Ich gebe zu, dass ich etwas vorschnell und kurz war. Nichtsdestotrotz waren meine Hinweise auf die parlamentarische Tradition Englands und das Fehlen einer solcher in den Kleinstaaten des Deutschen Bundes richtig.
Dann sollte man aber auch dazu sagen, wie denn dieser Parlamentarismus aussah. Bis 1911 nämlich so, dass das
"House of Lords" über ein Veto-Recht verfügte, kraft dessen es so ziemlich jede unliebsame Vorlage abschmettern konnte.
Auf die Problematik der
"Rotten Boroughs" ist bereits hingewiesen worden, zumal wenn man diese noch auf die zusammensetzung des "
House of Lords" bezieht, mit dem Ergebnis, dass gewisse Adelscliquen in Großbritannien, Kraft derjenigen Sitze, die sie als Rotten Boroughs, mehr oder minder erblich in der Tasche hatte, Gesetzesvorlagen blockieren konnten ohne Ende, so dass das im Endeffekt im Ergebnis von den auf dem Kontinent gebräuchlichen parlamentarischen Ansätzen so weit nicht weg war.
Im Endeffekt ließen sich ohne die Lords, die ihre Sitze über dieses System in weiten Teilen seit Generationen gepachtet hatten und mehr oder minder vererbten, lediglich Gesetzesvorlagen einbringen und Haushaltsmittel bewilligen.
Das ähnelt in der Kompetenz dann sehr dem Reichstag im späteren Bismarck-Reich, bis zur liquidierung des Vetorechtes für die Lords und der sukzessiven Bereinigung und Anpassung der Wahlbezirke. Aber das wiederrum sind Entwicklungen, die sich bis in die ersten 2 Dekaden des 20. Jahrhunderts hineinziehen und definitiv nicht am Anfang des 19. jahrhunderts so gegeben sind.
Aufgrund der Kleinstaaterei konnte man keine große Projekte finanzieren wie z.B. England. Die Kolonialpolitik des II. Reiches war getrieben von dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, also mussten auf Biegen und Brechen Kolonien her, denn nur wer Kolonien hatte – und die meisten hatte England –, war wirklich groß und bedeutend. Im Denken vieler im Deutschen Reich.
Jetzt sage ich "o sancta simplicitas!".
Das Deutschland als Kolonialmacht in dieser Form nichts werden konnte, liegt nicht an der Kleinstaaterei zu tun die war ja längst beendet, als die zweite große Welle der Kolonisation losbrach oder mit parlamentarismus, sondern an dem Umstand der Mittellage zwischen Frankreich und Russland und darüber hinaus der vergleichsweise kurzen Küstenlinie und daran, dass die Hälfte der bedeutenden deutschen Häfen eher verkehrsungünstig an der Ostsee lagen.
Mit der Mittellage mussten, mit den entsprechenden Kosten natürlich Land- gegenüber Seestreitkräften priorisiert werden, da beides nebeneinander kaum finanzierbar, währen die Russen für ihr Imperium den Landweg nehmen konnten, also keine Flotte brauchten, die Briten kein großes Landheer brauchten und die Franzosen wenigstens nur mit einer potentiell wirklich gefährlichen Front zu tun hatten.
Im diese Gangart sich Kolonien beschaffen zu wollen, war ja nun bei leibe keine Spezialität und man könnte da durchaus mit Fug und Recht behaupten, dass andere Mächte episodisch noch deutlich agressiver auftraten.
Die USA griffen sich die Philippinen, Guam und diverse Pazifikinseln selbstredend, nach dem sie Spanien mit kriegerischen Mitteln von dort vertrieben hatten. Zwischn den Briten, den Franzosen und Russen gab es vor dem Russisch-Japanischen Krieg und dem 2. Burenkrieg auch Säbelgerassel ohne Ende.
Und auch meine Aussage „Leider geschah das mehr oder minder diktatorisch, d.h. fast ohne Einfluss des (ohnehin noch schwachen) Parlaments, was auch aufgrund des Minderwertigkeitskomplexes des Kaisers erst zur Hybris und dann zum Weltkrieg führte.“ ist richtig, denn sie enthält das Wort auch, was impliziert, dass es auch andere Gründe für den I. Weltkrieg gab.
Ja, und weil der der Kaiser mit seinen Minderwerigkeitskomplexen so ein hohes Risiko für den europäischen Frieden darstellte, schickte man ihn während eines beträchtlichen Abschnitts der Juli-Krise 1914 auch auf "Nordlandreise" und enthielt ihm zunächst die serbische Antwortnote auf das Österreichische Ultimatum vor, während die Falken in Bethmann-Hollwegs Kabinett, Kriegsministerium und Generalstab, sich bereits damit beschäftigten, die Vorbereitungen für die Generalmobilmachung zu treffen und die Sozialdemokraten auf Kriegskurs einzuschwören.
