Der Kampf gut gegen böse - Römer und Punier

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Die Sklavin selbst war von Thaphischen Piraten (=Achäern) geraubt und an den Vater des Eumaios verkauft worden. Man beachte die Parallele zu Eumaios eigener Biografie. Nur, dass in ihrem Fall eine adelige Phönikierin das Opfer ist und die Seeräuber Achäer sind. Die Sklavenjagd und der Menschenhandel werden von Homer nicht gewertet, sondern als ganz normale Geschäfte dargestellt, die sowohl unter den Phönikiern als auch unter den Achäern ganz normal waren, und das offensichtlich auch noch, als Homer dies niederschrieb.

Die Übergänge von Seehandel und Piraterie waren häufig fließend. Odysseus selbst nimmt gegenüber Eumaios die Identität eines "Privateers" hätte man in der frühen Neuzeit gesagt, den unehelichen Sohn eines reichen Mannes, der ein nicht ungeschickter Kaperkapitän war.

Nestor fragt bei seiner Ankunft Telemachos in welchen Geschäften er unterwegs sei, ob als Händler, in diplomatischer Mission oder eben als Pirat-und letztere Tätigkeit ist keineswegs grundsätzlich eine ehrenrührige.

"Oh, ihr Fremden, wer seid ihr? Woher die Pfade, die feuchten
Kommt ihr gefahren? In welchem Geschäft?
Oder treibt ihr euch ziellos über das salzige Meer, wie Piraten
Welche ihr Leben riskieren, den Fremden Böses bereitend?

Homer Odyssee III, 68-75

Odysseus erzählt Eumaios eine regelrechte Piratenvita. Odysseus Alter Ego wird bei der Erbteilung übergangen, macht sich als Kaperer selbstständig, nimmt am Trojanischen Krieg teil und muss wegen einer Fehde mit Idomeneus das Land verlassen. Bei einem Überfall auf ein ägyptisches Dorf wendet sich das Blatt, er gerät in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft, wird aber vom König geschützt und widmet sich 7 Jahre in Ägypten allerlei Geschäften.

Wieder tritt ein fieser Phönikier ins Spiel. Ein Händler nimmt ihn nach Libyen mit, mit dem Hintergedanken, ihn dort als Sklave zu verkaufen:

Da erschien ein phönikischer Mann, ein Betrüger und Gauner,
Der bereits viel Böses getan hatte unter den Menschen.
Nahm er nach Libyen mich mit auf meerdurchfahrendem Schiffe,
Unter dem Vorwand, ich solle die Fracht mit ihm führen.
Dort gedachte er mich für hohen Gewinn zu verkaufen

Odyssee XIV., 288-297

Das Vorhaben scheitert aber, nahe der Küste Kretas gerät man in einen Sturm, und der Phönikier und seine Freunde werden von Bord gespült. Erzähler überlebt als Einziger. Er geht aber wieder in See nach Aufenthalten im Land der Threspoten, deren König ihm wohlgesonnen ist. Er sendet Odysseus mit einem Schiff nach Dulichion, doch die Crew hat andere Pläne und beschließt, ihn als Sklaven zu verkaufen. Er kann sich aber retten, und so kam er nach Ithaka und zu Eumaios.

Odyssee XIV., 325-345 ff.
 
Odysseus erzählt Eumaios eine regelrechte Piratenvita
Diese enthält einige Ungereimtheiten, die dem Eumaios auffallen hätten können, wenn er bei Geographieunterricht im Palast des Laertes aufgepasst hätte.

