Atatürk ein Verbrecher?

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten in der Neuzeit" wurde erstellt von Gast, 29. Dezember 2005.

  1. Gast

    Gast Gast


    Der Threadtitel sagt es bereits. Ich möchte gerne wissen ob Mustafa Kemal ein Verbrecher war. Diese Frage ist nicht ganz uninteressant, denn immerhin hat er den modernen türkischen Staat begründet.

    Was ich genau wissen will, ist, ob Atatürk am Völkermord an den Armeniern und am Massaker von Izmir beteiligt war. Dies könnte erklären, warum man mit diesem Thema so sensibel umgeht. Was hier unter Strafe steht (Holocaustleugnung) ist dort ins genaue Gegenteil verkehrt.

    Immerhin würde sich hier doch ein relativ rationales Argument finden lassen, warum der Völkermord so tabuisiert wird. Der Gründer der modernen Türkei darf natürlich kein Massenmörder gewesen sein.

    Was ich bislang herausgefunden habe ist, dass Atatürk zum betreffenden Zeitpunkt noch nicht das Land regierte. Er war General und an Aktionen in Armenien und Izmir beteiligt. Aber ob diese Beteiligung auch Kriegsverbrechen beinhaltet, das weiß ich nicht.
     
  2. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied


  3. So weit es mir bekannt ist, war Atatürk nicht bei Massakern gegen die Armenier beteiligt und hat auch keine solche angeordnet. Ob er solche bei anderen Kommandeuren toleriert hat weiß man nicht, wie man überhaupt eigentlich nicht weiß, wie Atatürk selbst darüber gedacht hat.

    Es gibt eine Rede von Atatürk, in der er selbst den völkermord einräumt und die Massaker an den Armeniern als Untürkisch und eine Schande für die Türken bezeichnet.

    Aber : diese Rede war in einer Zeit enormen britischen Drucks wegen dieser Sache und Atatürk half andererseits wieder Verantwortlichen Türkischen Militärs sich den Gerichtsverfahren zu entziehen die deswegen geführt wurden.

    Es gab nämlich türkische !! Gerichte die wegen der Massaker Anklage gegen Verantwortliche erhoben hatten, es kam aber nur zu wenigen Verurteilungen.

    Trotzdem würde ich diese Justiz nicht kleinreden oder als minder erachten, für die Situation dieser Jahre war das ein Meilenstein, eigentlicht etwas, worauf man stolz sein könnte.
    (die Gerichte wurden übrigens nicht wegen der Briten durchgeführt sondern wegen massiver Spannungen in der türkischen Führung wegen dieser Sache)

    Atatürk half manchen Kriegsverbrechern, aber sicher nicht aus Symphatie für die Vorgänge sondern NUR und allein aus Sachlichen Gründen, er konnte auf diese Leute nicht verzichten, die junge Türkei hatte ja unendliche Probleme.

    So wurden ja auch in der BRD sehr viele Kriegsverbrecher nicht verfolgt, aus den gleichen Gründen.

    Atatürk war meiner Einschätzung und meines wissens nach KEIN Kriegsverbrecher und ganz sicher ist er kein Verbrecher. Er ist eine wirklich herausragende Person in der Geschichte, die man eher bewundern muß für ihr Können und Geschick.
     
  4. Seldschuk

    Seldschuk Neues Mitglied

    Ich habe noch eine interessante Beschreibung Atatürks von Ferenc Majoros und Bernd Rill aus : Das Osmanische Reich 1300-1900.

    Zitat:"Mustafa Kemal (1881-1938) ist ohne Zweifel einer der grössten Staatsmänner des 20 Jh., der Retter der Türkei vor der Zerstückelung, Urheber eines allumfassenden, radikalen und zugleich ausgewogenen Reformwerks. Atatürk, Vater der Türken, nennt man diesen Mann, dessen poltische Auswirkung von fernem, etwa mit derjenigen, des Heerführers und Reformdiktators Julius Caesar (100-44 v.Chr.) verglichen werden kann; ein bisschen Robespierre (1758-1794) wegen seines Hanges zur Volkssouveränität-, aber mit dem ungestümen Temperament eines Georges Danton (1759-1794), ein bisschen Napoleon Bonaparte, als herausragender Truppenführer und Machtmensch - mit etwas weniger militärischem Genie als dieser, aber der gleichen, notfalls unmenschlichen Härte."
     