Das nun ausgerechnet die Hybris des Kaisers in den Weltkrieg geführt habe, ist schon eine ziemliche Grotteske. Denn wenn man dem Kaiser etwas vorwerfen kann, dann dass er am Ende der Generalmobilmachung zugestimmt hat, statt den anrollenden Zug anzuhalten.
Aber eingefädelt haben die Angelegenheit andere. Bethmann-Hollweg, Jagow, Delbrück, Moltke d.J., Falkenhayn etc. dürften da die weit maßgeblicheren Herrschaften gewesen sein.
Aber ich lasse mich natürlich gerne durch einschlägige Verweise auf den Forschungsstand davon überzeugen, dass des Kaisers Hybris schuld am Weltkrieg war.
Ich halte die psychische Verfassung von politisch handelnden Personen für sehr wichtig. Der Minderwertigkeitskomplex des Kaisers ist keine neue Erkenntnis, für einen schnellen Überblick reicht vielleicht das, was der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre 1940 über Wilhelm II. geschrieben hatte (bitte ganz nach unten scrollen):
Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen – Zitat:
Seine Mutter ist Engländerin und Anglomanin. Und England ist zunächst seine Mutter. Aber diese Mutter verachtet und haßt ihn, vor allem weil er ein Krüppel ist.
(…)
Demütigungen in der Kindheit. Englische Demütigungen, das Kind wird englisch erzogen, und es haßt seine englische Erziehung. Trotzdem bleibt es beherrscht von der englischen Hoffart, England gegenüber hat es seinen Minderwertigkeitskomplex. Aber es findet gerade in der Besonderheit seines Seins-zum-Herrschen eine Art Revanche.
Bevor man sich in Hobbypsychologie ergeht um das Handeln einer Person zu erklären, sollte man aber vielleicht erstmal reflektieren, worin dieses Handeln bestand.
Ja, die verbalen Ausfälle des Kaisers waren grauenhaft, teilweise (Hunnen-Rede) auch verbrecherisch.
Zu was hat es aber geführt?
Im Grunde hat es zu seiner Regierungszeit 4 größere Auseinandersetzungen mit deutscher Beteiligung gegeben.
Die internationale "China-Mission", die Niederschlagung des Herero-Aufstands, die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands und den 1. Weltkrieg.
Die beiden Aufstafrikanischen Aufstände waren die typischen innerkolonialen Auseinandersetzungen, wie sie jede größere Kolonialmacht hatte und darüber hinaus ohne besonders starke Einmischung des Kaisers.
Die Hunnenrede war sicher verbrecherisch und mag sich auf die Art und Weise in der die Truppen in China agierten ausgewirkt haben, aber im Hinblick auf das Eingreifen in China an und für sich, verfolgte man durchaus keinen Sonderweg, sondern das war die Politik, die die anderen Kolonialnationen auch betrieben, in Teilen mit größeren Truppenkontingenten und auf der Zeitachse gesehen, war Deutschland hier eher Nachzügler.
Die eigenen Truppen trafen ja erst in China ein, als andere Kontingente schon längst vor Ort waren.
Im Hinblick auf die Juli-Krise, möchte ich bei obigem bleiben.
Natürlich agierte der Kaiser unglücklich und natürlich war der Blanko-Scheck an die österreichische Seite alles andere als eine besonnene Politik.
Aber wenn man sich die Ereignisse ansieht, war Wilhelm der Letzte nun wirklich keine der treibenden Kräfte, die darauf hingearbeitet hätte einen möglichen Weltkrieg vom Zaun zu brechen.
Das es nach der Antwort auf das Ultimatium im Grunde keinen Kriegsgrund mehr gab, hat der Mann selbst bemerkt, und selbst als es dann los ging, stand der "Halt-in-Belgrad"-Vorschlag auch immer noch im Raum.
Wenn man Wilhelm II. im Hinblick auf den 1. Weltkrieg etwas vorwerfen kann, dann nicht, dass er zu impulsiv gewesen wäre, sondern dass er zu passiv war und nicht fähig auf den Tisch zu hauen, die Maschinerie anzuhalten und nötigenfalls Moltke, Falkenhayn und die zivilen Kriegstreiber vor die Tür zu setzen, als sich abzeichnete, dass man zu einer Verhandlungslösung kommen könnte und als sich gleichzeitig abzeichnete, dass diese Sitaution auf dem Weg war auszuarten.