1. stellt Odysseus es so dar, als sei sein Alter Ego als freier und sogar wohlhabender Mann vom Phönikier überredet worden, Ägypten zu verlassen, wo er "Reichtum gesammelt" habe und den "argen Betrüger" in die Levante zu begleiten.
2. Die Reise nach Lybien macht er dann mit, argwöhnend zwar, aber er behauptet, "er musste" (nun stellt er es so dar, als sei er kein freier Mann gewesen)
3. Die Route schließlich muss zuerst entlang der der kleinasiatischen Küste verlaufen sein, denn ein Nordwind führt sie zuerst nach Kreta (!)
4. Sie fahren "über Kreta" und verlassen dann Kreta. Ich meine: das Alter Ego gibt er als Kreter aus, der Haus, Frau und Kind in Kreta hat. Warum in aller Welt besucht er diese nicht oder beendet seine "Odyssee" bei dieser Gelegenheit: aus Abenteuerlust, die man dann dem Odysseus selbst, als Erfinder dieser Lügengeschichte, ebenfalls unterstellen könnte, dass ihm nämlich das Umherziehen mit dem Schiff in Wahrheit viel lieber und wichtiger ist als die Heimkehr, oder will er damit deutlich machen, dass sein Alter Ego schon zu diesem Zeitpunkt kein freier Mann mehr war. Warum hat Eumaios nicht nachgefragt?
5. Nachdem sie Kreta verlassen hatten, um vermutlich auf dem kürzesten Weg die Küste Afrikas über das offene Meer zu erreichen, wird das Schiff durch einen Sturm zerstört. Der Held der Lügengeschichte klammert sich am Haupmast fest und wird nach zehn Tagen an der Küste von Epiros angetrieben.

Ein Blick auf die Karte zeigt, dass die Luftlinie zwischen Unfallort und Korfu als Referenzpunkt für das Reich der Thesproten zumindest 600 km beträgt. Unser Held müsste also mit durchschnittlich 3 km/h dahin getrieben sein, was ja durchaus sein kann. Aber dies ohne schon vorher am Pellopones oder einer Insel angeschwemmt zu werden? Wie hat er 10 Tage lang überlebt, ohne Wasser und Nahrung? Auch hier frage ich mich, warum Eumaios nicht nachfragt.

Alter Ego Kreter.JPG
 
warum Eumaios nicht nachfragt
Ich will mich bemühen, zum eigentlichen Thema gebührend beizutragen. Dennoch muss ich abschweifen, um die Lügengeschichte in ihrer Rafinesse zu würdigen.

Zum einen gebot es (vermutlich) die ohnehin bereits gewähre Gastfreundschaft, die bekanntlich unter dem besonderen Schutz des Zeus stand, die Geschichte des Gastes einfach gelten zu lassen, zumal sich dieser bereits als Privateer geoutetet hatte. Hinzu kommt der Listenreichtum Homers (!) der ja nicht minder listenreich ist, als sein Held Odysseus, den er nicht müde wird, für eine Eigenschaft zu rühmen, die er selbst im hohen Masse besessen haben muss.

Dieser Listenreichtum äußert sich darin, dass er seinem Publikum, das zu gut einem Drittel aus Sklaven bestanden haben mag, den Eumaios als Identifikationsfigur anbietet. Als ihm (dem Homer) sehr nahestehende und liebe Figur, die er zweimal mit "Du" anredet - eine Vertraulichkeit, die in der gesamten Odyssee exklusiv unter den Sterblichen für den Eumaios reserviert ist, die der Sklave im Publikum als direkte Anrede seiner selbst empfinden soll. Und das in einem Lied, das ein moralisches Lehrstück samt grausamer göttlicher Strafe für untreue Sklaven enthält. Wie raffiniert!

Doch damit nicht genug der Rafinesse, lässt Homer den Odysseus seinen Schweinehirten gekonnt einwickeln, mit dem Rührstück, sein erfundenes Alter Ego habe ebenfalls Schlimmes durch die "arg betrügerischen" Phönikier erdulden müssen, und er sei - wie Eumaios selbst - als eigentlich Adeliger in die Sklaverei gefallen durch Verschulden der Phönikier. Man verzeiht dem Eumaios, dass er nicht nur von Mitgefühl ergriffen ist, sondern auch ein wenig abwesend, weil vom Beklagen des eigenen Schicksals ergriffen, gar keinen Sinn für das Hinterfragen der Lügengeschichte haben kann. Odysseus gelingt es dadurch, dem an sich skeptischen Eumaios seine Geschichte reinzudrücken (14, 125).

