensalter von 29 Jahren.
Ich meine die Deutsche Geschichte wäre sicher (vorsichtig -> möglicherweise) anders verlaufen wenn...
Wenn Friedrich noch im Vorfeld der Zeit um 1914 Kaiser gewesen wäre.
Einiges spricht ja dafür, aber einiges auch dagegen.
 
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Ich meine die Deutsche Geschichte wäre sicher (vorsichtig -> möglicherweise) anders verlaufen wenn...
Wenn Friedrich noch im Vorfeld der Zeit um 1914 Kaiser gewesen wäre.
Einiges spricht ja dafür, aber einiges auch dagegen.
Da würde ich jetzt mit dem Argument gegenhalten, dass der Umbruch der europäischen Mächtekonstellation, der letztendlich in die fatale Bündniskonstellation von 1914 führte seine Ursachen eigentlich in den Entwicklungen in vor allem In Asien, teilweise in Afrika hatte, auf die Berlin nur in sehr begrenzten Maße Einfluss hatte.

Friedrich III. war deutlich anglophiler und skeptischer Gegen Russland eingestellt als Wilhelm II., was außenpolitisch wahrscheinlich ein Problem gewesen wäre, weil dass wahrscheinlich auf eine noch nachdrücklichere Kooperation mit Österreich-Ungarn gegen Russland hinausgelaufen wäre.

Gleichzeitig war das Kolonialreich letztendlich schon unter Bismarck "erworben" worden, so dass Friedrich mit dieser Realität hätte umgehen müssen und wahrscheinlich hätte er sich dem Druck der Koloniallobby, die auf Ausbau und Flottenpolitik drängte nicht entziehen können, weil im Reichtag das Gewicht der Sozialdemokratie immer stärker zunahm und eine Regierung, die sich nicht von den Sozialdemokraten und auch nicht von den Minderheitenparteien abhängig sein wollte (Polen/Welfen, Dänen/Elsass-Lothringer) um die kolonialbegeisterten Nationalliberalen und deren Interessen nicht herumgekommen wäre.
Möglicherweise hätte man die Flottenpolitik dann etwas verhaltener betrieben können, aber die Möglichkeit darauf vollständig zu verzichten, wäre wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn man der Sozialdemokratie nicht erheblien Einfluss auf die Gesamtpolitik eingeräumt hätte, dadurch, dass sich die kaiserlichen Regierungen mit ihr einen Kompromiss ausgehandelt und sich auf sie gestützt hätten.
Aber das war angesichts der damaligen marxistischen Doktrinen innerhalb der SPD undenkbar.

Im Übrigen hatte sich Friedrich 1871, auch bei Kaiser Franz-Joseph nicht besonders beliebt gemacht, als er mal die Möglichkeit sondieren ließ, ob die Habsburger nicht die alten Reichsinsignien abtreten könnten*, worauf er aus Wien die Antwort bekam, dass man lieber einen erneuten Krieg gegen Preußen führen würde, als das zu tun.

Friedrich III. wird heute oft recht positiv beurteilt, weil er eben medial entsprechend als Thronfolger aufgebaut wurde und nicht viel Zeit hatte das positive Bild, dass da konstruiert worden war zu demolieren.
Möglicherweise wäre er, wenn er länger Zeit gehabt hätte allerdings eine noch schlechtere oder ähnlich schlechte Besetzung gewesen, als/wie Wilhelm II.



* Friedrich phantaisierte öffters mal davon, in Sachen historischer Tradition, anders als Bismarck das tat, nicht ein neues Reich schöpfen zu wollen, sondern an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation anzuschließen, was sowohl im Inneren für einige Irritationen gesorgt hätte, als auch geeignet gewesen wäre Habsburg mächtig vor's Schienbein zu treten, zumal sich das auch als informeller Anspruch auf Oberhoheit auch über die österreichischen Erblande hätte verstehen lassen können.
Das war in seinem Fall auch nicht eine Art Jugendsünde, die er irgendwann in den 1870er Jahren und folgend komplett abgelegt hätte, sondern Konfliktstoff darum gab es auch nochmal, als es dann konkret um den Herrschernamen ging.

Friedrich selbst hatte nämlich eigentlich vor, den Herrschernamen "Friedrich IV." zu wählen und damit in der Tradition und Zählung des Heiligen Römischen Reiches an den Habsburger Friedrich III. (1415-1493) anzuschließen.
Das er sich letztendlich auf die Titulatur "Friedrich III." und damit die Adaption nicht der Tradition Zählung des Heiligen-Römischen Reiches, sondern auf die Tradition der Preußischen Monarchie unter Anschluss an Friedrich II. einließ, musste ihm realtiv mühsam abgerungen werden.



Bei Interesse an den näheren Ausführungen zu Friedrich III. und dessen Hintergründen möchte ich gerne als Referenz empfehlen:

Müller, Frank Lorenz: Der 99-Tage-Kaiser, Friedrich von Preußen Prinz, Monarch, Mythos, München 2013, in der engl. Originalausgabe als "Our Fritz, Emperor Frederick III. and the political culture of Imperial Germany, London/Camebridge 2011.
 
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