  5. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Mustafa Kemal war kein Verbrecher. Er versuchte nur die Türkei auf dem Weg nach Europa zu bringen, indem er die lateinische Schrift einführte und die Trennung Von Staat und Religion vornahm. Leider fällt anscheinend das einigen Türken und Kurden in Deutschland sehr schwer, sonst hätte es in den letzten Jahren neben Zwangsverheiratungen keine 50 sog. "Ehrenmorde" gegeben. Dass es bei der Staatenbildung der heutigen Türkei Vertreibungen und Völkermord gegeben hat, ist umunstritten, das kann man aber nicht alles an einer Person festmachen.
    Ich glaube noch immer daran, dass die Türkei ihren Weg nach Europa finden wird,:)
     
  6. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Keine Ahnung, ob er bei dem Völkermord gegen die Armenier mitgemacht hat, immerhin war ein ein Mitglied der Jungtürken und bescheid gewusst hat er mit Sicherheit.
    Die Verurteilungen einiger Verantwortlichen unter seiner Ägide hingen auf jeden Fall weniger mit deren Verbrechen zusammen, sondern mehr mit internen Machtkämpfen zusammen.
    Auf jeden Fall ist er der Hauptverantwortliche für die Massakrierung von ca. 200.000 Pontusgriechen in der Region am schwarzen Meer. Noch nie was von Topal Osman gehört ? Noch nie die "Schwarze Bibel" gelesen, so wo alles dokumentiert wurde ? Was ist mit der Massakrierung von annährend 100.000 griechischer und armenischer Zivilisten nach der Einnahme von Smyra/Izmir ?
    Was ist mit der Erschießung von zehntausenden griechischen Soldaten, nachdem sie gefangen genommen wurden ? Was ist mit der zehntausenden vertreibungsbedingten Toten Zivilisten bei dem Bevölkerungsaustausch 1924 ? Was ist mit der Niederschlagung von kurdischen Aufständen ?
    Mit der gnadenlosen Jagd auf andersdenkenden Muslimen und Türken, die diesen schnellen Übergang zur westlichen Moderne nicht mitmachten wollten ? Mit der Massakrierung von den Maras Armeniern ? Oder den nachfolgenden Kämpfen im heutigen Armenien, als die Türken einen zweiten Völkermord verüben wollten und nur von den Russen daran gehindert wurden ?

    Es läßt sich leicht sagen, dass er einer der größten Staatsmänner war, aber sein Weg ging über Millionen von Toten. Schade, dass alle nur jubeln, und die negativen Dinge totgeschwiegen werden.
     
  7. Wieso SEIN Weg ? Das damals viele starben ist nicht seine Schuld. Ich frage mich dabei auch stets wie wir ach so tollen westlichen Staaten bzw unsere gewählten Volksvertreter in einer derart schlimmen Zeit überhaupt gehandelt hätten, wo wir heute unsere Freiheit für nichts wegwerfen und Zivilisten anderer Völker zu Hunderttausenden töten nur um unser Erdöl zu sichern (oder im Fall deutschlands durch die Russen töten lassen)

    Deutschland, die BRD zahlt Usbekistan und den Schlächtern von Andijon direkt Geld, um Menschenrechte in ein anderes, drittes Land zu bringen, noch darüber hinaus schützen wir Usbekische Verbrecher die sich hier kostenlos mit unserem Steuergeld medizinisch behandeln lassen vor der Verhaftung und bilden Usbekisches Militär aus.

    Wir decken die Russen, diese Lupenreinen Demokraten (Zitat Schröder) die inzwischen die Hälfte !! des gesamten Tschetschenischen Volkes umgebracht haben, Hunderttausende Tote in wenigen Jahren !! Und heucheln entsetzen über türkische Verbrechen von vor 100 Jahren.....

