Teutoburgium in Pannonien und Teutoburgiensi saltu - Zusammenhang oder Zufall?

  • Gibt es Gemeinsamkeiten der Orte mit der Endung "burgium", gibt es einen rechtlichen Status (z.B. im Sinne von "Marktflecken"), gibt es eine begriffliche Abgrenzung zu den spärömischen Burgi?
  • Hatte das pannonische Teutoburgium eine hervorgehobene (wirtschaftliche, militärische oder geographische) Bedeutung oder Funktion, und vor allem: ab wann?

So weit ich sehe, gibt es (von dem ofterwähnten Wald abgesehen) nur drei -burgium-Orte, die vor dem 6. Jahrhundert belegbar sind, zwei davon sind römische Garnisonsorte am "nassen Limes", der dritte ganz sicher nicht:

Asciburgium: Römische Garnison am Niederrhein, heute Moers-Asberg
Laciburgium: bei Ptolemaios, unweit der Ostseeküste, nicht genau lokalisierbar
Teutoburgium: Römische Garnison an der Donau, heute Dalj (Kroatien)
 
  • Worauf stützt sich überhaupt die Zuordnung als "frühtiberisch", da das eigentliche Kastell kaum archäologisch fassbar ist?

"Wie zwei in Dalj gefundene Asse, die in spättiberischer oder spätestens frühclaudischer Zeit gegengestempelt wurden,[14] nahelegen, hat sich die Einheit wahrscheinlich in dieser Zeit hier festgesetzt (siehe dazu auch das Kapitel Funde)."

Ob das für eine Datierung des Kastells ausreicht, mag man bezweifeln.
 
Und das heißt, dass zwei von diesen Orten nur in der griechischen Schreibweise überliefert sind, nämlich Ἀσκιβούργιον und Ἀσκιβούργιον, und nur bei einem Autor (Ptolemaios).
 
Es gibt eine Inschrift aus Rumänien, die auf das Jahr 138 zu datieren ist:

Imp(eratore) Caes(are) divi Trai(ani) Parth(ici) f(ilio)​
divi Ner(vae) nep(ote) Trai(ano) Hadri(ano)
Aug(usto) pontif(ice) max(imo) tr(ibunicia) pot(estate) XXIII
co(n)s(ule) III p(atre) p(atriae) et Imp(eratore) T(ito) Ael(io) Caes(are) Antoni
no Trai(ani) Hadr(iani) Aug(usti) f(ilio) d(ivi) Trai(ani)
Parth(ici) nep(ote) di(vi) Ner(vae) pronep(ote) tr(ibunicia) pot(estate)
n(umerus) burg(ariorum) et veredario(rum) Daciae inf(erioris) sub
Fl(avio) Constante proc(uratore) Aug(usti)​
zu datieren ist die Inschrift durch die Nenung der Ämter Hadrians (insbesondere die 23. tribunicia potestas) von einer Einheit burgarii und veredarii (also der Wachmannschaft eines Burgus und Meldereiter). Bemerkenswert, ist, dass es burgarius eine Ableitung von burgus ist. Das Wort burgus ist somit bereits im frühen 2. Jhdt, produktiv in die lateinische Militärfachsprache aufgenommen gewesen.
 
Dennoch gingen der Aufstand und die Varusschlacht zeitlich ineinander über.


Somit werden die Aufzeichunungen zu beiden Ereignissen auch ineinander über gegangen sein.

Tacitus bezug seine Informationen aus diesen Aufzeichnungen.

Da ist es grundsätzlich möglich, dass eine Ortsbezeichnungen aus Panonien und eine aus Germaninen vermischt wurde.

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Es wäre eine von mehreren denkbaren Möglichkeiten.
Die meisten römischen Autoren (auch Tacitus) schrieben annalistisch, d.h. sie stellten Ereignisse nicht fortlaufend im Zusammenhang dar, sondern nach Jahren gegliedert. (Eine Ausnahme war das ja recht knappe Geschichtswerk des Velleius.) Also z.B. so:
6 n. Chr.: Kaiser, Politik in Rom, Ausbruch des Pannonischen Aufstands, Skandale
7 n. Chr.: Kaiser, Politik in Rom, weiterer Verlauf des Pannonischen Aufstands, Skandale
8 n. Chr.: Kaiser, Politik in Rom, weiterer Verlauf des Pannonischen Aufstands, Skandale
9 n. Chr.: Kaiser, Politik in Rom, weiterer Verlauf des Pannonischen Aufstands, Varusschlacht, Skandale

Dass die beiden Ereignisse "ineinander übergegangen" seien (und Tacitus sie schlampigerweise vermischte), könnte bei dieser Darstellungsweise höchstens der Fall sein, wenn sich die imaginäre Schlacht im Teutoburger Wald in Pannonien erst 9 n. Chr. ereignet hätte.