Jeder Fremdling, wen auch das Schicksal nach Ithaka führet,
Geht zu meiner Königin hin, und schwatzet Erdichtung.


Um nun dem Vorurteil des Griechen gegenüber dem Phönikier wieder näher zu kommen, kann ich folgende Überlegung anbieten: Odysseus und auch sein erlogenes Alter Ego sind beide Adelige, die sich für herkömmliche Arbeit, Häuslichkeit und andere Pflichten und Freuden des gemeinen Volkes nicht gerade begeistern können. Vorsorglich charakterisiert Odysseus einleitend sein Alter Ego auch genau in diese Richtung (14, 223 ff):

Als focht ich im Krieg', und liebte weder den Feldbau,
Noch die Sorge des Hauses, und blühender Kinder Erziehung;
Aber das Ruderschiff war meine Freude beständig.
Schlachtengetös' und blinkende Speer' und gefiederte Pfeile:
Lauter schreckliche Dinge, die andre mit Grauen erfüllen!
Aber ich liebte, was Gott in meine Seele geleget;
Denn dem einen gefällt dies Werk, dem anderen jenes.
 
In Bezug auf diesen Konflikt, oder auf Konflikte im Allgemeinen?
Es geht mir schon speziell um die Punischen Kriege. Weil diese eben (hier im Forum) oft als Konflikte Gut gegen Böse erzählt werden, mit einer klaren Täter-Opfer-Verteilung. Was mich dabei immer erstaunt, ist wie leichtfertig dabei übersehen wird, dass beide Mächte ja nicht aneinander gerieten, weil sie brav in ihrem Territorium blieben und nur friedlich Handel trieben. Nö! Beide waren durch Kriege und aggressive Expansion so weit gekommen, dass sie sich nun plötzlich gegenseitig ins Gehege kamen. Und da ist bei einigen hier im Forum das karthagische Auge blind.

Es gibt natürlich immer Konflikte, wo man klar Aggressor und Opfer/Verteidiger klar auseinanderhalten kann. Man kann auch beim Zweiten und Dritten Punischen Krieg ganz klar die Kriegsschuldfrage feststellen - wobei nicht nur der deutsch-spanische Historiker Pedro Barceló, sondern auch andere spanische Historiker durchaus diskutieren, ob der Ebro des Ebro-Vertrags wirklich der Ebro und nicht etwa der Júcar gewesen sei - ich halte diese Diskussion für Unsinn und bin daher über sie erstaunt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Es gibt natürlich immer Konflikte, wo man klar Aggressor und Opfer/Verteidiger klar auseinanderhalten kann. Man kann auch beim Zweiten und Dritten Punischen Krieg ganz klar die Kriegsschuldfrage feststellen

Beim Ersten auch.

Von daher erstaunt die ursprüngliche Fragestellung schon etwas.

Niemand wird Karthago als immer überall "gut" und Rom als immer überall "böse" darstellen.

Aber es gab drei punische Kriege, alle drei wurden durch Rom vom Zaun gebrochen, und bei allen liegt die Vermutung mehr als nahe, dass Rom sich einen unliebsamen Konkurrenten vom Hals schaffen wollte und auf Beute aus war.
 
Vielleicht müsstet du bitte einmal den Tatsachen ins Auge sehen, nämlich das die Römer in der Antike zu einer Brutalisierung des Krieges beigetragen haben. Bis die Römer auf der Bildfläche erschienen, war es "gute Sitte", das eine Kriegspartei irgendwann erkennt, das sie unterlegen ist und dann mit der anderen Partei einen Verhandlungsfrieden abschließt. Nicht so die Römer.
Das Problem mit dem Altertum ist, dass die Geschichtsschreibung erst spät einsetzt. Die Zeit vor den Römern ist daher eher Vorgeschichte - zumindest im westlichen Mittelmeerraum.