    Da komm ich nicht mehr mit.

    Wo hat Atatürk Millionen zu töten befohlen ? Wo sich beteiligt ? Nenn das mir :

    Atatürk hat sicher auf seinem Weg auch einige Tote auf dem Gewissen, aber keine Millionen, noch nicht mal Hunderttausende, noch nicht mal zehntausende.

    Zeig mir die Beweise dafür :

    Wo ist ein Befehl Atatürks oder eine direkte Anordnung oder ein Zeuge der Atatürk selbst diese Dinge hat anordnen hören ?

    Wie und auf welche Weise ist er hauptverantwortlich ? Du kannst ferner sicher sein und sollst wissen, daß Atatürk solche Dinge stets persönlich schlimm gefunden hat. Gerade deshalb wollte er auch sein Volk modernisieren und westlich machen, weil ihn bestimmte gewalttätige Züge der althergebrachten Kultur abstießen. Atatürk war ein Humanist !

    1 waren es tausende und keine zehntausenden 2 was ist mit der Erschießung tausender gefangener türkischer Soldaten durch die Griechen ?

    Das war Krieg und in jedem Krieg geschieht das. Die Amis haben auch tausende deutsche Soldaten die sich ergaben erschossen, es gibt sogar Photos von den Amis selbst davon.

    Krieg an sich ist ein Verbrechen ! Im Krieg dem größten Aller Verbrechen Schuld zu suchen ist recht sinnlos. Hat Atatürk den Krieg mit Griechenland begonnen ? Wer war hier der Agressor !!
     
  8. Zitate Atatürks die seinen wahren Charakter besser als alles andere wieder spiegeln:

    Bei diesen sollte man sich stets vor Augen halten, aus was für einem Volk und was für einer Kultur Atatürk stammt: Die Leute die hier Gewalt gegen Muslime beklagen, sollten bedenken WAS für eine Gesellschaft das vor Atatürk war !!


    Alles was auf der Welt geschafffen wird, wird durch Frauen geschaffen !

    Die türkische Republik wird kein kriegerischer Staat sein, sie wird ein Wirtschaftsstaat sein.

    Der beste Wegweiser ist die Wissenschaft.

    Die Presse muß absolute Freiheit haben, gleich was sie über mich berichtet. Sie darf aus keinem Grund dazu gezwungen werden anderes als die Wahrheit zu schreiben.

    Herrscht Frieden im Land, herrscht Frieden in der Welt.

    http://www.tsk.mil.tr/anitkabir/atasoz.htm


    Aber natürlich, lieber Ehrenmorde und Patriarchalische Blutrache und Gewaltkultur als Aufklärung denn das abzuschaffen wäre ja Unterdrückung und daher Entsetzen darüber, daß zur Abschaffung dieser Dinge leider Gewalt notwendig ist ! Es ist unumgänglich, wenn man SOLCHE Mißstände abschaffen will die selbst Gewalt darstellen, auch Gewalt anzuwenden.

    Und wenn schon Krieg herrscht, so kommt es zu Gräueln, das ist unvermeidbar aber das ist doch nicht die persönliche Schuld Atatürks, und dieser war darüber hinaus nicht der Angreifer. Hätte Atatürk eine Wahl gehabt, hätten ihm die anderen, nicht zuletzt die Griechen überhaupt eine Wahl gelassen, so hätten viele Menschen nicht sterben müssen. Das Untergeorndete türkische Truppenführer entgegen dem Willen Atatürks Verbrechen begingen bestreite ich nicht, aber das trifft für ALLE in diesen Kriegen kämpfenden Völker zu und war bei den Armeniern und bei den Griechen nicht anders.

    Es gab ebenso Massaker von Armeniern an Türken und auch von Griechen an Türken. Der Völkermord an den Armeniern ist das einzige was hier heraussticht aber der war VOR Atatürk und war nicht sein Verschulden.
     