So oder so sehe ich nach wie vor keinen auch nur ansatzweise triftigen Grund für die Annahme, dass eine (völlig unbelegte!) Schlacht in einem Teutoburger Wald in Pannonien durch Tacitus (oder bereits seine Vorlage) mit der Varusschlacht verwechselt worden sein könnte. Dafür brauchen wir erstens die Annahme, dass es in einem Teutoburger Wald in Pannonien eine Schlacht gab, und zweitens die Annahme einer Verwechslung.
 
So oder so sehe ich nach wie vor keinen auch nur ansatzweise triftigen Grund für die Annahme, dass eine (völlig unbelegte!) Schlacht in einem Teutoburger Wald in Pannonien durch Tacitus (oder bereits seine Vorlage) mit der Varusschlacht verwechselt worden sein könnte. Dafür brauchen wir erstens die Annahme, dass es in einem Teutoburger Wald in Pannonien eine Schlacht gab, und zweitens die Annahme einer Verwechslung.

Ansonsten haben wir ein (völlig unbelegtes!) Teutoburgium in der Germania Magna, bzw. noch nicht mal das, sondern nur einen Wald in seiner Nähe.
 
Bemerkenswert, ist, dass es burgarius eine Ableitung von burgus ist. Das Wort burgus ist somit bereits im frühen 2. Jhdt, produktiv in die lateinische Militärfachsprache aufgenommen gewesen.

Gibt es denn noch weitere frühe Belege für burgarius bzw. burgus?

Denn sonst war mir burgus nur aus der Spätantike für eine römische Kleinfestung bekannt.
 
EDCS-IDOrtSpracheMaterialDatierungBilder
EDCS-09300668Musait-Dunareni / Sacidava, Moesia inferiorLateinStein101 .. 1501
EDCS-09900567Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-09900568Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-09900569Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-09900570Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-09900573Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-09900574Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-11301359Balgarski Izvor, Moesia inferiorLateinStein151 .. 152
EDCS-12000855Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein1841
EDCS-16200825Panchevo / Pancevo / Deultum / Deltum, ThraciaLateinStein154 .. 1553
EDCS-17600081Szazhalombatta / Matrica, Pannonia inferiorLateinStein1841
EDCS-20300074El Kantara / Calceus Herculis, NumidiaLateinStein188
EDCS-27100004Tekirdag / Bisanthe / Rhaedestus, ThraciaLateinStein1 .. 2001
EDCS-27100082Boutlelis / Bou Tlelis, Mauretania CaesariensisLateinStein184 .. 192
EDCS-28000290Rakospalota / Aquincum, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-28200020Ain Temouchent / Sufat / Albulae, Mauretania CaesariensisLateinStein180 .. 192
EDCS-29000553Dunaujvaros / Dunapentele / Intercisa, Pannonia inferiorLateinStein184
EDCS-29601691Copaceni, Rakovitsa / Praetorium, DaciaLateinStein138
EDCS-29601692Copaceni, Rakovitsa / Praetorium, DaciaLateinStein140
EDCS-74300256Shipka / Schipka / Sipka / Spike, ThraciaLateinStein1521
EDCS-78300254Beklemeto / Montemno / Markova kapija, Moesia inferiorLateinStein150 .. 155
EDCS-85500257Bolcske, Pannonia inferiorLateinStein184

Das Suchportal ist vor einigen Wochen erneuert worden, jetzt ist es leichter, nach Daten zu suchen, ich habe -100 (100 v. Chr.) und 200 (n. Chr.) als Suchzeitraum eingegeben.
 
Das was @Sepiola und @El Quijote hier erläutert haben, ist mit Burgus eine neue Begrifflichkeit für eine geänderte (und eigentlich sehr erfolgreiche!) Militärkonzeption, der nassen Grenze:

Eine Grenze, die gut verteidigte aber kleine und gut vom Fluss zu versorgende Festungen mit einer Kontrolle des Flusses mit Hilfe technisch und logistisch überlegener Flußschiffe verbindet.
Teutoburgiensi saltu passt da nicht.

Ansonsten haben wir ein (völlig unbelegtes!) Teutoburgium in der Germania Magna, bzw. noch nicht mal das, sondern nur einen Wald in seiner Nähe.
 
Zuletzt bearbeitet:
Dass die beiden Ereignisse "ineinander übergegangen" seien (und Tacitus sie schlampigerweise vermischte), könnte bei dieser Darstellungsweise höchstens der Fall sein, wenn sich die imaginäre Schlacht im Teutoburger Wald in Pannonien erst 9 n. Chr. ereignet hätte.
Ich meinte weniger, dass die Ereignisse ineinander übergegangen sind, sonder, dass die Aufarbeitung im Senat ineinander überging.


