Ursachen des deutsch-französischen Krieges 1870/71

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Namorada, 19. März 2011.

  1. Turgot

    Turgot Neues Mitglied


    Die Haltung Österreich-Ungarns

    Die Haltung Österreich-Ungarns während des Krieges und der sich abzeichnenden Reichsgründung läßt sich in drei Abschnitte unterteilen.

    Von Juli bis ca. Mitte August 1870 ist man durchaus willens in dem Krieg einzusteigen. Man möchte aber erste französische Siege abwarten. Dieser Zeitpunkt schien mit dem französischen Sieg bei Saarbrücken gekommen zu sein.

    Von Mitte August erfolgte dann ein Umschwung. Hintergrund waren ganz sicher die preußischen Erfolge bei Weißenburg, Wörth, Spichern und Mars la Tour am 04. und 06.August und 16.August 1870 gewesen. Nunmehr verfolgte der Ballhausplatz den Kurs, eine europäische Intervention in Forme eines allgemeinen Friedenskongresses anzustreben. Vornehmliches Ziel war den Krieg rasch zu beenden und vor allem eine zu mächtige Stellung Preußens zu und ein Ausgreifen auf Süddeutschland verhindern.

    Nachdem auch dies gescheitert war, erfolgte eine radikale Kursänderung.

    Ab dem November 1870 war die Entscheidung zugunsten Preußens gefallen und man war in Wien sehr willig auf die preußischen Avancen einzugehen. Beust setzte jetzt mit Einverständnis der Deutsch-Liberalen, der ungarischen Déakpartei und dem Kaiser voll auf einen prodeutschen Kurs.

    Der Ballhausplatz war jetzt sehr bemüht, ja keine Missstimmung aufkommen zu lassen. Ausschlaggebend dürften hier die Entscheidungen der vier süddeutschen Staaten für den Eintritt in das Deutsche Reich aber sicher auch die Kündigung der Pontusklauseln des Pariser Vertrages durch den russischen Kanzler Gortschakoff. Österreich-Ungarn benötigte einen starken Partner für seine künftig angedachte Balkanpolitik.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Februar 2012
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da scheint ja binnen weniger Wochen am Ballhausplatz eine dramatische Anpassung an realpolitische Veränderungen erfolgt zu sein. :winke:
     
  3. Turgot

    Turgot Neues Mitglied



    In der Tat!

    Als Quelle diente mir übrigens Lutz sein Werk "Österreich-Ungarn und die Gründung des Deutschen Reiches".
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke für diesen Hinweis. Das kannte ich nicht :winke:

    Sollen wir das in die Literaturliste zum Kaiserreich aufnehmen?
     
  5. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ja.:winke:
     
  6. Turgot

    Turgot Neues Mitglied


    Hierzu läßt sich noch ergänzen, das Bismarck ziemlich sauer auf den britischen Botschafter Lord Loftus, ua. wegen der britischen Waffenlieferungen war und dessen Ablösung betrieb.

    Er schrieb zu diesem Zwecke am 17.März 1871 einen Erlaß an den deutschen Botschafter Bernstorff in London: "Während des Krieges war die Lage der englischen Regierung uns gegenüber allerding schwierig. Die durch die englischen Gewohnheiten gestattete Ausfuhr von Kriegsmaterial rief in Deutschland eine Erbitterung hervor, deren lebhafte Aeußerungen in der PResse wir vergeblich zuzrückzuhalten versuchten. Die öffentlich Meinung in England wendete sich wider Erwarten im Laufe dieses frevelhaft begonnenen Krieges mehr und mehr zu Gunsten der französische Nation. Bei der durch die fast feindselige Haltung der englischen Presse gereizten hiesigen Stimmung hätte erwartet werden können, daß Lord Loftus mit verdoppelter Sorgfalt Alles vermeiden würde, was die Erregung der Deutsche öffentlichen Meinung steigern konnte. Diese Absicht schien ihm, wie seinem ganzen Personal, fern geblieben zu sein. Nicht nur bei der unter dem 02.November besprochenen Vorfalle, sondern durch ihr gesamtes Verhalten haben die MItglieder der englischen Botschaft, namentlich auch Mr. Petre,ihre Antipathien gegen Deutschland, ihre Partheiname für Frankreich in eine Weise kundgegeben, welche der neutralen Haltung der englischen Regierung nicht entsprach. [...]