  9. Seldschuk

    Seldschuk Neues Mitglied

    Gewusst hat er es sicherlich, doch wurde er von Enver Pascha geschnitten wo es nur ging, da er nicht zu den germanophilen Jungtürken gehörte. Mustafa Kemal war klar, dass ein Krieg auf Seiten der Mittelmächte nicht zu gewinnen ist.

    Topal Osman war Tscherkesse. Und hatte Atatürk wirklich soviel Einfluss zu dem Zeitpunkt? Denn die Pontus-Griechen sind während des 1.WK massakriert worden.

    Du siehst auf jedenfall alles negativ, wenn es um die Türken geht! Aber das ist nicht neu. Lege doch bitte endlich deine latente Türkenfeindlichkeit ab und trinke einen Ouzo auf die türkisch-griechische Freundschaft!:friends:
     
  10. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Lieber Mike,
    sicherlich ist in der Türkei auch vieles Schreckliche passiert, was man nicht verharmlosen sollte. Aber jeder kehre vor der eigenen Tür und da gab es bei uns viel zu kehren. :grübel:
     
  11. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Lieber heinz,
    sicher ist das so. Es geht hier nicht um Aufrechnung oder ähnliches, sondern nur um die Beantwortung der Eingangsfrage. Das Thema ist für türkische Staatsbürger sicher auch deswegen so schwierig, da die Person Atatürk aus Gründen der Staatsraison tabu ist und immer noch eine Art Personenkult getrieben wird. Soll ich deswegen nicht meine Meinung sagen ?
     
  12. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Hallo,
    zu 1) Da hatte Kemal mit seiner Meinung auch recht gehabt.

    zu 2) Dass er Tscherkesse war, wusste ich nicht. Das erklärt übrigens einiges. Wenn ich mich nicht irre, waren die Tscherkessen doch einige Jahrzehnte (?) vorher von ihrer Heimat von den Russen vertrieben worden ?
    Vielleicht war er deswegen auf alles russische und christliche und deren Unterstützer so schlecht zu sprechen.
    Die Verfolgung und Massakrierung der Pontus-Griechen gingen so richtig 1919 los, eigentlich ab dem Zeitpunkt wo Atatürk in Samson seinen Kongress hielt und versuchte den Widerstand gegen die Alliierten zu organisieren. Topal Osman wurde m.W. von Ihm eingesetzt und viel später auch auf Betreiben von Kemal zum Tode verurteilt und erschossen. Übrigens, nicht der einzige seiner Kampfgefährten...

    Im Pontus war ja bis 1924 schon immer eine starke christliche Bevölkerung, die nach dem Einmarsch der Russen (1917?) in Trapezunt eher auf Seiten der Russen zu finden war. Diese wurden als "Befreier" begrüsst, was die Türken sicher nicht so empfanden. Die Armenier wurden bereits 1915 deportiert oder ermordet, also blieben nur die Griechen übrig und diese wurden von Atatürk als unzuverlässig angesehen, womit er sicher -aus seiner Sicht- Recht hatte.

    Vor 1919 gab übrigens keine Aufstände, nur Deserteure, die keine Lust hatten in die "Amele Taburu", also die Arbeitsbattalione der Osmanischen Armee, wo die Christen eingesetzt wurden, einzutreten. Die Versorgungslage des Osmanischen Reiches war ja bekanntlich während des WWI katastrophal, und viele Soldaten und Zivilisten starben bei den Hungersnöten oder Seuchen. Die Situation dieser Arbeitsbatalione war eher noch schlimmer, da die Nahrungsmittel lieber zur kämpfenden Armee geschickt wurden, als damit die als unzuverlässig eingestuften Christen zu füttern. Das Ergebnis war aber, dass die eingzogenen christlichen Männer des Osm. Reiches zu zehntausenden verhungerten oder vor Arbeitsüberlastung starben. Kein Wunder, dass viele desertierten und die Berge unsicher machten. Die armenischen Eingezogenen wurden ab 1915 separiert und ermordet, soweit sie nicht flüchten konnten.
    Ab 1918 kamen nach dem Zusammenbruch auch noch die vielen türkischen Deserteure und entlassenen Kriegsgefangenen dazu, die alles noch schlimmer machten. Soviel mal ein wenig zum Hintergrund und zum totalen Chaos dieser Zeit, die natürlich für niemanden einfach war.