Man wird noch bis ins Jahr 9 hinein im Senat über Pannonien diskutiert haben, es könnte Senats-Sitzungen dazu gegeben haben.
Schließlich werden solche Ereignisse üblicherweise im Nachhinein politisch aufgearbeitet.

Ergo könnten grundsätzlich die Nachricht über die Varus-Katastrophe in Rom angekommen sein, als man immer noch hier und da über Pannonien beriet.

Somit könnten Schriftquellen, Sitzungsprotokolle, Beschlussprotokolle und Ähnliches tatsächlich beide Themen beinhalten.

Das bietet Pottential für Verwechslungen.

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Ist aber jetzt natürlich ein Kartenhaus, was ich da aufgebaut habe.
 
Zuletzt bearbeitet:
Auffallend ist, dass die meisten Inschriften mit burgus aus bestimmten Provinzen kommen: Pannonia, Thracia, Moesia (also Südosteuropa), daneben auch noch einige aus Nordafrika. Ob einige Truppen aus Südosteuropa nach Nordafrika versetzt wurden und die Bezeichnung Burgus quasi mitgenommen haben?

Und keine Inschrift stammt von vor dem frühen 2. Jahrhundert n. Chr. Aus anderen Grenzregionen des Reiches (Britannia oder Germania oder aus dem nahen Osten) sind keine vorhanden, obwohl es dort auch römische Garnisonen zur Grenzverteidigung gegeben hat.

In der Germania haben wir nur zwei Ortsnamen (Asciburgium und den Saltus Teutoburgiensis).
 
Drei:
Asciburgium, Laciburgium, Teutoburgium.

richtig, aber ich meinte (ohne es geschrieben zu haben), Ortsnamen mit Erstbeleg von vor dem 2. Jhdt. n. Chr.




Über den Artikel Burgus – Wikipedia bin ich auch noch auf eine anderen Artikel aufmerksam geworden:



Der Autor argumentiert, dass burgus ein lateinisches Wort sei, das nicht aus dem Germanischen hergeleitet wurde, aber mit dem Griechischen pyrgos (πύργος) eine gemeinsame Ausgangsform habe.

Später sei dieses Wort in die germanischen Sprachen entlehnt worden.
 
Ich meinte weniger, dass die Ereignisse ineinander übergegangen sind, sonder, dass die Aufarbeitung im Senat ineinander überging.


Man wird noch bis ins Jahr 9 hinein im Senat über Pannonien diskutiert haben, es könnte Senats-Sitzungen dazu gegeben haben.
Schließlich werden solche Ereignisse üblicherweise im Nachhinein politisch aufgearbeitet.

Ergo könnten grundsätzlich die Nachricht über die Varus-Katastrophe in Rom angekommen sein, als man immer noch hier und da über Pannonien beriet.

Somit könnten Schriftquellen, Sitzungsprotokolle, Beschlussprotokolle und Ähnliches tatsächlich beide Themen beinhalten.

Das bietet Pottential für Verwechslungen.

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Ist aber jetzt natürlich ein Kartenhaus, was ich da aufgebaut habe.

Ja, ein Kartenhaus ohne Basis. Der Senat war kein Generalstab zur Aufarbeitung militärischer Ereignisse. Der Senat war ein Gremium, das sich anhören durfte, was der Oberste Kriegsherr, der Imperator Augustus, von den verschiedenen Fronten zu berichten geruhte und, soweit die dort vorgefallenen Ereignisse sich propagandistisch als Siege ausdeuten ließen, welche Auszeichnungen für ruhmreiche Generäle ihm vorschwebten. Und dann durfte der Senat die vorgeschlagenen Auszeichnungen auch offiziell beschließen, etwa ornamenta triumphalia (Triumphzüge gab es nur noch für den Kaiser persönlich).

Schon 1925 schrieb Friedrich A. Marx (Untersuchungen zur Komposition und zu den Quellen von Tacitus' Annalen, in: Hermes 60/1):

"Das Resultat, das sich uns somit für die germanisch-britannischen Kriege von selbst aufdrängt, deckt sich vollig mit dem für die parthischen: Nur aus Anlaß von Ehrenverleihungen geschieht der Kriege in den acta Erwahnung; sonst spielen sie in ihnen gar keine Rolle. Zum Schlusse dürfte als bewiesen gelten konnen, daß brauchbare Kriegsberichte in den acta fehlten, und daß Tacitus die acta fur seine Darstellung von Kriegen nicht verwenden konnte."
 
@Sepiola Gab es denn gar keine Steuerung der Provinz durch den Senat?
Wurde wirklich gar nicht nach Niederschlagung so eines Aufstandes im Senat besprochen, wie man so eine Provinz aufbauen, gestalten, fördern, ökonomisch nutzen konnte?

Ich kann mir das fast nicht vorstellen.

Lag das alleine beim Stadthalter der Provinz?
 
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