Im östlichen Mittelmeerraum gibt genügend Beispiele für eine "Brutalisierung des Krieges" in vorrömischer Zeit. Beispielhaft ist etwa die völlige Zerstörung verschiedener Städte wie Theben, Tyros oder Persepolis durch die Truppen Alexanders.
Das Eintreffen der Römer wurde nirgends als Paradigmenwechsel hin zur Brutaliät wahrgenommen.
Die Zerstörung Jerusalem durch Titus galt als das Auftreten eines neuen Weltreiches oder eines neues Tieres. Nichts neues - das gab es alles schon.

Tatsache ist, dass "gute Sitte" nicht mal im mythischen Zeitalter der Heroen galt. Das zeigt etwa wie Zerstörung Trojas in Homers Sage. Dass Rom eine besondere Bestimmung hat, haben die Römer aber erst in augusteischer Zeit bemerkt, als Vergil das Schickksael der Städte Troha, Karthago und Rom in der Sagenwelt verknüpfte.
 
Im östlichen Mittelmeerraum gibt genügend Beispiele für eine "Brutalisierung des Krieges" in vorrömischer Zeit. Beispielhaft ist etwa die völlige Zerstörung verschiedener Städte wie Theben, Tyros oder Persepolis durch die Truppen Alexanders.

Ein weiteres Beispiel ist die Belagerung von Melos durch die Athener während des peloponnesischen Krieges 416 v. Chr., bei der die Athener nach der Kapitulation der Melier alle erwachsenen Männer hinrichteten und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauften.

Das wurde von Thukydides im berühmten Melierdialog verewiglicht:

Melierdialog – Wikipedia

Derartiges war wohl auch damals nicht alltäglich, sonst hätte sich Thukydides wohl auch nicht so ausführlich damit beschäftigt, aber es kam eben vor.
 
Beim Ersten auch.
Sehe ich nicht so.

Niemand wird Karthago als immer überall "gut" und Rom als immer überall "böse" darstellen.
Der Adjektivgebrauch spricht Bände.

Aber es gab drei punische Kriege, alle drei wurden durch Rom vom Zaun gebrochen, und bei allen liegt die Vermutung mehr als nahe, dass Rom sich einen unliebsamen Konkurrenten vom Hals schaffen wollte und auf Beute aus war.
Wie gesagt, dass der Erste Punische Krieg von Rom vom Zaun gebrochen wurde, sehe ich nicht so. Die Karthager rüde zur Hilfe gerufen und wieder aus der Stadt geschmissen, dann wurde Rom zur Hilfe gerufen und die Stadt von Karthagern und Syrakusern belagert. Wer ist da im Recht?
Beim Zweiten Punischen Krieg teile ich diese Auffassung zwar, aber der Ehrlichkeit halber muss man einfach festhalten, dass das nicht unumstritten ist*. Was dem Zweiten Punischen Krieg allerdings voraus ging, ist karthagische Aggression gegen iberische Völker und Städte, die war zwar für Rom nur ein Vorwand einschließlich (mutmaßlichen) Vertragsbruchs römischerseits, aber die karthagische Aggression gegenüber Iberern wird halt gerne unter den Tisch gekehrt.

*Aus meiner Sicht beging Rom hier Vertragsbruch, aber es gibt Stimmen, die meinen, dass Saguntum nördlich des Iberos (der dann mit dem Júcar identifiziert wird) gelegen hat. Diese Stimmen stützen sich auf den antiken Historiker Appian. Ich glaube, dass Appian hier entweder einem Irrtum unterlag oder aber - um ehrlich zu sein halte ich das sogar für wahrscheinlicher - log!
Andere Stimmen sind der Meinung, dass Saguntum vom Ebrovertrag ausgenommen gewesen sei. Ich halte beides für Unsinn, aber sei es wie es sei: Was machte Karthago dort?
 