    Zurück zum Pontus. Topal Osman erledigte seine Aufgabe (die Pontusgriechen niederzuhalten) sehr gründlich. Er hatte dazu tausende von Irregulären (Tsetes) und ehemalige reguläre Soldaten zur Verfügung und wiederholte im kleineren Maßstab die Armenierdeportationen, nur diesmal zu Lasten der Pontusgriechen. Es gibt da sehr genaue Dokumentationen darüber, die man nachlesen kann. Wenn jemand Interesse hat, dann gebe ich gerne Links raus.

    Ansonsten verweise ich gerne auf das Buch von Bernd Rill "Kemal Atatürk", der weis Gott nicht als Türkenfeindlich deklariert werden kann. Da kann man die Ereignisse im groben Rahmen nachlesen, auch wenn die Details nicht vorkommen.

    Zu 3.) Unsinn ! Ich weise lediglich auf die schwarzen Flecken Atatürks hin, das dies dir und insbesondere Quintus Fabius stört, kann ich nicht ändern. Darf ich deswegen nicht darauf aufmerksam machen ?
    Dass er sich im Nachinein Verdienste erworben hat, durch seinen Versuch die Türken in Richtung Westen zu bringen hat im übrigen nichts mit der totalen Vernichtung und Vertreibung der christlichen Bevölkerungsteile des Osman. Reiches zu tun. Im übrigen war er ein paternalistischer Diktator, wie er für die damalige Zeit (20er und 30er Jahre) in vielen anderen Ländern auch anzutreffen war, insbesondere im Balkan. Egal wie sehr man Ihn heute auch hochjubelt.

    Mike Hammer
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2006
  13. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Herr je, lieber Quintus Fabius...habe ich jetzt in ein Wespennest gestochen ? :grübel: Ich versuche mal so leidenschaftlos wie möglich zu antworten.

    Ich stimme zu, dass sich die westlichen Demokratien mit diesen Aktionen nicht mit Ruhm bekleckert haben. Dadurch wird unsere Demokratie nicht schlechter und diese Diktatoren nicht besser, aber eine gewisse Heuchelei ist nicht abzustreiten. Wir reden aber über die historische Persönlichkeit Kemal Atatürk und nicht über aktuelle Politik.

    Seine Aussagen, die doch stark propagandistischen Charakter haben, waren für die damalige Zeit in der Tat fortschrittlich. Sie haben zwar sein Volk damals und z.T. auch heute nicht erreicht, aber das ist eine andere Frage. Ansonsten war er ein ganz normaler Diktator. Ich kann nicht beurteilen, ob er die ganzen Massaker seiner Soldaten an den christlichen Zivilisten schlimm gefunden hat, Tatsache ist aber, dass er sie -ganz leidenschaftlos- geschehen lies. Beispiele sind die (weiter oben beschriebenen) Massaker an den Pontus-Griechen, man schätzt dass ca. 200-250.000 diesen zum Opfer fielen, übrigens fast alles unbewaffnete Zivilisten, Frauen, Kinder. Desweiteren die Vorgänge nach der Einnahme von Smyrna/Izmir, wo ebenfalls mind. 100-120.000 Zivilisten diese nicht überlebten. Desweiteren die Behandlung aller bis dahin überlebenden Armenier, bzw. den Angriff seiner Truppen auf das damalige Restarmenier, was wieder unendliche Massaker (diesmal auf beiden Seiten) zur Folge hatte. Die Behandlung der Kurden, denen man zu Zeiten des Befreiungskrieges Autonomie versprochen hatte, lasse ich jetzt mal außen vor. Mir ist klar, dass Krieg immer schlimme Dinge mit sich bringt. Ich finde es aber eigenartig, dass man zur Rechtfertigung dieser Verbrechen immer die anderen vermeintlichen oder tatsächlichen Verbrechen nimmt.

