Scorpio
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Die Sklavin selbst war von Thaphischen Piraten (=Achäern) geraubt und an den Vater des Eumaios verkauft worden. Man beachte die Parallele zu Eumaios eigener Biografie. Nur, dass in ihrem Fall eine adelige Phönikierin das Opfer ist und die Seeräuber Achäer sind. Die Sklavenjagd und der Menschenhandel werden von Homer nicht gewertet, sondern als ganz normale Geschäfte dargestellt, die sowohl unter den Phönikiern als auch unter den Achäern ganz normal waren, und das offensichtlich auch noch, als Homer dies niederschrieb.
Die Übergänge von Seehandel und Piraterie waren häufig fließend. Odysseus selbst nimmt gegenüber Eumaios die Identität eines "Privateers" hätte man in der frühen Neuzeit gesagt, den unehelichen Sohn eines reichen Mannes, der ein nicht ungeschickter Kaperkapitän war.
Nestor fragt bei seiner Ankunft Telemachos in welchen Geschäften er unterwegs sei, ob als Händler, in diplomatischer Mission oder eben als Pirat-und letztere Tätigkeit ist keineswegs grundsätzlich eine ehrenrührige.
"Oh, ihr Fremden, wer seid ihr? Woher die Pfade, die feuchten
Kommt ihr gefahren? In welchem Geschäft?
Oder treibt ihr euch ziellos über das salzige Meer, wie Piraten
Welche ihr Leben riskieren, den Fremden Böses bereitend?
Homer Odyssee III, 68-75
Odysseus erzählt Eumaios eine regelrechte Piratenvita. Odysseus Alter Ego wird bei der Erbteilung übergangen, macht sich als Kaperer selbstständig, nimmt am Trojanischen Krieg teil und muss wegen einer Fehde mit Idomeneus das Land verlassen. Bei einem Überfall auf ein ägyptisches Dorf wendet sich das Blatt, er gerät in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft, wird aber vom König geschützt und widmet sich 7 Jahre in Ägypten allerlei Geschäften.
Wieder tritt ein fieser Phönikier ins Spiel. Ein Händler nimmt ihn nach Libyen mit, mit dem Hintergedanken, ihn dort als Sklave zu verkaufen:
Da erschien ein phönikischer Mann, ein Betrüger und Gauner,
Der bereits viel Böses getan hatte unter den Menschen.
Nahm er nach Libyen mich mit auf meerdurchfahrendem Schiffe,
Unter dem Vorwand, ich solle die Fracht mit ihm führen.
Dort gedachte er mich für hohen Gewinn zu verkaufen
Odyssee XIV., 288-297
Das Vorhaben scheitert aber, nahe der Küste Kretas gerät man in einen Sturm, und der Phönikier und seine Freunde werden von Bord gespült. Erzähler überlebt als Einziger. Er geht aber wieder in See nach Aufenthalten im Land der Threspoten, deren König ihm wohlgesonnen ist. Er sendet Odysseus mit einem Schiff nach Dulichion, doch die Crew hat andere Pläne und beschließt, ihn als Sklaven zu verkaufen. Er kann sich aber retten, und so kam er nach Ithaka und zu Eumaios.
Odyssee XIV., 325-345 ff.