Was machte Karthago dort?
Im Bild gesprochen:
die Supermärkte (Punien) machen die kleineren Tante Emma Läden (allerlei weniger "handelsexpansive" Anrainer) peu a peu platt und etablieren sich expansiv, dominieren Handelsrouten (Mittelmeer, Seehandel) wobei wir im Auge behalten, dass damals Seehandel und Piraterie sozusagen zwei Seiten derselben Medaille waren. Und sie taten das nicht für eine weltumspannende Allgemeinheit, sondern einzig für die eigene Tasche - Verluste in anderer Leute Börse waren nicht nur egal, sondern geradezu erwünscht. Für die Fortexistenz der Tante Emma Läden ist es relativ unerheblich, ob sie durchs Schwert oder durch übermächtige Konkurrenz platt gemacht werden. Wobei die antiken "Supermärkte", also die Punier, durchaus auch die "Usance" des Waffengangs im Repertoire hatten und sich nicht einzig auf "Handelskriege" beschränkten.
 
Ist das das Thema?
Selbstverständlich. Wenn man die Legende entwirft oder ihr folgt, dass die Karthager die Opfer und die Römer die Täter waren und sich zu Behauptungen versteigt, dass allein die Römer aggressiv-expansiv agierten (was dann belegt wird mit der Aufforderung sich die spätere Ausdehnung des Imperium R9manum anzusehen), dann muss man wirklich sehr gute Erklärungen dafür anführen, was die Karthager eigentlich in Messina taten - oder eben in Spanien.

Das rechtfertigt dennoch in keinster Weise das Eingreifen des zweiten "Big players", der dabei mit Sicherheit keine besseren Absichten hatte.
Richtig. Genau davon will ich doch weg, von solchen dieser war besser, jener war schlechter.
 
Macht es Roms Vorgehen besser, dass die Karthager zwischenzeitlich Iberer massakrierten?
Nein, und das habe ich auch nie behauptet. Aber es ist doch Murks die Karthager als Opfer darzustellen, wenn sie selber expandierten und - wie du sagst - massakrierten. Die Karthager haben sich nicht anders verhalten, als die Römer. Aber weil die Geschichte ex post nacherzählt wird, wird eine David-gegen-Goliath-Geschichte daraus, mit den Römern als Täter und den Karthagern als Opfer. Und das stimmt einfach nicht. Die Römer waren am Ende einfach erfolgreicher.
Ich verstehe auch diesen Zwang, sich auf eines Seite stellen zu müssen (der auch der Grund dafür ist, dass es an der Vorstellung dafür mangelt, dass Kritiker sich eben auf keine der Seiten stellen) nicht.
 
Der "Befriedung" und anschließende Romanisierung weiter Teile der Alten Welt durch das Römische Reich sind mehr als nur eine Zivilisation zum Oper gefallen, die das Potential gehabt hätte, einen etwas anderen Touch in unser heutiges Abendland zu bringen. Die punische war verdammt nahe dran und das prominenteste Beispiel dafür, wie arschknapp und richtungsweisend es zugehen kann. Allein:
Die Römer waren am Ende einfach erfolgreicher.
Und wir, die wir hier darüber spekulieren und diskutieren, samt unserer Diskussion sind wir Nachkommen der Sieger. Wir sind die Römer. Verdammt erfolgreiche Arschlöcher. Über Leichen sind wir gegangen, aber niemals ganz hinweg gekommen.
 
Aber weil die Geschichte ex post nacherzählt wird, wird eine David-gegen-Goliath-Geschichte daraus, mit den Römern als Täter und den Karthagern als Opfer.

Aber genau deine Darstellung ist doch ex post.
Weil die Karthager in einem ANDEREN Fall (Iberer) Täter sind, sind sie dennoch gegenüber den Römern Opfer, und die Römer die Täter. Im Verlauf dessen wurde eine Hochkultur vernichtet, was viele bedauern.
 
Aber genau deine Darstellung ist doch ex post.
Weil die Karthager in einem ANDEREN Fall (Iberer) Täter sind, sind sie dennoch gegenüber den Römern Opfer, und die Römer die Täter. Im Verlauf dessen wurde eine Hochkultur vernichtet, was viele bedauern.
Meine Hinweise darauf, dass die Karthager nicht weniger aggressiv und expansiv als die Römer waren, rückt eigentlich nur das schiefe Bild gerade, dass die Römer alleinige Aggressoren und die Karthager deren arme Opfer waren.
 