    Ich fürchte in der Tat, daß die die schon früher für die mir am Herzen liegende Pflege der Beziehungen beider Länder, recht unbequeme Haltung des Lord A. Loftus während die Krieges sich zu einen Hinderniß des für uns so wünschenwerhten vertraulichen Verkehrs mit dem Vertreter Englands ausgebildet hat. Eure Excellenz wollen bei ganz vertraulicher Besprechung dieses Gegenstandes den Ton der Beschwerde sorfältig vermeiden. [...]" (1)

    Bismarck, Gesammlete Werke Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abt. 3, Band 1, Dokument Nr.12
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Wir wissen, das Bismarck, siehe Emser Depesche, im Juli 1870 einen Krieg mit Frankreich mindestens nicht mehr aus dem Wege ging; ganz im Gegensatz zu 1867.


    Wie sah das aber in Frankreich aus? Wollte Frankreich den Frieden erhalten oder lag man gar „auf der Lauer“, um eine passende Gelegenheit abzuwarten, um die Fehler und Ergebnisse von 1866 wieder rückgängig zu machen?


    In den Jahren 1867/68 hatte Frankreich mit Österreich und Italien Verhandlungen über ein formelles Bündnis geführt, die damit endeten, das die Monarchen gegenseitig Briefe austauschten, aber hinter den französischen Wünschen zurückblieben und vor allem entgegen französischer Interpretation keine Zusage zur Teilnahme am Krieg vorsahen. Noch im Juni 1870 war General Lebrun in Wien, um den Feldzugsplan gegen Preußen zu besprechen und seine Vorstellungen mit denen des Erzherzogs Albrecht abzustimmen.


    Des Weiteren stand man im engen Kontakt mit Dänemark hinsichtlich gemeinsamer militärischer Operationen gegen Preußen.. Auch mit dem exilierten König von Hannover war man in Verhandlungen. Gramont, als dieser noch Botschafter in Wien war, hatte dessen Vertreter in Paris mitgeteilt, dass die Politik Napoleons auf einem Krieg mit Preußen hinauslaufe, aber dafür die Armee aufgerüstet werden müsse.



    Es ging Paris darum, nicht als Aggressor dazustehen, um nicht gegen das ganze Deutschland fechten zu müssen.


    Auch Russland wollte man ins Boot holen, nur erhielt man von Gortschakow eine Abfuhr. Dieser war wohl überzeugt, dass Preußen gegen Frankreich ohnehin unterliegen werde.


    Frankreich hatte also für die Zukunft einen Krieg mit Preußen fest ins Auge gefasst, um die Macht Preußens zu brechen und Deutschland wieder den französischen Einfluss zu öffnen.


    Radewahn, Französische Außenpolitik vor dem Krieg von 1870
     
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  8. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die Entscheidung hierfür war am 16.Juli 1870 auf der Kabinettssitzung gefallen. Das Kabinett vertrat die Auffassung, das die Regierung zwar verpflichtet sei, dafür zu Sorge zu tragen, das ihre eigenen Untertanen nicht in dem Dienste einer der beiden kriegführenden Mächte trat, aber für die Aufbringung von Banngut waren die kriegführenden Mächte Frankreich und Preußen selbst zuständig. Der Bau von Kriegsschiffen, der Alabama Vorgang lässt grüßen, wurde allerdings untersagt.

    Nun ja, dem Kabinett dürfte aber wohl klar gewesen sein, was das in der Praxis bedeutet hat. Interessant war für die Briten zunächst erst einmal Belgien.
     
  9. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Erwähnenswert ist die Tatsache, das sich das Deutsche Reich, namentlich insbesondere Bismarck, sich über die britischen Lieferungen an Frankreich empörten und aufregte. Man versucht auch in diesem Sinne die britische Öffentlichkeit durch entsprechende Zeitungsartikel zu mobilisieren. Das war vor allem auch deshalb von Bedeutung, weil die britische Öffentlich überwiegend die beabsichtigte Annexion von Elsass und Lothringen nicht billigte.