    Ich kann dir natürlich keine schriftlichen Befehle Atatürks bringen, warum sollte ich das auch ? Ich kann nur auf die Ergebnisse seiner Politik und seiner militärischen Untergebenen hinweisen. Ich kann Links zu den gut dokumentierten Verbrechen seiner Truppen bringen, etc. War er denn als Oberbefehlshaber 1922 etwa nicht für die Metzeleien seiner Truppen verantwortlich in Izmir ? Die Plünderung und die Morde fanden direkt vor seinen Augen statt.

    Ich stimme dir zu, dass Krieg grundsätzlich ein Verbrechen ist. Mir sind übrigens geplante Erschießungen von türk. Kriegsgefangenen seitens der Alliierten nicht bekannt. Wie soll eine reguläre Armee sowas auch machen, wenn sie darüberhinaus unter permanter Beobachtung von ausländischen Beobachter ist ? Ich weis jedoch von türk. Bekannten, dass beim Rückzug der griech. Armee in Richtung Izmir anscheinend Verbrannte Erde hinterlassen wurde. Gleichzeitig wird jedoch der schnelle Vormarsch der türk. Armee erwähnt und ie totale Vernichtung und Auflösung der gr. Armee betont. Ich verstehe nicht wie beides zusammen passen soll ? Es handelte sich ja nicht um einen relativ langsamen Rückzug wie bei der Wehrmacht in Russland 1943 - 1944. Wie auch immer, die griech. Literatur läßt sich da nicht aus, was ich ätzend finde! Tatsache ist jedoch, dass ab 1919, als die Griechen in Izmir landeten, die reg. griech. Armee es mit einer wachsenden Anzahl von türk. Partizanen zu tun hatten, die sie nicht in den Griff bekamen. Es gab unzählige Überfälle auf die griech. Zivilisten und Armeeangehörigen. Entsprechend hart wurde reagiert, wurde z.b. ein griech. Dorf in Brand gesetzt setzten die Griechen ein türk. Dorf in Brand. Besonders erwähnt wird in den griech. Berichten z.b. ein Überfall von türk. Partizanen auf die Stadt Aydin (Aydinion), die damals eine Bevölkerung von ca. 35.000 hatte, davon ca. 8000 Griechen. Die Stadt wurde von einem griech. Regiment besetzt. Das Regiment wurde für ca. 1 Woche durch diesen Angriff der türk. Partizanen (ff. Tseten) vertrieben und die griech. Zivilisten wurden bis auf 2.000 Überlebenden allesamt ermordet. Nachdem Aydin durch griech. Verstärkungen zurückerobert wurde, sah man was passiert war. Die Reaktion war übrigens katastrophal, ich weis nicht wieviele türk. Dörfer und Zivilisten dafür büssen mussten... :weinen: So schaukelte sich der gegenseitige Hass übrigens hoch und leiden mussten vor allem die Zivilisten, wobei viele eben auch Täter waren. Aber sowas ist ja von anderen Kriegsschauplätzen auch bekannt, wo Irreguläre Kombatanten einen Vernichtungskrieg führen, siehe Sebrenica oder überhaupt die Vorgänge im ehemaligen Jugoslavien. Nur dass dort fast nur irreguläre kämpften und kaum wirklich reguläre Soldaten, die wenigstens soldatischer Disziplin unterliegen...
    Diese Vorgänge sind übrigens recht gut dokumentiert durch offizielle Berichte der griech. Armee, gibt es sowas auf türkischer Seite auch ?

    Zum Thema Aggressor...jeder hat eine andere Meinung wer was war.
    Tatsache ist, dass die griech. Politiker vom nationalistische Wahn ergriffen wurden und dachten sie könnten ihren großen Ideen auf Kosten des Osm. Reiches verwirklichen...
    Tatsache ist auch, dass sie vermutlich allen Grund hatten, ihren Landsleuten das Schicksal der Armenier zu ersparen... Ich werde hier nicht werten. Werde mir aber nicht nehmen lassen, meine Kommentare auch in Zukunft zu bringen.
    Und bitte...lieber Quintus Fabius, die Unterstüzung der Bundesregierung an den Diktator Usbekistans hat nun wirklich nichts mit den Vorgängen im damaligen Osm. Reich zu tun.
    Grüße,
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2006
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man muss die historische Bedeutung Kemal Atatürks doch aus seiner Zeit heraus würdigen, denn nur eine solche Sichtweise ist historisch angemessen.

