Das Turiner Grabtuch

Unkritisch war man dennoch schon im Mittelalter nicht.
Als bei der Belagerung Antiochias 1098 durch ein muslimisches Heer (die Kreuzfahrer, die die Stadt eben erst erobert hatten, wurden kurz darauf selbst zu Belagerten) in der Stadt ein dubioser Mönch dank „Visionen“ die „Heilige Lanze“ fand, stieß das bei weltlichen und geistlichen Autoritäten überwiegend auf Skepsis. (Die Moral der Masse der Krieger steigerte der Fund dennoch.)
 
Indem immaterielle Dinge (der Glauben) die Nachfrage nach materiellen Produkten (Holz- und Knochensplitter, Leinentücher, Goldblech, Schutzglas) anfachten, kam es zu einer enormen Steigerung des Bruttosozialproduktes v.a. im tertiären Sektor:
  • Pilgerreisen
  • Unterkünfte
  • horizontales Gewerbe
  • Devotionalienhandel
  • Bauhandwerk
  • Reiseführer

Wäre ich Betriebswirt oder Wirtschaftswissenschaftler, würde ich diese Liste durch Produktion von durchaus redundanter Sekundär- und Tertärliteratur noch weiter anschwellen lassen.

Nachdem ich an den Deutschordens-Teichen in Marburg-Schröck einmal ein Kruseler Püppchen ¹ gefunden hatte, ist mir die wirtschaftliche Bedeutung der Heiligenverehrung noch deutlicher geworden.

Mein Urlaubstipp: Fahrt doch mal von der A7 knapp südlich von Würzburg in Richtung Creglingen ab und besucht den wunderbaren Creglinger Altar ² von Tilmann Riemenschneider. Bei einer Klassenfahrt mit 13 Jahren habe ich ihn zum ersten Mal gesehen (Seht Ihr, wie gut Schule sein kann?), und ich bin seitdem oft auf der Fahrt in den Süden gewesen. Kapelle, Wandmalereien (z.B. der riesige und ungemein plastisch wirkende Heilige Christohorus), Altar, Außenkanzel für die auf den Wiesen lagernden Pilger: Was für eine sinnreiche und wirtschaftsfördernde Investition!

¹

² Herrgottskirche (Creglingen) – Wikipedia
 
Zuletzt bearbeitet:
Dabei handelt es sich zwar oft z.B. um spätantike Hinterlassenschaften, aber oft auch um die tatsächlichen Hinterlassenschaften von Heiliggesprochenen. Passionsreliquien oder gar Kindheitsreliquien Christi sind hingegen eine ganz andere Kategorie.
Hier muss man aber auch unterscheiden, ob es sich um Reliquien von Aposteln oder antiken Märtyrern handelt oder um Reliquien von Heiligen aus dem Mittelalter. Wenn der Bischof X aus dem 12. Jhdt. in seiner Bischofskirche begraben und später heiliggesprochen wurde, wird man davon ausgehen können, dass seine als Reliquien verehrten Gebeine meist authentisch sein werden. Wenn hingegen im 12. Jhdt. plötzlich Reliquien eines Märtyrers aus dem 3. Jhdt. auftauchten, wohl nicht.
 
Indem immaterielle Dinge (der Glauben) die Nachfrage nach materiellen Produkten (Holz- und Knochensplitter, Leinentücher, Goldblech, Schutzglas) anfachten, kam es zu einer enormen Steigerung des Bruttosozialproduktes v.a. im tertiären Sektor:
Aus Sicht der Mainstream-Ökonomik wird das Bruttoinlandsprodukt durch erhöhte Nachfrage nicht dauerhaft erhöht, das geht nur über eine Steigerung der Produktionskapazitäten.
 
Naja, in allen von mir genannten Bereichen nahmen Produktion, Produktivität und Umsatz zu...

Es ist im späten Mittelalter und der Neuzeit eine faszinierende Wertschöpfungskette.
 
Hier muss man aber auch unterscheiden, ob es sich um Reliquien von Aposteln oder antiken Märtyrern handelt oder um Reliquien von Heiligen aus dem Mittelalter. Wenn der Bischof X aus dem 12. Jhdt. in seiner Bischofskirche begraben und später heiliggesprochen wurde, wird man davon ausgehen können, dass seine als Reliquien verehrten Gebeine meist authentisch sein werden. Wenn hingegen im 12. Jhdt. plötzlich Reliquien eines Märtyrers aus dem 3. Jhdt. auftauchten, wohl nicht.
Ja, das meinte ich mit spätantiken Hinterlassenschaften (Thebäische Legion, 12.000 Jungfrauen....) etc.
 
Ja, das meinte ich mit spätantiken Hinterlassenschaften (Thebäische Legion, 12.000 Jungfrauen....) etc.
Dass die historische Existenz etlicher antiker Märtyrer fraglich (oder auch definitiv zu verneinen) ist, ist noch einmal ein anderes Thema. Für sie existieren meist keine zeitnahen Belege.
Es gibt aber auch zeitnah entstandene Märtyrerakten, die sich von späteren Heiligenlegenden auch durch das Fehlen abstruser Wunderschilderungen unterscheiden, sondern die Leidensgeschichten pathetisch, aber grundsätzlich realistisch schildern.
 