Besser jedenfalls als die umgekehrte Saga, die Römer hätten ein riesiges Weltreich erobert, indem sie sich immer nur verteidigten und im äußersten Notfall bei ihren Klientelstaaten eingriffen
Da das vermutlich auf mich gemünzt ist:
Ich habe nie behauptet, die Römer hätten sich nur verteidigt. Natürlich wahrten sie aktiv ihre Interessen. Vor allem aber, wenn sie erst einmal irgendwo aus irgendeinem Grund einen Fuß in der Tür hatten, zogen sie ihn normalerweise nicht mehr heraus, sondern nahmen für sich das Recht in Anspruch, dort zu bleiben.

Ich bestreite aber entschieden, dass die Römer bösartige brutale Aggressoren gewesen seien, die gezielt den gesamten Mittelmeerraum unterwarfen und alle anderen Staaten auslöschen wollten. Diesen Schluss lässt ein genauerer Blick auf die Ereignisgeschichte einfach nicht zu. Oft führten sie mehrere Kriege gegen einen Staat, ehe sie ihn in eine Provinz umwandelten, obwohl das auch schon nach einem früheren Sieg möglich gewesen wäre. Etliche Klientelstaaten behielten diesen Status an die 200 Jahre, ehe sie zu Provinzen wurden. Das Bosporanische Reich wurde überhaupt nie zur Provinz. In seltenen Fällen wurden Provinzialisierungen sogar rückabgewickelt, Gebiete also wieder in die „Unabhängigkeit“ (freilich unter römischer Hegemonie) unter einem eigenen Herrscher entlassen. Wesentlich häufiger kam es vor, dass eroberte Gebiete nicht annektiert, sondern Verbündeten überlassen wurden.

Karthago etwa hätten die Römer schon am Ende des 2. Punischen Krieges belagern und zerstören können. Nach der Niederlage bei Zama und dem Verlust ihrer Verbündeten und Söldnerrekrutierungsreservoire war die Stadt weitgehend wehrlos. Dennoch erhielt Karthago noch eine Gnadenfrist von einem halben Jahrhundert, und als es dann doch noch belagert wurde, war das innenpolitisch keineswegs unumstritten. Und das alles trotz all der Leiden, die der 2. Punische Krieg über Italien und vermutlich jede einzelne römische Familie gebracht hatte (wofür es auch unerheblich ist, wer nun am Krieg schuld gewesen ist). Eine ganze Generation römischer Politiker war im Krieg und mit dem Krieg, mit Nachrichten von Niederlagen und dem Tod von Angehörigen und Freunden aufgewachsen, und dennoch wurden nicht alle so verbissen karthagofeindlich wie der alte Cato. Ist das das Verhalten bösartiger brutaler Aggressoren, die alles ausradieren und unterwerfen wollen?

Sizilien: Nach dem 1. Punischen Krieg wurde die Insel zwar in eine Provinz umgewandelt, Syrakus blieb aber ausgeklammert und behielt seine Freiheit. Erst im 2. Punischen Krieg wurde es erobert, als es sich nach dem Tod König Hierons II. mit Hannibal verbündete. Sicher, Syrakus war schwer befestigt und eine harte Nuss, aber es war auch die bedeutendste Stadt der Insel, und ein bösartiger brutaler Aggressor hätte sich doch wohl nicht abhalten lassen, die Stadt schon nach dem 1. Punischen Krieg einzusacken.

Beispiel Makedonien: Bereits nach dem 2. Makedonischen Krieg wäre eine Umwandlung in eine Provinz wohl ohne allzu große Schwierigkeiten möglich gewesen. Dennoch schlossen die Römer Frieden und beließen ihrem besiegten zweimaligen Kriegsgegner Philipp V. sogar seinen Thron. (Man vergleiche damit etwa die Handlungsweise der Alliierten nach ihrem Sieg über Napoleon.) Auch nach dem 3. Makedonischen Krieg begnügten sie sich damit, die Monarchie abzuschaffen und Makedonien in mehrere Republiken zu zerschlagen. Erst als diese sich als nicht lebensfähig erwiesen und sich Andriskos zum König aufschwang, wurde das Land (erst nach vier Kriegen!) doch noch zur Provinz. Ist das die Handlungsweise eines bösartigen brutalen Aggressors, der rücksichtlos alle anderen Staaten unterwerfen und auslöschen will?