    Atatürk sind unbestreitbar wichtige Reformen zu verdanken, wie z.B. die Trennung von Staat und Kirche, wichtige Ansätze zur Befreiung der Frau von sozialen Fesseln und religiösen Vorurteilen, Europäisierung von Bildung und Schrift usw. Wenn auch manches Stückwerk blieb, da Atatürk bereits 1938 starb, so muss er doch als Schöpfer der modernen Türkei gelten.

    Hierbei ist auch zu würdigen, dass er sich auf eine konstitutionelle Beschränkung seiner Machtmittel einließ, und eine Bezeichnung als "Diktator" daher abwegig ist. Man könnte vielleicht sagen, dass er ein autoritäres Regime führte, ebenso wie seine zeitgleichen Kollegen in Österreich, Polen, Ungarn, Spanien, Jugoslawien, Portugal, Rumänien, den baltischen Staaten usw.

    Man muss Atatürk ferner zugute halten, dass er nach Jahrhunderten despotischer Sultansherrschaft und einer entpsrechenden politischen Mentalität der Bevölkerung nicht eine Demokratie à la Großbritannien verordnen konnte, sondern die Hypothek einer tief verwurzelten Despotie zu tragen hatte. Das gilt für den verrotteten Staatsapparat, die orthodoxen islamischen Kreise, die Herrenreitermentalität führender Armeekreise usw. Unter diesen Umständen ist es eher erstaunlich und seiner charismatischen Persönlichkeit zu danken, dass weder Aufstände noch Putsche orthodoxer Kräfte ihn gestürzt haben.

    Mit dem schrecklichen Genozid am armenischen Volk hat Atatürk nichts zu schaffen, denn zu dieser Zeit war er nicht in der entsprechenden Machtposition. Mir sind keinerlei seriöse Quellen bekannt, die in dieser Hinsicht einen Schatten auf ihn werfen. Vermutungen, was er über diese Ereignisse gedacht haben könnte, sind spekulativ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2006
  15. starbuck

    starbuck Neues Mitglied

    also ich hab das ganze jetzt erst gelesen, also a bisserl spät dran ....

    ich kann dieter nur von a-z zustimmen. ich bin viel quer durch die türkei gereist in den letzten jahren und habe immer nur gutes von atatürk gehört, egal aus welchem teil.

    abgesehen davon, er war ein staatsmann der die türkei ins 20. jahrhundert geführt hat in sachen rechte der frau, bildung ... eine revolution.

    ich habe einwenig im internet gesucht nach zuverlässigen quellen zu dem thema und habe nirgendwo irgenwas gefunden. ich kann es mir auch absolut nicht vorstellen nach all dem was ich über diese person atatürk in den letzten jahren immer wieder gelesen habe.
     
  16. Kemalist_Turk

    Kemalist_Turk Gesperrt

    Resolution der Vereinten Nationen und der UNESCO anläßlich des hundertjährigen Geburtstages von Mustafa Kemal Atatürk

    “In der Überzeugung, daß Persönlichkeiten, die sich für die Verständigung und Zusammenarbeit unter den Nationen und für den internationalen Frieden eingesetzt haben, Vorbilder für zukünftige Generationen sein werden”,


    “In Anbetracht der Tatsache, daß der hundertste Geburtstag von Mustafa Kemal Atatürk, Gründer der Republik Türkei, im Jahre 1981 gefeiert wird”,
    “Im Wissen, daß er ein außergewöhnlicher Reformer in allen Bereichen gewesen ist, die in die Zuständigkeit der UNESCO gehören”,