Naja, in allen von mir genannten Bereichen nahmen Produktion, Produktivität und Umsatz zu...

Es ist im späten Mittelalter und der Neuzeit eine faszinierende Wertschöpfungskette.
Unbestritten. Aber ob man sagen kann, dass Heiligenverehrung und Reliquienkult quasi der Treiber des wirtschaftlichen Wachstums im Spätmittelalter war.. (Hast du so natürlich auch nicht gesagt.)
 
Nicht zu vergessen die Märtyrer-und Heiligen Reliquien!;)

War halt geschäftlich sehr interessant.
Die Richtung kam wohl von mir.
Ich habe da in erster Linie an zusätzliche Einnahmen für die Kirche gedacht. Inwiefern hiervon auch die restliche Wirtschaft durch Mitnahmeeffekte profitierte kann, ich nicht sagen, aber es wird in einigen Regionen zumindest ein nicht völlig bedeutungsloser Faktor gewesen sein.
Von den spanischen Wallfahrtsorten weiß vielleicht "EL" mehr?????????????
 
Aber ob man sagen kann, dass Heiligenverehrung und Reliquienkult quasi der Treiber des wirtschaftlichen Wachstums im Spätmittelalter war.. (Hast du so natürlich auch nicht gesagt.)

Hätte ich als Betriebswirt (ich bin tatsächlich aber Medicus) natürlich dem Hohen Rat meiner Stadt gesagt.

Ganz maliziös, und hinzugefügt, dass nur Ketzer und vom Glauben Abgefallene das in Frage stellen.

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Pilger konnten ein hygienisches Problem darstellen, oft auch ein seuchenhygienisches. Vielleicht war es aber auch so, dass die Versorgung der Pilger einen strukturierenden oder disziplinierenden Effekt auf die Gemeinschaft hatte.

Für eine Stadt wie Marburg, denke ich, war der Zustrom der Pilger ein großer wirtschaftlicher Faktor, auch die mit der Heiligen Elisabeth verbundene Niederlassung des Deutschen Ordens in der Stadt und im Umland. Allein die für eine ordnungsgemäße Versorgung der Pilger notwendige Infrastruktur (Wasserversorgung z.B.) war ein Gewinn, auch die Gesundheitsversorgung in Klöstern.

Vielleicht hatte das Ziel und die Planung einer Pilgerfahrt auch einen positiven Effekt für den Einzelnen. Es mussten vorher ein Ertrag und Rücklagen erwirtschaftet werden, die Abwesenheit organisiert und die Rückkehr und Wiederaufnahme der Arbeit vorbereitet werden.

Eine Pilgerfahrt prägte den Menschen, erweiterte den Horizont, spirituell, kulturell und auch sozial.
 
Zuletzt bearbeitet:
Dass ein ganz erheblicher Teil der Produktion Verwendungen zugeführt wurde, die in religiösem Kontext standen, wird niemand bestreiten. Aber um ein Beispiel aus der Gegenwart heranzuziehen: Die politischen Vertreter der Ärzteschaft argumentieren nicht, dass das deutsche BIP um 12% niedriger wäre, wenn es das Gesundheitswesen nicht gäbe, obwohl so hoch ungefähr der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP ist.
 
Pilger konnten ein hygienisches Problem darstellen, oft auch ein seuchenhygienisches.
daran denkt man im ersten Moment nicht! Aber es ist sicher richtig: die dem Mittelalter eigene Mobilität transportierte sicher allerlei Viren & Co.

Aber da nehmen Pilgerfahrten/Wallfahrten vielleicht nur die kleiner Hälfte oder noch deutlich weniger ein, wenn man bedenkt, dass große Bevölkerungsteile von Wanderarbeit lebten (es saß nicht jeder unfreie Landmann in der gemütlichen eigenen Kate etc)
 
Nicht zu vergessen die Märtyrer-und Heiligen Reliquien!;)

War halt geschäftlich sehr interessant.
Unkritisch war man dennoch schon im Mittelalter nicht.
Als bei der Belagerung Antiochias 1098 durch ein muslimisches Heer (die Kreuzfahrer, die die Stadt eben erst erobert hatten, wurden kurz darauf selbst zu Belagerten) in der Stadt ein dubioser Mönch dank „Visionen“ die „Heilige Lanze“ fand, stieß das bei weltlichen und geistlichen Autoritäten überwiegend auf Skepsis. (Die Moral der Masse der Krieger steigerte der Fund dennoch.)
Das gilt übrigens sogar bei der ersten bezeugten öffentlichen Verehrung des Grabtuches in einer Stiftskirche in Lirey: Der zuständige Bischof von Troyes unterstellte den Kanonikern einige Jahre später einen Betrug aus Habgier. Es war den Zeitgenossen also schon klar, dass so etwas vorkam.
 
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