Friedensengel waren die Römer natürlich keine. Sie achteten auf ihre Interessen und waren bereit, auch militärisch vorzugehen, wenn sie ihre Interessen bedroht sahen. Aber einem großen Plan „In 700 Jahren vom Stadtstaat zur Herrschaft über den Mittelmeerraum“ folgten sie nicht.

Und Karthago? Was hatte die Stadt auf Sizilien, Sardinien und in Spanien verloren? Musste Hannibal etwa Saguntum angreifen, weil diese Stadt Karthago bedrohte? Ebenso Sizilien: Zwar griff König Agathokles von Syrakus Karthago in Afrika an, allerdings erst nachdem Karthago bereits zweihundert Jahre lang auf Sizilien Krieg gegen diverse Griechenstädte geführt und dabei einige auch zerstört (!) hatte. In diesen Kriegen war Karthago zwar nicht immer der Angreifer gewesen, aber welches Recht hatte es überhaupt auf Sizilien? Die Einheimischen, aber auch die Griechen, waren früher dagewesen. Wenn man den Römern das Recht abspricht, sich in Sizilien einzumischen, weil es bereits zur karthagischen Interessensphäre gehörte, muss das ebenso für die Einmischung Karthagos in die griechisch kolonisierten Gebiete Siziliens gelten.
 
Ich picke mal ein wenig heraus:

Erst als diese sich als nicht lebensfähig erwiesen und sich Andriskos zum König aufschwang, wurde das Land (erst nach vier Kriegen!) doch noch zur Provinz.

Rom griff also 4 mal Makedonien an, war aber kein Aggressor?


Dass Rom keinem über Jahrhunderte angelegten Masterplan folgte, ist selbstverständlich.
Das Ergebnis, ein Großreich von Schottland bis Arabien, von Mauretanien bis Armenien, spricht allerdings eine eindeutige Sprache.
 
Rom griff also 4 mal Makedonien an, war aber kein Aggressor?
Der erste Krieg begann, indem sich Philipp V. und Hannibal verbündeten. Philipp V. waren die Römer ein Dorn im Auge, seit sie sich (als Reaktion auf die illyrische Piraterie in der Adria) in Illyrien breitgemacht hatten, das Philipp V. als seine Interessensphäre betrachtete, und er glaubte, die momentane Schwäche Roms nutzen zu können, um seine Hegemonie am Balkan und im Ägäisraum ausbauen zu können.

Der zweite und der dritte Krieg waren Folgen davon: Einerseits wollte Makedonien seine Machtstellung weiter bzw. wieder ausbauen, andererseits wollte Rom genau das verhindern. Nebenbei war es auch seinen Verbündeten in Griechenland und im Ägäisraum, die sich aus dem 1. Krieg ergeben hatten und für die Makedonien eine Bedrohung war, verpflichtet.

In keinem der drei ersten Kriege ging es jedoch um eine Unterwerfung Makedoniens.

Der vierte Krieg begann mit dem Aufstand des Usurpators Andriskos.

Das Ergebnis, ein Großreich von Schottland bis Arabien, von Mauretanien bis Armenien, spricht allerdings eine eindeutige Sprache.
Armenien ist ein schönes Beispiel: Erstmals führte Rom im 3. Mithridatischen Krieg (der ebenso wie der 1. von Mithridates ausgegangen war) gegen Armenien unter dessen König Tigranes, der mit Mithridates verbündet war, Krieg und besiegte es, begnügte sich aber damit, es auf seine ursprünglichen Grenzen zu reduzieren; Tigranes durfte seinen Thron behalten. Auch später wurde Armenien zwar mehrmals vorübergehend besetzt, aber nicht dauerhaft annektiert.
 
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