Warum gab es keine Doppeleffekte

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Griffel, 19. Februar 2021.

  1. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Bis 1918 galt in Großbritannien ein Wahlrecht bei dem keine Frauen (wie auch in Deutschland zu dieser Zeit) und auch nur 60% der Männer über 21 Jahren wahlberechtigt waren. Das ganze war eine schleichende Entwicklung weg vom Zensuswahlrecht (nach Steueraufkommen), das sich in mehreren Reformen zuvor ankündigte. Nach der Wahlrechtsreform von 1884 waren nur männliche Haushaltsvorstände über 21 Jahren im UK wahlberechtigt, bzw. mit einer Jahrespacht von über £10.
    Zum Vergleich: Nach der Reichsverfassung von 1871 war jeder männliche Bürger in Deutschland über 25 Jahren wahlberechtigt - unabhängig vom Einkommen, Vermögen oder Familienstand. Das galt für Wahlen zum Reichstag. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube im Land Preußen - zum Preußischen Landtag - galt bspw. noch ein Zensuswahlrecht.
     
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  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ist richtig, in Preußen galt bis zum ersten Weltkrieg noch das Zensuswahlrecht, was mitunter bei der Sozialdemokratie die Blüte trieb, sich dass allgemeine und gleiche Wahlrecht in Preußen durch Bewährung im Krieg "erwerben" zu wollen.
     
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  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Niemand sagt, dass Parlamentarismus Englands in der Personalunionszeit des Königs mit Hannover perfekt war, doch zumindest gab es da ein Gegengewicht zum König. Ich halte die Macht des Parlaments, über Steuern und deren Verwendung zu entscheiden, für sehr, sehr wichtig, denn ohne Geld kann auch aus den „großartigsten“ Projekten des Königs nichts werden. Dieses Recht des englischen Parlaments wurde 1689 durch die Bill of Rights kodifiziert – darauf habe ich bereits in meinem ersten Statement in diesem Thread hingewiesen.

    In Hannover dagegen wurde wie im Mittelalter absolutistisch regiert, ein Parlament gab es erst ab 1819 und das hatte nur eine beratende Funktion – ein Feigenblatt also.
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Im Mittelalter wurde irgendwas absolutistisch regiert? Die Vorstellung dürftest du exklusiv haben.
     
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  5. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Du hast Recht, der Hinweis auf Mittelalter war falsch.

    Was ich meinte war: Der König konnte schalten und walten, wie er wollte, denn es gab niemand, der ihn daran hindern konnte. Die Personalunion mit England hatte durchaus wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht, aber statt die Gewinne daraus zu investieren, steckten die Hannoverschen Kurfürsten und Könige das Geld in die eigene Kasse – Zitat aus Wikipedia:

    Das sehr agrarisch geprägte Land produzierte weit mehr Produkte, als es für den eigenen Gebrauch benötigte, und fand im britischen Empire einen Abnehmer seiner Überschüsse. Die im Entstehen begriffene Industrie Großbritanniens konnte im Gegenzug das Kurfürstentum mit fehlenden Gütern versorgen.
    (...)
    Die Einkünfte aus den Domänen und die Steuern hatten selbst während der glänzenden Hofhaltung der Fürsten der letzten Generation zeitweise Überschüsse ergeben. Trotz relativ hoher Ausgaben für die Beamtenschaft, das stehende Heer und die in Hannover weiter bestehende Hofhaltung wanderten dennoch erhebliche Beträge in die Kasse des Kurfürsten-Königs und ermöglichten die Begründung eines bedeutenden Hausschatzes.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Hannover war unter den deutschen Ländern durchaus so etwas wie ein Musterstaat mit soliden Finanzen, einem gut ausgebildeten Militär und Beamtenapparat, die ersten "Hannoverians" Georg I. Ludwig und sein Sohn Georg II. August waren beide noch in Deutschland geboren, reisten gerne in die alte Heimat und kamen oft wochen- und monatelang nicht nach England zurück. Georg I. integrierte sich eigentlich so recht in England, schlimmer noch er zeigte ganz offen, dass er sich nicht viel aus den Briten machte und nicht mal bereit war, die Sprache ordentlich zu lernen.

    Großbritannien war eine parlamentarische Monarchie, der Einfluss des Monarchen auf die britische Politik war beschränkt, und Premierminister wie Robert Walpole sahen es äußerst kritisch, als Georg I. als Kurfürst von Hannover in den Nordischen Krieg eingriff, um die schwedischen Besitzungen Bremen und Verden zu annektieren. und die britische Politik in den Sog hannoverscher Interessen geriet. Dem versuchten natürlich britische Premiers und Politiker zu vorzubeugen, es war jedenfalls der Handlungsspielraum hannoversche Interessen mit britischen zu vermischen begrenzt.

    Hannover war ein absolutistischer Staat, es hatte die Herzöge und später Kurfürsten einiges an Mühe gekostet, die Stände zu kontrollieren und die Macht der Krone durchzusetzen, es gab keinen Anlass für die Fürsten, britische Verhältnisse und Institutionen 1:1 zu kopieren, es hatte teils heftige Auseinandersetzungen mit den Landständen gegeben. Landtage aber hatte es im Hannoverschen im Mittelalter schon gegeben, das brauchte man sich nicht von den Briten abzugucken. Ein Parlament mit recht liberaler Verfassung gab es im Königreich Westphalen, zu dem das heutige südliche Niedersachsen von 1807-1813 gehörte. Ein Parlament wurde dann auch mit der Ständeversammlung des Königreichs Hannover 1819 geschaffen. Im Zuge der Julirevolution in Frankreich kam es auch in Hannover zu Unruhen, und es kam zu Reformen, die den einzelnen Bürgern mehr Rechte einräumten und auch zur Verabschiedung einer liberalen Verfassung 1833. Als 1837 diese Verfassung von König Ernst August I. kassiert wurde, kam es 1837 zum Protest der Göttinger Sieben. Sieben bekannte Professoren, darunter der Staatsrechtlehrer Wilhelm Eduard Albrecht, der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, der Literaturwissenschaftler Gervinus, der Orientalist Heinrich Ewaldt, die Juristen und Germanisten Wilhelm und Jakob Grimm und der Physiker Wilhelm Eduard Weber.

    Insgesamt hat das Kurfürstentum und später Königreich Hannover eigentlich schon von der Personalunion mit GB profitiert. Kurhannover konnte von 1714-1837 sein Territorium beträchtlich ausdehnen und war ein Gewinner des Wiener Kongress. GB war ein wichtiger Absatzmarkt für die hannoversche Wirtschaft.


    Es haben andere Diskutanten schon auf die Gründung der Georgia Augusta in Göttingen 1737 verwiesen. Das war eine relativ späte Universitätsgründung, aber Göttingen entwickelte sich, auch dank großzügiger Förderung aus GB zu einer der berühmtesten deutschen und europäischen Universitäten. Also, dass es keine Gründungen von Schulen oder Hochschulen gegeben hätte stimmt so nicht.

    Schade ist natürlich, dass es nie zu einem Hannoversch Indien kam. Hermann Löns hat manchmal ziemlich öden Blut und Boden-Mist geschrieben, aber ein Buch von ihm über Tigerjagd würde ich gerne lesen. Wie schade, das es so etwas wie Thomas de Quinceys Confessions und Coleridges Kublay Khan nicht auf plattdeutsch gibt, oder so etwas wie die Kurzgeschichten Sommerset Maughams.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2021 um 02:03 Uhr

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