Die Anzahl der Archäologie-Studenten ist wohl stark rückläufig. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter der Archäologen im Staatsdienst wohl hoch. Fachleute sehen deshalb ein Problem, zukünftig alle Stellen zu besetzen.
Was die absolute Zahl der Studierenden angeht, gehört aber auch zur Wahrheit, dass Archäologie an größeren Universitäten ein beliebter Studiengang ist, in den man sich nur für den Status einschreibt, ohne es ernst zu meinen.
Von den tatsächlichen Studierenden wiederum brechen einige nach 1-2 Semestern ab.
Wenn ich etwas lese wie "Fachleute sehen ein Problem, alle Stellen zu besetzen", finde ich das amüsant bis lachhaft, denn es sind auch die Fachleute, die sehr viele Studierende vergraulen und in ganz andere Arbeitsbereiche jagen.
Was meine ich damit? Der Arbeitsmarkt der Archäologie ist für Studierende und frische Absolventen nicht attraktiv bis nicht vorhanden.
1. Schön zu sagen, es gäbe so viele Stellen zu besetzen, vielleicht sogar mehr Stellen als Leute da sind. Tatsache ist aber auch, dass viele Stellen gar nicht ausgeschrieben werden oder zumindest nicht öffentlich. Es gibt viele Stellen, von denen man gar nichts mitbekommt als Absolvent, viele Stellen mit abstrusen Anforderungen und viele Stellen, die einfach nur intern ausgeschrieben werden. Ich bin selbst mal auf einer nicht ausgeschriebenen Stelle gelandet, weil ein Dozent den Chef gut kannte und damals auch mit ihm zusammengearbeitet hat, und dieser Dozent wusste von der Stelle, hat mich empfohlen und ich habe aus dem Nichts eine Mail von meinem dann neuen Chef bekommen. Es ist in der Archäologie sehr schwer, Stellen aktiv zu suchen, auch wenn es so viele offene Stellen geben mag. Der archäologische Stellenmarkt funktioniert zu 90% über Vitamin B. Ich selbst stecke derzeit in zwei guten Projekten (und bekomme tatsächlich auch für beide zumindest ein wenig Gehalt, wenn auch viel zu wenig, um davon zu leben, siehe 2.), aber in beide bin ich nur über Vitamin B reingekommen.
2. Wie du auch schon sagst
@El Quijote, ist es auch das Geld. Ein Teil der Stellen, die theoretisch frei werden, wenn Leute in Rente gehen, wird einfach wegfallen, weil kein Geld mehr dafür da ist. Wenn man im fortgeschrittenen Studium anfängt, Projekte anzuschreiben zur Mitarbeit, haben die oft einfach kein Geld dafür. Was oft zu Dingen führt wie "freiwillige, unentgeltliche Mitarbeit", aber das bringt ja weder dem angehenden Archäologen noch dem Stellenmarkt wirklich etwas. Für diesen Punkt können aber zumindest die Fachleute meist nichts.
3. Das Arbeitsklima ist die Hölle. Und die Leute, die jetzt auf den Stellen hocken, können von fehlendem Nachwuchs sprechen so viel sie wollen, aber sie sind auch maßgeblich mitverantwortlich dafür. Projektmitarbeiten für Studierende werden immer unattraktiver. Man fängt mal an, irgendwo mitzuarbeiten, in einem laufenden Forschungsprojekt, im Studium ist man dabei natürlich nur Hilfskraft. Meine eigene Erfahrung deckt sich in weiten Teilen mit denen von vielen Freunden. Forschungsprojekte sind chaotisch, das ist aber noch in Ordnung bzw. zumindest von vornherein klar. Und Kommunikation ist grundsätzlich eine Katastrophe. Auch das Konkurrenzdenken ist stark.
Viele Forschende (90-95% von allen, die ich kenne, werde aber keine Namen nennen) behandeln ihre Hilfskräfte wie Dreck. Nur von oben herab, nie auch nur ein positives Wort übrig, immer überladen mit mehr Arbeit als man bezahlt bekomme, 24/7 erreichbar sein, egal wo, ununterbrochen niedergemacht. Es ist ein unfassbar toxisches Arbeitsklima (auch an manchen Instituten, aber vor allem an den Unis). Ich kenne viele Leute, die zwar noch ihren Abschluss (Master oder teils auch nur Bachelor) fertig gemacht haben und die Archäologie verlassen haben für völlig andere Jobs. Zum Teil Jobs, die sie langweilen, aber in der Archäologie ging es einfach psychisch nicht mehr. Mir fallen auf Anhieb 2 gute Freunde ein, wegen des Arbeitsklimas sogar gezwungen waren, ihre laufende Promotion abzubrechen.
Und das ist etwas, was jede Fachkraft, die sich über fehlenden Nachwuchs beschwert, selbst in der Hand hat.
4. Ämter und Behörden verdanken es ihrem allgemeinen Ruf, dem Ruf der behördlichen Archäologie und ebenfalls Stellenmarkt und Arbeitsklima, dass einige Archäologen auch sagen, sie würden lieber das Fach verlassen als jemals in einem Amt zu arbeiten.
Vielleicht bessert sich das alles etwas, wenn jetzt wirklich mal eine ganze Runde an Dozenten und Institutsleitungen in den Ruhestand geht. Aber bis die an der Reihe sind, die jetzt jung sind, wird es noch etwas dauern. Und selbst dann ist fraglich, wie viel sich ändern kann - wer sich derzeit durchsetzen will, muss ein Stück weit selbst so werden wie die aktuellen Stelleninhaber.
Ende meines Rants. Wenn alteingesessene Archäologen sich über fehlenden Nachwuchs beschweren, finde ich das einfach lachhaft bis hin zu unglaubwürdig.