    Nur, und das bemerkenswert, über die USA, die wesentlich mehr Waffen und Munition an Frankreich lieferten, wurde keine Empörung ventiliert. Auch übe diplomatische Kanäle ist meines Wissen nach kein Protest formuliert worden. Ganz offenkundig wurde im deutschen Auswärtigen Amt mit zweierlei Maß gemessen.
     
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  10. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Da könnte natürlich auch von Bismarck Kalkül hinterstecken.

    Denn er könnte mit Gedanken gespielt haben, den Briten die Möglichkeit eines Bündnisses zwischen Russland, Preußen und den USA an die Wand zu malen.

    Als Gortschakow die Pontuskrise durch die einseitige Kündigung des Pariser Vertrages durch seine Zirkularnote auslöste, war eine militärische Intervention Großbritanniens nicht auszuschließen. Und hier kommt Bismarcks Einseitigkeit in der öffentlichen Bewertung der Waffenlieferungen ins Spiel. London musste befürchten, dann nämlich die Rechnung für den Amerikanischen Bürgerkrieg präsentiert zu bekommen und das war Gladstone und Granville nur zu bewusst.
     
  11. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Was in diesem Kontext noch zu berichten ist, ist die Tatsache, das nach erfolgter Reichsgründung Jahrzehnte amtlicherseits massive Geschichtsklitterung betreiben worden war.

    So wurde Heinrich von Sybel für sein Werk "Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I." die Erlaubnis entzogen, die amtlichen Akten zu verwenden. Es wurde massive Einfluss auf ihm ausgeübt, dem er auch nachgab, die Geschichte der Thronkandidatur des Erbprinzen Leopold so darzustellen, das die preussische Regierung und natürlich auch der König Wilhelm bei diesen Vorgang vollkommen außen vor waren.

    Als man 1895 erfuhr, das Hermann Oncken einen Festschrift für Wilhelm I. in Arbeit hat, in der die Quellen der Hohenzollern von Sigmaringen Verwendung finden soll, haben sich erneut Reichskanzler und Auswärtiges Amt um eine "Polierung" der geschichtlichen Ereignisse bemüht.

    Peinlich war nur, das der König Karl von Rumänien, bekanntermaßen ein Hohenzollern aus Sigmaringen, sich keinen Maulkorb verpassen ließ und die Sachverhalten nach besten Wissen und Gewissen in seinem Werk wiedergab. Dadurch war die amtliche Version erschüttert.

    Es ist schon sehr ärgerlich, wenn man so mit der historischen Wahrheit umspringt und das eigene Volk vorsätzlich belügt.
     
  12. Tassilo III

    Tassilo III Neues Mitglied

    Der Deutsch-Französische Krieg war geschichtlich korrekt ein Französisch-Preußischer Krieg, den Bismarck durch die Emser Depesche absichtlich provoziert hatte. Denn nur wenn Preußen der durch die Kriegserklärung Frankreichs der "Angegriffene" war, griffen die geheimen Schutz- und Trutzbündnisse, die Preußen 1866 den unterlegenen süddeutschen Staaten (welche auf der Seite des Deutschen Bundes gekämpft hatten) aufgezwungen hatte. So mussten diese Ihre Streitkräfte unter den Befehl Preußens stellen, und nur so konnte Bismarck seine Preußisch dominiertes Hegemonialreich von 1871 "mit Blut und Eisen" im Siegestaumel der Bevölkerung zusammenschmieden.
     
  13. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Welcher Zwang?
    Die Verträge kamen durch preußisches Interesse UND das Schutzbedürfnis der süddeutschen Staaten zustande.
     
  14. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Hier ist sehr viel zum Thema geschrieben worden und es wurde deutlich, dass das Frankreich Napoleon III. ganz gewiss nicht unschuldig am Kriege war. Die Schuld einseitig Bismarck zuzuweisen, greift m.E. nach zu kurz.

    Und seit wann war der Deutsche Bund denn ein Staat? Die süddeutschen Staaten waren auf Seiten Österreichs in dem Krieg eingetreten.

    Die "geheimen" Schutz- und Trutzbündnisse wurden übrigens von Bismarck bereits im Jahre 1867 im Zuge der Luxemburg -Krise publiziert. Sie waren also während der Julikrise 1870 alles andere als geheim.
     

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