Begriff "Reichskristallnacht"

Persönlich habe ich natürlich – auch in der Schule - den Begriff „ Kristallnacht“ kennen gelernt und weiterhin unbedarft verwendet bis die „ Pogrom“– Diskussion Mitte der achtziger in meinem Bekanntenkreis aufpoppte. Da die Argumentation für mich logisch war –„Kristallnacht“ klingt doch allzu sehr nach Anderson – Märchen – hab ich mich umgestellt. Verwendet jemand arglos in einer Diskussion mit mir den alten Begriff, so bin ich tolerant und weise erst nach mehrmaliger Verwendung versucht unbelehrend auf Unterschiede hin. Auch wenn jemand – etwa unter dem Motto er habe es eben so gelernt – darauf beharrt, akzeptiere ich das durchaus– solange ich nicht Böswilligkeit vermute.
Aber die Einschätzung „ Kristall“ und „ Progrom“ sei zur Einschätzung einer bösen Tat gleich geeignet löst bei mir schon mehr als Kopfschütteln aus.
 
Dann aber bitte (November-) Pogrom(e) ohne den Zusatz "Reichs-".

Der Begriff "Reichspogromnacht" ist für mich Geschichtsklitterung, eklektisch und unwissenschaftlich. Und damit letztlich zu euphemistisch: Ein fragwürdiger deutscher Sonderweg.
 
„Kristallnacht“ klingt doch allzu sehr nach Anderson – Märchen –

Nein, tut es nicht.

Doch die alles, wat anders ess, stührt,
Die mem Strom schwemme, wie’t sich jehührt,
Für die Schwule Verbrecher sinn,
Ausländer Aussatz sinn,
Bruuchen wer, der se verführt.
Un dann rettet kein Kavallerie,
Keine Zorro kömmert sich do dröm,
Dä piss höchstens e’ „Z“ enn dä Schnie
Un fällt lallend vüür Lässigkeit öm:
“Na un? Kristallnaach!“
 
Dann aber bitte (November-) Pogrom(e) ohne den Zusatz "Reichs-".

Der Begriff "Reichspogromnacht" ist für mich Geschichtsklitterung, eklektisch und unwissenschaftlich. Und damit letztlich zu euphemistisch: Ein fragwürdiger deutscher Sonderweg.
Versteh ich nicht so recht.

Was den Begriff der Reichskristallnacht anbelangt: Ich würde den nicht verfemen. Reichspogromnacht, Reichskristallnacht, Novemberpogrome, die Begriffe sind alle nebeneinander verwendbar. Scorpio und Ursi haben auf einen wichtigen Umstand hingewiesen: Es war eben nicht bloß die eine Nacht, sondern begann schon vorher, setzte sich fort und führte für zehntausende über Monate nach Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen.
Dennoch möchte ich erneut darauf hinweisen, dass der Begriff der Kristallnacht international etabliert ist.

Nehmen wir die Wikipedia_Artikel
dt.: Novemberpogrome 1938
engl.: Kristallnacht
ndl.: Kristallnacht
span.: Noche de los cristales rotos
frz.: Nuit de Cristal
port.: Noite dos Cristais
pol.: Noc kryształowa
kat.: Nit dels vidres trencats (Nacht der zerbrochenen Scheiben)
russ.: Хрустальная ночь (chrustalnaja notsch)
ukr.: Кришталева ніч (kristaleva nitsch)
jidd.: קריסטאַל נאַכט (אדער קרישטאָלנאַכט (qristal nakht oder qristalnacht, einmal auseinander und mit Samech (ס), einmal zusammen und mit Sin (ש))
hebr.: ליל הבדולח (Līl ha-Bdōlāḥ - Nach des Kristalls)
ital.: Notte dei cristalli

Ich sehe einen Mehrwert darin, sich den Begriff vor Augen zu führen, sich Gedanken darüber zu machen. Ich sehe aber keinen Mehrwert darin, den Begriff Kristallnacht zu verwerfen. Er ist international etabliert und wird verstanden.
 
Ich weiß nicht, wie man die Bedeutung der geplanten Aktion hervorheben kann, die die Reichskristallnacht von klassischen Pogromen unterscheidet:
  • zentral geplant und organisiert
  • halbstaatliche Organisationen (SA)
  • Lösch- und Interventionsverbot für Feuerwehr und Polizei.
 
Das eine muss mit dem anderen nichts zu tun haben. Die Berliner Schnauze ist nunmal berühmt dafür, schnoddrig, respektlos und spöttisch zu sein; auch bei Dingen, die einem nahe gehen.

Sagt jetzt nichts darüber aus, wie der Begriff wirklich entstand, oder ob man ihn verwenden sollte (ich sag auch lieber Reichspogromnacht oder Novemberpogrom). Aber auch nichts über die Haltungen derjenigen, die ihn erfanden oder verwendeten, wenn sie uns nicht selbst darüber aufklären.

Es macht ja auch der Ton die Musik, ein Wort, das an sich zynisch ist, kann unter Umständen auch eine warmherzige Sympathiebekundung sein, je nach der Betonung des Sprechers.

Ich weiß nicht mehr, woher die Anekdote stammt, ein wenig würde sie zu Inge Deutschkron passen, die ähnlich wie der bekannte Quiz-Master Hans Rosenthal mit ihrer Familie im Untergrund verschwand und von alten Berlinern die ganze Zeit des Krieges in konspirativen Wohnungen versteckt wurde.

Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte aus Deutschkrons Biographie "Und plötzlich war ich Jüdin" stammt. Wie auch immer, eine Holocaust-Überlebende erinnerte sich an eine Begegnung mit einem Berliner Original, das sie mit "du olle Sternschnuppe" angesprochen habe und sie eingeladen habe, sich neben sie zu setzen.
Diese Sympathiekundgebung habe ihr sehr viel Mut gemacht. Zu dieser Zeit, Anfang der 1940er Jahre gehörte bereits Mut dazu, so etwas zu tun. Viele Überlebende berichteten, dass nach der Einführung des gelben Sterns Nachbarn und Bekannte aufhörten, zu grüßen oder Bekannte zu ignorieren, als seien sie Luft für sie.
 
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