    “In Anerkennung, insbesondere, daß er der Führer des ersten Kampfes war, der gegen den Kolonialismus und Imperialismus geführt wurde”,


    “In Würdigung, daß er ein hervorragender Förderer des Anliegens der Verständigung zwischen den Völkern und eines dauerhaften Friedens zwischen den Nationen der Welt war und daß er sein ganzes Leben der Schaffung von Harmonie und Zusammenarbeit zwischen den Völkern, ohne Unterschied der Farbe, Religion und Rasse gewidmet hat”,


    “Wurde beschlossen, daß die UNESCO im Jahre 1981 in Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung sowohl geistige als auch technische Pläne ausarbeite für ein internationales Kolloquium mit dem Ziel, der Welt die vielfältigen Aspekte der Persönlichkeit und der Leistungen ATATÜRKs nahezubringen, dessen Ziel es war, den Weltfrieden, die internationale Verständigung und die Achtung der Menschenrechte zu fördern”.


    (ausgerufen mit der zustimmung von 152 staaten)



    ----------------------------------------------------


    "Atatürk is:
    An outstanding person who devoted himself for
    the development of international understanding,
    cooperation and peace, a revolutionist who realized extraordinary reforms, the first Leader who fought against imperialism and colonialism.
    A unique Statesman respectful to human rights, pioneer of worldwide peace,
    who never discriminated people according to their color religion or race through out his life, founder of Turkish Republic."

    UNESCO (United Nations Educational Scientific and Culture Organizations)




    ----------------------------------------------------

    Atatürk Centennial - Wikipedia, the free encyclopedia


    das mal zu der bescheurten überschrift bzw. thema!
     
  17. Nakharar

    Nakharar Neues Mitglied

    Ich stimme zu, dass Atatürk einer der bedeutensten Staatsmänner der modernen Türkei war.
    Allerdings habe ich Schwierigkeiten mit deinem Avatar: "Don't believe Armenian lies" klingt stark nach Geschichtsrevisionismus. Der Völkermord an den Armeniern ist eine Tatsache und damit müssen die Türken eben leben. Ich finde es völlig unverständlich das einige Türken heute solche Schwierigkeiten haben das anzuerkennen, aber das ist beim Holocaust wohl genauso.
    Ich würde dir dringend empfehlen den Avatar zu ändern, die Moderatoren verstehen bei solchen Äußerungen keinen Spaß (*Schleim-Modus an: Zurecht wie ich finde)....
     
  18. Hurvinek

    Hurvinek Gast



    Die UNESCO stellt leider im eigenen Online-Archiv nur den Punkt 4.1 der 113. Session 1981 im Original zur Verfügung. Da geht es um die weitere Arbeit der kommenden Jahre.
    Den Item 2.1 und andere nicht.
    Da die 113.Session im Herbst 1981 stattfand ist die Ausrufung eines internationalen Atatürk-Jahres 1981 reichlich spät.
     
  19. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

  20. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Wenn du bei googlebooks (de und en) suchst, findest du Hinweise, dass es wohl stimmt:

    Ataturk and the Modernization of Turkey - Google Book Search

    Zeitschrift der Deutschen ... - Google Buchsuche

    hab nun nicht weiter gesucht. Wahrscheinlich steht es bei der UNESCO nur offline in ihrem Archiv zur Verfügung, oder haben sie alles komplett digitalisiert und ins Netz gestellt?

    EDIT:
    Hab grad mal nicht in der UNESCO selber gesucht, sondern google dazu benutzt, und über dreihundert Einträge gefunden:

    atatürk unesco site:unesco.org - Google-Suche

    Darunter diese Dokumente, die auch was erwähnen:

    http://www.unesco.org/education/uie/pdf/uiestud39.pdf
    http://unesdoc.unesco.org/images/0010/001017/101722E.pdf

    PS: Ich suche nun nicht weiter, oder lese penibel alles mögliche durch, denn ob es nun ein Jubiläumsjahr gab oder nicht, ist mir eigentlich schnuppe und erhöht für mich keine Bedeutung eines Menschen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. September 2008

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